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R. Lorenz, Gewerkschaftsdämmerung (Werner Bührer)

Francia-Recensio 2014/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Robert Lorenz, Gewerkschaftsdämmerung. Geschichte und Perspektiven deutscher Gewerkschaften, Bielefeld (transcript)2013, 304 S. (Studien des Göttinger Instituts für Demokratieforschung zur Geschichte politischer und gesellschaftlicher Kontroversen, 6), ISBN 978-3-8376-2286-7, EUR 29,80.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Werner Bührer, München

Auf der diesjährigen Pressekonferenz zum Beginn des neuen Jahres gab sich der scheidende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes ungewohnt zufrieden und selbstbewusst: Selten sei die deutsche Gewerkschaftsbewegung so geeint gewesen, so Michael Sommer, die Zeiten sinkender Mitgliederzahlen seien vorbei, das öffentliche Ansehen der Gewerkschaften sei höher als beispielsweise das der Kirchen. Wie verträgt sich diese optimistische Bilanz vom Januar 2014 mit dem titelgebenden Befund des Buches von Robert Lorenz? Der Göttinger Politikwissenschaftler würde darin möglicherweise nur einen weiteren Beleg für die von ihm konstatierte »fatale Mixtur unangebrachten Selbstbewusstseins aus fälschlich angenommener Stärke« (S. 254) sehen, die für den »Niedergang« der Gewerkschaften (S. 253) in den letzten 30 Jahren verantwortlich sei und verhindert habe, dass energische Reformen in die Wege geleitet wurden, um die Mitgliederverluste, die dadurch verursachten finanziellen Einbußen und den schwindenden politischen Einfluss zumindest aufhalten zu können.

Lorenz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demokratieforschung an der Universität Göttingen und nach eigenem Eingeständnis bislang an Gewerkschaftspolitik und -geschichte nicht sonderlich interessiert, möchte vor allem untersuchen, wie die Gewerkschaften »seit der ökonomischen Zäsur in den frühen 1970er Jahren auf Umbrüche, Krisen, Chancen«, mithin »auf Wandlungen ihres gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umfelds« reagierten. Er will klären, worin ihre »Leistungen für den Zusammenhalt der Gesellschaft und die Stabilität des politischen Systems« bestanden und eventuell noch immer bestehen (S. 9), und ob die Gewerkschaften »noch zum Funktionieren der Demokratie« (S. 10) beitragen.

Auf nur rund 50 Seiten zeichnet Lorenz die Geschichte der Gewerkschaften vom Industriezeitalter bis in die 1970er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nach: Waren sie zunächst die »Strukturgewinner« (S. 11) der Industrialisierung, wandelten sie sich zwischen Erstem Weltkrieg und Ende der Weimarer Republik vom »Kriegsgewinner« – die Arbeitgeber akzeptierten sie zum ersten Mal als Verhandlungspartner – zum »Demokratieverlierer«. Denn trotz ihres gestiegenen Einflusses konnten sie den Untergang der Weimarer Demokratie nicht verhindern. Sehr knapp behandelt er die Wiedergründung nach 1945, als die Gewerkschaften eine neue Blütezeit erlebten, weil sie zur »persönlichen Wohlstandssteigerung« vieler Arbeitnehmer beitrugen (S. 53), den allmählichen »Weg in die Wagenburg« (S. 54) in den 1960er und schließlich die »Entfremdung vom Arbeitsmarkt« (S. 57) in den 1970er Jahren. Letztere lieferten zugleich einen »Vorgeschmack« auf die folgenden Jahrzehnte, »in denen sich die Beziehung zwischen Arbeitnehmern und Gewerkschaften lockerte« und die »milieuvermittelte Loyalität einer interessengeleiteten Bindung wich« (S. 66).

