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A. Dufour, Le pouvoir des »dames« (O. Mallick)

Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Anaïs Dufour, Le pouvoir des »dames«. Femmes et pratiques seigneuriales en Normandie (1580–1620), Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2013, 173 p. (Mnémosyne), ISBN 978-2-7535-2272-5, EUR 12,00.


rezensiert von/compte rendu rédigé par

Oliver Mallick, Franzburg

In ihrer sozial- und rechtshistorischen Studie» Le pouvoir des ›dames‹« zielt Dufour darauf ab, die Bedeutung adliger Frauen im Lehnssystem der Normandie im ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert eingehender zu beleuchten. Da mit einem Lehen sowohl wirtschaftliche Macht als auch juristische Kompetenzen verbunden waren, geht Dufour der zentralen Frage nach, inwiefern Frauen, die eine Lehnsherrschaft ausübten, in ihren verschiedenen Lebensphasen – unmündiges Mädchen, ledige oder verheiratete Frau, Witwe – über konkrete Handlungs- und Einflussmöglichkeiten verfügten und wie sie diese nutzten.

Wie sie bereits in der Einleitung (S. 7–23) erklärt, waren die Übertragung eines Lehens auf eine Frau sowie die Leitung und Verwaltung eines Lehens durch eine Frau überhaupt nur möglich, wenn es keine männlichen Nachkommen gab. Denn die patriarchalische Gesellschaft der Frühen Neuzeit billigte der Frau nur begrenzte rechtliche Spielräume zu. Dufour nutzt daher als Basis ihrer Untersuchung die Erbrechtslage der Normandie, indem sie verschiedene Werke der Jurisprudenz sowie notarielle Akte aus dem Großraum Rouen auswertet und damit Rechtstheorie und -praxis gegenüberstellt. Die meisten Lehen waren in der Hand des lokalen Amtsadels und des (niederen bis mittleren) Schwertadels, während große Lehen hochadligen Familien gehörten, die ihren Stammsitz oft in anderen Provinzen hatten. Dufour weist diesbezüglich aber zu Recht darauf hin, dass die Rolle der Frau in den bisherigen Studien zur Normandie praktisch völlig unberücksichtigt geblieben ist. Denn obwohl der Bedeutung der Frauen in der frühneuzeitlichen Gesellschaft gerade im Zuge der Gender Studies mehr Interesse eingeräumt wurde, erschöpfte sich dieses Interesse jedoch zumeist in biographischen Studien oder Abhandlungen, die besonders prominente Frauen aus den Bereichen Politik, Gesellschaft und Kultur in den Fokus rückten.

So stimmig diese Argumentation grundsätzlich auch ist, so mangelt es der Einleitung dennoch insgesamt an einer fundierteren Einordnung zu bereits vorhandenen Betrachtungen frühmoderner Frauen im Alltagsleben. Dufour geht zwar auf die Rechtslage der Normandie und die von ihr genutzten Quellen ein, aber auch hier fehlt ein deutlicherer Bezug zur Frauenthematik. Alles in allem verharrt sie auf einer zu oberflächlichen Ebene.

In den ersten beiden Kapiteln mit den Titeln »De lance en quenouille« und »Les successions entre filles« (S. 25–60) geht es um die Art und Weise der Übertragung von Gütern bzw. Lehen an Frauen und wie es bei mehreren weiblichen Erben mit der Umsetzung von Erbrechtsansprüchen aussah, die oftmals zur Teilung des Nachlasses führten. Dazu beschreibt Dufour zunächst die übliche, auf der Primogenitur beruhende Rechtspraxis in der Normandie, wonach die Güter und Lehen an die männlichen Nachkommen gingen, von denen der Erstgeborene wiederum zwei Drittel erhielt. Damit sollte sichergestellt werden, dass der Besitz in der Familie blieb, weshalb oft die Vermählung der Töchter vorangetrieben wurde, um ihren Ausschluss von der Erbfolge noch nachhaltiger zu zementieren. Dufour stellt sich aber zugleich gegen historische Untersuchungen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die suggerieren, die Töchter seien rigoros von der Erbschaft ausgeschlossen worden. Tatsächlich war es nämlich durchaus eine gängige Praxis, den Besitz bei fehlenden männlichen Erben unter den Töchtern aufzuteilen. Möglich war dies durch das in Provinzen wie der Normandie verbreitete Gewohnheitsrecht, während es etwa im Südosten Frankreichs aufgrund römischer Rechtstraditionen möglich war, Frauen testamentarisch zugunsten (selbst entfernter) männlicher Verwandter gänzlich vom Erbe auszuschließen. Frauen das Erbe zuzuerkennen, war also eine Anerkennung der realen demographischen (Kinder- und Jugendsterblichkeit) und sozialen (Todesfälle durch Feldzüge und Duelle) Verhältnisse (S. 30).

Dahinter stand zugleich der Wunsch, der nächsten Generation ein möglichst vollständiges Erbe zu hinterlassen, weil bei einer zu starken Zersplitterung eines Lehens die Gefahr bestand, dass die Einnahmen sanken, Probleme mit den Vasallen auftraten oder gar der Verlust des Lehnsstatus’ drohte. Und obwohl es in der Normandie im Gegensatz zu anderen Provinzen grundsätzlich zwischen Töchtern keine mit den bei männlichen Erben vergleichbare Primogenitur gab, nahm unter den weiblichen Erben die Älteste dennoch oft eine besondere Stellung ein, was die Zuteilung der Lehen – allen voran der Stammsitz der Familie bzw. der »fief dominant« (S. 58) – und die Ehrenvorrechte innerhalb der Gemeinde betraf; die anderen Töchter erhielten daher Ausgleichszahlungen, eine lebenslange Apanage oder andere Immobilien zuerkannt, um die besagte Zersplitterung zu verhindern.

Für die Frage nach der einvernehmlichen Aufteilung des Erbes spielte es daher oft eine Rolle, ob die Erbinnen bereits verheiratet waren und inwieweit sich ihre Ehemänner in die Erbteilung einmischten, womit Dufour zum dritten und vierten Kapitel, »Mariage et autonomie des héritières« sowie »Le veuvage ou l’indépendance recouvrée« (S. 61–92), überleitet, in denen die praktische Ausübung der herrschaftlichen Rechte der Frauen im Vordergrund steht. Um aber zu verhindern, dass das Erbe einer Frau den Gläubigern ihres verschuldeten Ehemannes zufiel, sei es bei einer Trennung oder nach dessen Tod, waren Schutzklauseln ersonnen worden. Alle Güter, die die Frau in die Ehe einbrachte oder die sie während der Ehe erbte, wurden zwar meist von ihrem Mann verwaltet, blieben aber ihr Eigentum, etwa bei einer Scheidung, denn seit Mitte des 16. Jahrhunderts galt die Gütertrennung. Aber erst mit der Witwenschaft übernahmen sie wieder die vollständige Kontrolle über ihr Erbe, das sie meist im eigenen Namen oder als Vormund verwalteten. Viele Lehnsherrinnen kamen dabei ihren Verpflichtungen nach: Sie organisierten eigenständig die Verwaltung, bei größeren Landverkäufen hielten sie Rücksprache mit den Verwandten, sie forderten aktiv, notfalls auch juristisch, ihre Hoheitsrechte (z. B. Pachtzahlungen) ein, und sie erweiterten oftmals den bestehenden Besitz durch den Zukauf weiterer Parzellen oder ganzer Lehen und sicherten damit das Erbe für die folgende Generation.

Im fünften und letzten Kapitel, »Haulte et puissante princesse …« (S. 93–111), zeigt Dufour schließlich noch einige Beispiele für Frauen des Hochadels, die besonders große (und einkommensstarke) Lehen verwalteten (bzw. verwalten ließen, wenn diese im ganzen Reich verteilt waren). Gerade bei bedeutenden Lehen, die den Status eines Herzogtums, eines Marquisats oder einer Grafschaft hatten, war die jeweilige Lehnsherrin oft in politische Kämpfe der Zeit um Macht, Einfluss und Vermögen verwickelt. Ferner erläutert sie, wie die Gerichtsbarkeit nach und nach von den Lehnsherren und -herrinnen abgegeben und auf spezialisierte Rechtsgelehrte übertragen wurde.

Im Schlusskapitel (S. 113–116) stellt Dufour dann noch einmal heraus, dass Frauen im Rahmen einer Lehnsherrschaft durchaus reale Machtpositionen ausüben konnten, denn wenn es darauf ankam, war es letztlich auch in der Normandie wichtiger, den Familienbesitz dauerhaft zu wahren als auf dem rechtlichen Ausschluss der Frauen zu beharren (S. 114). Vielmehr war die weibliche Erbfolge bei fehlenden männlichen Nachkommen durchaus anerkannt und ihnen wurde diese Position grundsätzlich nicht streitig gemacht. Allerdings achteten die männlichen Verwandten darauf, dass die Frauen sorgfältig mit dem Erbe umgingen. Tatsächlich konnte Dufour nachweisen, dass Frauen ihre lehnsherrlichen Vorrechte durchaus (juristisch) zu verteidigen wussten, zumal je nach Größe eines Lehens Männer ebenso wie Frauen zur Effizienzsteigerung auf einen Stab qualifizierter Verwalter zurückgegriffen haben.

Letztlich gelingt es Dufour zwar sehr gut, die Bedeutung und Funktion der Frau im Lehnswesen der Normandie vor dem zeitgenössischen Hintergrund politischer, aber eben auch sozial- und rechtstheoretischer Entwicklungen und Veränderungen zu entfalten und dies immer wieder durch entsprechende Fallbeispiele zu belegen, indem sie zum Teil bestehende Erkenntnisse anhand des von ihr ausgewerteten Quellenmaterials exemplifiziert. Aber es fragt sich eben auch, ob es aufgrund der besonderen Akzentuierung der Rechtsstellung der Frau in der vom Gewohnheitsrecht geprägten Normandie nicht sinnvoller gewesen wäre, einen direkten Vergleich mit einer anderen Provinz, in der das kodifizierte Recht ( droit écrit ) galt, durchzuführen, zumal es zur Normandie offenkundig viele Vorstudien gibt. Und obwohl Dufour in der Einleitung erklärt, Frauen aus dem geistlichen Stand bei ihrer Untersuchung auszuklammern (S. 10), stellt sich auch hier die Frage, ob dies nicht vielmehr zu einem Mehrwert beigetragen hätte. Diesbezüglich hätten sich nämlich zum einen gute Vergleichsmöglichkeiten zwischen adligen Frauen im weltlichen Bereich und jenen, die als Äbtissinnen einem Kloster vorstanden, ergeben, was die Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei der praktischen Verwaltung der Lehen und der Ausübung der Lehnsherrschaft betraf. Zum anderen wäre es auch möglich gewesen aufzuzeigen, wie genau sich die Verteilung der Lehen unter den erbberechtigten Töchtern gestaltete, wenn eine oder mehrere von ihnen als Nonne oder Äbtissin dem Klerus angehörten.

Des Weiteren ist Dufour bei der konkreteren Darstellung der erbrechtlichen Abläufe sowie der alltäglichen Verwaltung der Lehen oft zu allgemein geblieben. Dies ist umso überraschender, da es gerade im 17. Jahrhundert einen Zuwachs an normativen Ratgebern zur Güterverwaltung gab, bei denen die Bedeutung der Frau sehr wohl anerkannt und herausgestellt wurde. Das heißt, gerade die praktische Rolle der Frau innerhalb der Lehnsverwaltung unterliegt bei Dufour einer zu oberflächlichen Betrachtung. Vielmehr hätte sie diesbezüglich weitaus stärker entsprechende Erziehungs- und Bildungsaspekte aufgreifen müssen. Denn insbesondere die Frauen des Provinz- bzw. Landadels waren angehalten, administrative, mathematische und sogar heilpraktische Kenntnisse zu erwerben, um nicht nur eine adäquate Verwaltung ihres Haushalts, sondern ihrer Güter insgesamt zu gewährleisten. Aufgrund der beruflichen bzw. militärischen Abwesenheit naher männlicher Verwandter oder in deren Todesfall waren sie nämlich seit dem Mittelalter zu einer wichtigen Stütze des Feudalsystems geworden. Infolgedessen wird Dufour nur zum Teil ihrem Anspruch gerecht, den bisherigen sozialhistorischen Forschungsrahmen zu verlassen und über den Rand des institutionellen Rechtsrahmens hinauszublicken.

Innerhalb dieses Rahmens konnte Dufour jedoch deutlich machen, dass die sehr restriktiven rechtstheoretischen Erbschafts- und Hoheitsrechte der Normandie in der alltäglichen Praxis durchaus Ausnahmen aufwiesen, die es den Frauen ermöglichten, selbst aktiv am Feudalprozess zu partizipieren und Entscheidungen zu treffen. Dementsprechend besteht kein Zweifel daran, dass das Verdienst dieser Studie nicht nur darin liegt, einen wichtigen Beitrag zur französischen Frauen- und Provinzialgeschichte geleistet zu haben, sondern zugleich auch einen Ausgangspunkt für entsprechende weitergehende Untersuchungen zu liefern.

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PSJ Metadata
Oliver Mallick
A. Dufour, Le pouvoir des »dames« (O. Mallick)
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CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Geschlechtergeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
16. Jh., 17. Jh.
4042617-8 4000464-8 4018202-2
1580-1620
Normandie (4042617-8), Adel (4000464-8), Frau (4018202-2)
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A. Dufour, Le pouvoir des »dames« (O. Mallick)
In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/dufour_mallick
Veröffentlicht am: 25.06.2014 17:10
Zugriff vom: 18.11.2017 01:51
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