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N. S. Baker, The Fruit of Liberty (Volker Reinhardt)

Francia-Recensio 2014/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Nicholas Scott Baker, The Fruit of Liberty. Political Culture in the Florentine Renaissance, Cambridge, MA (Harvard University Press) 2013, XIV–368 p., 22 b/w ill. (I Tatti Studies in Italian Renaissance History), ISBN 978-0-674-72452-5, USD 49,95.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Volker Reinhardt, Fribourg

Dieses Buch schließt eine Lücke, die seit den Untersuchungen von John N. Stephens 1 und Humfrey C. Butters 2 von 1983 bzw. 1985 klafft. Beide hatten die Zusammensetzung, das Koalitionsverhalten, die wichtigsten Netzwerke und die soziale Verflechtung der politischen Klasse von Florenz in den letzten Jahrzehnten der Republik – der Republik ohne die Hauptlinie der Medici zwischen 1494 und 1512 sowie 1527 und 1530 und der von den Medici handverlesenen und immer stärker dominierten Republik in den anderthalb Jahrzehnten dazwischen – untersucht. Wie sich die Elite nach der Eroberung der Stadt durch ein spanisch-päpstliches Heer im August 1530 zu den grundlegend veränderten Herrschaftsverhältnissen – der »herzoglichen Republik« von Karls V. Gnaden unter Alessandro de’ Medici bis Januar 1537 und dem neuen, ganz anders gearteten Herzog Cosimo danach – positionierte, bildet das eigentliche Thema der vorliegenden Studie. Zu diesem Zweck geht sie weiter, nämlich bis ins letzte Jahrzehnt Lorenzo il Magnificos, zurück, als auf den ersten Blick zwingend erscheinen könnte, doch wird dieses weite Ausholen durch die finale Thesenbildung gerechtfertigt. Sie besagt – so knapp wie möglich auf den Punkt gebracht –, dass sich der Übergang von der Republik zum Medici-Prinzipat in den 1530er und 1540er Jahren in verschiedener Hinsicht – vor allem funktional und mental – gleitender vollzog als bislang angenommen. Dass bislang ein gegenteiliges Bild verbreitet war, liegt nicht zuletzt daran, dass wortmächtige Gegner der Medici-Herzöge wie Filippo Strozzi und Donato Giannotti diese als Despoten und ihre Herrschaft als Tyrannei anprangerten. Zudem erregten Gewaltmaßnahmen beider Seiten in der italienischen Öffentlichkeit beträchtliches Aufsehen: Zum einen ließ Cosimo notorische Gegner im Exil von seinen Agenten auf offener Straße liquidieren, zum anderen planten republikanische Widerstandszellen, den »Tyrannen« zu ermorden. Scott Baker blendet diese Ereignisse und Phänomene in seiner wohltuend unemotionalen Untersuchung nicht aus, sondern erklärt sie differenziert. Im Falle Strozzis und anderer prominenter Oppositioneller etwa leitet er diese zunehmende Distanz nachvollziehbar aus frustrierten Ambitionen des engeren Familienverbandes und geschäftlichen Problemen ab. Die große Mehrheit der primi aber verhält sich loyal und vollzieht den Übertritt in das neue System ohne signoria problemlos. Diese Aussage wird durch eine umfassende Analyse der Ämterlisten untermauert. Im neuen Basisrat der Zweihundert nehmen ganz überwiegend auch die Familien Einsitz, die im Gran Consiglio von 1494 bis 1512 vertreten waren. Ebenso findet sich in den exklusiven Gremien der Quarantotto und des Consiglio Ducale das Gros der republikanischen primi wieder. Auf diese Weise bestätigt sich kollektiv, was für einzelne, durch ihre intellektuelle Produktion herausragende Patrizier wie Francesco Vettori belegt war: Florenz bleibt Florenz, auch wenn hier jetzt ein Herzog herrscht (Vettori nahm sogar einen waschechten Tyrannen in Kauf). Nach diesem unleugbaren Fazit stellt sich nicht nur die Frage, was vom so lange so wortmächtig verkündeten florentinischen Republikanismus übrig blieb, sondern auch, ob dieser im Rückblick nicht neu bewertet werden muss. Vettori hatte in seinen Gutachten für die Medici nach 1530 eine zynisch anmutende Rechnung aufgemacht, die vor allem auf den Opportunismus der alten Elite setzte, die auch unter gewandelten Verhältnissen ihren Einfluss in Gesellschaft und Wirtschaft bewahren wollte und sich deshalb, ließ man ihr nur Prärogativen und Ehrentitel, schon mit dem neuen System arrangieren würde; darüber hinaus würden sich die notorisch unruhigen Segmente der Sekundärelite durch Ämter mit pompösen Titeln ohne wirkliche Kompetenzen nicht minder leicht einbinden lassen. Diese Kalkulation wird durch die vorliegende Studie im Wesentlichen bekräftigt und ebenfalls differenziert. Denn schon ab etwa 1480 wandelt sich die Ausübung republikanischer Führungsämter in Florenz grundlegend. Seit die Medici im Herbst 1434 die Macht erobert hatten, beruhte das politische Ausleseverfahren – Zeiten innerer Akzeptanz-Krisen ausgenommen – auf dem »System der geschlossenen Beutel«. Das heißt, nur auf Herz und Nieren geprüfte Anhänger des Hauses konnten überhaupt in den Tre Maggiori Einsitz nehmen. Dieses Handverlesungsverfahren aber schuf ganz besondere Bindungen: Die happy few , die es in die signoria schafften, verstanden sich vorwiegend als Gefolgsleute ihrer Medici-Patrone – eine Entwicklung, die sich nach 1530 gleitend fortsetzt: Amtsausübung wird zu einer höfischen Position. Wer Spitzenpositionen bekleidet, entscheidet der Herzog, doch ist das Kandidatenfeld auf die führenden Familien beschränkt. Am Ende steht also ein Deal, ein do ut des , das sich zwei Jahrhunderte grosso modo bewähren sollte. Das alte Patriziat, jetzt Hofadel, dient seinem Selbstverständnis nach weiterhin dem bonum comune , also der alten Substanz in neuer Form. Ob sich dieser Übergang immer so schmerzlos vollzieht, darf leise bezweifelt werden – ein Francesco Guicciardini wird bis zum Schluss die Gewissensqualen ob dieses »Verrats« nicht los. Insgesamt aber liegt mit Scott Bakers Studie ein Standardwerk vor, das sich als solches bewähren wird.

1 John N. Stephens, The Fall of the Florentine Republic, 1512–1530, Oxford, New York 1983.

2 Humfrey C. Butters, Governors and Government in Early Sixteenth-Century Florence, Oxford, New York 1985.

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PSJ Metadata
Volker Reinhardt
N. S. Baker, The Fruit of Liberty (Volker Reinhardt)
CC-BY 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Spätes Mittelalter (1350-1500)
Italien
Politikgeschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
16. Jh.
4017581-9 4046540-8 4175047-0
1480-1550
Florenz (4017581-9), Politische Kultur (4046540-8), Politischer Wandel (4175047-0)
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N. S. Baker, The Fruit of Liberty (Volker Reinhardt)
In: Francia-Recensio 2014/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/FN/baker_reinhardt
Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:10
Zugriff vom: 28.03.2017 12:01
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