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    C. Barbafieri, J.-C. Abramovici (éd.), L’invention du mauvais goût à l'âge classique (XVIIe–XVIIIe siècle) (Christine Zabel)

    Francia-Recensio 2014/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Carine Barbafieri, Jean-Christophe Abramovici (éd.), L’invention du mauvais goût à l'âge classique (XVII e –XVIII e siècle), Louvain, Paris, Walepole, MA (Peeters Publishers) 2013, X–440 p. (La république des lettres, 51), ISBN 978-90-429-2627-1, EUR 55,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Christine Zabel, Essen

    Das Französische weist ausgesprochen viele Redeweisen auf, die der Küchensprache entlehnt sind – Idiome wie »mettre le beurre dans les épinards«, »la cerise sur le gâteau«oder »mettre son grain de sel« verweisen jeweils auf das gewisse Etwas, das einer gewöhnlichen Speise Glanz verleiht – die Butter, die Kirsche, das Salz – und die eine Mahlzeit zur Köstlichkeit werden lassen. Umgekehrt kann aber auch das Salz in der Suppe buchstäblich fehlen (»il manque le grain de sel«), was das eben Zubereitete fahl, glanzlos und geschmacklos sein lässt. In diesem Sinne lässt sich schlechter Geschmack ( mauvais goût ) oder Geschmacklosigkeit ohne die Vorstellung des guten Geschmacks oder des Geschmackvollen gar nicht denken.

    Schlechter Geschmack, wie auch Kitsch werden gemeinhin als moderne, postindustrielle Phänomene wahrgenommen, meint Carine Barbafieri, die Herausgeberin des vorliegenden Sammelbandes in ihrer Einleitung. Der Begriff des »Kitschs« rehabilitiere den schlechten Geschmack auf eine Weise, dass er salonfähig, ja sogar modisch sein könne. Kitsch verkörpere den Wunsch einer bürgerlichen und (post)industriellen Gesellschaft, Kunst egalitär zu konsumieren, popularisiere und vervielfältige so zweit- und drittrangige Kunst. Sind postindustrieller Kitsch und schlechter Geschmack also kategorial miteinander verbunden oder gibt es einen Begriff des schlechten Geschmacks vor der Ära des Kitschs?

    Die Antwort ist wenig überraschend: Ja, es gibt ihn. Der schlechte Geschmack ist, auch wenn wir ihn als modernes Phänomen wahrnehmen, nicht Folge der industriellen Revolution, sondern bereits im 17. und 18. Jahrhundert im sogenannten »âge classique« entstanden, wie es der Titel des Sammelbandes, »L’invention du mauvais goût à l’âge classique« verrät. Dazu gibt es bereits einschlägige Forschungen, die die Bedeutung des Geschmacks in moralischen, literarischen und ästhetischen Diskursen des 18. Jahrhunderts darstellen, wie etwa Elena Russos lesenswerte Monographie »Styles of Enlightenment. Taste, Politics, and Authorship in Eighteenth-Century France« (2009) oder etwa zahlreiche Artikel von Katharine Hamerton (Columbia College Chicago), die Geschmack ( taste ) in einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive beleuchten. Die Fragen, was guten oder schlechten Geschmack ausmacht, wer ihn haben und wie man ihn erwerben oder verbessern kann, war im 18. Jahrhundert nicht nur in Frankreich bedeutsam, wie dies der hier vorliegende Band mit seiner Fokussierung auf französische Autoren und Themen suggeriert, sondern ein über die französischen Landesgrenzen hinaus verbreitetes Diskussionsthema der Zeit: Nicht umsonst hat man Anthony Ashley Cooper, Third Earl of Shaftesbury (1671–1713) in der Forschung als Theoretiker des Geschmacks identifiziert (Lawrence E. Klein). Und mit Gaumenfreuden und der Kunst des Kochens beschäftigten sich Köche wie Theoretiker auch in anderen Ländern des âge classique , wie dies beispielsweise die Arbeiten des food historian Ivan Day nahelegen.

    Die Metapher vom schlechten Geschmack gewann also, ganz ähnlich wie die Rede vom guten Geschmack, ab den 1620er Jahren an Bedeutung, hatte ihre Hochkonjunktur in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und trat Ende des 18. Jahrhunderts wieder in den Hintergrund. Während dieser Befund, dass die Kategorie des schlechten Geschmacks zur selben Zeit wie diejenigen der modernen Theoretisierung des (guten) Geschmacks entstand, nicht für große Aufregung sorgen dürfte, ist es das große Verdienst des Bandes, die metaphorische Aufladung des Ausdrucks des »schlechten Geschmacks« zu erarbeiten und zu historisieren. In 24 Einzelartikeln und einer analytischen Einleitung von Carine Barbafieri werden die unterschiedlichen Verwendungsweisen und Bilder, die sich mit dem Redewendung des »schlechten Geschmacks« verbanden, beleuchtet und seine Verbreitung in literarischen Kreisen dargestellt. Der Sammelband macht überzeugend klar: Die metaphorische Aufladung und die Rede vom schlechten, literarischen Geschmack war eng mit der Emergenz dessen verbunden, was wir heute Gastronomie nennen. Mit der Aufwertung der Kochkunst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden Regeln des guten und schlechten sinnlichen Geschmacks propagiert, deren sich Literaturkritiker bedienten und so die Küchensprache und ihre Maßstäbe als Metapher für geistigen und ästhetischen Geschmack nutzten. Kriterien des Werturteils glichen sich nun in Literatur und Küche: So war schlechter rhetorischer Stil gras (fett) oder salé (hier im Sinne von piquant , stechend, scharf), die Animositäten gegen den asiatisch-orientalischen Geschmack fanden sich nicht nur in den Regeln der Kochkunst, wo sie vor allem in der Ablehnung der Melone kulminierten und dem melon pervers etwa von Martial Le Meistre in einer Abhandlung der Prozess gemacht wurde. Der klare, wenig verzierte Stil des Attizismus wurde auch in der Literatur dem ausladenden Stil des Asianismus vorgezogen. Ferner wurden literarische Fachbegriffe wie »ambigue« (ursprünglich eine nachmittägliche Mahlzeit, in der alle Gänge gleichzeitig aufgetischt wurden) und »pastiche « (der eine Vermischung von verschiedenen Lebensmitteln bezeichnete) der Küchensprache entlehnt.