Der Zeitraum zwischen 1980 und 2010 steht denn auch im Zentrum des Buches, ihm widmet der Autor knapp 200 Seiten. Die Gewerkschaften sieht er nun eindeutig als »Modernisierungsverlierer«, die es nicht geschafft hätten, sich der Entwicklung hin zur Dienstleistungsgesellschaft und den daraus resultierenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt anzupassen. Sie konzentrierten sich weiter auf ihre Kernklientel und »beschützten vorwiegend gut bezahlte und annehmlich sozialversicherte Arbeitsplätze« (S. 164), anstatt sich um »Frauen, Migranten, Geringqualifizierte« zu kümmern – »Gruppen, die sich von Gewerkschaften und Betriebsräten alleingelassen, ausgeschlossen, ja diskriminiert fühlten« (S. 166). Sie verteidigten »Normalarbeitsverhältnisse« und lehnten »nahezu sämtliche anderen Erwerbsformen« pauschal ab, ohne zu erkennen, dass diese »gewerkschaftlich verfluchten Beschäftigungsverhältnisse« vielen Arbeitnehmern »etliche Vorzüge« brachten (S. 162). Auf den Schwund an Mitgliedern, finanziellen Mitteln und politischem Einfluss reagierten die Gewerkschaften verspätet, schwerfällig und oft mit untauglichen Mitteln wie Fusionen, einer Art »Megatrend der Gewerkschaftswelt der 1990er Jahre« (S. 134), als mit der IG Bauen-Agrar-Umwelt oder der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, kurz ver.di, zahlreiche »komplexe Konglomerate« entstanden, die das »überkommene Prinzip der Branchengewerkschaft sehr großzügig auslegten« (S. 135). Vor dem Weg in die »Isolation« (S. 140) konnten solche Maßnahmen die Gewerkschaften indes nicht bewahren.

Soweit in aller Kürze die flott geschriebene Darstellung, die allerdings über weite Strecken nicht über ein bloßes Gewerkschaftsbashing hinauskommt. Einige Beispiele: Mit der innergewerkschaftlichen Demokratie sei es kaum besser bestellt als »im Vatikan oder dem Kreml zu Zeiten der Sowjetunion« (S. 145); die IG Metall schien »nach innen herein (sic!) so eine Art Mafia« zu sein (S. 147); viele Gewerkschaftsfunktionäre pflegten ein »klassenkämpferisches Vokabular« (S. 150); dem DGB-Vorsitzenden Sommer und dem ver.di-Chef Bsirske hätten »Kritiker ohne Weiteres mit schlagkräftigen Argumenten […] vorwerfen können, ihre Organisationen zugrundegerichtet zu haben« (S. 94); die Gewerkschaftsvorstände seien »in sämtlichen Jahrzehnten der bundesrepublikanischen Geschichte anachronistisch« gewesen (S. 171).

Diese Liste ließe sich mühelos fortsetzen. Sie demonstriert die Neigung des Autors, »arg zugespitzt« (S. 11) zu formulieren. Man hat mitunter den Eindruck, als habe sich da einer seinen Ärger und seinen Frust über diese »Dinosaurier« (S. 7) von der Seele schreiben müssen, ohne nach links oder rechts zu blicken (und ohne auf Redundanzen zu achten). Denn die Probleme, die er durchaus zutreffend diagnostiziert, haben auch andere Großorganisationen wie die Arbeitgeberverbände oder die Kirchen. Also liegt es möglicherweise nicht allein an selbstzufriedenen und abgehoben agierenden Gewerkschaftsbossen und -funktionären, dass die bisherigen Reformversuche scheiterten. Und wie solchen anachronistischen und traditionsverhafteten Organisationen plötzlich Reformer wie Berthold Huber, der seit 2007 bis vor kurzem IG-Metall-Vorsitzender war, entspringen können, will auch nicht so recht einleuchten. Kurzum: ein durchaus lesenswertes, ein provokantes Buch, dem etwas weniger Lust an Zuspitzungen und Vereinfachungen wirklich gut getan hätte.

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PSJ Metadata
Werner Bührer
R. Lorenz, Gewerkschaftsdämmerung (Werner Bührer)
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000003894
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte, Wirtschaftsgeschichte
20. Jh.
4011882-4 4020872-2
1900-2000
Deutschland (4011882-4), Gewerkschaft (4020872-2)
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R. Lorenz, Gewerkschaftsdämmerung (Werner Bührer)
In: Francia-Recensio 2014/2 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/ZG/lorenz_buehrer
Veröffentlicht am: 30.06.2014 16:40
Zugriff vom: 13.12.2017 21:40
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