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A. Lohr, Der Computus Gerlandi (Martin Hellmann)

Francia-Recensio 2014/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Alfred Lohr, Der Computus Gerlandi. Edition, Übersetzung und Erläuterungen, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2013, 493 S. (Sudhoffs Archiv. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte, 61), ISBN 978-3-515-10468-5, EUR 74,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Martin Hellmann, Wertheim

Gemessen an seiner handschriftlichen Verbreitung musste der »Computus Gerlandi« sehr lange warten, bis ihm eine gedruckte Textedition zuteil wurde. Aber das Warten hat sich gelohnt, denn mit Alfred Lohr hat er seinen maßgeschneiderten Editor gefunden. Es war eine Verbindung aus Liebhaberei und speziellen fachlichen Kompetenzen erforderlich, um diesem Text wirklich gerecht zu werden. Der computistische Text verlangte inhaltlich eine mathematische Vorbildung, die den meisten Historikern fehlt. Und bei der Komplexität des editorischen Materials war Lohrs informationstechnische Kompetenz hilfreich, wie sie kaum ein Philologe vorweisen kann. Niemand wird jemals die Algorithmen prüfen, die Lohr für die Konstitution seines Editionstextes programmierte, auch wenn er sie im Prinzip nachvollziehbar dokumentiert hat. Hier müssen wir dem Editor unser Vertrauen schenken. Für die Skeptiker ist auf einer beigegebenen CD-ROM der Wortlaut sämtlicher Handschriften verfügbar, die zu Rate gezogen wurden.

Die Entstehungsgeschichte des »Computus Gerlandi« ist vielfältig. Sie spiegelt sich in verschiedenen Textversionen, die sich in den Handschriften außerdem durch Appendices, die nicht von Gerland stammen, und in der Abfolge der Textteile unterscheiden. Dem Editor ist das Kunststück gelungen, die schwierigen Verhältnisse zwar zu dokumentieren, insbesondere die einschlägigen Rückschlüsse auf die Datierung der einzelnen Teile hervorzuheben (sie fallen in den Zeitraum von 1061 bis 1093), aber trotzdem das Werk als wohlstrukturiertes Ganzes zu begreifen und in übersichtlicher Gestalt zu präsentieren.

Durch die klare, dreiteilige Anlage seines Werkes (Textedition, deutsche Übersetzung, Kommentar) befördert Lohr den direkten inhaltlichen Zugang zum Werk. Die meisten Erkenntnisse über Autor und Werk gewinnt Lohr dementsprechend aus der Lektüre und dem gedanklichen Nachvollzug des Textes. Weitere Erkenntnisse ergeben sich aus den Kontexten der handschriftlichen Überlieferung. Alle diese Schlussfolgerungen sind in der knapp gehaltenen Einleitung auf 16 Seiten untergebracht. Dass er alle bisherigen Aussagen zur Person des Autors und zu seinem Werk als unzutreffend oder unzureichend einstufen muss, ist schlicht darauf zurückzuführen, dass der »Computus Gerlandi« nicht gelesen und studiert wurde, weil die gedruckte Edition fehlte.

Den zweiten, größeren Teil der Einleitung bildet die inhaltliche Beschreibung der handschriftlichen Überlieferung, sowohl in Tabellen, welche die komplexe Überlieferungssituation erschließen, als auch in Beschreibungen der einzelnen Handschriften. Besonders raffiniert ist eine Karte (S. 29) angelegt, in der die Eintragung der einzelnen Überlieferungsträger nach ihrem Alter und der Zuverlässigkeit ihrer Lokalisierung gewichtet ist, sodass eine Ansiedlung der Niederschrift in Lothringen augenfällig wird. Da auch einige Handschriften den Autor als Lothringer bezeichnen (S. 17), ist eine entsprechende Lokalisierung von Gerlands Wirkungsstätte plausibel. Die in der neueren Fachliteratur vorherrschende Identifikation mit einem Gerland von Besançon ist hinfällig.

Das Werk umfasst zwei Bücher. Buch I ist ein umfassendes Handbuch der traditionellen Kalenderrechnung, das sich an Beda orientiert, doch bestrebt ist, die seitdem neu gewonnenen Erkenntnisse in die Darstellung einzubeziehen. Insbesondere wird auch dem Aspekt Raum gegeben, mit dem sich Gerland kritisch auseinandersetzte und zu dem er etwas beizutragen hatte. Es handelt sich um die Festlegung des Inkarnationsjahrs durch Dionysius, die Festlegung von Jahr 1 unserer Zeitrechnung. Sie führt zu Widersprüchen, die Gerland nach kritischer Abwägung veranlassten, die Inkarnation sieben Jahre später anzusetzen und eine entsprechend um sieben nach unten korrigierte Jahreszählung einzuführen. Eine Neuerung, die sich bekanntlich nicht durchgesetzt hat. Diese Überlegungen bilden zwar nach Lohrs Ansicht den Höhepunkt des ersten Buchs, doch stehen sie keineswegs im Mittelpunkt: Buch I ist in erster Linie ein Lehrbuch und keine wissenschaftliche Abhandlung. Buch II behandelt die neueren Tendenzen des Computus, die sich kritisch mit den Grundlagen der Kalenderrechnung auseinandersetzten, ohne direkt an der traditionellen Kalenderrechnung zu rütteln. Aufbau und Programm lehnten sich somit an den Computus Hermanns des Lahmen an. Eine diesbezügliche Aussage Nadja Germanns lehnt Lohr als vorschnell ab (S. 417). Und gewiss lassen sich, sobald auch Hermanns computistische Schriften in einer vergleichbar überlieferungsgerechten Edition vorliegen, noch schärfere Aussagen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen beiden Werken gewinnen.

