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A. Pagden, The Enlightenment (G. Eckert)

Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Anthony Pagden, The Enlightenment. And Why it Still Matters, Oxford (Oxford University Press) 2013, XX–436 p., 11 pl., ISBN 978-0-19-966093-3, GBP 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Georg Eckert, Wuppertal

Um das späte Scheitern der Aufklärung sorgt sich der Autor dieses emphathischen Essays in Buchform. Er sieht bedroht, was er für deren wesentliche Errungenschaft hält: »to think globally« (S. 344), eine universalistische, von Skepsis und Wissenschaft getriebene Denkungsart, die sich stets der Gemeinschaft aller Menschen verpflichtet fühlt. Also sucht Pagden nach philosophischen Ursprüngen des Weltbürgertums (S. VIII), um UNO sowie EU als späte Erfüllung aufklärerischer Verheißungen (S. 350) begreifen zu können. Er verteidigt die Aufklärung gerade gegen ihre Kritik im Westen, gegen Alasdair MacIntyres Kommunitarismus (S. 335–341) zuvörderst. All dies geschieht in normativer Absicht und schwungvoll. Der Verfasser versteht sein Schreibe-Handwerk und kennt seine vornehmlich britischen, französischen und deutschen Klassiker. Davon profitiert jeder Leser ungemein, den geschickt gewählte, unter Experten sattsam bekannte Zitate zum Nachdenken über Genese und Geltung der Aufklärung anzuregen vermögen – wenn er denn auf deren Kontextualisierung keinen Wert legt (dazu paßt die Unsitte unkommentierter Abbildungen).

Just diese Montagetechnik allerdings frustriert jeden Leser, der breiten historischen Erkenntnisgewinn erhofft. Den Anspruch eines »work of history« (S. XIV) kann das Buch nicht einhalten. Dazu fehlt ihm insbesondere eine klare Fragestellung. Zur einzig präzisen Eingrenzung gerät eine chronologische, die indes weder eingehend reflektiert noch eingehalten wird: Pagden wählt ein »langes« 18. Jahrhundert – und macht neben David Hume mit Thomas Hobbes dennoch einen Denker des frühen 17. Jahrhunderts zum wichtigsten Kronzeugen seiner Ausführungen. Daraus hätte sich eine spannende These formen lassen, verdankte sich diese Wahl nicht der schwer haltbaren Überlegung, es gehe die Aufklärung zurück auf das »historical failure of Christianity to continue to provide the kind of intellectual, and consequently moral, certainty which it had once done« (S. 343). Innovativ mutet diese These kaum an, zumal sie von überaus selektiver Lektüre zeugt: »It is undeniably true that the Enlightenment was profoundly anti-religious« (S. XI).

Leider strukturieren derlei klischeehafte Annahmen die Abfolge der insgesamt acht Kapitel. Deren erstes handelt den Verlust eines einheitlichen Weltbildes ab, konzentriert sich auf den Bruch mit der Scholastik und streift die neuzeitliche Skepsis. Ob die tabula wirklich derart rasa gewesen ist, wie es Pagden der Selbsteinschätzung der konsultierten Klassiker entnehmen zu sollen glaubt, darf man getrost bezweifeln. Immerhin zeigt er, wie nicht Vernunft allein, sondern auch Gefühle die Aufklärung ausmachten: solche der Geselligkeit und des Mitleids (Pufendorf, Shaftesbury), um die Gemeinsamkeit aller Menschen zu begründen – die man indes gerade in der Spätscholastik schon hätte finden können. Letztere aber eignet sich partout nicht zum Bezugspunkt, weil Pagden nun einmal in die »Fatherless World« der Offenbarungskritiker einführen will. Also umfaßt das dritte Kapitel Humes epistemologische Einwände gegen Wundererzählungen ebenso wie Ansichten französischer Materialisten. Zentrale Bedeutung kommt der folgenden Schilderung der »Science of Man« zu, der sich die Aufklärer vorurteilsfrei angenommen hätten, um Unterschiede zwischen den Menschen soziologisch und historisch zu erklären; ein nahtlos anknüpfendes Kapitel widmet sich vor allem zeitgenössischen Reisebeschreibungen. Auch unter deren Eindruck entstanden schließlich im 18. Jahrhundert große Zivilisationstheorien, denen ein weiterer Abschnitt gilt. Zusammengeführt werden diese Elemente im Kapitel über die »Great Society of Mankind«, über kosmopolitisches Denken der Aufklärer, verbunden mit einem neuen Patriotismus – den der Autor in seiner Belesenheit umstandslos bis hin zu Dolf Sternbergers Verfassungspatriotismus (S. 265) zu verlängern vermag. Am Ende der Argumentation steht der zeitgenössische Anspruch, den »Commonwealth of Nature« weltweit zu institutionalisieren, gipfelnd im Werk Immanuel Kants, der prompt als Ahnherr der Vereinten Nationen und der Europäischen Union auftritt (S. 313). In der Tat übertrifft die Freizügigkeit in der EU Kants Recht der »Hospitalität« – dafür bleiben die Interventionen der UNO hinter seiner Forderung zurück, kein Staat solle in Verfassung und Regierung eines anderen Staates eingreifen (»Zum ewigen Frieden«).

