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    B. Heinecke, H. Rößler, F. Schock (Hg.), Residenz der Musen (Michael Wenzel)

    Francia-Recensio 2014/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Berthold Heinecke, Hole Rößler, Flemming Schock (Hg.), Residenz der Musen. Das barocke Schloss als Wissensraum, Berlin (Lukas Verlag) 2013, 223 S., 62 Abb. (Schriften zur Residenzkultur, 7), ISBN 978-3-86732-134-1, EUR 30,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Michael Wenzel, Wolfenbüttel

    Das Schloss in der Frühen Neuzeit wird von den Wissenschaften bislang vorrangig als Ort der Repräsentation, von Zeremoniell und symbolischer Kommunikation wahrgenommen. Ein neuer Tagungsband setzt sich hingegen zum Ziel, diesen im weitesten Sinne Bautypus als epistemischen Raum zu erkunden. In seinen »Einleitenden Überlegungen« zu »Residenz der Musen. Das barocke Schloss als Wissensraum« muss Hole Rößler mit »Ort«, »Raum« und »Wissen« gleich drei vielschichtige Begriffe in der Konfiguration »Barock-Schloss« zur Deckung bringen. Mit Michel de Certeau stellt er heraus, dass Orte immer materialisiertes Wissen umfassen, wogegen sich Wissensräume »von anderen Räumen durch ein hohes Maß an Verdichtung und Spezialisierung von Wissen unterscheiden« würden, im engeren Sinne also »etwa Bibliotheken, Museen, Archive, Schulen, Universitäten und Laboratorien«. Bislang vor allem unter der Prämisse der Herrschaftsarchitektur betrachtete Räume wie der frühneuzeitliche Schlossbau gerieten ebenfalls in den Blick, auch wenn sie »durch [k]ein darauf abzielendes ›design‹ geschaffen« wurden, wodurch sich der Gegenstand des besprochenen Bandes ergibt.

    Entsprechend dieser Präliminarien unterscheidet Rößler »für das Schloss mindestens drei Arten des Wissens«, nämlich »das Gebäude als Handlungsort der Hofgesellschaft« generierende »präfigurative Wissen«, das »von den im Schloss befindlichen Personen in ihrem jeweiligen Handeln angewandte oder realisierte« bzw. »das in der Interaktion mit Personen und/oder Gegenständen entstehende« höfische Wissen und das »durch interpretative Aneignung und Neukonfiguration [...] produzierte«, »wesentlich durch äußere Faktoren initiiert[e]« »extrinsische Wissen«. Diese drei Wissensarten strukturieren auch die Abfolge der übrigen Beiträge des Bandes, ohne dass eine solche Zuordnung durch eine entsprechende Untergliederung des Inhaltsverzeichnisses die Lektüre allzu dominant in eine Richtung dirigieren würde.

    Der Kategorie des präfigurativen Wissens sind demnach die Beiträge von Ulrich Schütte, Simon Paulus und Stefan Schweizer zuzuordnen. Schütte geht von vitruvianischer Architekturtheorie, Hofökonomie und Zeremonialwissenschaften der Zeit um 1700 aus, um den Wissensordnungen des Schlosses nachzugehen, wobei er neben dem schriftlich gespeicherten und vermittelten Wissen der Literatur auch die Wahrnehmung des Schlosses selbst in das Blickfeld nimmt. Die informationelle Aufladung der Schloss-Ausstattungen im Lauf der Raumfolgen führe allerdings auch an die Grenzen dessen, was er »rationales Wissen« nennt, in den »höfischen Arkanbereich« der Herrschaftsinszenierung im Zeremoniell, das er »letztlich [...] von religiösen, magischen Ordnungsvorstellungen geprägt« sieht. Eine weitere Ausdeutung erfährt diese Differenzierung von Wissensarten allerdings nicht. Ergänzend zu Schüttes allgemein angelegter Ausdeutung deutschsprachiger Traktatliteratur zeichnet Simon Paulus mit dem Erwerb und der Rezeption architekturtheoretischer Schriften und Grafiken durch Herzog Anton Ulrich und dessen Sohn Ludwig Rudolph zu Braunschweig-Lüneburg das Sammlungsverhalten der Mitglieder eines einzelnen Fürstenhofes nach und kann auf diese Weise die Vermittlungswege des Wissens aus der Theorie in die gebaute Praxis punktuell erhellen. Den Zusammenhang zwischen den Nobilitierungsabsichten eines Berufsstandes als Künstler und der Vermehrung traktatgebundenen Wissens im höfischen Kontext arbeitet der Beitrag über den Hofgärtner von Stefan Schweizer heraus. Der Aufstieg des Garten-»Designs« zu einem der wichtigsten Bestandteile der frühneuzeitlichen Schlossanlage begünstigte diesen Vorgang zweifellos, doch machen die von Schweizer untersuchten Traktate und Biografien deutlich, dass der Hof eher Folie als Referenzpunkt der Diskurse war.

