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P.-Y. Beaurepaire, La communication en Europe (David Bitterling)

Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Pierre-Yves Beaurepaire (dir.), La communication en Europe. De l’âge classique au siècle des Lumières, Paris (Belin) 2014, 364 p., ISBN 978-2-7011-8252-0, EUR 33,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

David Bitterling, Saarbrücken

Mit dem Anspruch, die Kommunikation Europas während der Frühen Neuzeit abzubilden und dabei einen »Prozess der Kommunikation« aufzuzeigen – in bewusster Anlehnung an Norbert Elias’ berühmten »Prozess der Zivilisation« – haben sich Pier-Yves Beaurepaire und seine namhaften Beiträger ein hohes Ziel gesetzt. Es handelt sich bei der nun vorliegenden Aufsatzsammlung um das Ergebnis vierjähriger Arbeit der bei der Agence nationale de la recherche (ANR) angesiedelten Forschungsgruppe CITERE zu den Themen Verkehr, Territorium und Netzwerke in der Frühen Neuzeit. Deutlich erkennbar ist der typisch französische Zugang zur historischen Materie – nämlich ein stark geografisch geprägter. Der Aufsatzsammlung liegt die These zugrunde, dass durch neuartige wie bewährte »Vektoren« der Kommunikation wie wissenschaftliche Fachzeitschriften, Briefwechseln, Akademien und Logen, aber auch durch großräumige Forschungsgegenstände (z. B. die Meteorologie) und schließlich durch Akteure wie Hugenotten, Journalisten, Wissenschaftler und Verwalter neue kommunikative Räume geschaffen und bestehende erweitert bzw. verdichtet werden. Im Zentrum stehen also die Handelnden des »europäischen Kommunikationszeitalters«.

Neben Einleitung und abschließender Schlussfolgerung strukturieren sieben große Kapitel diese Aufsatzsammlung. Erstens die technische Infrastruktur der frühneuzeitlichen Kommunikation, zweitens der individuelle Umgang der europäischen Gelehrten mit dieser Infrastruktur, drittens die Formen wissenschaftlichen Austausches angesichts der europäischen Sprachenvielfalt, viertens der individuelle Zugriff einzelner Persönlichkeiten auf die unterschiedlichen Kommunikations-möglichkeiten ihrer Zeit, fünftens die Rolle der Bibliotheken in kommunikativen Räumen, sechstens eine mikrohistorische Fallstudie über illegalen Import-Buchhandel in Paris und siebtens die Bedeutung von Selbstrepräsentation und Zwischenmenschlichkeit in der frühneuzeitlichen Kommunikation.

Der Band zeichnet sich durch verschiedene Kriterien aus, die seine Lektüre angenehm und verständlich machen. Zahlreiche farbige Karten, eigens für den Band gestaltet, illustrieren leserfreundlich und auf einen Blick Inhalt und Thesen der Artikel. Diese wiederum sind so gestaltet, dass auch Nicht-Spezialisten sie mit Gewinn lesen werden; dazu trägt der maßvolle Umfang aller Beiträge ebenso bei wie der auf das Notwendigste beschränkte wissenschaftliche Apparat.

Viele der enthaltenen Aufsätze sind ausgesprochen gelungen. So etwa derjenige von Michèle Virol, die die Irrwege eines gut ausgebildeten französischen Festungsarchitekten durch Westeuropa, Großbritannien und schließlich in der Neuen Welt nachzeichnet und dabei die Schwierigkeiten von interkultureller Kommunikation und Integration in der Frühen Neuzeit illustriert.

Ebenso ist der Artikel Pierre-Yves Beaurepaires zur vergleichsweise spät erfolgten Brüsseler Akademie-Gründung sehr erhellend, im Rahmen dessen er exemplarisch die Entwicklung eines Akademie-Mitgliedes verfolgt und so Kommunikations- und Karrierestrategien im gelehrten Europa des 18. Jahrhunderts abbildet.

Andere Aufsätze wirken allerdings eher wie ein Werkstattbericht, da sie den interessanten Zwischenstand einer nicht abgeschlossenen Forschungsarbeit präsentieren, das heißt, sie bleiben rein deskriptiv, und es fehlen Schlussfolgerungen aus dem dargelegten Material – so z. B. der Aufsatz zur Herausbildung eines europäischen Meteorologen-Netzwerks im 18. Jahrhundert.

Gerade aufgrund des geografischen Zugangs der verantwortlich zeichnenden Forschergruppe ist es einigermaßen ärgerlich, dass manche Karten, wie etwa die Abbildung des deutschen Sprachraums in Europa Ende des 18. Jahrhunderts, fehlerhaft sind – hier fehlt das gesamte östliche Preußen jenseits der heutigen Oder-Neiße-Grenze (S. 139–145).

Da das Buch nicht chronologisch oder geografisch sondern thematisch gegliedert ist, fällt es abschließend schwer, den, dem Ziel der Herausgeber entsprechenden, »kommunikativen Prozess« in Raum und Zeit zu verorten, geschweige denn seine Entwicklungsrichtung nachzuzeichnen. Jedoch wird deutlich, dass sich zwischen Mitte des 17. und Ende des 18. Jahrhunderts durch das Zusammenspiel einzelner Akteure, Institutionen und verbesserter Infrastruktur ein Netzwerk des gelehrten Austauschs mit ganz eigenen Regeln herausbildet, die v. a. dann zum Tragen kommen, wenn einzelne Akteure dagegen verstoßen.

Bei aller Heterogenität seines Inhaltes bleibt die Lektüre dieses Aufsatzbandes ein für den Fachmann wie für den interessierten Laien gewinnbringendes Unterfangen. Und auch wenn das – vielleicht bewusst zu hoch gesteckte – Ziel, einen »Prozess der Kommunikation« abzubilden, nicht erreicht wird, ist diesem Buch mit seinen zahlreichen, gut dokumentierten, illustrierten und zugespitzten Aufsätzen eine breite Leserschaft zu wünschen.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

PSJ Metadata
David Bitterling
P.-Y. Beaurepaire, La communication en Europe (David Bitterling)
CC-BY 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Europa
Geschichte des Journalismus (Zeitungen etc. und Personen), der Medien und der Kommunikation
Neuzeit bis 1900
4015701-5 4031883-7
1550-1800
Europa (4015701-5), Kommunikation (4031883-7)
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P.-Y. Beaurepaire, La communication en Europe (David Bitterling)
In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/beaurepaire_bitterling
Veröffentlicht am: 11.03.2015 09:50
Zugriff vom: 25.06.2017 09:03
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