Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    J. von Vitry, Das Leben der Maria von Oignies (Vera von der Osten-Sacken)

    Francia-Recensio 2014/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Jakob von Vitry, Das Leben der Maria von Oignies; Thomas von Cantimpré, Supplementum. Einleitung, Übersetzung und Anmerkung von Iris Geyer, Turnhout (Brepols) 2014, 223 S. (Corpus Christianorum. In Translation, 18), ISBN 978-2-503-55108-1, EUR 50,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Vera von der Osten-Sacken, Berlin

    Die vorliegende Übersetzung der Vita Marias von Oignies (VMO) und des Supplements durch Thomas von Cantimpré erschien pünktlich zum 800sten Todestag der Protagonistin.

    Die brabantische Mystikerin und Laiin Maria von Oignies († 1213) gilt als die erste namentlich bekannte Begine. Mit der hagiographischen Vita bot Jakob von Vitry das paradigmatische Frömmigkeitsprofil einer um 1200 neuen laikalen weiblichen Vita Apostolica, auf der Grundlage einer von den Zeitgenossen als radikal neu empfundenen, auf den menschlichen, leidenden Erlöser hin orientierten Christologie. Die mulieres religiosae – so die Bezeichnung der frommen Frauen in der Vita – strebten in Lüttich, Nivelles und anderen Orten nach völliger Mittellosigkeit, lebten vom Bettel oder von eigenhändiger Arbeit, predigten, wandten sich kranken Mitmenschen zu, in denen sie den leidenden Christus erkannten, und suchten durch schroffe Askese und selbstgewähltes Leiden dem menschlichen Erlöser zu begegnen. Ihre abstiegs- und brautmystisch gestimmte Frömmigkeit ist mit zisterziensischen Formen verwandt.

    Die Übersetzerin der Vita und des Supplements arbeitete in großer Nähe zur Neuedition beider Texte durch R. B. C. Huygens ( Corpus Christianorum. Continuatio Mediaeualis, 252, 2012 ), und in enger Zusammenarbeit mit diesem. Tatsächlich muss sie eigens betonen, dass sie selbst die Verantwortung für den deutschen Text trägt (S. 9) – von dem sie sich aber sogleich wieder distanziert: sie hätte an gewissen Stellen »lieber schöner formuliert« (S. 10), wolle aber Geist und Wortlaut des Originals möglichst getreu wiedergeben. Auch bei der Auswahl der gebotenen Texte ist die Übersetzerin der Vorgabe durch die Edition Huygens gefolgt. Die Gründungsgeschichte der Kirche St. Nikolai, deren Patronat auf Maria von Oignies erweitert wurde, lassen beide Bearbeiter unberücksichtigt. Das ist zwar gut zu begründen, aber dennoch bedauerlich, denn dieser kurze Text gibt einigen Aufschluss über die letzte Wirkungsstätte der Maria von Oignies. Er findet sich in der sehr empfehlenswerten englischen Übersetzung »Two Lives of Marie d’Oignies«, die Margot H. King, Mariam Marsolais und Hugh Feiss bereits in den Jahren 1987, 1990 und 1993 (erster gemeinsamer Druck 1998) vorgelegt haben.

    In ihrer Einleitung informiert die Vf. über die beiden Autoren, den Inhalt und die Protagonistin der hagiographischen Texte sowie über Funktion und Rezeption der Vita. Zu Thomas von Cantimpré und dem Zisterzienser Fulko von Toulouse weist sie lediglich auf ihre eigene mittlerweile 22 Jahre alte Dissertation hin, obwohl vor allem im angloamerikanischen Sprachraum einige neuere Untersuchungen erschienen sind. Noch mehr verwundert, dass sie auch mit Jakob von Vitry so verfährt, über den sie selbst einen Lexikonartikel verfasst hat (Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 4, Sp. 358f.). Den Artikel erwähnt sie zwar im Literaturverzeichnis, verwendet ihn im Kapitel über den Autor der Vita aber nicht.

    Leider bleibt die Vf. auch recht unkritisch bei der Auswertung hagiographischer Quellen, obwohl sie diesem Problem ein eigenes Kapitel widmet. Hier deutet sie Passagen der Vita als Hinweis auf Kritik des Hagiographen an der Mystikerin, in der »ganz zart die Gestalt der historischen Maria von Oignies durch den Text« (S. 32) hindurchscheine. Diese Passagen lassen sich leicht als Überbietungsaussagen bzw. verstecktes Lob identifizieren, z. B. die Kritik der Priester an dem übergroßen Beichteifer der Mystikerin, die im selben Satz recht topisch auf die Trägheit der Priester zurückgeführt wird (S. 31, sowie VMO, I, 20). Sprachlich wie sachlich zu hinterfragen ist auch die Behauptung der Vf. »er [sc. Jakob v. Vitry] hört auf ihre [sc. Marias von Oignies] Prophezeiungen und Ratschläge und geht in eine Art Dienerrolle, weil er daran glaubt, dass aus ihren Worten Gott spricht« (S. 33).

