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    J. P. Aikin, A Ruler's Consort in Early Modern Germany (Katrin Keller)

    Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Judith P. Aikin, A Ruler's Consort in Early Modern Germany. Aemilia Juliana of Schwarzburg-Rudolstadt, Farnham, Surrey (Ashgate Publishing) 2014, XVI–238 p., 30 b/w fig. (Women and Gender in the Early Modern World),

    ISBN-978-1-4724-2384-9, GBP 60,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Katrin Keller, Wien

    Emilia Juliana von Schwarzburg-Rudolstadt (1637–1706), geb. Gräfin von Barby und Mühlingen, zählt sicher nicht zu den prominenten Fürstinnen des Alten Reiches, obwohl sie zu Lebzeiten mit zahlreichen publizierten geistlichen Liedern und Gedichten in Erscheinung trat, von denen mindestens zwei noch heute in lutherischen Gesangbüchern zu finden sind. Nachdem sich schon eine 2006 erschienene Publikation mit diesem literarisch-theologischen Œuvre der Fürstin befasst hat, legt nun die namhafte amerikanische Germanistin Judith Aikin eine biografisch-historisch orientierte Studie zu Emilia Juliana vor. Damit fasst sie zugleich seit 1997 andauernde Arbeiten zusammen, aus denen bereits zahlreiche Beiträge, hauptsächlich zum literarischen Schaffen der Gräfin, später (ab 1697) Fürstin von Rudolstadt hervorgingen.

    Neben den weit über 1000 gedruckten bzw. in Manuskriptform überlieferten Liedern und Gebeten Emilias standen als Quellen vor allem einige Hundert Briefe an weibliche Verwandte aus den ersten Jahren ihrer Ehe mit Albert Anton von Schwarzburg-Rudolstadt (1641–1710) zur Verfügung. Außerdem konnten Rezept- und Haushaltsbücher, weiteres gedrucktes Material sowie Gemälde und Druckgrafiken als Quellen herangezogen werden. Auf Grundlage dieses Quellenmaterials stellt Aikin die Fürstin in fünf Kapiteln dar: In »Becoming the Ruler’s Consort« (S. 19–56) geht es um Erziehung und die Anbahnung ihrer Ehe, um die Ausgestaltung der Hochzeit 1665 und um Emilias Aufgaben als Landesmutter zwischen Kindererziehung und fürstlicher Repräsentation. Diesem letztgenannten Aspekt ist auch das folgende Kapitel »Enthroned at the Court of the Muses« (S. 57–99) vorrangig gewidmet. Hier wird der Rudolstädter Hof als »Musenhof« beschrieben, an dessen Ausgestaltung die Fürstin regen Anteil nahm, indem sie bspw. Gemälde und Druckgrafiken in Auftrag gab, die nicht zuletzt sie selbst als Mitglied zweier Dynastien, und als fromme Fürstin thematisieren. Aber auch durch Theateraufführungen und über (vor allem geistliche) Musik trat sie als Gestalterin höfischen Lebens in Erscheinung.

    Anschließend widmet sich die Autorin Emilia als »Partner in a State Marriage« (S. 101–136). In diesem Kapitel knüpft sie am deutlichsten und explizit an Heide Wunders Konzept des Arbeitspaares an und versucht, für Emilia Juliana deren Handlungsfelder als Landesmutter zu umreißen. Interessant ist hier vor allem eine von der Fürstin selbst veranlasste Darstellung, in der sie und ihr Gemahl als Jonathan und David erscheinen (S. 101–104) und deren Interpretation durch Aikin. Die Autorin sieht die Fürstin dabei vorrangig auf zwei Gebieten als »Partnerin« ihres Gemahls; einerseits als geistliche Fürbitterin, die im Falle von Seuchen und Katastrophen in Liedern und Gebeten Beistand für die Untertanen formulierte, andererseits als praktischen Beistand Leistende. Dies geschah etwa durch die Unterstützung von Armen und Bedürftigen, durch die Herstellung und Verteilung von Arznei, durch Stiftungen für Schulen und Studierende sowie als gewissenhafte Haushalterin am fürstlichen Hof.

