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É. Dolet, De officio legati (S. Externbrink)


Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Étienne Dolet, De officio legati. De immunitate legatorum. De legationibus Ioannis Langiachi Episcopi Lemovicensis, Genève (Librairie Droz) 2010, 158 p., 2 ill. (Les classiques de la pensée politique, 23), ISBN 978-2-600-01424-3, EUR 25,63.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Sven Externbrink, Heidelberg

Im Jahre 1541 veröffentlicht der Humanist und 1546 als Lutheraner hingerichtete Étienne Dolet (* 1508) in Lyon einen kleinen Traktat mit dem Titel »De officio legati, quem vulgo Abassiatorum vocant. Et item alter de immunitate legatorum …« Gewidmet ist der Band Dolets Protektor Jean de Langeac , Bischof von Limoges († 1541), dessen Lob er im dritten Teil des schmalen Bändchens (46 Textseiten) in Form eines Gedichtes singt.

David Amherdt präsentiert in seiner Edition den leicht modifizierten Originaltext nach der Erstausgabe – ein Manuskript existiert nicht mehr – samt französischer Übersetzung. In einer knappen Einleitung skizziert Amherdt die Genese des Textes. Dolet hatte Jean de Langeac auf einer seiner zahlreichen Gesandtschaften im Auftrage Franz’ I. als Sekretär gedient und auf diese Weise Einblick in die Dynamik der europäischen Diplomatie in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts gewonnen. Nachdem im Italien des 15. Jahrhundert der Rückgriff auf ständige Residenten sich als neue Form der Interaktion zwischen den politischen Akteuren etabliert hatte, setzte sich diese nun in Europa durch und schuf somit ein neues Aufgabenfeld für den Staatsdiener. Damit begann auch eine verstärkte theoretische Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen für diese Tätigkeit. Dolets Traktat zählt zu den frühen Beiträgen zur entstehenden Gattung der diplomatischen Theorie. Die theoretische Auseinandersetzung des ersten Teils – des Traktats »De officio legatorum« – findet ihren Abschluss in dem Gedicht auf Jean de Langeac, mit dem der Band schließt. Auch in »De officio« finden sich immer wieder Hinweise auf Langeac, als denjenigen, der die theoretischen Anforderungen wie niemand anderes verkörpert habe.

Der gerade 22 Seiten umfassenden Traktat »De officio« enthält verdichtet (Dolet rühmt sich mehrfach der Knappheit seiner Ausführungen, z. B. S. 66f.) bereits all die Themen, die die Traktatliteratur über den Botschafter bis Abraham de Wicqueforts »L’Ambassadeur et ses fonctions (1679/80)« und François de Callières »De la manière de négocier avec les souverains (1714)« beschäftigen sollte. Wie später Wicquefort beginnt auch Dolet mit der Definition der Eigenschaften eines Botschafters ( ambassiator ). Dieser müsse sowohl die Situation seines Vaterlandes sehr genau kennen, als auch über eine besondere Klugheit verfügen, ohne die er nicht seine Mission zu einem erfolgreichen Abschluss bringen könne. Dolet behandelt das Alter (das bei der Nominierung keine Rolle spielen solle), das Vermögen, die soziale Herkunft und sein Auftreten und seine Eloquenz, letztere eine wichtige Voraussetzung für Verhandlungen. Für Dolet muss die Zugehörigkeit zum Adel nicht Voraussetzung der diplomatischen Tätigkeit sein, weil Verhandlungen eben andere Tugenden als nur Tapferkeit im Kampf verlangen.

Kernraufgabe des Gesandten für Dolet ist – natürlich – die Umsetzung der in seiner Instruktion enthaltenen Anweisungen, was neben erwähnter Klugheit auch die Fähigkeit des Dissimulierens und des Studiums seiner Gegenüber bedarf. Ziel der Verhandlungen ist die utilitas seines Souveräns, die durch Verträge oder andere Verhandlungsergebnisse keinen Schaden erhalten darf. Dolet verschweigt nicht, dass Verhandlungen auch in Konflikte münden können, die eigentliche Tätigkeit des Gesandten aber sei die Beförderung des Friedens: »Videat praeterea sedulo, ut pacis concordiaque ptius autor ist quam belli vel discordiae« (»Er [der Gesandte] möge sich darüber hinaus sorgfältig um die Förderung des Friedens und der Eintracht als dem Krieg und der Zwietracht bemühen«, S. 82). Diese irenistische Grundtendenz der Tätigkeit des Gesandten sollte in späteren Traktaten in den Hintergrund treten.

Der zweite Teil des Traktats, über die Immunität der Gesandten, ist weniger originell als »De officio«, handelt es sich doch nur um eine Auflistung der antiken Überlieferung zum Thema. Ausdrücklich nimmt Dolet seine Gegenwart aus der Behandlung heraus, in der sich die Immunität des Gesandten nur auf die Dauer der Mission begrenzt und nicht darüber hinaus. Dies scheint ihm keine weitere Überlegungen wert zu sein, weshalb er sich der Gesetzgebung der Griechen und Römer zuwendet.

Dolets perfekter Botschafter erinnert in vielen Charakterzügen an den 1528 publizierten »Cortegiano« des päpstlichen Nuntius Castiglione, eine Parallelität, die dem Herausgeber Amherdt nicht aufgefallen ist. Mit der Edition liegt ein bedeutender Text vor, der sich mit einem neuen Aufgabenfeld und den damit einhergehenden Anforderungen für den frühneuzeitlichen, humanistisch gebildeten Staatsdieners auseinandersetzt. Er belegt, wie sich Theorie und Praxis in der Genese der frühneuzeitlichen Diplomatie wechselseitig befruchteten.

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PSJ Metadata
Sven Externbrink
Étienne Dolet, De officio legati (S. Externbrink)
urn:nbn:de:bvb:12-per-0000003609
CC-BY-NC-ND 3.0
4015701-5 4012402-2
1500-1600
Europa (4015701-5), Diplomatie (4012402-2)
PDF document dolet_externbrink.doc.pdf — PDF document, 95 KB
É. Dolet, De officio legati (S. Externbrink)
In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/dolet_externbrink
Veröffentlicht am: 25.06.2014 17:10
Zugriff vom: 21.11.2017 11:12
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