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M. Fliecx, Vom Vergehen der Hoffnung (Jessica Tannenbaum)

Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Michel Fliecx, Vom Vergehen der Hoffnung. Zwei Jahre in Buchenwald, Peenemünde, Dora, Belsen. Aus dem Französischen von Monika Gödecke, Göttingen (Wallstein) 2013, 293 S. (Bergen-Belsen – Berichte und Zeugnisse, 3), ISBN 978-3-8353-1246-3, EUR 19,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Jessica Tannenbaum, Weiden

Bereits 1947 schrieb der 23-jährige Michel Fliecx auf, was ihm nach der Gefangennahme durch die Gestapo widerfahren war. Die nun komplett auf Deutsch vorliegende Übersetzung bezieht sich auf diese französische Veröffentlichung.1 Sie erscheint als Band 3 der Reihe »Bergen-Belsen – Berichte und Zeugnisse« der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten. Die Übersetzung wird ergänzt durch zeitgenössische Materialien, behutsame Annotationen und ergänzende Überblicksdarstellungen.

In acht Kapiteln beschreibt Fliecx die Stationen seiner Deportation: Aufgrund gefälschter Papiere wurden Fliecx und ein Kamerad nahe der spanischen Grenze verhaftet und unter Misshandlungen verhört. Er erinnert sich an die Aussage der Gestapo-Männer: »Ihr geht nach Deutschland arbeiten, das wird eure einzige Strafe sein« (S. 15). Der mörderische Zynismus dieser Äußerung wurde ihm erst später bewusst. Nach 54 Tagen Haft in Bordeaux deportierte man ihn nach Compiègne und am 25. Juni 1943 nach Buchenwald. Nach weiteren zwei Wochen brachte man ihn nach Peenemünde und Mitte Oktober 1943 über Buchenwald in das berüchtigte Lager Dora. Nach Bergen-Belsen kam er im März 1944. Mit der Befreiung durch die britische Armee am 15. April 1945 endet der Bericht.

Fliecx verstand schnell, dass es überlebenswichtig war, Energie zu sparen (S. 59). Mit beeindruckendem Mut schaffte er es regelmäßig, sich zu verstecken, leichte Arbeiten oder eine zweite Essensration zugeteilt zu bekommen. Die Bombardierung von Peenemünde durch die Royal Air Force in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943, erschütterte ihn nachhaltig. Obwohl erst von diesem Tag an »das richtige KZ beginnt« (S. 78), fällt seine abschließende Bewertung zustimmend aus: »In meinen anderen Lagern sollte ich noch oft an diese Zeit vor dem Bombenangriff [...] zurückdenken. Aber es war schon besser so, denn der Bombenangriff verzögerte die Serienproduktion der V2 um vier oder fünf Monate« (S. 78). Anfang Oktober 1943 starb sein Kamerad, was er auf seine Art kommentiert: »das Gesetz der KZs. Wer krank ist, kann fürs Überleben nur auf sich selbst zählen. Das ist wenig zum Leben, aber zum Sterben reicht es« (S. 93). Als er kurz darauf nach Dora verschleppt wurde, brannte sich ihm der Einstieg in den Tunnel als »albtraumartiges Schauspiel« ins Gedächtnis ein (S. 104).

Es ist Fliecx’ Stärke, immer wieder reflektierende Passagen einzubauen: »In dieser Atmosphäre von Dora [...] darf man nur an den gegenwärtigen Augenblick denken, man muss vergessen, dass man einmal zivilisiert war, und man muss alle Fähigkeiten, die einem die Natur verliehen hat, einsetzen, um gegen alle und alles zu kämpfen« (S. 106). Als würde er sich dafür schämen, schildert Fliecx die Bandbreite körperlicher Gewalttaten, die er selbst durchstehen musste (S. 120). Als er im Januar 1944 mit Abszessen ins Revier aufgenommen wurde, kam es ihm dort wie im Paradies vor: »Die haben hier so viel zu essen, dass sie nicht wissen, was sie damit machen sollen« (S. 136). Freilich wurde seine Operation nicht mit Anästhesie, sondern mit einer Ohrfeige und einem unscharfen Skalpell durchgeführt (S. 137). Als er im März 1944 in Bergen-Belsen ankam, war er durch tagelangen Durchfall und hohes Fieber lebensbedrohlich dehydriert. Es war seine Willenskraft, die ihn rettete (S. 175).

