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E. G. Andrew, Imperial Republics (Thomas Maissen)

Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Edward G. Andrew, Imperial Republics. Revolution, War, and Territorial Expansion from the English Civil War to the French Revolution, Toronto (University of Toronto Press), 2011, XXI‑197 S. ISBN 978-1-4426-4331-4, CAD 50,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Thomas Maissen, Paris

Es ist ein wichtiges und vernachlässigtes Thema, das Edward Andrew sich vorgenommen hat. Die Republikanismus-Forschung in der Tradition von J. G. A. Pocock und Quentin Skinner versteht seit jeher Republikanismus und oft auch Republiken als freiheitliche Tradition, die vor allem in der Amerikanischen Revolution einen wesentlichen Beitrag zur politischen Demokratisierung geleistet habe. Niccolò Machiavelli ist der grundlegende Referenzautor für ein Freiheitsverständnis, das auf politischer Tugend und Partizipation beruht. Voraussetzung dafür ist bei ihm aber die militärische Expansion, welche die Bürger in einem Wettbewerb um Ehre und Ruhm mobilisiere und ihre zirkuläre Degeneration aufhalte. Roms Imperium, wie es noch zu Zeiten der Republik errichtet wurde, liefert also das Grundmodell für Machiavellis Fürsten- und Bürgerspiegel. Wie hat sich diese Vorgabe im frühneuzeitlichen Republikanismus niedergeschlagen? Sind, wie David Armitage vermutete, unterdrückerischer Imperialismus und freiheitlicher Republikanismus unvereinbar?

Edward Andrew antwortet mit Nein. Er stellt dem imperialistischen römischen Modell ein kommerzielles, griechisches und namentlich athenisches gegenüber, also gleichsam Aristoteles gegen Cicero. Dass derartige kohärente und schablonenhafte Lehrsysteme, wie sie die Bezeichnungen »Aristotelian Anti-imperialism and Machiavellian Imperialism« suggerieren, irgendjemandem in der Frühen Neuzeit (oder in der Antike) plausibel gewesen wären, darf man jedoch bezweifeln. Die antiken griechischen Kolonien im Mittelmeerraum waren ebenso imperial wie das frühneuzeitliche, angeblich unexpansionistische (S. XVI, 4) Venedig. Dieses falsche Bild einer defensiven und konservativen Serenissima zeichnete Machiavelli (»Discorsi I, 6«) aber in einer ganz konkreten Situation, nach der Niederlage von Agnadello. Entsprechend ahistorisch ist es, wenn Andrew – unter Berufung auf Machiavelli – Venedig ebenso fahrlässig übergeht wie ohne Angabe von Gründen die andere, sehr wichtige republikanische Kolonialmacht: die Vereinigten Provinzen der Niederlande. Entgegen seiner Ankündigung (S. XXI), den historischen Kontext stärker mitzuberücksichtigen als die Cambridge-School, tätigt Andrew also seine Spurensuche dort, wo diese schon viel Licht hat hinfallen lassen: in der Ideengeschichte von der Englischen über die Amerikanische zur Französischen Revolution. Dass dies alles expansive Bewegungen gewesen seien, ist nicht falsch. Aber ihr Imperialismus erforderte bereits anspruchsvollere, moderne Legitimationsstrategien (Freiheit, Zivilisation) als das selbstverständliche räuberische Ausgreifen der vormodernen Republiken.

Andrews Streifzug durch die Höhenkämme führt vom Commonwealth (Harrington sowie Nedham und Milton, zwei der wenigen »Athenophilen«) über die britischen Neo-Harringtonianer (Thomas Gordon) und schottischen Aufklärer (Hume, Ferguson, Smith) zu den amerikanischen Verfassungsvätern (Jefferson, Madison, Hamilton) und französischen Aufklärern und Revolutionären (Montesquieu, Rousseau, Mably, Desmoulins, Saint-Just). Überraschende Namen wie James Oglethorpe, der Begründer der Kolonie Georgia, sind selten in diesem Pocock’schen Kanon. Wer das braucht, findet dagegen viele Nachweise dafür, dass die (römische) Antike und Akteure wie die beiden Brutus im 18. Jahrhundert ein wichtiger Bezugspunkt waren. Raynal und Diderot machten Frankreich zu einem neuen, imperialen Rom, die Engländer dagegen zu handeltreibenden Karthagern, gegen die Catos Zerstörungswunsch wiederholt werden konnte.

Die Logik der untersuchten »republikanischen« Autoren ging laut Andrew dahin, dass die Plebs, die ohne Agrargesetze landlos blieb, für expansive Kriegszüge bereitstand, um in den eroberten Kolonien Land und dadurch die Voraussetzungen für republikanische Gleichheit und Partizipation zu erwerben. Damit ist Machiavelli gleichsam materialistisch vom Kopf auf die Füße gestellt, was interessant ist. Aber Andrew liefert keine Belegstelle dafür, dass der Zweck der Eroberungen für den Florentiner ökonomisch war und nicht moralisch die Bürgertugend am Leben erhalten sollte. Grundbesitz war durchaus ein Anliegen der republikanischen Denker. Ihr Ziel war jedoch der autarke Bürger, der nur dank dieser Unabhängigkeit und Abkömmlichkeit Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen könne. Der Imperienbildung lief diese Überzeugung insofern zuwider, als vollwertige Bürgerpartizipation nur in überschaubaren geografischen Räumen möglich war. Bezeichnenderweise scheiterte das erste britische Empire an Distanzen, die keine Beteiligung der Siedler im Staatswesen erlaubten (»no taxation without representation«). Andrew flüchtet sich statt in solche historische Erklärungen in eine triviale »Moral«: »imperial victories tend to be losses« (S. XX; 97). Gewiss hängt die Niederlage der Briten 1783 mit ihrem Triumph von 1763 ebenso irgendwie zusammen wie der Sturz Ludwigs XVI. mit seinem Triumph von 1783. Aber das Verbindungsglied in diesen verqueren Analogien ist nicht das Imperium, von denen es viele und jahrhundertelange gab, die wegen Niederlagen und nicht wegen Siegen zerfielen.

Gute Einzelbeobachtungen finden sich in diesem Buch durchaus, gerade wenn Andrew das elitäre, herrschaftliche Element und damit durchaus auch latenten Imperialismus im Republikanismus und in den vormodernen Republiken nachweist (so S. 85). Daneben werden aber viele historische Phänomene und historiografische Deutungsmuster recht willkürlich zusammengewürfelt: der »fiscal military state« (S. 70), Antipapismus (S. 87) und Monarchomachen (S. 100) sowie die Fronde, wohl wegen der Antikenbezüge in den Mazarinaden (was ohne Verweis auf Christian Jouhauds Werk passiert, aber einen »Joïe« statt Joël Cornette einführt).

Insgesamt unbefriedigend ist der ahistorische Zugriff des Politikwissenschaftlers aus Toronto (der im Schlusskapitel noch seine Unterscheidung von kanadischer und US-amerikanischer Identität herleitet). Deutungskategorien werden nicht aus dem Quellenmaterial herausgearbeitet, sondern gesetzt; manchmal genügt Andrew auch die Sekundärliteratur allein, um die angeblichen Anliegen seiner historischen Autoren zu charakterisieren (S. 46, 163f.). Kein Verständnis scheint durch dafür, dass sich Begriffe auch in den vormodernen Jahrhunderten wandeln konnten oder dass es sich bei den vielen »-ismen« um heuristische Hilfsmittel und nicht um zeitlose Beschreibungen handelt. So lauert überall der Anachronismus: Cicero wird zu einem Locke’schen Verteidiger des Privateigentums (S. XV), und der arme James Harrington ist nicht nur ein Jingoist (S. 38), sondern auch ein Vorläufer von Karl Marx (S. 42). Andrew dürfte Recht haben, wenn er Quentin Skinner ein allzu freiheitliches Republikbild vorwirft; aber dessen methodologische Warnungen in »Meaning and Understanding« hätte er noch einmal durchsehen sollen. Das Verhältnis von Republiken und Republikanismus zum Imperialismus und von Freiheit zu militärischer Expansion bleibt auch nach diesem Buch ein Forschungsdesiderat.


PSJ Metadata
Thomas Maissen
E. G. Andrew, Imperial Republics (Thomas Maissen)
CC-BY 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco, Großbritannien, USA
Politikgeschichte
17. Jh., 18. Jh.
4018145-5 4022153-2 4078704-7 4187276-9 4134026-7 4018183-2 4026651-5 4115751-5
1642-1799
Frankreich (4018145-5), Großbritannien (4022153-2), USA (4078704-7), Amerikanische Revolution (4187276-9), Englischer Bürgerkrieg (4134026-7), Französische Revolution (4018183-2), Imperialismus (4026651-5), Republikanismus (4115751-5)
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E. G. Andrew, Imperial Republics (Thomas Maissen)
In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/andrew_maissen
Veröffentlicht am: 11.03.2015 09:50
Zugriff vom: 21.11.2017 11:03
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