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    J. J. Böker, A.-C. Brehm, J. Hanschke, J.-S. Sauvé, Architektur der Gotik. Rheinlande (Peter Kurmann)

    Francia-Recensio 2014/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Johann Josef Böker, Anne-Christine Brehm, Julian Hanschke, Jean-Sébastien Sauvé, Architektur der Gotik. Rheinlande. Ein Bestandskatalog der mittelalterlichen Architekturzeichnungen mit einem Beitrag von Peter Völkle über die Zeichentechnik der Gotik, Salzburg (Müry Salzmann) 2013, 240 S., zahlr. Ill. u. graf. Darst., ISBN 978-3-99014-064-2, EUR 149,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Peter Kurmann, Pieterlen

    Die maßstäblich verkleinerte Planzeichnung in orthogonaler Projektion, die auf Pergamentblätter mit Tinte aufgetragen wurde, ist, wie die ältesten erhaltenen Beispiele vermuten lassen, in den großen Bauhütten Nordfrankreichs um 1230 erfunden worden. Von da an wurde die konstruierte Zeichnung nicht nur zum eigentlichen Medium der architektonischen Planung, sondern sie hat anfänglich auch in gestalterischer Hinsicht auf die Entwurfstätigkeit eingewirkt, weil sie die Linearisierung der gotischen Baukunst entschieden förderte. Während in Frankreich die allermeisten mittelalterlichen Architekturzeichnungen verloren gingen, sind davon im deutschen Sprachraum viele erhalten geblieben. Die Zeichnungen konnten monumentale Ausmaße annehmen; einige der aus zusammengenähten Pergamentblättern bestehende Turmrisse von Straßburg, Ulm, Freiburg und Wien haben z. T. eine Länge von mehreren Metern.

    Es ist das große Verdienst von Johann Josef Böker und seinem Forschungsteam (TH Karlsruhe), die ca. 700 Planrisse, die in Mitteleuropa und in den ehemaligen Westgebieten des Hl. Römischen Reichs liegen, erstmals katalogmäßig erfasst und in ausgezeichneten Abbildungen publiziert zu haben. Das Resultat dieses umfangreichen, zum Abschluss gebrachten Vorhabens liegt nun in drei prachtvollen Bänden in Folioformat vor. Besonders eindrücklich sind die digitalen dreidimensionalen Rekonstruktionen mancher Planzeichnungen, die Julian Hanschke hergestellt hat.

    Zwar sind die Planrisse über 20 verschiedene Institutionen verstreut, aber es sind drei Orte, an denen der Löwenanteil aufbewahrt wird: Wien (hier befinden sich knapp zwei Drittel aller Baurisse überhaupt), Ulm und Straßburg. Das erklärt die Aufteilung des Materials in drei Bände. Der erste ist identisch mit dem Bestandskatalog der gotischen Risse im Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste in Wien (Salzburg, Verlag Anton Pustet 2005), der zweite betrifft Ulm und den Donauraum (Salzburg, Wien, Müry Salzmann, 2011), und der dritte, hier angezeigte, behandelt die »Rheinlande«. Darunter verstehen die Autoren nicht, wie es der Sprachgebrauch nahelegt, das Gebiet von Koblenz bis Düsseldorf, sondern einen Bereich, der sich von der heutigen Westschweiz bis nach Belgien erstreckt.

    Die Forschungsobjekte werden in geographischer Reihenfolge von Süden nach Norden unter dem Namen der Städte behandelt, in denen bedeutende Bauhütten der Gotik tätig waren. Demgemäß wird das Material nicht anhand der heutigen Aufbewahrungsorte der Risse erschlossen, sondern im Hinblick auf ihre Herkunft. Das versteht sich von selbst, wenn die Risse am Ort ihrer angestammten Bauhütte verblieben sind. Sind sie aber anderswohin »gewandert«, so lassen sie sich im Band schwer auffinden, denn es fehlt ein Index der Zeichnungen nach heutigen Standorten. So muss man etwa das im schweizerischen Freiburg aufbewahrte Blatt mit je einem Turmriss auf der Vorder- und Rückseite unter zwei verschiedenen Katalognummern suchen, weil die eine Zeichnung nach Ansicht der Autoren für die Bauhütte des Freiburger Münsters im Breisgau (Kat. 25), die andere für die Theobaldkirche im elsässischen Thann (Kat. 36) bestimmt war. Das auf rein kunsthistorische Gesichtspunkte ausgerichtete Ordnungsprinzip führte manchmal zur Doppelspurigkeit. So wurde ungefähr ein Sechstel aller den rheinischen Bauhütten zugewiesenen Risse bereits einmal in den Bänden »Wien« beziehungsweise »Ulm« publiziert. Die dort erstellten Katalogtexte sind im vorliegenden Band kaum verändert nochmals abgedruckt.

