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D. Raeymakers, One Foot in the Palace (S. Hertel)

Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Dries Raeymakers, One Foot in the Palace. The Habsburg Court of Brussels and the Politics of Access in the Reign of Albert and Isabella, 1598–1621, Louvain (Presses universitaires de Louvain) 2013, XVIII–366 p., 8 ill., ISBN 978-90-5867-939-0, EUR 65,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Sandra Hertel, Wien

Die Forschung zu den ehemals habsburgischen Niederlanden hat in den letzten Jahren neuen Schwung erfahren. Anstoß dazu hat die Brüsseler Ausstellung »Albert & Isabella« im Jahr 1998 gegeben. Neben politischen und biografischen Studien rückte zunehmend auch der Hof als Zentrum von Herrschaft und Kommunikation in den Mittelpunkt. Insbesondere im Kontext der »Composite Monarchy«, also der zusammengesetzten Habsburgermonarchie, verwiesen Studien zu Zeremoniell und Repräsentation auf unterschiedliche Formen der Interdependenz und Konkurrenz der Höfe Wien, Madrid und Brüssel. Von 2005 bis 2011 hat sich an den Universitäten Gent und Antwerpen ein Forschungsprojekt mit dem Hof und der Politik des Statthalterpaares Isabella von Spanien und Erzherzog Albert/Albrecht VII. von Österreich beschäftigt. Die nun auf Englisch erschienene Dissertation von Dries Raeymaekers ist neben der Dissertation von Birgit Houben 1 über die Hofhaltung von Isabella ein Ergebnis dieses Projekts.

Ausgehend von den grundlegenden Untersuchungen von Luc Duerloo 2 analysiert der Autor den Brüsseler Hof im Hinblick auf die politische Positionierung der Statthalter innerhalb der europäischen Machtstrukturen. Erzherzog Albert, vormals Erzbischof von Toledo und Vizekönig von Portugal, wurde 1598 zum Statthalter der Spanischen Niederlande ernannt, die seiner im selben Jahr angetrauten Ehefrau und Cousine Isabella von Spanien von Philipp II. als eigenes Herrschaftsgebiet übertragen wurden. Bis zu seinem Tod 1621 regierten Albert und Isabella über ein selbstständiges, aber nicht völlig vom spanischen Einfluss gelöstes Gebiet. Als Sohn von Kaiser Maximilian II. und Bruder der Kaiser Rudolf II. und Matthias stellte der Erzherzog zeitweise sogar Ansprüche auf den Kaiserthron.

Anhand der Besetzung der obersten Hofchargen und des Zeremoniells am Brüsseler Hof versucht Raeymaekers die politische Stellung des Hofes sowie die dynastischen Ansprüche des Erzherzogs zu entschlüsseln. Um die Souveränität und Legitimität des Hofes und seiner Fürsten zu untermauern etablierte Albert einen prächtigen, im damaligen Vergleich auch quantitativ großen Hofstaat mit einem spanisch-burgundisch-habsburgischen Zeremoniell. Dadurch sollte an die Würde des Madrider Hofes und das burgundische Erbe der Habsburger angeknüpft werden. In der Definition des Zeremoniells und seiner historischen wie zeitgenössischen Bezüge ist der Autor leider etwas unschlüssig, da er zwar die spanischen Einflüsse herausarbeitet, im Fazit aber eher über ein allgemein habsburgisches Zeremoniell spricht. Hier wäre es besser gewesen, auf die überholten nationalen Definitionskategorien für das Zeremoniell zu verzichten. Zu Recht betont er allerdings die auf die Außenwahrnehmung des Hofes abzielenden Repräsentationsmechanismen, die über das Zeremoniell den souveränen Status des Hofes vor den Gesandten verdeutlichten.