Weniger kursorisch und apodiktisch, komplexer und vielfältiger bliebe eine Wirkungsgeschichte kantianischer und anderer aufklärerischer Gedanken allemal zu schreiben. Dann wäre beispielsweise zu verhindern, daß die Heilige Allianz nur als Rückfall in vorrevolutionäres Balance-Denken erscheint (S. 329, Paul Schroeder sucht man in der Literaturliste vergeblich) – obschon Metternichs Spott über dieses »lauttönende Nichts« sogar trefflich in Pagdens Erzählung gepaßt hätte. An wesentlichen Quellen und am Stand der Forschung gehen auch andere Passagen vorbei. Dass der Anglikanismus » never the threat to freedom of thought and conscience that Catholicism or Calvinism was throughout most of continental Europe « (S. 106) dargestellt habe, hätten zeitgenössische Dissenter mit Fug und ohne Recht bezweifelt. Haben Hume, Diderot und Rousseau tatsächlich zur klassischen »Republic of Letters« gehört (S. 272)? Hätten sie es überhaupt gewollt? An solchen Stellen zeigt sich, wie lohnenswert der Blick auf die politisch-soziale Umwelt gerade der klassischen Texte großer Philosophen wäre, mit denen Pagden arbeitet. Analytischer Mehrwert entstünde etwa, wenn man Lockes revolutionäre Erkenntnistheorie auf seine politische Aktivitäten bezöge (die »Glorious Revolution« wird nur einmal kursorisch erwähnt) oder wenn man Bolingbrokes »Patriot King« an die spezifische Lage in Großbritannien bände.

Es folgen solche inhaltlichen und konzeptionellen Auslassungen gerade keiner Methode, die sie zu legitimieren vermöchte: Warum der Verfasser welche Autoritäten heranzieht, bleibt unreflektiert. Priestley, Görres, Maistre etwa wären keine Aufklärer gewesen? Zudem verfolgt er letztlich keine These, die nicht andernorts längst klarer niedergelegt wäre. Wer die aufklärerische Leitwissenschaft der Anthropologie kennenlernen möchte, ist mit Roy Porters Ausführungen (»Flesh in the Age of Reason«) besser bedient. Wer sich für Säkularisierung interessiert, wird aus Peter Gays klassischer Darstellung (»The Enlightenment«) mehr Nutzen ziehen; zur Erkenntnislehre bieten Ernst Cassirer und Richard Popkin ungleich mehr. Wer an der allzu einseitigen Darstellung Pagdens zweifelt, ziehe Jonathan Israels »Enlightenment«-Trilogie heran. Keine Stärke leider, doch eine systematische Schwäche teilt Pagdens Herangehensweise indes mit derjenigen Israels: Der Versuch, einen inhaltlichen Wesenskern aufklärerischer Überzeugungen zu definieren, mündet geradewegs in einem hermeneutischen Zirkel. Für jeden aufklärerischen Demokratieapostel findet sich ein Anhänger der Fürstenherrschaft, für jeden Atheisten ein Apologet der Offenbarung. Auch die vermeintlichen Gegner der Aufklärung wußten aufklärerisch zu argumentieren. Darum wäre künftig vielleicht mehr nach konkreten Zwecken der Aufklärer zu fragen und zu erwägen, ob der Aufklärung Einheit nicht wesentlich in Rede- und Begründungsweisen lag, die zudem gemeinschaftsbildende Funktionen erfüllten. Auf solche Gedanken kann man bei der Lektüre des hier zu besprechenden, meinungsstarken Buches immerhin gelangen, allen Rechercheschwächen zum Trotze. Es lädt zum Weiterdenken ein, doch eher nicht in den Spuren seines Autors.

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PSJ Metadata
Georg Eckert
A. Pagden, The Enlightenment (G. Eckert)
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CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Europa, USA
Ideen- und Geistesgeschichte
Neuzeit bis 1900
4079237-7 4003524-4 4049716-1
1500-1900
Westliche Welt (4079237-7), Aufklärung (4003524-4), Rezeption (4049716-1)
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A. Pagden, The Enlightenment (G. Eckert)
In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/pagden_eckert
Veröffentlicht am: 30.06.2014 11:50
Zugriff vom: 21.11.2017 11:13
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