    Bisher spielten in der Fachliteratur zur gotischen Architektur die Planrisse nur eine untergeordnete Rolle, man hielt sie entweder für Vorlagenblätter, die von den Bauhütten zu Demonstrations- oder Übungszwecken gesammelt wurden oder (was die großformatigen Ansichten von Fassaden und Türmen betrifft) für »Schaurisse«, die dazu gedient hätten, den Auftraggebern eine (häufig idealisierte) Vorstellung des Projekts zu vermitteln. Ganz im Gegensatz dazu betrachtet sie Böker in den meisten Fällen als konkrete Planungsvorgaben. Dass viele Risse nicht oder nur teilweise in reale Architektur umgesetzt wurden, ist offensichtlich, aber das schließt nicht aus, dass sie als »Ideenträger« für spätere Planungen wieder herangezogen werden konnten. So hat man z. B. die Turmbekrönungen des berühmten Risses »B« in Straßburg von ca. 1270 (Kat. 44) nie gebaut, aber sehr zu Recht betrachtet Böker ihre riesigen, von vier völlig freistehenden Treppenspindeln begleiteten Achteckfialen, in denen die Türme gegipfelt hätten, als Grundlage für die Planung des heutigen Nordturms durch Ulrich von Ensingen im frühen 15. Jahrhundert. In anderen Fällen sind genaue Bauaufnahmen auch im Hinblick auf Restaurierungen hergestellt worden. Dennoch fragt sich der Leser, ob etwa die 1507 datierte, bis in die feinsten Details der Helmspitze ausgearbeitete Gesamtansicht des Freiburger Münsterturms (Kat. 28) wirklich nur, wie Böker postuliert, im Hinblick auf eine Restaurierung des Turmportals gefertigt wurde.

