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    J. Leclant, A. Vauchez, D. Odon-Hurel (éd.), Dom Jean Mabillon, figure majeure de l’Europe des lettres (A. Sohn)

    Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Jean Leclant, André Vauchez, Daniel Odon-Hurel (éd.), Dom Jean Mabillon, figure majeure de l Europe des lettres. Actes des deux colloques du tricentenaire de la mort de dom Mabillon, abbaye de Solesmes, 18–19 mai 2007, palais de l Institut, Paris, 7–8 décembre 2007, Paris (Académie des inscriptions et belles-lettres) 2010, 739 p., ISBN 978-2-87754-237-1, EUR 80,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Andreas Sohn, Paris


    Aus den Akten von zwei internationalen Tagungen, die an den bedeutenden Gelehrten Jean Mabillon (1632–1707) und dessen 300. Todestag erinnerten, ging der vorliegende, mit mehr als 700 Seiten stattliche Band hervor. Dessen Struktur ergab sich aus den beiden Tagungen, die in der Abtei Solesmes und im Institut de France stattfanden. Dass dieses im 19. Jahrhundert wiedererrichtete Kloster als Tagungsort gewählt wurde, erklärt sich daraus, dass der Gründer Dom Prosper Guéranger, seit 1837 als erster Abt fungierend, sein monastisches Reformwerk ebendort mit ausdrücklichem Bezug auf die Kongregation von Saint-Maur begann und das Ideal klösterlichen Lebens mit wissenschaftlicher Bildung und Forschung zu verbinden suchte (siehe hierzu auch den Beitrag von Thierry Barbeau, S. 453–478).

    Der erste Teil des Bandes, erschienen in der Reihe «Académie des inscriptions et belles-lettres«, gilt Mabillon – deren Mitglied seit dem Jahre 1701 – und dem »benediktinischen Europa« im 17. und 18. Jahrhundert, der zweite diesem Mauriner »entre érudition et histoire culturelle«. Der Abt Philippe Dupont von Solesmes hebt in seinen einleitenden Bemerkungen hervor, wie Dom Guéranger Jean Mabillon »comme le modèle des érudits« schätzte (S. 9–11, Zitat S. 10). Jean Delumeau bietet eine kurze Skizze von Leben und Werk Mabillons unter dem Titel »le plus savant homme du royaume« (S. 13–20). So hatte der Erzbischof Charles-Maurice Le Tellier von Reims (1671–1710) den Mauriner bezeichnet, als er ihn König Ludwig XIV. (1643–1715) vorstellte.

    Was Daniel-Odon Hurel als thematischen, auf die beiden Tagungen hingeordneten Aufriss darbietet (S. 21–27), wird dann näher in 34 Beiträgen entfaltet, von denen zwei in Englisch und jeweils einer in Italienisch und Spanisch gehalten sind. Es versteht sich, dass im Folgenden auf diese Beiträge nur ausschnitthaft und in der gebotenen Kürze hingewiesen werden kann.

    Zu Beginn des ersten Kapitels geht Neil Stratford auf die Reise Mabillons im Jahre 1682 nach Burgund ein, welche diesen auch nach Cluny führte (S. 31–42). Auf die Angaben des Mauriners zu einzelnen Quellenbeständen sowie auf seine Beschreibung von Kloster und Kirche wird ausgiebig verwiesen. Dabei stellt Stratford besonders den Plan (mit Stich), veröffentlicht 1713 im fünften Band der »Annales ordinis sancti Benedicti«, als »le document le plus important« für unser Verständnis der Abteikirche (gemeint ist Cluny III) vor ihrer Zerstörung im Zuge der Französischen Revolution dar (S. 41). Die beigegebene Abbildung zeigt eindrucksvoll das größte mittelalterliche Gotteshaus der Christenheit.