    Ein weiteres Gebiet der Tätigkeit Emilias als Landesmutter beschreibt das Kapitel »Advocate for Women« (S. 137–173). Als Beistand für Frauen sieht Aikin Emilias Wirken insbesondere in Hinblick auf die Weiterentwicklung der Mädchenbildung in der Grafschaft, als Unterstützerin von schwangeren Frauen und der Weiterbildung von Hebammen sowie als Gestalterin differenzierter Netzwerke am Hof, in ihrem eigenen Territorium und darüber hinaus innerhalb der lutherischen Fürstentümer des Reiches. Im abschließenden Kapitel »The Ruler’s Consort Constructs Her Legacy« (S. 175–206) geht Aikin dann noch einmal auf das Selbstbild ein, das die Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt in ihren Publikationen besonders in Druckgrafiken von sich für die Nachwelt entwarf, und widmet dem umfangreichen Funeralwerk, das die von Emilia selbst vorbereiteten Beisetzungsfeierlichkeiten 1706 dokumentiert, eine ausführliche Darstellung. Einige Beilagen, das Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Register schließen die Darstellung ab.

    Aikins Studie ist für die englischsprachige Forschung ein ungewöhnliches Werk – nicht nur, weil sie sich einer selbst in der deutschen Forschung wenig bekannten Fürstin widmet, sondern auch, weil sie nicht wie so oft eine Regentin oder Herrscherin aus eigenem Recht zum Gegenstand macht, sondern eine verheiratete und an der Seite ihres Mannes agierende Fürstin. Diesen Ansatzpunkt weist die Autorin in ihrer Einleitung ebenso explizit aus wie ihren Bezug auf Forschungsansätze der deutschsprachigen Forschung, insbesondere das bereits angesprochene Konzept des Arbeitspaares (S. 1f., 203). Auch dies muss als ungewöhnlich für die englischsprachige Forschung gelten. Es gelingt der Autorin im Laufe ihrer Darstellung, gerade das gemeinsame Wirken des fürstlichen Paares in vielen Facetten nachzuzeichnen, obwohl auch sie konstatieren muss, dass die Aktivitäten einer Fürstin selbst im Fall der recht gut dokumentierten Schwarzburgerin schwieriger nachzuvollziehen sind als die des Fürsten (S. 59, 92). Die Verbindung von »klassischen« Quellen wie Korrespondenzen mit den Inhalten von Liedern und Gebeten aus Emilias Feder ermöglicht jedoch eine ungewöhnlich differenzierte Sicht auf Selbstbild und Rollenbilder, die Aikin in einem lebendig geschriebenen Text hervortreten lässt.

    Allerdings wären die Fürstin und ihre Handlungsfelder besser konturierbar gewesen, wenn die Autorin die zahlreichen, in den letzten zehn Jahren erschienenen Studien zu Fürstinnen des Alten Reiches berücksichtigt hätte. Durch vergleichende Betrachtungen wären Spezifika des konkreten Falles, aber eben auch dessen Verallgemeinerbarkeit deutlicher geworden. Dies betrifft etwa Einschätzungen zur Arbeitsteilung des Paares: Emilias Wirken im Bereich der Sorge für das Seelenheil der Untertanen bspw. nahm mit ihren Dichtungen sicher eine besondere Form an, zählte aber zu den charakteristischen Aufgaben jeder Fürstin, ebenso wie die Unterstützung von Armen und Bedürftigen. Und wenn Aikins Befund, dass Emilia in ihre Netzwerke ausschließlich Frauen einband (S. 157, 160), richtig ist, dann wäre dies ein erkennbarer Unterschied zu anderen Fürstinnen. Kritisch anzumerken wäre zudem, dass die Autorin meines Erachtens die Relevanz von gemeinsamer Erfahrung als Basis des Engagements der Fürstin für andere Frauen überschätzt. Dass sich Emilia Juliana für Schwangere, Witwen, Kranke und verwaiste Verwandte einsetzte, ihnen Trost und Beistand zukommen ließ, basierte nicht auf einer allgemeinen Frauensolidarität, wie es die Ausführungen von Aikin nahe legen (S. 137f. u. a.). Hier wäre vielmehr nach Pflichten als Landesmutter in Bezug auf das Wohl der Untertanen, dynastischen und familiären Verpflichtungen, persönlichen Interessen etc. zu differenzieren und damit ein Bezug zur ständischen Gliederung der Gesellschaft herzustellen.

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    PSJ Metadata
    Katrin Keller
    J. P. Aikin, A Ruler's Consort in Early Modern Germany (Katrin Keller)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
    17. Jh.
    4011882-4 104070404 4006804-3
    1637-1706
    Deutschland (4011882-4), Aemilie Juliane Schwarzburg-Rudolstadt, Gräfin (104070404), Biografie (4006804-3)
    PDF document aikin_keller.doc.pdf — PDF document, 87 KB
    J. P. Aikin, A Ruler's Consort in Early Modern Germany (Katrin Keller)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/aikin_keller
    Veröffentlicht am: 11.03.2015 09:50
    Zugriff vom: 21.11.2017 11:02
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