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    J. Astigarraga, J. Usoz (dir.), L’économie politique et la sphère publique dans le débat des Lumières (Moritz Isenmann)

    Francia-Recensio 2014/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Jesús Astigarraga, Javier Usoz (dir.), L’économie politique et la sphère publique dans le débat des Lumières, Madrid (Casa de Velázquez) 2013, 335 p. (Collection de la Casa de Velázques, 135), ISBN 978-84-96820-92-0, EUR 35,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Moritz Isenmann, Köln

    Der von Jesús Astigarraga und Javier Usoz herausgegebene Sammelband geht auf eine Tagung zurück, die 2010 in der Casa Velázquez in Madrid abgehalten wurde. Das in der Einleitung der beiden Herausgeber dargelegte Ziel der Veröffentlichung ist es, zwei Forschungsgebiete zusammenzuführen, die in den letzten drei Jahrzehnten für die Erforschung der Aufklärung von zentraler Bedeutung gewesen sind, nämlich die der »Öffentlichkeit« und der »Politischen Ökonomie«. Geklärt werden soll dabei, welche Rolle die Politische Ökonomie (im Sinne einer wissenschaftlichen Betrachtung ökonomischer Phänomene) während des 18. Jahrhunderts bei der Entstehung und Entwicklung der Öffentlichkeit gespielt hat, die wiederum Auswirkungen auf die Gebiete von Politik, Gesellschaft und Kultur besaß. Fraglos handelt es sich dabei um ein sehr ambitioniertes und schwieriges Vorhaben, das durch die Analyse von drei Problemfeldern bewältigt werden soll: dem der Akteure und Persönlichkeiten, die sich zu ökonomischen Fragen während dieser Zeit geäußert haben; von generations- und länderübergreifenden Debatten, die zur Herausbildung einer Öffentlichkeit beitrugen; und von neuen Institutionen wie den ökonomischen Gesellschaften, die Einfluss auf die Gesellschaft und Kultur der Aufklärung ausgeübt haben.

    Vorangestellt ist den drei Sektionen, in die der Band eingeteilt ist, ein einführender Beitrag von John Robertson, in dem die grundsätzliche Bedeutung der Politischen Ökonomie für das schwer fassbare Phänomen »Aufklärung« unterstrichen wird. Die erste thematische Sektion widmet sich verschiedenen literarischen Gattungen, die von Autoren verwendet wurden, um das Interesse der aufgeklärten Leserschaft für wirtschaftliche Probleme und Fragen zu wecken. So zeigt Christine Théré, dass ökonomische Traktate – neben Elogen, Gedichten oder Dialogen – nur einen kleinen Teil der Texte ausmachten, mit denen wirtschaftliche Inhalte gerade auch durch die Physiokraten verbreitet wurden. María Victoria Lopéz-Cordón widmet sich im Anschluss den Berichten ausländischer Reisender und dem Bild, das in ihnen vom politischen und wirtschaftlichen Zustand Spaniens gezeichnet wurde. Javier Usoz beleuchtet in seiner Untersuchung von Vorreden zu ökonomischen Traktaten deren Funktion, einen der Herausbildung der Öffentlichkeit vorausgehenden »Meinungsraum« zu schaffen, während Marco Guidi und Massimo Augello den Einfluss analysieren, den wirtschaftliche Universitätslehrbücher in Italien im 18. und 19. Jahrhundert ausübten. Der Titel der zweiten Sektion – »Le débat économique et ses protagonistes« – ist nicht sehr glücklich gewählt, da sich darin kaum »Debatten« und auch nur teilweise herausragende »Protagonisten« der ökonomischen Diskussion des 18. Jahrhunderts finden lassen. In einer interessanten Fallstudie versucht Céline Spector anhand von Rousseaus »Émile« nachzuweisen, dass dieser eine kohärente Sicht auf die Politische Ökonomie und ihre Rolle für die Gesellschaft entwickelt hatte. Fabrizio Simon wiederum geht dem Einfluss ökonomischer Ideen auf den Illuminismo giuridico von Beccaria und Filangieri nach. Die beiden Beiträge, die in dieser Sektion der iberischen Halbinsel gewidmet sind, befassen sich mit den Persönlichkeiten von Pedro Rodríguez de Campomanes (Jesús Astigarraga) und Ramón Lázaro de Dou y Bassols (Lluís Ferran Toledano González). In einer dritten Sektion zu »Idées économiques, pays et émergence de la sphère publique« zeigt zunächst Antonella Alimento, wie insbesondere die Gruppe von Ökonomen um den Handelsintendanten Vincent de Gournay zwischen 1750 und 1760 mit verschiedenen Mitteln versuchte, die Diskussion über bestimmte ökonomische Fragen in die Öffentlichkeit hinauszutragen und dort einen Konsens herzustellen. Im darauf folgenden Beitrag von Niccolò Guasti steht nochmals Campomanes im Zentrum, der laut Guasti durch eine Aufweichung der Zensur und größere Pressefreiheit sowie durch die Befürwortung der Bildung ökonomischer Gesellschaften versuchte, öffentliche Debatten insbesondere in Bezug auch auf ökonomische Probleme anzuregen. Den Abschluss des Bandes bilden eine Studie von Gabriel Paquette zum Zusammenspiel von lokalem Wissen und gesamteuropäischen politisch-ökonomischen Ideen bei der Reform des portugiesischen Kolonialreichs sowie ein Aufsatz von Daniel Roche, der sich nochmals dem französischen Fall zuwendet und zeigt, wie ökonomische Fragen ein seit der Mitte des 18. Jahrhunderts immer weiter wachsendes Gewicht in den Diskussionen der aufgeklärten Akademien und Gesellschaften erlangten.