    Die Rede vom mauvais goût wurde ab den 1650er Jahren zur regelrechten Mode, die sich in den Folgejahren weiter verbreitete, um schließlich nach der sogenannten »Querelle d’Homer« (1714–1716) theoretisiert zu werden, sodass der metaphorisch aufgeladene Ausdruck des mauvais goût zur Jahrhundertmitte fester Bestandteil der Sprache der Literaturkritiker war. Diese Mode erfasste jedoch bald weitere Kreise, was die Bedeutungskraft des Ausdrucks verwässerte, sodass zum Jahrhundertende die metaphorische Aufladung schon nicht mehr erkennbar war. Die mit der Metapher einhergehenden Bilder der sinnlichen Esserfahrung gingen verloren, die Rede vom »schlechten Geschmack« wurde lexikalisiert und als Synonym der (ästhetischen) Urteils(un)fähigkeit gebraucht. Carine Barbafieri spricht an dieser Stelle von der »banalisation du formule«.

    Die Erzählung besticht, gerät dem Leser aller fünf Hauptkapitel mit seinen 24 Artikeln allerdings – und dies liegt wohl in der Natur des Formats – aus dem Blick, gerade weil einige der Artikel sich zwar mit der Kategorie des guten oder schlechten Geschmacks bei einem einschlägigen Autor oder Werk beschäftigen, dies jedoch zumeist nicht in die größere Erzählung einordnen. Besonders problematisch ist das für die Leserinnen und Leser des ersten Hauptteils, die die »Normen und Definitionen des »schlechten Geschmacks« der Moralisten und Höflichkeitstheoretiker von Balzac, Bellegarde, La Bruyère bis zu Gracian und Agrippa d’Aubigné durchdenken und sich an mancher Stelle zuvor eine vergleichende Analyse gewünscht hätten. Die chronologisch-analytische Erzählung der Einleitung bildet auch im Folgenden nur den Rahmen für detailreiche Darstellungen, die nach der theoretischen Fundierung im ersten Kapitel nun in ein Potpourri von Geschmacksfragen führen: Zunächst werden literarische und dramaturgische Regeln des Geschmacks untersucht, den größten Raum des Buches nehmen jedoch sieben Artikel zur »Vulgarität und mondänen Kultur« ein, die der Beitrag von Françoise Poulet glanzvoll einleitet, der mit analytischem Blick die Erneuerung des personnage comique im Kontext der Höflichkeitstheorien- und Traktate darstellt. Die Herausgeberin des Bandes steht mit ihrer Analyse der Zweideutigkeit ( équivoque ) dem dann auch nicht nach. Der vierte Teil des Buches birgt dann jedoch ein wahres Ratatouille der Geschmacksmannigfaltigkeiten, das kulinarische Aspekte des schlechten Geschmacks untersucht – zuerst Absinth und Honig in der Renaissance, abschließend den excrément culinaire bei Sade. Der letzte Gang fällt, im Gegensatz zu den ausführlichen, bunten Teilen zuvor, dann etwas stiefmütterlich kurz aus und der Blick heraus aus Frankreich wirkt fast nur noch wie ein Epilog zum französischen Fokus des Bandes. Dennoch fragt Juan Ibéas hier zu Recht und längst überfällig nach Fremdzuweisungen und Eigenwahrnehmungen von schlechtem Geschmack bei Franzosen und Spaniern.

    Der Sammelband macht Appetit auf mehr und weist mit der Betonung des schlechten Geschmacks berechtigterweise auf Desiderate und Schwächen der bestehenden Literatur zum Thema Geschmack hin. Gerade deshalb hätte man sich aber weitere Perspektiven gewünscht: Rezeptionsgeschichtliche, geschlechtergeschichtliche oder außereuropäische Perspektiven werden nur teilweise oder gar nicht behandelt. Die Konzentration auf Frankreich als Untersuchungsraum suggeriert, dass die von den hommes lettrés geliebte Metapher des mauvais goût – nicht etwa der schlechte Geschmack selbst (!) – nur eine französische Erfindung sei, was zumindest genügend Raum für anknüpfende Arbeiten lässt.

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    PSJ Metadata
    Christine Zabel
    C. Barbafieri, J.-C. Abramovici (éd.), L’invention du mauvais goût à l'âge classique (XVIIe–XVIIIe siècle) (Christine Zabel)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Sozial- und Kulturgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4018145-5 4125698-0 4141539-5
    1600-1800
    Europa (4015701-5), Frankreich (4018145-5), Kultur (4125698-0), Ästhetisches Urteil (4141539-5)
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    C. Barbafieri, J.-C. Abramovici (éd.), L’invention du mauvais goût à l'âge classique (XVIIe–XVIIIe siècle) (Christine Zabel)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/FN/barbafieri-abramovici_zabel
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:10
    Zugriff vom: 28.03.2017 17:51
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