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    F. Alfieri, C. Ferlan (a cura di), Avventure dell’obbedienza nella Compagnia di Gesù (Josef Johannes Schmid)

    Francia-Recensio 2014/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Fernanda Alfieri, Claudio Ferlan (a cura di), Avventure dell’obbedienza nella Compagnia di Gesù. Teorie e prassi fra XVI et XIX secolo, Bologna (Società editrice il Mulino) 2012, 267 p. (Annali dell’Istituto storico italo-germanico in Trento. Quaderni, 86), ISBN 978-88-15-23789-7, EUR 22,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Josef Johannes Schmid, Mainz/Manubach

    Im Kontext der Jesuitengeschichtsforschung hat die Ordensvorschrift des unbedingten strikten Gehorsams gegenüber dem Ordensoberen und dem Papst einen nahezu mythischen Stellenwert erreicht. Mit vielen Mythen der Geschichtswissenschaft teilt dieses Phänomen aber auch die Tatsache des nahezu völligen Fehlens einschlägiger systematischer Quellenforschungen, welche Umfang, Bedeutung oder, auch nur Relevanz und historische Signifikanz dieses Punktes erhärten. »Man« weiß es eben, »man« postuliert es – und außerdem steht es ja auch in der Regel des Ignatius …

    Wie aber verhielt es sich tatsächlich mit jener viel erwähnten oboedientia – war sie tatsächlich Dreh- und Angelpunkt allen jesuitischen Handelns und Taktierens?

    Nun, die Antwort auf diese bedeutsame Frage vermag abschließend auch das vorliegende Büchlein, entstanden unter der Ägide von Fernanda Alfieri und Claudio Ferlan, nicht zu geben – und dies ist auch gar nicht seine Absicht. Mit allen Sammelwerken hat es gemeinsam, einen übergeordneten Sachverhalt in mehr oder minder lockerer, aber konsistenter Form darzubieten, ohne Anspruch auf erschöpfende Erörterung des Themas zu erheben. Vielmehr sind es Anliegen und Ambition der hier zu erörternden Anthologie, eher Randgebiete und Ausblicke dieses weiten Themas abzustecken. Ein Unterfangen, welches – dies sei hier schon konstatiert – überzeugend gelingt.

    Es sei dem Rezensenten verziehen, dass an dieser Stelle schon allein aus Gründen des Umfangs nicht alle in diesem Bande angestellten Überlegungen, Analysen und Thesen jeweils einzeln besprochen werden können; dies würde das hier anzustrebende Konzept einer Gesamtwürdigung sprengen. Ebenso sei auf eine bloße tabellarische Wiedergabe der Inhalte anhand des reinen Index verzichtet, welche ermüdend und wenig hilfreich wäre.

    Am ehesten noch mit dem allgemeinen Bild der jesuitischen Gehorsamspraxis und den damit zusammenhängenden politischen Implikationen befasst sich der Beitrag von Paolo Briggio über Rolle und Einfluss des spanischen Hofbeichtvaters Nithard zu Zeiten der den letzten katholischen Königen aus dem Hause Habsburg vermählten Monarchinnen. Nithard ist spätestens seit den 1920er Jahren keine unbekannte Figur der Geschichtsschreibung mehr, die Ausführungen Briggios heben daher auch mehr auf die Rolle des Paters im Kontext der neueren thematischen Forschung ab, vernachlässigen die Quellen dabei aber erfreulicherweise keineswegs.

