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    M. B. Hall, T. E. Cooper (ed.), The Sensuous in the Counter-Reformation Church (M. Quisinsky)

    Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Marcia B. Hall, Tracy E. Cooper (ed.), The Sensuous in the Counter-Reformation Church, Cambridge (Cambridge University Press) 2012, 350 p., ISBN 978-1-107-01323-0, GBP 65,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Michael Quisinsky, Meyrin

    Die in und durch Sinneswahrnehmungen vermittelte und ausgedrückte religiöse Erfahrung gehört zu den großen Fragen der Gegenwart, ob man sie nun aus gläubiger oder nichtgläubiger Perspektive, wissenschaftlichem oder persönlichem Interesse stellt. Nicht zuletzt gehört es zur Eigenart dieser Frage, dass sich Antwortelemente nicht selten in mehr oder weniger indirekter Form Ausdruck verschaffen. Dabei lassen heutige Antwortelemente zwar nicht selten klassische Formen und historisch gewachsene Ausdrucksweisen hinter sich, sind aber von diesen zumeist doch mitgeprägt. Wenn bei alledem unweigerlich Theologie und Philosophie als quasi natürliche Gesprächspartner auf den Plan treten, dann dürfen beide nicht übersehen, dass es die religiöse Erfahrung nicht nur mit dem zu tun hat, was der katholische Ökumeniker Otto Hermann Pesch »schöne Gedanken« 1 nennt – Pesch selbst ist übrigens durchaus ein Meisterdenker, der die Notwendigkeit einer entsprechenden theologisch-philosophischen Reflexionsfähigkeit in vielgestaltiger Weise in actu vor Augen führt. Religiöse Erfahrung hat in der Tat immer auch mit den Sinnen zu tun, ob man diesen Zusammenhang nun fördert oder kritisiert. Gerade in den innerchristlichen Beziehungen war und ist die religiöse Erfahrung eine grundlegende Komponente und hat als solche die Geschichte Europas und darüber hinaus in entscheidender Weise mitgeprägt. Der vorliegende, hervorragend konzipierte und durchgeführte Band, zeigt eindrücklich, dass und wie dabei der Zeit der Konfessionalisierung eine zentrale Rolle zukommt.

    Der Problematisierung des im Titel enthaltenen Begriffs »Counter-Reformation« in Theologie und Geschichtswissenschaft sind sich die Herausgeberinnen sowie die Autorinnen und Autoren des Bandes durchaus bewusst (S. 16 Anm. 1) – hier ist nicht zuletzt auch ein kleines Wortspiel zu berücksichtigen: Die Tagung der Renaissance Society of America 2007, auf die der Band zurückgeht, hatte zum Thema »The Counter-Reformation Re-encountered«. In jedem Fall verweist nicht zuletzt die prominente Erwähnung des Erasmus von Rotterdam (z. B. S. 1, S. 42) sowohl auf den engen Zusammenhang zwischen gelehrter Diskussion und gelebter Frömmigkeit als auch auf das im Untersuchungszeitraum herrschende komplexe In-, Neben-, Nach- und Gegeneinander verschiedener Positionen im Umgang mit der sinnenhaft vermittelten und ausgedrückten religiösen Erfahrung und damit mit der Religion überhaupt.

    Den Zusammenhang von theologisch-philosophischer Reflexion und Sinneserfahrung in ihrer religiösen Wertung und Deutung stellt in seinem Beitrag meisterhaft John W. O’Malley heraus, der als Jesuit übrigens dem Orden angehört, der, wie im vorliegenden Band mehrfach ausdrücklich thematisiert, für den nachtridentinischen Katholizismus eine herausragende Rolle spielte. Während er einerseits mit Giuseppe Alberigo das Tridentinum (1545–1563) vom Tridentinismus unterscheidet, zeigt er mit der Verbindung zwischen dem zweiten Konzil von Nikaia (787) und dem Konzil von Trient langfristige Entwicklungslinien auf, die für das Verständnis der spezifisch nachtridentinischen Rezeptionsprozesse und -vorgänge neutestamentlicher Grundlegungen und theologie- und frömmigkeitsgeschichtlicher Ausgestaltungen wesentlich sind. Besonders hervorzuheben sind hier seine Ausführungen zum Verhältnis von Kreuzestheologie im Gefolge des Augustinus auf der einen und Inkarnationstheologie im Gefolge des Irenäus von Lyon und später des Thomas von Aquin auf der anderen Seite. Durch seinen zugleich weitgefassten und detailversierten Zugang (letzteres zeigt sich besonders an seinen konzisen Ausführungen zur Rolle der französischen Konzilsteilnehmer um Kardinal Charles de Guise) wird er jenseits aller in Historiographie, Kunstgeschichte und Theologie mitunter wirksamen Vereinfachungen der Komplexität der in diesem Band untersuchten Epoche gerecht, für die in theologisch-pastoraler Hinsicht emblematisch die so unterschiedlichen Positionen des Mailänder Kardinals Karl Borromäus einerseits und des römischen Priesters Philipp Neri andererseits stehen (vgl. S. 39). Der Beitrag des Theologen O’Malley ist als Brückenschlag zwischen Theologie und Kunstgeschichte nicht zuletzt auch ein gelungenes Beispiel in ihrer Sinnhaftigkeit erfassten Interdisziplinarität. Dasselbe gilt analog auch vom Beitrag der Kunsthistorikerin Tracy E. Cooper, die in die einschlägigen Forschungen zum Untersuchungszeitraum einführt.

    Die weiteren Beiträge sind weniger grundsätzlicher Natur, können dafür aber gerade in der Konkretion zu einem vertieften Verständnis des Umgangs mit der Sinnenhaftigkeit im nachtridentinischen Katholizismus, insbesondere auch mit dessen z. T. spannungsvoller Vielgestaltigkeit an der Schnittstelle von Glaube und Gesellschaft, Theologie und Politik, Kirche und Gemeinwesen beitragen. Hervorgehoben seien die Beiträge von Bette Talvacchia, die unter dem für das Christentum zentralen Titel »The Word Made Flesh« der Frage nachgeht, wie sich geistliche Themen und der künstlerische Umgang mit der Körperlichkeit in der Renaissance zueinander verhalten; weiterhin der Beitrag von Opher Mansour über die Zensur im Rom des 16. Jahrhunderts sowie die beiden Studien von Richard Schofield bzw. Costanza Barbieri über die bereits erwähnten Karl Borromäus bzw. Philipp Neri. Ideen- und theologiegeschichtlich stellt besonders auch der Beitrag von Meredith J. Gill über »Augustine’s Twilight« einen wichtigen Beitrag zur Einordnung diverser Aspekte dar, Amy Powell gelingt mit ihrer Untersuchung über die allegorische Dimension der Karfreitagsliturgie eine anregende Fallstudie über das, was man das Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität im Umfeld des Tridentinums nennen könnte. Damit tritt wiederum eine grundsätzliche Dimension auf den Plan, die den Umgang mit der Sinnenhaftigkeit religiöser Erfahrung bis heute in hohem Maße prägt.

    1 Otto Hermann Pesch, Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung. Band 1/1: Die Geschichte der Menschen mit Gott, Ostfildern 2008,S. XXVI.

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    PSJ Metadata
    Michael Quisinsky
    M. B. Hall, T. E. Cooper (ed.), The Sensuous in the Counter-Reformation Church (M. Quisinsky)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000003738
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Künste
    16. Jh., 17. Jh.
    4015701-5 4010109-5 4129205-4 4019710-4 4114333-4 4181004-1 4135841-7 4000626-8
    1560-1650
    Europa (4015701-5), Christliche Kunst (4010109-5), Devotio (4129205-4), Gegenreformation (4019710-4), Kunst (4114333-4), Sensualismus (4181004-1), Sinnlichkeit (4135841-7), Ästhetik (4000626-8)
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    M. B. Hall, T. E. Cooper (ed.), The Sensuous in the Counter-Reformation Church (M. Quisinsky)
    In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/hall_quisinsky
    Veröffentlicht am: 30.06.2014 11:40
    Zugriff vom: 18.11.2017 01:51
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