    Als Ausweis höfischen Wissens dienen unter anderem die Deckengemälde des Schlosses Hundisburg, eine charmante Huldigung an den Tagungsort. Pablo Schneider kann anhand der vordergründig konventionellen Bildwelten nachweisen, wie diese mit einem vielfältigen Angebot an möglichen Assoziationen dem Betrachter im Kunstgespräch den Austausch von Wissen ermöglichten. Der schrittweisen Auslösung von Sammlungsbeständen aus einem sakralen Kontext ist der Beitrag von Stefan Laube gewidmet, der das Wittenberger Heiltum mit der etwa 150 Jahre später entstandenen Kunstkammer auf Schloss Friedenstein in Gotha vergleicht und als »vertikale und horizontale Modelle der Weltaneignung« deutet.

    In das große Feld des extrinsischen Wissens, also allen von außen angelegten »Praktiken der Aneignung, der Umdeutung oder Konstruktion von Wissensräumen im Schloss«, die »bei der Einrichtung der jeweiligen »Orte« nicht intendiert oder antizipiert« waren, bindet Hole Rößler die übrigen Aufsätze und damit etwa die Hälfte des Bandes ein: Michaela Völkel wendet sich mit ihrem Text dem nicht hochadeligen, nicht in politischer Funktion reisenden und damit auch nicht im Zentrum der Intentionen des Schlossherren stehenden Besucher zu. Sie entwickelt Gedanken ihres 2007 veröffentlichten Buches » Schloßbesichtigungen in der Frühen Neuzeit. Ein Beitrag zur Frage nach der Öffentlichkeit höfischer Repräsentation « weiter. Nach einer Tour durch Paläste, Villen und Schlösser und einem Blick auf die Modalitäten der Besichtigung und deren Wissensinhalte wie Architektur, Kostbarkeiten, aristokratische Memoria und technischer Fortschritt wird der Perspektivwechsel der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgeführt. Als dessen Folge emanzipiert sich der bürgerliche Betrachter von den fürstlichen Vorgaben und pflegt fortan ausgehend von den dargebotenen Objekten einen eigenen Kunstdiskurs. Auch Robert Felfe nimmt Reiseliteratur als Ausgangspunkt seiner Frage nach der Bedeutung von »Wissen« in Hinblick auf höfische Sammlungskulturen des 17. Jahrhunderts. Eine einführende Betrachtung über die »funktionale Beweglichkeit« und Gefährdung von Sammlungen und Objekten in der Frühen Neuzeit – am Beispiel der Kunstkammer Rudolphs II., des Verkaufs der Gonzaga-Sammlung und der Veräußerung des königlichen Kunstbesitzes nach der Hinrichtung Karls I. von England – dient als Folie für seine Darlegung epistemischer Aneignungsverfahren von Kunstkammer-Besuchern. Zentraler Begriff ist ihm hierbei die »curiositas« der Besucher, der er in Texten von Philipp Hainhofer, Charles Patin und Maximilien Misson nachgeht. Wissen wird so aus einer »sprunghafte[n] und assoziationsreiche[n] Zuwendung zu den Dingen« gewonnen, die nicht nur ein alternatives Verfahren zu den sich im 17. Jahrhundert etablierenden modernen Naturwissenschaften darstelle, sondern diesen durch Ausdifferenzierung und Spezialisierung einen methodischen Rahmen gebe. Und noch Leibniz band seine Akademiepläne an fürstliche Kunst- und Raritätenkabinette an, wie Hartmut Hecht in seinem Beitrag darlegt und dort unter anderem scientia generalis und theatrum naturae et artis als Pole von dessen Wissenschaftskonzept erläutert.