Dass es sich bei dem habsburgischen Machtbereich um eine »Composite Monarchy« handelte, spiegelte sich auch in der Herkunft der höchsten Amtsträger. Während ältere Literatur stets den spanischen Einfluss in Brüssel betont hatte, kann Raeymaekers nachweisen, dass auch niederländische Adelige sowie katholische Exilanten aus diversen europäischen Gebieten am Hof angestellt wurden und über ein exklusives Zutrittsrecht zu den Statthaltern verfügten. Ausführlich porträtiert werden die wichtigsten Familien am Hof, die ihre Gunstzuweisungen vor allem durch Loyalität verdienten. Detailliert wird dargestellt, wie Albert seine loyalen Hofchargen für diplomatische und konkrete dynastische Interessen als Agenten und Unterhändler einsetzte. Auch die Verzahnung von Hofdienst und ständischer Vertretung als Phänomen frühneuzeitlicher Kommunikationsstrukturen werden bei dieser Studie ausführlich und nachvollziehbar rekonstruiert. Informelle Handlungsspielräume der Hofbediensteten, gesteuert durch die Gunst des Zutrittsrechts, werden aufgezeigt. Nicht verwunderlich ist die Feststellung, dass nach einer anfänglich strategisch geführten Personalpolitik die wichtigsten Posten in der unmittelbaren physischen Nähe zum Erzherzog und der Infantin aus persönlichen Gründen vergeben wurden. Langjährige Favoriten, wie Rodrigo Niño y Lasso, Herzog von Añover, standen dem Erzherzog durch gemeinsame Kriegserlebnisse und eine langjähre Zusammenarbeit auch persönlich nah und konnten in den höfischen Macht- und Kommunikationsstrukturen eine informelle Schlüsselposition einnehmen, die die eigentlichen Kompetenzen des Hofamtes weit überschritt. Der Herzog von Añover führte die zentrale Korrespondenz mit dem Staatsrat in Madrid und zeigte sich alleinig für die Finanzen in Brüssel verantwortlich. Die Gunst des Paares rentierte sich auch monetär, denn der Herzog häufte ein enormes Vermögen an, wodurch seine Rolle von Zeitgenossen und Konkurrenten sehr kritisch gesehen wurde. Seine hohe Autorität war weit über die Grenzen des Hofes bekannt und so wurde er als eigenständige Größe von Besuchern und Diplomaten aufgesucht.

Eine Schwachstelle des Buches ist die mangelnde Beschäftigung des Autors mit der politischen Rolle der Infantin und Statthalterin Isabella. Dies mag aus Rücksichtnahme auf die gleichzeitig entstandene Dissertation der Kollegin Birgit Houben geschehen sein, doch für den Leser ergibt sich leider ein unrundes Bild von der Funktion des Hofes und den politischen Handlungsspielräumen der Akteure. Die Behandlung der Infantin als Anhang des Erzherzogs bei gleichzeitiger Aufwertung anderer männlicher politischer Akteure entspricht nicht ihrer historischen Stellung. Gerade die Betrachtung des Verhältnisses zwischen Hofkavalieren und Hofdamen in Bezug auf die Statthalter als Machtpole hätte noch weitere Einblicke in die politischen Prozesse am Brüsseler Hof geben können. Gab es unterschiedliche Handlungs- und Kommunikationsstrategien und fand ein Austausch oder eine Vermittlung zwischen weiblichen und männlichen Hofbediensteten statt? Auch diese Fragen wären im Hinblick auf die informellen politischen Mechanismen am frühneuzeitlichen Hof interessant gewesen und können es im Hinblick auf weiterführende Forschungen zum Brüsseler Hof noch sein.

Durch den logischen Aufbau und zahlreiche anschauliche Karten und Tabellen ist das Buch sehr übersichtlich und leserfreundlich gestaltet. Die vorgestellten Beispiele von Karriereverläufen und Karriereoptionen sind gut recherchiert und durch biografische Fakten nicht nur anschaulich, sondern auch spannend gezeichnet. Die Studie ist ein wichtiger Beitrag sowohl zur Hofforschung als auch zur politischen Geschichte der Spanischen Niederlande.

1 Birgit Houben, Changing Formats. The Court and the Household of the Governors-General Isabella Clara Eugenia (1621–1633) and the Cardinal-Infant Don Fernando of Austria (1634–1641), Brüssel 2009, unveröffentlichte Dissertation.

2 Luc Duerloo, Dynasty and Piety. Archduke Albert (1598–1621) and Habsburg Political Culture in an Age of Religious Wars, Aldershot, Hampshire 2012.

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PSJ Metadata
Sandra Hertel
D. Raeymakers, One Foot in the Palace (S. Hertel)
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000004248
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Belgien, Luxemburg, Österreich und Liechtenstein
Geschichte allgemein
16. Jh., 17. Jh.
4008460-7 118544233 4359546-7
1598-1621
Brüssel (4008460-7), Habsburger Familie (118544233), Herrschaftssystem (4359546-7)
PDF document raeymaekers_hertel.doc.pdf — PDF document, 90 KB
D. Raeymakers, One Foot in the Palace (S. Hertel)
In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/raeymakers_hertel
Veröffentlicht am: 25.06.2014 11:50
Zugriff vom: 21.11.2017 11:13
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