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    M. Asche; W. Buchholz; A. Schindling, Die baltischen Lande im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung (Gvido Straube)

    Francia-Recensio 2014/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Matthias Asche, Werner Buchholz, Anton Schindling (Hg.), Die baltischen Lande im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Konfessionalisierung. Livland, Estland, Ösel, Ingermanland, Kurland und Lettgallen. Stadt, Land und Konfession 1500–1721. Teil 3 u. 4, Münster (Aschendorff) 2011, 184 u. 215 S. (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung, 71 u. 72), ISBN 978-3-402-11089-8;

    ISBN 978-3-402-11090-4, EUR 24,80 pro Band.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Gvido Straube, Riga

    Seit Jahren, um nicht zu sagen Jahrzehnten, beschäftigt sich der Tübinger Professor für Neuere Geschichte Anton Schindling in, Zusammenarbeit unter anderem mit Kollegen in Tübingen und Greifswald, mit der Erforschung der Geschichte der Reformation und des anschließenden Zeitalters der Konfessionalisierung im deutschen Sprach- und Kulturraum. Interessierte Leser können in der Reihe »Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung« viele Bände konsultieren, die jeweils einem bestimmten Raum und bestimmten Themen gewidmet sind. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind nun die baltischen Lande in den Fokus der historischen Forschung gerückt, was an sich eine sehr positive Entwicklung darstellt. Es ist das Verdienst von Schindlings Projekt, die »Konfessionalisierung« zum Gegenstand der baltischen Geschichtswissenschaft gemacht zu haben, und so gab es große Hoffnungen, dass dieses Projekt und die daraus hervorgehenden Publikationen auch neue Interpretationen und Schlussfolgerungen in Bezug auf diese beiden Prozesse im Baltikum – insbesondere in Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 – mit sich bringen würden.

    2009 erschien der erste Teil 1 , der sich leider schon äußerlich ein wenig von den Vorgänger-Werken unterscheidet, handelt es sich doch um einen recht dünnen Band. Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass »die baltischen Lande« einen recht begrenzten Raum mit vielen kleinen und meist wenig einflussreichen Städten darstellten, der bislang noch wenig historisch erforscht wurde.

    Nach den ersten zwei Bänden, in denen das Hauptaugenmerk auf die ländlichen Gebiete gelegt worden war, geht es im 3. Band, wie die drei Herausgeber im Vorwort unterstreichen, um die Reformation und Konfessionalisierung in den baltischen Städten im 16. und 17. Jahrhundert. Wird, indem mit der Reformation auf dem Lande begonnen wird und die Städte nur als nachgeordnete Akteure im Geschehen betrachtet werden, etwa auf eine baltische Besonderheit verwiesen? Eine klare Antwort hierauf fehlt.

    Der 3.Teil beginnt mit zwei Artikeln baltischer Kunsthistoriker, die den Leser eher verwirren, da sie sich inhaltlich gar nicht mit der Reformation und Konfessionalisierung in den baltischen Städten auseinandersetzen. Die beiden Beiträge sind sehr kurz und die Darstellung zum Revaler Totentanz ist faktisch eine Erklärung der Abbildung auf der vorderen Buchklappe und der Frontispizseite und stellt keinesfalls eine Einleitung ins Hauptthema dar. Der zweite kurze Artikel von Ojārs Spārītis ist in Lettland als Teil einer Vorlesung bekannt, die er als Professor für Kunstgeschichte an der Lettländischen Kunstakademie regelmäßig hält. Die älteste Ansicht der Stadt Riga, von der hier die Rede ist, ist natürlich ein sehr wichtiges Thema, doch die vom Autor herangezogenen Belege für eine in Riga schon vollzogene Reformation sind zweifelhaft. Im Baltikum ist es zwar Tradition, dass die protestantischen Kirchen einen Hahn als Wetterfahne haben. Doch wenn Spārītis aus der Tatsache, dass die Kirchen St. Petri und St. Jakobi einen Hahn auf ihren Türmen tragen, schon auf ein Reformationsgeschehen schließt, ist Skepsis angebracht. Für eine solche Schlussfolgerung werden noch andere Beweise benötigt – zumindest schriftliche Dokumente, die bekräftigen, dass die Stadt Riga oder die entsprechenden Kirchengemeinden den Hahn bewusst als ein Symbol des Luthertums anstelle des Kreuzes aufgesetzt haben.