Die Grundlagen des Computus sind nach Beda in vier Bereichen zu suchen: der Beobachtung der Natur (astronomische Gegebenheiten), der göttlichen Autorität (dass z. B. die Woche sieben Tage hat), der menschlichen Autorität (welche die Regeln der Kalenderrechnung entwickelt hat) und der menschlichen Gewohnheit (dass z. B. die Monate jeweils eine bestimmte Anzahl von Tagen haben). Eine für Gerlands Zeit unumstößliche astronomische Gegebenheit besteht darin, dass 19 Sonnenjahre genau 235 Mondläufen entsprechen. Dass man im traditionellen Computus ein Sonnenjahr mit 365¼ Tagen und einen Mondlauf mit 29½ Tagen annimmt, steht damit nicht im Einklang. Aus moderner Sicht stellt dies kein Problem dar, da beide Aussagen prinzipiell nur Näherungen sind. Doch genau diese Ungereimtheit ist der Ausgangspunkt für das spekulative computistische Denken der Zeit und die Ausführungen im zweiten Buch von Gerlands Computus. Der wissenschaftliche Ansatz ist ein rechnerischer. Eine genauere Bestimmung der Zeitdauern von Sonnenjahr und Mondlauf soll diese mit der anderen astronomischen Voraussetzung in Einklang bringen. Der Widerspruch in der Theorie ist damit ausgeräumt, die Kalenderregeln könnten dementsprechend angepasst werden. Dies war rechnerisch ein schwieriges Unterfangen, erzeugte wohl entsprechenden Respekt vor den Autoritäten, welche die geltenden Rechenregeln des Computus entwickelt hatten, und verstellte womöglich den Blick dafür, dass man auf dem Holzweg war. Heute wissen wir, dass die zwei Näherungen nicht alleine dadurch verbessert werden können, dass sie miteinander in Einklang gebracht werden. Eine Verbesserung der astronomischen Grundlage ist nur durch die genauere Beobachtung der Natur möglich. Doch sollte der fehlerhafte Denkansatz nicht über die Bedeutung dieses geistesgeschichtlichen Moments hinwegtäuschen: Es unterzog ein festgefügtes Lehrgebäude fundierter wissenschaftlicher Kritik.

Im Anhang bietet Lohr eine kritische Edition von Gerlands zweitem Hauptwerk, dem Abakus-Traktat. Auf dem Gebiet der Rechenlehre kommt diesem Text ein ähnlicher Stellenwert zu wie seinem Computus, denn auch hierbei handelt es sich um ein Lehrbuch mit großer handschriftlicher Verbreitung und komplexer Überlieferungslage. Es ist verständlich, dass Lohr auf diesen Text nicht näher eingeht, denn er hätte eine ähnlich umfassende Darstellung verdient wie der Computus. So enthält sich Lohr der Übersetzung und jeglicher Erläuterung. Da der Abakus-Text bislang nur in einem sehr unzureichenden Abdruck im »Bullettino Boncompagni« verfügbar war, ist der Anhang äußerst verdienstvoll und steigert den wissenschaftlichen Wert des Buches.

Zu einer Notiz in der Einleitung (S. 22) sei ein kritischer Vorbehalt gestattet. Gerland verwendete neben Radulph von Laon in seinem Abakus-Traktat als erster die exotischen Bezeichnungen »igin«, »andras« usw. für die Ghubar-Ziffern. Deswegen wurden ihm vermutlich auch in einer Handschrift die Merkverse ( ordine primigeno ...) für diese Ziffernnamen zugeschrieben. Um diese offensichtlich falsche Zuschreibung zu entkräften, führt Lohr an, dass diese Verse schon bei Bertrandus Prudentius (9. Jh.) verarbeitet wären. Es ist jedoch kaum vorstellbar, dass zu einem Zeitpunkt, als die arabischen Ziffern in Mitteleuropa noch unbekannt waren, bereits Namen für sie kursierten. Der Hinweis auf eine Website, bei der diese Verse tatsächlich unter Bertrands Namen stehen, ist als Argument nicht geeignet. Auch die Behauptung, Gerbert von Aurillac hätte diese Merkverse verwendet, die Lohr in einer neueren Veröffentlichung gefunden hat, würde einer genaueren Prüfung wohl kaum standhalten.

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PSJ Metadata
Martin Hellmann
A. Lohr, Der Computus Gerlandi (Martin Hellmann)
CC-BY 3.0
Hohes Mittelalter (1050-1350)
Europa
Lateinische Literatur
6. - 12. Jh.
4015701-5 102473420 4208211-0 4023287-6 4117192-5
1000-1100
Europa (4015701-5), Gerlandus Computista (102473420), Computus (4208211-0), Handschrift (4023287-6), Textgeschichte (4117192-5)
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A. Lohr, Der Computus Gerlandi (Martin Hellmann)
In: Francia-Recensio 2014/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/MA/lohr_hellmann
Veröffentlicht am: 03.12.2014 12:15
Zugriff vom: 29.03.2017 19:09
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