    Da gotische Risse nur ganz selten datiert und signiert sind, spielt das Problem ihrer Lokalisierung und Zuweisung zu einer bestimmten Etappe der Baugeschichte des fraglichen Monuments eine große Rolle. Die Bearbeiter haben diese Aufgabe dank ihrer profunden Kenntnis der gotischen Architektur mit Bravour und großer Kompetenz bewältigt. Ein weiteres Anliegen war die Zuschreibung einzelner Risse an namentlich bekannte Baumeister. Hier spielt – sofern der Riss nicht mit Hilfe baugeschichtlicher Quellen der Anonymität entrissen werden kann – neben stilistischen Erwägungen für Böker und sein Team vor allem das Kriterium der »persönlichen Handschrift« des Zeichners eine entscheidende Rolle. In großer Zahl liest man Feststellungen wie »dieselbe Handschrift« (S. 176), »Identität der Handschrift« (S. 194), »Ähnlichkeiten in der Handschrift mit anderen Plänen dieses Meisters« (S. 217). Auf die Frage, worin sich im Duktus einer Zeichnung individuelle Züge manifestieren, erhält der Leser keine Antwort. Zugegebenermaßen hat ein Wissenschaftler wie Böker, der sich jahrelang mit gotischen Rissen intensiv beschäftig hat, eine große Erfahrung in der Beurteilung der materiellen Beschaffenheit von Zeichnungen, ihrer Strichführung, ihres Trägers, des Pergaments, ihrer Blindrillen, ihrer Tinte, etc., aber der Leser hat das Resultat dieser Beobachtungen einfach zu akzeptieren, ohne die Beweisführung nachvollziehen zu können, denn in diesen Fragen lassen ihn auch die besten Abbildungen im Stich. So wird Wissenschaft zur Glaubenssache, und dies um so mehr, als seitens der Verfasser die Argumentation nicht immer ganz unvoreingenommen vor sich geht. Ein repräsentatives Beispiel dafür ist der legendäre Straßburger Münsterbaumeisters Erwin von Steinbach. Ihm schreibt Böker nicht nur verschiedene Straßburger Fassadenrisse zu, sondern auch solche, die u. a. den Freiburger Münsterturm und die Theobaldkirche in Thann betreffen. Was ersteren angeht, so hat Böker einen in Nürnberg aufbewahrten Riss (Kat. 24), der bisher immer in die Zeit der Spätgotik datiert wurde, sehr zu Recht dem 13. Jahrhundert zugewiesen. Wenn er ihn aber aus Gründen des Stils und der Qualität für eine um 1290 entstandene Kopie eines eigenhändigen Entwurfs Erwins aus der Zeit um 1270 hält, so ist dies eine doppelt unbewiesene Hypothese. Aber das ist nicht alles. Auf der Rückseite dieses Pergamentblatts befindet sich ein zentralbauartiger Grundriss mit diagonal gestellten Anbauten und ein dazu gehöriger Querschnitt (Kat. 35). Warum Böker in diesen Zeichnungen einen Erstentwurf Erwins für die Wallfahrtskirche in Thann erkennen will, bleibt rätselhaft. Dass dieser Entwurf eine reine Studienübung darstellt und ganz gewiss nie zur Ausführung bestimmt war, zeigt die technisch hervorragende virtuelle Umsetzung dieser Zeichnungen in das Dreidimensionale. Einen solchen architektonischen Alptraum (mit diagonal gestellten Strebebogen!) hätte man nie errichtet, weil er allen Regeln gotischer Baukunst zuwiderläuft.

    Hier haben Böker und sein Team nun wirklich die Zügel schießen ließen. Die meisten anderen Zuschreibungen und Datierungen sind dagegen mindestens erwägenswert. Dies gilt nicht zuletzt für die Einordnung des berühmten Kölner Risses »F« in die Zeit des Baubeginns der Domfassade (um 1360) und seine Zuschreibung an Michael von Savoyen, die nach den jüngsten, extrem frühen Datierungsvorschlägen (um 1280) das Bild der Planungsabfolge wieder zurechtrückt.

    Trotz einiger sich aufdrängender Kritik stellt das Werk Bökers und seines Teams einen für die mittelalterliche Architekturgeschichte ganz besonderen Gewinn dar. Anhand vortrefflich gedruckter Abbildungen und ausführlicher Kommentare wird hier zum ersten Mal ein Medium vollumfänglich publiziert und für die zukünftige Forschung erschlossen, das nicht nur den Rang einer Primärquelle einnimmt, sondern sich in vielen Fällen auch durch eine hervorragend schöne künstlerische Gestaltung auszeichnet. In Bökers Folianten zu blättern ist ein ästhetischer Genuss.

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    PSJ Metadata
    Peter Kurmann
    J. J. Böker, A.-C. Brehm, J. Hanschke, J.-S. Sauvé, Architektur der Gotik. Rheinlande (Peter Kurmann)
    CC-BY 3.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Architektur
    Mittelalter
    4042966-0 4380955-8 4049788-4 4002851-3 4068827-6 4021656-1 4073436-5
    1150-1520
    Oberrhein (4042966-0), Rhein-Gebiet (4380955-8), Rheinland (4049788-4), Architektur (4002851-3), Architekturzeichnung (4068827-6), Gotik (4021656-1), Kirchenbau (4073436-5)
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    J. J. Böker, A.-C. Brehm, J. Hanschke, J.-S. Sauvé, Architektur der Gotik. Rheinlande (Peter Kurmann)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/MA/boeker_kurmann
    Veröffentlicht am: 03.12.2014 11:50
    Zugriff vom: 19.09.2017 15:39
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