    Flemming Schock benennt mit Bibliothek und Kunstkammer zwei wesentliche Wissensräume von Schlössern und Residenzen, lenkt das Augenmerk seines Aufsatzes allerdings vor allem auf die Kunstkammer in ihrer Publizität und Öffentlichkeit, ihrer »medialen Potenzierung [...] in textueller Fasson«. Er spannt zu diesem Zweck einen weiten Bogen über Reiseberichte, Sammlungstheorie, Kunstkammerinventare und -beschreibungen sowie imaginäre und literarische Kuriositätenkabinette. Im Mittelpunkt steht der »Medienübergang zwischen gedruckten und tatsächlichen Wissensräumen«, wobei der Schlossraum von nachgeordnetem Interesse ist. Mit dem letzten Beitrag des Bandes verlängert Jens Haustein dessen Perspektive in das späte 19. Jahrhundert, indem er mit Richard Voß als Wartburgbibliothekar »ohne Bücher« eine anachronistische »Repristination des Dichters und Gelehrten in einer Person« vorstellt, die jedwede moderne berufliche Ausdifferenzierung ignorierte und ein quasi spätbarockes Verhältnis zwischen Fürst und Schriftsteller zu installieren suchte.

    Die Unterscheidung von drei Typen des Wissens ist in Bezug auf den Schlossraum ist stringent und stimulierend, doch der Umstand, dass dem am wenigsten spezifischen Bereich, dem extrinsischen Wissen, gleich fünf der – abgesehen von der Einleitung – zehn Beiträge zugeordnet werden, weist auf die Probleme einer solchen Differenzierung hin: Die meisten Wissensformen und ihre Medien sprechen gleich mehrere Rezipientengruppen an. Architekturtheoretische Werke wurden zum Beispiel in gleicher Weise sowohl von bauenden Fürsten wie auch von Mitgliedern des Hofes und Gästen konsultiert. Auch wenn per definitionem eine explizite Anleitungsfunktion und professionelle Anbindung an den Beruf des Architekten besteht, ist nicht gesagt, dass sie eine größere präfigurierende Wirkung entfalten als etwa Reiseberichte und die Erfahrungen der eigenen Kavalierstour. Situiert werden die Wissensräume im Barock-Schloss zudem dann doch wieder an klassischen Orten – »Kunstkammer, Bibliothek, Theater, Laboratorium und Observatorium« –, deren nachgeordnete Stellung in der klassischen Architekturtheorie zum einen als möglicher Ausweis einer geringeren Bedeutung gegenüber den fürstlichen Appartements innerhalb des Schlosskomplexes gedeutet, zum anderen als Ausdruck einer »relative[n] Freiheit in der Einrichtung und Gestaltung von Wissensräumen« (Rößler) verstanden wird. Damit ist der durch den Band postulierte Konnex von Schloss und Wissensraum als Fragestellung aber wieder etwas gelockert. Andererseits wird die überkommene Meistererzählung von der Emanzipation solcher Wissensräume aus den Schlossbereichen zu von diesen autonomen, öffentlichen und differenzierten Funktionsgebäuden – Museum, Bibliothek, Theater, Forschungsinstitut – durch den Band in keiner Weise diskutiert. Bemerkenswerterweise spielen Bibliotheken in dem Buch – entgegen der Tagungsankündigung 1 – ohnehin nur eine untergeordnete Rolle, und ob die Besucher in der Bibliothek Herzog Augusts d. J. in dem bekannten Merian-Stich (S. 24) ein gutes Beispiel für extrinsisches Wissen sind, mag angesichts des die Außenwirkung seines Hofes, seiner Person und seiner Büchersammlung auf das Genaueste kontrollierenden Fürsten dahingestellt sein. Dies verdeutlicht indes die grundsätzliche Schwierigkeit einer Unterscheidung zwischen einer von dem Schlossherren nicht intendierten und antizipierten Aneignung von Wissen und einer solchen, an der nur der engere Hof partizipierte. Weiterhin besteht die Frage der Abgrenzung zu Wissensräumen außerhalb von Schlössern oder zwischen solchen des hohen und niederen Adels. Insbesondere bei Schock finden sich einige Beispiele bürgerlicher Wunderkammern und Sammlungen. Dem Argumentationsgang der einzelnen Beiträge tut diese mangelnde Trennschärfe keinen Abbruch, aber in einem Band, der dezidiert dem Schloss als Wissensraum gewidmet ist, hätte man sich eine größere Konzentration auf diesen Bereich und seine Spezifika in Abgrenzung zu anderen Wissensräumen gewünscht. So finden auch raumtheoretische Ansätze nur bedingt Eingang in die einzelnen Beiträge, und wenn Raum als »Gefüge aus materiellen Strukturen und sozialen Praktiken« (S. 10) verstanden wird, so besteht das Risiko, dass höfische Gesellschaft und ihr gebauter und gepflanzter Handlungsort in eins fallen, ohne dass ihre gegenseitige Bedingtheit tatsächlich thematisiert wird. Eingehendere Analysen von gebauten Schlossräumen finden sich in dem Band dann allein in den Beiträgen von Pablo Schneider und Stephan Laube.