    Insgesamt bereitet die Sprache der Vf. dem Leser einige Mühe. Sie wechselt scheinbar grundlos zwischen Präsens und Imperfekt und formuliert auch begrifflich bisweilen unpräzise. Unübliche Wortstellungen erschweren das Verständnis zusätzlich. Z. B. bezeichnet die Vf. die VMO als »erste spirituelle Biographie des Mittelalters einer Frau« (S. 15) – damit folgt sie Paul Majérus, Ces femmes qu’on dit béguines ...Guide des Béguinages de Belgique, Bd. 2, Bruxelles 1997, S. 686. Ähnlich schwierig ist auch ihre Folgerung, die Vita sei »geradezu zum Modell der weiblichen Biographien der folgenden Jahrhunderte« geworden, ja sie »prägt die Eigenart und den Charakter des Beginenwesens für die nachfolgenden Jahrzehnte«; beides S. 15, jeweils mit Hinweis auf Majérus, Femmes, Bd. 2, S. 686, aber leider ohne Begründung oder Bezug auf die handschriftliche Überlieferung der VMO, zu der z. B. Suzan Folkerts, Manuscript transmission, in: Anneke B. Mulder-Bakker, Mary of Oignies, Mother of Salvation, Turnhout 2006, S.230f eine schöne Vorarbeit geleistet hat. Missverständlich ist die Aussage der Vf., »[Jakob von Vitry] erhebt die Gebeine der Maria von Oignies zur Ehre der Altäre« (S. 16), zumal m. W. weder die Mystikerin selbst noch ihre Gebeine heiliggesprochen wurden. Dass Jakob von Vitry die Gebeine Marias von Oignies erhoben habe, könnte die Vf. in der Vorrede zur Edition Papebroch (AASS 23 J unii IV, Antwerpen, 1707, Sp. 630F) gefunden haben, leider gibt sie ihre Quelle aber nicht an.

    Kaum nötig wäre es gewesen, immer wieder umfangreich aus der im selben Band gebotenen Übersetzung von Vita und Supplement zu zitieren. Hier hätte ein einfacher Hinweis genügt. Regelrecht ärgerlich sind jedoch fehlerhafte Hinweise, z. B. S. 34, Anm. 94 (VMO, II, 90 statt VMO, II, 91), und völlig fehlende Quellenangaben, z. B. ebenfalls S. 34, wo auf einen Beschluss des IV. Laterankonzils angespielt, aber leider keine Literaturangabe geboten wird.

    Das Schlusswort der Einleitung enthält eine neue Wendung: »[ihre] spirituelle Energie ist das bleibende Erbe der Vita der Maria von Oignies«. Leider bleiben sowohl der Sinn des Begriffs »spirituelle Energie« als auch der gesamten Aussage in diesem Kontext unklar. Ebenfalls nicht eindeutig ist die Zitierweise für Bibelstellen, für die einerseits die Theologische Realenzyklopädie, andererseits die Vulgata als Referenz genannt werden (S. 53), besonders im Falle der Psalmen, die nach Vulgata/LXX gezählt, aber an einer für den Gemeindegebrauch kommentierten Lutherübersetzung abgeglichen werden sollen (Lutherbibel erklärt. Die Heilige Schrift in der Übersetzung Martin Luthers mit Erläuterungen für die bibellesende Gemeinde, Stuttgart 1974).

    In den beiden Übersetzungen ist die Sprache der Vf. verständlicher, auch wenn gelegentlich bei Numerus und Wortstellung ungewöhnlich verfahren wird. Die Textnähe der Übersetzung ist lobenswert und besonders für Studierende hilfreich, ebenso das Verfahren der Übersetzerin, ihre Entscheidungen hin und wieder zu kommentieren, zumal sie sich mit Karl Ernst Georges Ausführlichem lateinisch-deutschem Handwörterbuch ganz überwiegend auf ein Lexikon der klassischen Latinität beruft und kaum auf Hilfsmittel zur lateinischen Sprache des Mittelalters zurückgreift. Kleinigkeiten sind stehengeblieben, z. B. beginnt Anm. c auf S. 97 etwas unklar mit »nicht gefunden«, danach folgen aber durchaus hilfreiche Literaturangaben.

    Erfreulich ist die sehr gute Auffindbarkeit von Bibelzitaten im Fließtext, durch einen Apparat unter dem Text und ein Bibelstellenregister. Sehr hilfreich ist auch die Angabe der Kapitel der Edition Papebroch, auf die sich ein Großteil der Literatur bezieht, neben eigenen Seitenzahlen und denen der Edition Huygens.

    Die vorliegende Übersetzung der VMO und des Supplements scheint in relativ großer Eile entstanden zu sein. Diesem Werk hätte etwas mehr Sorgfalt und ein weiterer Redaktionsgang durchaus gut getan. Dennoch bleibt das Unterfangen lobenswert. Vor allem der Übersetzungsteil kann eine nützliche Hilfe für deutschsprachige Studierende sein und so zur weiteren Rezeption dieser wichtigen Quellen beitragen.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Vera von der Osten-Sacken
    J. von Vitry, Das Leben der Maria von Oignies (Vera von der Osten-Sacken)
    CC-BY 3.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
    Familiengeschichte, Genealogie, Biographien, Kirchen- und Religionsgeschichte
    13. Jh.
    4015701-5 118711563 119063867 4006804-3 4299106-7
    1215
    Europa (4015701-5), Jakob von Vitry, Kardinal (118711563), Maria von Oignies (119063867), Biografie (4006804-3), Vita beatae Mariae Oigniacensis (4299106-7)
    PDF document vitry_osten-sacken.doc.pdf — PDF document, 105 KB
    J. von Vitry, Das Leben der Maria von Oignies (Vera von der Osten-Sacken)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/MA/vitry_osten-sacken
    Veröffentlicht am: 03.12.2014 12:30
    Zugriff vom: 19.09.2017 15:40
    abgelegt unter: