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    D. M. Hopkin, Soldier and Peasant in French Popular Culture (M. Rink)

    Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    David M. Hopkin, Soldier and Peasant in French Popular Culture, 1766–1870, Woodbridge (The Boydell Press) 2013, XIII–394 p., 54 b/w ill. (Royal Historical Society Studies in History New Series), ISBN 978-1-84383-843-2, GBP 17,99.


    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Martin Rink, Potsdam

    Geschichten über Soldaten sind oft Geschichten von Soldaten: in der ganzen Bandbreite zwischen Wort und Bild; im Kontinuum zwischen militärischem Schwadronieren, Märchen und Volkserzählungen. Das vorzügliche Buch von David Hopkins behandelt das Verhältnis von Soldaten und ziviler Gesellschaft – eigentlich ein alter Hut. Die Weise aber, wie sich der Autor seiner Materie nähert, verdient Beachtung und hohen Respekt: Basierend auf seiner Auswertung volkskundlicher Quellen legt Hopkin Alltagsperspektiven zwischen Soldaten und der zivilen Bevölkerung frei. Hierbei fokussiert er sich auf Lothringen als die mit am stärksten von der Präsenz der Armee betroffenen Regionen Frankreichs. Reizvoll ist dabei zumal, dass der Autor sowohl das deutsch- als auch das französischsprachige Lothringen untersucht. Die Region stand mit den anderen französisch- und deutschsprachigen Regionen im Austausch, besaß aber eine gemeinschaftliche Identität als Teil Frankreichs (S. 5f.). Dem trägt auch der Betrachtungszeitraum Rechnung: von 1766, dem Jahr der vollständigen Integration des vormaligen Herzogtums ins benachbarte Königreich bis 1871, der Teilung der Region infolge des deutsch-französischen Krieges. In der Betrachtungszeit setzte sich die französische Staatsnation gegenüber den frühneuzeitlichen, vor allem auch lokalen Vergemeinschaftungsformen und Loyalitäten durch. Auf dem Weg dahin repräsentierten die Armee und ihre Soldaten diesen Trend mehr als jede andere Institution.

    Im ersten Kapitel verdeutlicht Hopkin das »Bild vom Soldaten«, indem er ausführlich den Quellenwert bildlicher Darstellungen erörtert. Gegenüber dem vom städtisch-bürgerlichen Elitendiskurs verfestigten Erzählmuster einer proklamierten Identität von Wehrpflichtigen und ihrer Nation fokussiert sich der Autor auf die Landbevölkerung. Ausführlich erörtert er den Markt von Bildgraphiken, auf denen Soldaten prominent hervortraten. Im Marktgefüge zwischen den Holzschnitzern, den (namentlich in Lothringen beheimateten) Verlegern, den Zensoren den ländlichen Konsumentenschichten operierte ein großräumig operierendes und gut organisiertes Vertriebsnetzwerk fahrender Händler. Zu diesen Hausierern gehörten durchaus ehemalige Soldaten. Auch sonst wurde die Nähe dieser beiden ambulanten Berufszweige herausgestellt: Beide überwanden den Horizont der bäuerlichen Welt; beide hatten die »Welt gesehen« und wussten darüber Geschichten zu erzählen (S. 72). Den Quellenwert dieser Bilder misst Hopkins einen hohen Stellenwert zu: In den Soldatendarstellungen spiegelte sich ein Ausdruck des »Selbst« der bäuerlichen Konsumenten: »In as much as imagery contributed to the furnishing of the mind it both permitted the expression of an individual’s sense of self, but at the same time tended towards the standardisation of those expressions« (S. 55).

    »The soldier’s tale« ist die Thematik, der sich der Autor im zweiten Kapitel widmet: den Geschichten, die über Soldaten erzählt wurden, aber auch denjenigen, die die Soldaten selbst verbreiteten. In einem recht langen, doch schon für sich interessanten methodisch-quellenkritischen Abschnitt zeigt Hopkins die Art, wie Märchen und andere Erzählungen (über Soldaten wie allgemein) Auskunft über Gesellschaft und Mentalität ihrer Zeit geben können. Da Märchensammlungen zumeist von Lokal- oder Regionalpatrioten aufgezeichnet wurden, bleiben die über die Regionen und teils über Kulturkreise hinweg verbreiteten ähnlichen Märchenstoffe Reichweite lange unterbewertet. Gleichzeitig aber adaptierten sich die Geschichten an ihre jeweilige Umwelt (S. 101f.). Märchen können als Abbilder des echten Lebens gelten; umgekehrt konnten die Menschen ihr Leben im Sinne der kursierenden Märchen interpretieren (S. 100). Deshalb gilt es den Erzähl- und Verbreitungskontext zu berücksichtigen. Gelegenheiten zum Geschichenerzählen boten die Winterabende während der veillée . Während die Frauen in der Meistube oder Spinnstube, teils unter explizitem Ausschluss der Männer, zusammen kamen, bot sich für Letztere der Dorfkrug oder die Schmiede als Stätte zur Zusammenkunft und zum Geschichtenerzählen an. Die Folkloristen beschränkten sich dagegen auf die Pflege vom Topos der alten Frau mit ihren Kindergeschichten (S. 117). Viele Geschichten waren aber gerade nicht für Kinder oder Mädchen geeignet, sondern Männersache. In besonderer Weise traten Soldaten als Geschichtenerzähler hervor; oft tauchten sie selbst auch in den Geschichten als Geschichtenerzähler auf (S. 108–124). Märchen verarbeiteten oft »Soldatenstoff«, was die Bearbeitung im Laufe des 19. Jahrhunderts erfolgreich vergessen gemacht hat, nicht nur die der Grimms.

    Im dritten Kapitel, bezeichnenderweise dem längsten, beginnt Hopkin den »Lebenszyklus« des Soldaten mit der Nachzeichnung der beiden alternativen Möglichkeiten des Soldatwerdens: entweder als Wehrpflichtiger oder als Freiwilliger. Die im nachrevolutionären Frankreich um 1800 eingeführte Konskription führte zu einer Umprägung der dörflichen Rituale, der sich die jungmännliche Dorfjugend zwischen Auslosung und dem tatsächlichen Einrücken zum Regiment hingab. Die Wehrpflicht trug entscheidend dazu bei, die Schwelle zum Erwachsensein neu zu codieren. Für die Burschen der jeweiligen Einziehungsjahrgänge ( classes ) vollzog sich die Wehrpflicht in den Teilschritten von der Auslosung (wen das schlechte Los einer niedrigen Zahl traf, der musste Soldat werden) über die Musterung bis zur Zeit der tatsächlichen Einberufung. Im Wechsel zwischen den Heimatorten und den jeweiligen administrativen Hauptorten pflegte die segregierte Jungmännerschaft öffentlichkeitswirksame Festivitäten und Umzüge. Diese Abgrenzungsrituale richteten sich namentlich gegen (und an) die gleichaltrigen jungen Frauen am Ort. An die Wehrpflicht knüpfte sich eine Abfolge von Übergangsriten, deren Ausgestaltung oft in Anlehnung an die Rituale einer Eheschließung erfolgte. Die Wehrpflicht dokumentierte Männlichkeit, einschließlich der Tauglichkeit für Frauen: »›Fit for the girls‹ and »›Fit for service‹« (S. 164). Die so überformten lokalen kollektiven Gewohnheiten unterzogen sich im Verlauf des frühen 19. Jahrhunderts einer fortwährenden Institutionalisierung (S. 167). Das fand seine Abbilder in den bildlichen Darstellungen der Lebenszyklen, die fortan das Soldatsein als Lebensphase fest integrierten. Anders als die Wehrpflichtigen trafen die Freiwilligen aus eigenem Entschluss die Entscheidung zum Regiment zu gehen. Die Bezüge zur Gesellschaft erscheinen aber auch hier in Geschichten und auf Bildern. Der Weggang zur Armee und die Wiederkehr wurden in das Gleichnis vom Verlorenen Sohn gefasst. Bemerkenswerterweise wandelte sich diese Erzählung im Zeitverlauf. Im späten 18. Jahrhundert dominierte noch die vom Weggang des Sohns enttäuschte und ob der überraschenden Wiederkehr des Verwandelten versöhnte Vaterfigur. Diese wurde im 19. Jahrhundert zunehmend von der wartenden Liebsten ersetzt. Das deutet auf die Umprägung des Soldatenbildes hin: vom Ausreißer zum Vaterlandsverteidiger. Gleichzeitig unterstreicht es die Transformation des Soldat Gewordenen zum echten Mann.

    Das vierte Kapitel widmet der Autor dem aktiven Dienst der Soldaten und den Bildern, die Aufschluss über das Verhältnis von Militär- und Zivilstand geben können. Natürlich knüpfte sich die – erneut als rite-de-passage inszenierte – Separation des jungen Mannes von seiner bisherigen Umgebung an entsprechend ritualisierte, nun rein militärische Verfahrensweisen. Dies schlug sich in umfangreichen Abbildungen nieder, denen dieses bildreichste Kapitel des Buches Rechnung trägt. Die Trennung der Soldaten gegenüber der Normalbevölkerung verband sich mit der Betonung der Differenz: Das Militär als adlig konnotierter Wehrstand; Soldaten als außerhalb der Normen stehende Plünderer oder Banditen; teilweise aber auch als gerissene Retter in der Not. Um diesen Unterschied zwischen Militär und Zivil zu illustrieren, boten sich die besonders pittoresken leichten Truppen wie Husaren an; oder die Kolonialtruppen wie die Zuaven. Die positiv wie negativ konnotierbare Normabweichung als soldatentypisches Erzählmuster knüpfte sich an den Topos des soldatischen »Wein, Weib und Gesang« (S. 261–275). Gegenüber der bürgerlichen Umwelt erschien das Soldatentum als Gegenwelt; teils mit Nähe zur Unterwelt (S. 275–281).

    Auch nach ihrer Entlassung galten Soldaten als Männer mit spezifischen – gefürchteten, beargwöhnten oder bewunderten – Erfahrungen in der weiten, außerbäuerlichen Welt. Dies erörtert Hopkins in seinem fünften Kapitel, das dem Veteranen gilt. Gegenüber dem in bildungsbürgerlichen und städtischen Kreisen zunehmend favorisierten Bild vom gesellschaftlich integrierten Bürger-Soldaten oder Ackerbauer-Soldaten ( soldats-laboureurs ) blieb die ländliche Bevölkerung beim Bild vom Soldaten als Vertreter der Gegenwelt. Das illustrieren die Erzählungen über Figuren wie Cartouche oder La Ramée mit ihren Streichen, Un- und Heldentaten. Je nach Publikum und Erzählkontext überdauerten diese Geschichten dabei in sehr unterschiedlichen Versionen. Auch hier wiederholt der Autor sein Leitmotiv: Dem Soldaten war es erlaubt, Dinge zu tun, die dem Bauern oder Bürger nicht zustanden; sie waren Vertreter der heimlich erwünschten Gegenwelt (S. 322, 349). Und in der Weise, wie die französische Armee sich selbst einerseits als zivilisierte Antithese zu den als barbarisch dargestellten nordafrikanischen Kriegern darstellte, gleichzeitig aber deren Kleidungstil in ihre Uniformierung übernahm, so definierten sich die Bauern selbst als das Gegenteil zum Soldaten: In Erzählungen und Bildern hoben sie die Unterschiede hervor. Umgekehrt geschah dasselbe: Soldaten inszenierten sich als außerhalb des zivilen Normengefüges stehend; daher die Betonung ihrer (eben nur scheinbaren) Äußerlichkeiten und Rituale – und daher das Schwadronierten darüber. Soldaten spielten eine wichtige Rolle für die Landbevölkerung, insbesondere in Lothringen; dies aber nicht, weil sie den Kaiser, die Republik oder die Nation symbolisierten. Vielmehr waren sie Repräsentanten der Differenz – eines »alternative way of life« (S. 352).

    Selbst wenn zu bedauern ist, dass die Fülle der seit dem ersten Erscheinen des Werkes im Jahr 2002 herausgebrachte neueren Literatur nicht eingearbeitet wurde, verdient die gelungene Studie von John Hopkin nach wie vor hohe Beachtung. Methodisch, bildlich und sprachlich ist hier die in der Zwischenzeit viel beschworene »Kulturgeschichte der Gewaltakt« in glänzender Weise verwirklicht: als Alltags-Kulturgeschichte der Gewalt-Akteure.


    PSJ Metadata
    Martin Rink
    D. M. Hopkin, Soldier and Peasant in French Popular Culture (M. Rink)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000003786
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Militär- und Kriegsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    4044063-1 4036377-6 4004763-5 4055409-0 4063849-2
    1766-1870
    Frankreich Ost (4044063-1), Lothringen (4036377-6), Bauer (4004763-5), Soldat (4055409-0), Volkskultur (4063849-2)
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    D. M. Hopkin, Soldier and Peasant in French Popular Culture (M. Rink)
    In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/hopkin_rink
    Veröffentlicht am: 11.07.2014 09:00
    Zugriff vom: 21.11.2017 11:13
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