    Erst der dritte Artikel, der aus der Feder estnischen Historikers Enn Tarvel, stammt, behandelt Reformation und Konfessionalisierung und stellt den wichtigsten Beitrag dieses Bandes dar. Anfänglich bietet der prominente estnische Forscher den Lesern einen Überblick über die allgemeine Geschichte Livlands, Kurlands und Estlands, wobei er wobei er sein Hauptaugenmerk auf die Städte und die Kirchengeschichte richtet. Für viele Leser, die die baltische Geschichte weniger gut kennen, ist ein solcher Überblick hilfreich, und Enn Tarvel vermittelt diesen in eleganter und tiefschürfender Weise. Die Geschichte der Reformation in den großen und zum Teil weniger großen – manchmal sogar sehr kleinen – Städten Liv-, Est- und Kurlands wird von ihm meisterhaft skizziert. Nicht von der gleichen Klarheit sind leider die folgenden Kapitel über die sogenannte Polenzeit (1563–1629) und die schwedische Regierungszeit bis 1721. Der estnische Historiker weicht hier dem Begriff der »Konfessionalisierung« aus. Es entsteht der Eindruck, er sei sich nicht sicher, ob es in den baltischen Städten eine solche überhaupt gab. Eine Antwort auf die Frage, wie sich die Konfessionalisierung in Riga, Tallinn und Reval vollzogen hat, bleibt er dem Leser schuldig. Der Rezensent hätte sich gewünscht, der Autor hätte den Besonderheiten des Baltikums nachgespürt und wäre dann der Frage der Vergleichbarkeit seiner Ergebnisse mit den Prozessen in westeuropäischen Städten nachgegangen. Es stellt sich letztendlich die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, über Konfessionalisierung im Baltikum vor 1721 zu sprechen. Meiner Meinung nach zeigen sich erst im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts deutliche Merkmale für eine baltische Konfessionalisierung, und vielleicht müssen wir daher für diese Region eher von einer »verspäteten« Form der Konfessionalisierungs sprechen.

    Die weiteren Artikel, die alle die Überschrift »Stadtplan von ...« tragen, sind insofern fragwürdig, als sich die Auswahl der Städte für den Leser nicht wirklich erschließt. Dass Riga und Reval ausgewählt wurden, ist durchaus nachzuvollziehen, doch sind die Kriterien im Hinblick auf die anderen Städte nicht einsichtig. Warum werden für Lettland die Städte Mitau und Wenden berücksichtigt, Wollmar, Goldingen und andere hingegen nicht? Wollmar war bis zur Reformation und bis zum Zerfall der livonischen Union sozusagen die politische Hauptstadt Livoniens, wurden doch über 50% aller Landtage dort abgehalten. Dies gilt insbesondere für die für die Zeit der Reformation sehr wichtigen Versammlungen, z. B. die Landtage von 1554 und 1555. Dasselbe trifft für Estland zu. Zu bedauern ist auch, dass die Legenden nicht in allen Stadtplänen/Karten identisch sind.

    Der den dritten Band abschließende Artikel von Martin Klöker über geistliche und humanistische Literatur ist ein solider Beitrag, der im Wesentlichen auf schon publizierter Forschung beruht.

    Der vierte und letzte Band setzt die Tradition der bereits vorliegenden Publikationen über das Zeitalter der Reformation und der Konfessionalisierung fort. Leider zeigt sich hier dieselbe Problematik wie in den drei ersten Bänden: eine insgesamt zu schmale Material- und Forschungsgrundlage. Es fehlen Beiträge einiger einschlägiger Spezialisten wie der lettischen Historikerin Mārīte Jakovļeva für die Geschichte des Herzogtums Kurland und Semgallen oder von Andris Levans als Spezialist für die vorreformatorische Zeit in Livonien.

    Beim vierten Band handelt es sich also wieder um einen Sammelband mit nicht ganz klarem Konzept. Wie im dritten Band steht am Anfang ein Artikel aus der Kunstgeschichte (leider nur auf Estland bezogen, Lettland ist unberücksichtigt geblieben). Es folgen eine Regentenliste, eine Herrscherikonografie sowie eine genealogische Übersicht, die alle besser für einen Anhang geeignet wären.

    Von größerem Interesse sind Beiträge zur estnischen und lettischen Historiografie über die livländische Reformation. Beide Autoren (Juhan Kreem/Estland, Valda Kļava/Lettland) kommen zu dem identischen Fazit, dass die Forschung in diesem Bereich seit langem brach liegt. In diesem Rahmen werden die meisten »nationalen« Forschungen zur Reformation in Livonien vorgestellt, allerdings nicht vollständig. Manche Arbeiten, die außerhalb der traditionellen Historikerkreise entstanden sind, wurden nicht berücksichtigt. So erschien zum 500. Geburtstag Luthers 1983 ein Artikel des damaligen Erzbischofs der Lutherischen Kirche Lettlands, Jānis Matulis, in dem eine gründliche Analyse der Ideenwelt von Andreas Knopken vorgenommen wird und auch andere Fragen der livländischen Reformation behandelt werden 2 . Leider fehlt auch eine tiefere Analyse der sogenannten sowjetischen Historiker. Schon zwischen dem Konzept von Teodors Zeids »Das feudale Riga« und Wasilij Wasiljewitsch Doroschenkos »Geschichte der Lettländischen SSR« 3 , besteht ein großer Unterschied. Gewiss handelte es sich auch immer um eine »Suche nach dem Klassenkampf«, doch wenn bei Zeids die Reformation in Livland als antifeudale Bewegung betrachtet wurde 4 , dann stellte 1986 die »Geschichte der Lettländischen SSR« die livländische Reformation ausdrücklich nicht als eine solche dar 5 . Die an dem hier zu besprechenden Band beteiligten Historiker sind keine wirklichen Experten der Geschichte der Reformation in den baltischen Landen, sie sind viel mehr Spezialisten für Kunst- und Buchgeschichte. Die 2010 erschienene »Kirchengeschichte Lettlands« von Roberts Feldmanis wird nicht erwähnt 6 . Doch handelt es sich bei dieser Publikation, die ein halbes Jahrhundert nach Reinhard Wittrams »Baltische Kirchengeschichte« erschien 7 , um ein höchst seriöses Werk mit vielen interessanten und diskussionswürdigen Ansätzen. Auch die unter der Ägide der katholischen Kirche Lettlands geschriebene »Geschichte der katholischen Kirche Lettlands« 8 von Heinrihs Strods wurde nicht konsultiert. Ohne die Berücksichtigung dieser beiden Bücher führt eine Bewertung der lettischen Geschichtsschreibung über die livländische Reformation zu keinem überzeugenden Ergebnis.

    Zusammenfassend kann man sagen, dass der Forschung mit den hier besprochenen Bänden eine aktualisierte Geschichte der Reformation in den baltischen Landen und der danach folgenden Zeit bis 1721 vorliegt. Doch ist nicht zu übersehen, dass die Darstellung hauptsächlich auf früheren Forschungsergebnissen basiert und leider keine neuen Sichtweisen hervorbringt sowie in Teilen auch der Kunstgeschichte zu viel Aufmerksamkeit widmet. Auch hätte ein größerer Kreis estnischer bzw. lettischer Historiker einbezogen werden können. So entsteht leider zuweilen der Eindruck, dass die baltische Geschichte in das »Prokrustes-Bett« einer deutschen Sichtweise der Geschichte der baltischen Lande gezwängt wird, die ihr nicht gerecht wird.

    1 Matthias Asche, Werner Buchholz, Anton Schindling, Die baltischen Lande im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Estland, Livland, Ösel, Ingermanland, Kurland und Lettgallen. Stadt, Land und Konfession 1500–1721. Teil 1, Münster 2009.

    2 Jānis Matulis, Doktoram M ārtiņam Luteram 500, Atbalss. Dzimtenes Balss izdevums 5 (1983).

    3 Wasilij Wasiljewitsch Doroschenko, Latviešu zemes XVI gadsimtā, in: Aleksandrs Drīzulis (Hg.), Latvijas PSR vēsture. No vissenākajiem laikiem līdz mūsu dienām, Riga 1986.

    4 Teodors Zeids (Hg.) Feodālā Rīga, Riga 1978.

    5 Aleksandrs Drīzulis (Hg.) Latvijas PSR vēsture. No vissenākajiem laikiem līdz mūsu dienām, Riga 1986.

    6 Roberts Feldmanis, Lat vijas baznīcas vēsture, Riga 2010.

    7 Reinhard Wittram (Hg.), Baltische Kirchengeschichte. Beiträge zur Geschichte der Missionierung und der Reformation, der evangelisch-lutherischen Landeskirchen und des Volkskirchentums in den baltischen Landen, Göttingen 1956.

    8 Heinrihs Strods, Latvijas katoļu baznīcas vēsture, 1075–1995, Riga 1996.

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    PSJ Metadata
    Gvido Straube
    M. Asche; W. Buchholz; A. Schindling, Die baltischen Lande im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung (Gvido Straube)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Baltikum
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    4004379-4 4030720-7
    1500-1721
    Baltikum (4004379-4), Kirchengeschichte (4030720-7)
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    M. Asche; W. Buchholz; A. Schindling, Die baltischen Lande im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung (Gvido Straube)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/asche-buchholz-schindling_straube
    Veröffentlicht am: 11.03.2015 09:45
    Zugriff vom: 25.06.2017 09:05
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