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T. Lentz, Napoléon diplomate (B. Severin-Barboutie)

Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Thierry Lentz, Napoléon diplomate, Paris (CNRS Éditions) 2012, 266 p., ISBN 978-2-271-07442-3, EUR 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Bettina Severin-Barboutie, München/Straßburg

Der Titel des vorliegenden Werkes von Thierry Lentz ist in zweifacher Hinsicht trügerisch. Einerseits handelt es sich bei dem Buch nicht, wie man vermuten könnte, um eine Monographie, sondern um einen Sammelband, der mit Ausnahme von der Einleitung und zwei weiteren Kapiteln Vorträge und Aufsätze bündelt, die der Autor seit Mitte der 1990er Jahre gehalten bzw. veröffentlicht und die er nun für die Drucklegung aktualisiert sowie zum Teil erweitert hat. Andererseits geht es darin nicht nur, wie man angesichts des schlichten Titels erwarten könnte, mitunter sogar nicht einmal in erster Linie um den Diplomaten Napoleon. Im Mittelpunkt der insgesamt neun Beiträge steht vielmehr das Bemühen, die Beziehungen Frankreichs mit der »Welt« auszuloten und dabei dem Anteil nachzuspüren, den Napoleon daran besaß. Thierry Lentz beschränkt sich deshalb nicht auf die französische Außenpolitik in napoleonischer Zeit, sondern bettet diese in längerfristige historische Entwicklungen der französischen Diplomatiegeschichte ein und scheut sich nicht, hierbei bis weit in die Frühe Neuzeit zurückzugehen. Das Ergebnis ist eine Erzählung der longue durée , in der das persönliche Moment Napoleons zwar nicht verschwindet, aber neben (zum Teil sogar hinter) struktur- und ereignisgeschichtliche Entwicklungen (zurück)tritt. Es wird deutlich, dass die internationalen Beziehungen Frankreichs über 1799 hinaus von Prämissen und Methoden der Diplomatie des Ancien Régime geprägt blieben und deshalb auch nicht allein aus der Person Napoleons heraus erklärt bzw. gedeutet werden dürfen.

Es ist eine besondere Stärke des Sammelbandes, dass der Fokus der einzelnen Beiträge einmal nicht auf den kriegerischen Auseinandersetzungen Frankreichs mit den europäischen Staaten, allen voran mit England, Österreich, Preußen und Russland, liegt. Der Autor lenkt den Blick vielmehr auf »Peripherien« in Europa, Afrika und Amerika und damit zugleich auf »Peripherien« in der internationalen Geschichtswissenschaft. Es geht um historische (Zeit-)Räume, an die man bei dem Thema nicht ohne Weiteres oder zumindest nicht unmittelbar denkt: Irland, Polen und Spanien vor dem Ausbruch des Aufstandes 1808, Ägypten und Marokko, die Vereinigten Staaten und die kolonialen Besitzstände Frankreichs in der Karibik. Gewiss waren auch diese (Zeit-)Räume eng mit militärischen Konfliktlagen vor und nach 1800 verknüpft, ja, einige Räume wurden, wie Ägypten, Saint-Domingue und Spanien, sogar selbst Schauplätze kriegerischer oder gewalttätiger Auseinandersetzungen. Doch ist Krieg nicht das Prisma, durch das Lentz die Beziehungen dieser Räume mit Frankreich betrachtet. Ihn interessieren stattdessen die Ruhelagen. Die Ausführungen über diese vermeintlichen Nebenstränge der französischen Diplomatie werden durch Abschnitte über die Rolle Napoleons in der Außenpolitik, sein föderatives System in Europa sowie seine der Herrschaftslegitimation dienenden historischen Rückbezüge auf Karl den Großen ergänzt. Lentz gibt also den Blick auf Europa nicht vollständig auf, erweitert ihn aber durch Perspektiven auf weniger untersuchte (Zeit-)Räume inner- und außerhalb des europäischen Kontinents. Damit betreibt er letztlich das, was man eine »Verfremdung des Blicks« nennen könnte.

Das Bild, das er hierbei von der napoleonischen Zeit entwirft, ist nicht nur weitaus komplexer, als jenes, welches man sich gemeinhin davon macht. Es ist auch wesentlich »globaler«, denn es macht deutlich, dass die Herrschaft Napoleons nicht nur als (gesamt)europäische Geschichte, sondern ebenfalls als »Weltgeschichte« begriffen werden kann – ein Befund, den aktuelle interdisziplinäre Forschungen zur Rezeptionsgeschichte der Revolution in Saint-Domingue bestätigen. Abgesehen davon, dass der Autor westeuropäisch geprägte Vorstellungsmuster von der Zeit zwischen 1799 und 1815 durcheinanderbringt, gibt er mit seinem Sammelband eine Reihe von Denkanstößen für transnationale und diachrone Forschungsfragen. So drängen sich bei der Lektüre der Ausführungen über die gescheiterten Bestrebungen Napoleons, in Irland einen Aufstand zu initiieren, unweigerlich Parallelen zu den erfolglosen Bemühungen Preußens auf, im Königreich Westphalen 1809 eine Erhebung gegen die französische Herrschaft anzuzetteln. Der Hinweis auf die Existenz einer irländischen Legion in der Grande Armée erinnert an die King’s German Legion in der British Army, und die weit zurückreichenden Beziehungen zwischen Frankreich und Marokko wie auch das Gefühl von Superiorität anderen Kulturen oder Gesellschaften gegenüber, das in Frankreich offenkundig existierte, werfen nolens volens die Frage nach dem Zusammenhang mit der Kolonialgeschichte späterer Zeiten auf. Ungeachtet der kaum noch zu überschaubaren Arbeiten zur napoleonischen Herrschaft ist das Feld also noch keineswegs vollkommen bestellt.

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PSJ Metadata
Bettina Severin-Barboutie
T. Lentz, Napoléon diplomate (B. Severin-Barboutie)
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000003881
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Familiengeschichte, Genealogie, Biographien, Politikgeschichte
Neuzeit bis 1900
4018145-5 118586408 4143618-0 4046514-7
1789-1815
Frankreich (4018145-5), Napoléon I., Frankreich, Kaiser (118586408), Außenbeziehungen (4143618-0), Politik (4046514-7)
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T. Lentz, Napoléon diplomate (B. Severin-Barboutie)
In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/lentz_severin-barboutie
Veröffentlicht am: 04.07.2014 10:00
Zugriff vom: 18.11.2017 01:53
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