    Verschiedentlich wird deutlich, dass die durch das in den Musenresidenzen bereitgestellte oder auch abgeforderte Wissen angestoßenen Diskurse ihre Referenzpunkte außerhalb des Wissensraums »Schloss« haben: Die Hofgärtner beziehen sich vor allem auf einen bereits von Malern und Bildhauern beschrittenen Nobilitierungsdiskurs, um mittels Akademisierung ihrer Tätigkeit ihre Rangerhöhung zu betreiben. Und die Objekte in den Kunstkammern, soviel ist aus einer ganzen Reihe der Beiträge ersichtlich, binden in ihrer Redundanz die durch sie ausgelösten Diskurse häufig gar nicht an den sie bereitstellenden Schlossraum und damit an den Schlossherrn zurück. Am ehesten ist eine solche Rückbindung anhand der Beispiele des Sammelbandes noch bei einer sehr individuellen Schöpfung wie dem Wittenberger Heiltum oder bei geführten Schlossbesichtigungen, wie sie von Michaela Völkel beschrieben wurden, zu beobachten.

    Der geografische Rahmen des Buches ist das Alte Reich und auch hier sind es vorzugsweise die kleineren Höfe, mit Ausflügen insbesondere nach Frankreich, Italien und England. Der Vortrag von Reinhard Krüger »Louis XIV. als Sammler, oder die symbolische Erlangung der Herrschaft über die unendlichen Räume und die geschichtliche Zeit«, der noch in der Tagungsankündigung erscheint (s. o.), findet sich nicht in dem Band, so dass die momentan in der Forschung stark infrage gestellte Vorbildhaftigkeit von Versailles im Sinne eines kulturellen Wissenstransfers kein Thema ist.

    Diese Anmerkungen sollten aber trotz oder gerade wegen ihrer differenzierenden Momente und Nachfragen eines deutlich machen: Das Buch findet sich immer an den Schnittstellen der aktuellen Forschung, jeder Beitrag ist inhaltlich profund und klar argumentierend. Es ist gut produziert, und selbst die einzeln an die Aufsätze angehängten Literaturverzeichnisse haben ihren Zweck, da sie im Gegensatz zu einer Gesamtbibliografie am Schluss einen schnellen Überblick zur Forschungsliteratur der jeweiligen Themen gewähren. Allein den Aufwand eines Registers hätte man doch auf sich nehmen können: Selbst ein neue Wissensräume aufstoßendes Buch wie dieses wird angesichts der schieren Menge gegenwärtig publizierter Tagungsbände seine gesammelten Erkenntnisse vornehmlich auf eine Weise weitergeben – es wird selektiv gelesen werden.

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    PSJ Metadata
    Michael Wenzel
    B. Heinecke, H. Rößler, F. Schock (Hg.), Residenz der Musen (Michael Wenzel)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4138356-4 4004541-9 4020517-4 4122200-3 4052753-0
    1600-1750
    Europa (4015701-5), Ausstattung (4138356-4), Barock (4004541-9), Geschichte (4020517-4), Höfische Kultur (4122200-3), Schloss (4052753-0)
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    B. Heinecke, H. Rößler, F. Schock (Hg.), Residenz der Musen (Michael Wenzel)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/FN/heinecke-roessler_wenzel
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:30
    Zugriff vom: 29.05.2017 21:09
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