    Inos Biffi gewährt Einblicke in die »monastische Theologie« Mabillons (S. 43–58). Mehrere Beiträge beleuchten dessen persönliche und wissenschaftliche Beziehungen zu Spanien (von Antonio Linage Conde, S. 233–247), England (von Geoffrey Scott, S. 249–265) und Italien (von Francesco G. B. Trolese, S. 267–291) – mit Bemerkungen zur Rezeption von dessen Œuvre in diesen Ländern. Wie wichtig Italien für die Forschungen Mabillons war, bezeugt seine Reise in den Jahren 1685 und 1686 – beschrieben von ihm im »Iter Italicum« – , die ihn zusammen mit seinem Mitbruder Michel Germain (1645–1694) den Quellenreichtum zahlreicher Archive und Bibliotheken auf der Apenninenhalbinsel entdecken ließ und ihm ertragreiche Studien ermöglichte. Zugleich verschaffte ihm der Aufenthalt in Italien Möglichkeiten, bestehende Kontakte zu Gelehrten und kirchlichen Würdenträgern zu vertiefen und neue zu knüpfen. Kardinäle wie Gregorio Barbarigo und Girolamo Casanate waren ihm gewogen, Freundschaften entwickelten sich zu benediktinischen Mitbrüdern wie Angelo Della Noce, Abt von Montecassino und Erzbischof von Rossano in Kalabrien, Benedetto Bacchini, unter anderem Bibliothekar in Modena, welcher den monastischen Nachwuchs nach dem Vorbild der Mauriner in Saint-Germain-des-Prés zu wissenschaftlichen Studien anzuleiten suchte, und Erasmo Gattola, dem späteren Verfasser einer 1733 in Venedig erschienenen Geschichte der Abtei Montecassino. Hingewiesen sei noch auf drei Beiträge, welche die thematische Weite des ersten Hauptteiles des Bandes anzeigen: von Lin Donnat zu Mönchtum und Jansenismus (S. 95–112), von Jean-Loup Lemaitre zu dem Mauriner Jacques Boyer und der Liturgie in Zentralfrankreich (S. 159–200) sowie von Thomas Wallnig zu Aspekten der Askese nach Jerôme Le Contat und Claude Martin – auch mit Blick auf das Benediktinertum in Salzburg (S. 293–307).

    Zu Beginn des zweiten Hauptteils skizziert Daniel-Odon Hurel die Beziehungen der Mauriner zur königlichen Académie des inscriptions et belles-lettres, die nach Jean Mabillon 1719 Bernard de Montfaucon als Mitglied aufnahm (S. 323–350). Dass diese Pariser Akademie in späterer Zeit weitere Mauriner ähnlich ehrte, sieht der Verfasser als Beleg für die Würdigung der »complémentarité des talents nécessaires à l’historien« (S. 338). Der Anhang des Beitrags enthält ein Verzeichnis der Ansprachen beziehungsweise der Vorträge von Maurinern in dieser Akademie, zudem Hinweise auf Erwähnungen der Angehörigen der Kongregation in dort gehaltenen Reden. Die zahlreichen Beziehungen, die Jean Mabillon zu Wissenschaftlern in Frankreich und Europa unterhielt, werden an mehreren Beispielen erhellt: so zu dem Philosophen und Theologen Pierre Bayle (von Hubert Bost, S. 361–371) sowie zu dem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz, der ihm ein Exemplar seines »Codex juris gentium diplomaticus« übersandte (von Malte-Ludolf Babin, S. 373–383). Um Henri Jadart (1847–1921), der eine 277 Seiten starke, klar gegliederte Biographie Mabillons, publiziert 1877/1878 als Band 64 in der Reihe »Travaux de l’Académie nationale de Reims«, verfasste und ebenfalls aus den Ardennen kam, kreisen die Ausführungen von Sylvette Guilbert (S. 385–397). Für die Abfassung bediente sich Jadart vor allem der Informationen, die Thierry Ruinart, ein Schüler und Vertrauter Mabillons, schon 1709 zusammengestellt hatte, und der Reiseberichte aus dessen eigener Feder. Als die Reimser Akademie ihrem Mitglied Jadart 1912 anlässlich der Verleihung des Ordens der Ehrenlegion ein Festbankett ausrichtete, wurden die einzelnen Speisen im offiziellen Menü mit einem Ort versehen, mit dem er in besonderer Weise verbunden war – von einer einzigen Ausnahme abgesehen: den Filetstücken des Glattbutts »à la Mabillon«, in Erinnerung an seine Biographie. Dass sich im Werk des Historikers Marc Bloch ausdrückliche Bezüge auf die Schriften Mabillons finden, vermag François-Olivier Touati zu zeigen und unterstreicht so die Bedeutung des Mauriners für die Geschichtswissenschaft des 20. Jahrhunderts (S. 411–452). Touati sieht Blochs Reflexionen und Publikationen von Schriften wie »Traité des études monastiques« und »Brèves réflexions sur quelques règles de l’histoire« beeinflusst.

    Aufschlüsse zum wissenschaftlichen Arbeiten Mabillons gibt François Dolbeau, welcher die ihm und den Maurinern zur Verfügung stehenden Hilfsmittel in einem längeren Beitrag vorstellt (S. 621–669). Dass die Klosterbibliothek von Saint-Germain-des-Prés von einem Brand im Jahre 1794 heimgesucht worden ist, erschwert eine solche Studie. Dolbeau teilt im Anhang unter anderem einen Bernard de Montfaucon zugeschriebenen Brief vom 10. Januar 1696 mit (aus der Handschrift BNF, ms. fr. 25538, f. 358–359v), der uns über die laufenden Forschungen der Mauriner unterrichtet. Unsere Kenntnis der Klosterbibliothek von Saint-Germain-des-Prés ergänzt Donatella Nebbiai, indem sie den Arbeiten und Büchern von Nicolas Camusat (1575–1655) nachspürt, der Domkanoniker in seiner Heimatstadt Troyes war und zum Editionsprogramm patristischer Texte von Luc d’Achery (1609–1685) in mehrerlei Hinsicht beitrug (S. 517–548).

    Olivier Poncet wendet sich Jean Besly aus dem Poitou und seinen historisch-genealogischen Interessen zu (S. 497–515), Patrick Demouy beschäftigt sich mit einem Zeitgenossen Mabillons, dem Historiker Guillaume Marlot aus der Abtei Saint-Nicaise in Reims (S. 549–565), Bernard Joassart vergleicht die Arbeiten der Mauriner mit denen der Bollandisten (S. 567–585). Mit Mabillons Schrift »De re diplomatica« aus dem Jahre 1681 setzt sich Paul Bertrand auseinander und verfolgt die Rezeption bis zum Erscheinen des sechsbändigen »Nouveau traité de diplomatique« der Mauriner Charles-François Toustain und René-Prosper Tassin, erschienen in Paris von 1750 bis 1765 (S. 605–619). Mit diesen beiden grundlegenden Werken zur Diplomatik, die Bedeutung weit über diese hilfswissenschaftliche Disziplin, unerlässlich für jeden Historiker und jede Historikerin, beanspruchen dürfen, ist zugleich ungefähr der zeitliche Rahmen der intensivsten und ergiebigsten wissenschaftlichen Schaffensperiode der Mauriner angegeben.

    Die beiden letzten Beiträge befassen sich mit dem Wirken des Benediktiners Gérard Lefebvre de Lassus in Polen an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert (von Marek Derwich, S. 685–708) und mit Kontroversen um die Schrift »Commentarius in Regulam sancti Augustini«, welche von dem Regularkanoniker Augustinus Erath von Erathsberg, Propst von Sankt Andrä an der Traisen, verfasst war und 1689 in Wien erschien (Beitrag von Thomas Stockinger, S. 709–733). Hiermit werden zwei weitere Veröffentlichungen zusammengesehen, nämlich der Band »Prodromus partis tertiae regularis« des Benediktiners Korbinian Khamm aus dem Augsburger Ulrichskloster (innerhalb seines Werkes »Hierarchia Augustana«) und die »Antilogia« – so kurz zitiert – seines Mitbruders Anselm Schramb aus der niederösterreichischen Abtei Melk.

    Der instruktive Band – eine andere Reihenfolge der Beiträge wäre hier und da vorstellbar gewesen – bietet weitaus mehr, als hier im Rahmen der Rezension angedeutet werden kann. In willkommener Weise zeigt er auch anhand von vielen Einzelbeobachtungen und Detailforschungen, wie unser Kenntnisstand zu Jean Mabillon, den Maurinern und ihrem Umfeld weit über Paris hinaus – mit ihren grundlegenden hilfswissenschaftlichen Werken, Quelleneditionen, profan- und kirchenhistorischen Darstellungen – in den letzten Jahren und Jahrzehnten gewachsen ist. So tritt die Publikation neben die bekannten Biografien Mabillons und wird mit ihren facettenreichen und anregenden Beiträgen, so ist zu hoffen, auch außerhalb Frankreichs die entsprechende Rezeption finden.

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    J. Leclant, A. Vauchez, D. Odon-Hurel (éd.), Dom Jean Mabillon, figure majeure de l’Europe des lettres (A. Sohn)
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    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Familiengeschichte, Genealogie, Biographien, Kirchen- und Religionsgeschichte
    17. Jh.
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    1632-1707
    Frankreich (4018145-5), Mabillon, Jean (118780921), Biografie (4006804-3)
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    J. Leclant, A. Vauchez, D. Odon-Hurel (éd.), Dom Jean Mabillon, figure majeure de l’Europe des lettres (A. Sohn)
    In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/leclant_sohn
    Veröffentlicht am: 30.06.2014 11:45
    Zugriff vom: 21.11.2017 11:09
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