    Die einzelnen Beiträge sind durchweg überzeugend und regen zu einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema an. Auch stellen sie eindrucksvoll unter Beweis, welch große Bedeutung ökonomischen Problemen und Fragen im öffentlichen Diskurs der Aufklärung zukam. In Bezug auf seine Ausgangshypothese hinterlässt der Band jedoch einen etwas gemischten Eindruck. Denn die genaue Rolle, welche die Politischen Ökonomie bei der Entstehung und Entwicklung der Öffentlichkeit nun tatsächlich spielte, kann nicht immer klar nachvollzogen werden: Trugen ökonomische Debatten maßgeblich zur Entstehung einer aufgeklärten Öffentlichkeit bei, wie die dem Band zugrunde liegende Hypothese lautet, oder fand die Politische Ökonomie nicht vielmehr Resonanz und weitere Verbreitung in einer Öffentlichkeit, die sich zumindest teilweise schon zuvor und aufgrund von anderen, nicht primär ökonomischen Anliegen gebildet hatte? Vielleicht wäre es fruchtbarer gewesen, von einer wechselseitigen Bedingung von Politischer Ökonomie und Öffentlichkeit anstatt von einer einseitigen Beeinflussung auszugehen. Die geographische Reichweite kann ebenfalls nur teilweise überzeugen. Der Fokus des Bands liegt auf Frankreich und der iberischen Halbinsel, auch Italien wird berücksichtigt. Großbritannien und die Territorien des Alten Reichs hingegen werden vollkommen ausgeblendet. Zumindest die schottische Aufklärung hätte wohl einen Platz auch außerhalb des zusammenfassenden Beitrags von Robertson verdient gehabt. In jedem Fall hätte man sich gewünscht, dass die Auswahl der Fallstudien begründet worden wäre. Diese Einwände ändern aber letztlich nichts daran, dass der Band insgesamt einen interessanten und wichtigen Beitrag zur Erforschung der Politischen Ökonomie im Zeitalter der Aufklärung darstellt.

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    PSJ Metadata
    Moritz Isenmann
    J. Astigarraga, J. Usoz (dir.), L’économie politique et la sphère publique dans le débat des Lumières (Moritz Isenmann)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Europa
    Politikgeschichte, Wirtschaftsgeschichte
    17. Jh., 18. Jh., 19. Jh.
    4015701-5 4003524-4 4115586-5 4043152-6
    1680-1850
    Europa (4015701-5), Aufklärung (4003524-4), Politische Ökonomie (4115586-5), Öffentliche Meinung (4043152-6)
    PDF document astigarraga_isenmann.doc.pdf — PDF document, 98 KB
    J. Astigarraga, J. Usoz (dir.), L’économie politique et la sphère publique dans le débat des Lumières (Moritz Isenmann)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/FN/astigarraga_isenmann
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:10
    Zugriff vom: 24.04.2017 17:09
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