Die meisten BV-Häftlinge werden von Fliecx als brutal und egoistisch beschrieben, so dass er sich leider in die stigmatisierende Darstellung dieser NS-Opfergruppe einreiht. Eine Ausnahme stellte für ihn nur der Lagerälteste von Bergen-Belsen dar (S. 185). Durchaus ambivalent schildert er die Rivalitäten zwischen den unterschiedlichen Nationalitäten (S. 189).

Mit Glück entging Fliecx der Fleckfieberepidemie.2 Sehr genau beschreibt er die immer knapper werdende Nahrung (»es ist eindeutig unmöglich, hier drei Monate lang ohne Paket durchzuhalten«, S. 180) und den daraus resultierenden Sadismus derer, die es sich leisten konnten, ein paar Stückchen Brot in die Luft zu werfen (S. 199). Als der Krankenpfleger Karl Rothe vom Lagerarzt Dr. Jäger damit beauftragt wurde, kranke Häftlinge mittels Injektion eines Giftes zu töten (S. 202), entging Fliecx dem Mord nur knapp (S. 205). Nach der Abkommandierung des Arztes wurde »Karl« machtlos und von Gefangenen gelyncht. Wie immer, wenn etwas geschehen war, was nur in diesem Kosmos eines Konzentrationslagers möglich war, so kommentiert Fliecx auch diesen Mord eindeutig: »Wenn ich ihn [den Leichnam] ansehe, habe ich immer noch Angst vor ihm« (S. 212).

Im Herbst 1944 beobachtete er, wie Zelte aufgestellt wurden, in die Frauen aus dem Lager Auschwitz-Birkenau gebracht wurden (S. 224) und im Winter 1944/45 wie der neue Kommandant Kramer seiner Familie das Lager zeigte (S. 240). Er wurde Zeuge von Verbrennungen noch lebender Häftlinge (S. 250f) und von „zwei- bis dreihundert“ Fällen von Kannibalismus (S. 255). Als Läufer bekam er auch Einblick in die notierten Todeszahlen des Lagers. In diesen Beschreibungen wird immer wieder nicht nur die Abgestumpftheit des Verfassers, sondern auch seine tief gehende Erschütterung angesichts der sich immer weiter steigernden Grausamkeiten, derer er Zeuge werden musste, spürbar.

Michel Fliecx beeindruckt einerseits durch seinen messerscharfen Humor, der im Laufe seiner Erinnerung von Bitterkeit überschattet wird: Das titelgebende „Vergehen der Hoffnung“ wird greifbar. Andererseits zeichnet sich dieser Bericht durch Detailschärfe und Unmittelbarkeit aus, Eigenschaften, die der frühen Niederschrift zu verdanken sind. Er bietet vielfältige Ansätze, etwa für die pädagogische Gedenkstättenarbeit oder für die biografische (Täter-)Forschung.

1 Michel Fliecx, Pour délit d’espérance. Deux ans à Buchenwald – Peenemünde – Dora – Belsen, Évreux 1947. Der Peenemünde betreffende Teil von Fliecx’ Bericht war bereits 2004 auf Deutsch zugänglich gemacht worden: Johannes Erichsen, Bernhard M. Hoppe (Hg.), Peenemünde. Mythos und Geschichte der Rakete 1923–1989, Katalog des Museums Peenemünde, Berlin 2004, S. 361–370.

2 »Typhus« im deutschen und »typhus« im französischen Sprachgebrauch meinen nicht eine identische Krankheit. Beim ersteren handelt es sich um »Typhus abdominalis« (enterisches Fieber, Bauchtyphus), eine Infektionskrankheit, die von einem Salmonellenstamm durch verunreinigtes Wasser übertragen wird. Fliecx spricht aber von den unhygienischen Zuständen, in denen sie sich gegenseitig immer wieder Läuse übertragen hätten, so dass er eindeutig »Typhus exanthematicus« (Flecktyphus bzw. Fleckfieber) meint. Vgl. Angelika Ebbinghaus, Klaus Dörner (Hg.): Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozeß und seine Folgen. Berlin, 2002. S. 152.

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PSJ Metadata
Jessica Tannenbaum
M. Fliecx, Vom Vergehen der Hoffnung
de
CC-BY-NC-ND 3.0
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M. Fliecx, Vom Vergehen der Hoffnung (Jessica Tannenbaum)
In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/fliecx_tannenbaum
Veröffentlicht am: 25.04.2017 15:50
Zugriff vom: 29.05.2017 21:10
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