    Andere Beiträge, wie etwa jener Guido Monginis über die theologische Lehre der Patres SJ zur Ursprungstheorie als Grundlage der Ordensorthodoxie, Franco Mottas zum Verhältnis von Glaube und Autorität bei Gregor von Valencia, oder Emanuele Colombos zur Tugendlehre des Gehorsams und deren Auswirkungen im Leben und Schaffen Tirso González de Santellas behandeln allgemeine Konstanten und Probleme anhand ausgewählter Einzelbeispiele. Dies gilt auch und vielleicht in erhöhtem Maße für den sehr anschaulichen Beitrag von Claudio Ferlan zur Reliquienverehrung und ihrer Signifikanz für die Missionstätigkeit des späten 16. Jahrhunderts, an Juan de Casasola exemplifiziert. Hierbei handelt es sich um einen der kulturhistorisch relevantesten Aufsätze des Bandes, wiewohl seine Titelrelevanz sich nicht unmittelbar erschließt.

    Gleiches gilt für eines der unbekanntesten Kapitel der Ordensgeschichte: das »Exil« von Teilen der ignatianischen Gemeinschaft im spätkatharinischen Russland. Dieser Kontext erfährt hier eine eingehende Beleuchtung, welche man sich in dieser Dichte auch für andere ebenfalls an den Höfen der Kaiserinnen und Kaiser, von Ekaterina II. bis Alexander I., gestrandeten Ordensgruppen (man denke nur an die Trappisten aus Frankreich und den Niederlanden) wünschte. Die Korrelation zur jesuitischen Gehorsamsidee tritt dabei aber eher in den Hintergrund, wiewohl sie gerade in Bezug auf die oft informellen Kontakte zwischen byzantinischer Kaiserin und römischem Papst durchaus evident wird.

    Beschlossen wird der Band mit einem Fallbeispiel ganz besonderer Art – den (postulierten) Identitätskrisen jesuitischer Geistlicher des 19. Jahrhunderts angesichts des Auftrages zum großen Exorzismus in Fällen dämonischer Besessenheit. So interessant die angeführten Beispiele für sich auch sein mögen – dieser Themenkomplex wäre in einem stärker theologisch (dogmatisch und pastoral) ausgerichteten Werk mit entsprechender Sensibilität und Verortung besser aufgehoben gewesen.

    Diese wie andere angestellte Beobachtungen respektive Einschränkungen sollen und möchten jedoch keineswegs Anspruch und Berechtigung des Büchleins in Abrede stellen. Trotz einer vielleicht an manchen Orten zu starken Betonung des Methodischen, beziehungsweise einer übermäßig dimensionierten und mitunter ausschweifenden Literaturdiskussion, die für diesen beschränkten Rahmen einer Aufsatzsammlung nur sehr bedingt hilfreich ist, erreicht das Werk durchaus sein Ziel, die Aufmerksamkeit der Fachwelt auf weniger bekannte Erscheinungsformen eines alt- und scheinbar allbekannten Phänomens zu lenken. Wer hier von Rand- oder Nebenerscheinungen sprechen möchte, unterstellt ein in sich thematisch hierarchisiertes Geschichtsbild, welches keineswegs Allgemeingültigkeit beanspruchen kann.

    Nein – alle hier vorliegenden Beiträge verdienen ihre gerechte Betrachtung als wertvolle Mosaiksteine eines Gesamtbildes, welches après lecture größer erscheint, als es der Titel zunächst suggeriert. In der Tat ein Buch der geistigen Abenteuer.

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    PSJ Metadata
    Josef Johannes Schmid
    F. Alfieri, C. Ferlan (a cura di), Avventure dell’obbedienza nella Compagnia di Gesù (Josef Johannes Schmid)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000004814
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4003990-0 4019782-7 80092-2 4043735-8
    1500-1900
    Europa (4015701-5), Autorität (4003990-0), Gehorsam (4019782-7), Jesuiten (80092-2), Ordensleben (4043735-8)
    PDF document alfieri_schmid.doc.pdf — PDF document, 99 KB
    F. Alfieri, C. Ferlan (a cura di), Avventure dell’obbedienza nella Compagnia di Gesù (Josef Johannes Schmid)
    In: Francia-Recensio 2014/3 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-3/FN/alfieri_schmid
    Veröffentlicht am: 25.09.2014 13:55
    Zugriff vom: 25.06.2017 08:56
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