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    A. Bamji, G. H. Janssen, M. Laven (ed.), The Ashgate Research Companion to the Counter-Reformation (M. Mudrak)


    Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Alexandra Bamji, Geert H. Janssen, Mary Laven (ed.), The Ashgate Research Companion to the Counter-Reformation, Farnham (Asghate Publishing) 2013, XX–488 p., 21 b&w ill., 3 maps ill., ISBN 978-1-4094-2373-7, GBP 85,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Marc Mudrak, Heidelberg

    Die Geschichte des frühmodernen Katholizismus hat in den vergangenen 25 Jahren gleich mehrere Revolutionen erlebt. Über diese Entwicklungen liegt nun ein so beeindruckendes wie lesenswertes Forschungshandbuch aus dem Hause Ashgate vor, herausgegeben von Alexandra Bamji, Geert H. Janssen und Mary Laven. In vier Kapiteln sind 24 Beiträge zum Katholizismus der »Gegenreformation« in Europa, Asien und Amerika versammelt.

    Kapitel eins befasst sich mit dem vormodernen Katholizismus als distinktive Kultur. Simon Ditchfield fragt, welche Rolle das Konzil von Trient bei der Konfiguration dieser Kulturen spielte. Dabei plädiert er für eine Abkehr von der normativen Erörterung, hin zum konkreten Studium der (Nicht-)Umsetzung in Europa und der Neuen Welt. Ute Lotz-Heumann unternimmt am Beispiel Irlands einen einleuchtenden Rettungsversuch des zuletzt stark kritisierten Konfessionalisierungs-Paradigmas. Die Autorin plädiert für eine flexible und stärker an komplexen, offenen und fragmentierten Prozessen orientierte Anwendung. Keith Luria studiert mit einem Schwerpunkt auf dem Alten Reich und Frankreich die Formen der religiösen Koexistenz als prekäre und vielfältige Art der Grenzziehung. Eine noch recht neue Problematik bereitet Geert H. Janssen mit dem Thema der altgläubigen Exilerfahrungen auf. Die Diasporagemeinden mit ihren spezifischen Organisationformen, ihren Netzwerken und den Formen des Kulturaustauschs am Exilort waren deutlich häufiger und relevanter als die Forschung bisher angenommen hat. Als Grenzzieherin für die Orthodoxie und »gut katholisches« Verhalten trat die Inquisition auf, deren Historiographie Nicholas S. Davidson zusammenfasst. Heute wird sie in einem personalisierten und differenzierteren, mitunter sogar »modernen« Licht gesehen. Andrew Pettegree gibt einen Überblick über katholische Flugschriften und polemische Drucke, die zuletzt aus dem Schatten der Reformationspropaganda getreten sind. Pettegree stellt treffend die funktionale, formale und regionale Heterogenität der katholischen Publizistik dar.

    Bereits im ersten Teil des Bandes werden spannende Blicke nach Asien und Amerika geworfen. Dass der Katholizismus dort mehr war als eine aufoktroyierte Evangelisierung, das zeigt Tara Alberts in ihrem Aufsatz zur Asienmission, in deren Rahmen sowohl bei den Konvertiten etwa in Japan als auch bei der Interaktion mit den Missionaren ganz eigene Kulturen entstanden sind. Diese Feststellung unterstreicht auch Karin Vélez bezüglich der Amerikamission: »The legacy of early modern missions should be sought in these less visible trails, in the movement, overlapping networks and shared concepts« (S. 61).

    Der zweite Teil des Bandes befasst sich mit den Spezifika der katholischen Lebensformen. Judith Pollmann arbeitet drei Äußerungsformen altgläubiger Laienidentitäten heraus: die passiv-konservative, die aktivistische und die selbstorganisiert-engagierte. Daran schließt trefflich die Analyse des katholischen Lebenszyklus durch Alexandra Bamji an. Denn wie die Zeitgenossen ihre Konfession erfuhren, hing von der jeweiligen Lebensphase und den damit verbundenen Ritualen ab. Alexandra Walsham stellt die aktuellen Herangehensweisen zur katholischen Sakraltopographie vor. Die Autorin diskutiert die Formen der Raumaneignung ebenso gelungen wie die räumliche Dimension religiöser Praktiken. Clare Copeland betont in ihrer Studie über Heiligkeit und offizielle Heilige die Bedeutung der Aushandlung zwischen dem römischen Zentrum und den Peripherien sowie zwischen Klerus und Laien in den Prozessen der Kanonisierung und der Kultentstehung. Wietse de Boer wagt sich an ein junges und aktives Forschungsfeld: »the Counter-Reformation of the senses«. So vielfältig das Gebiet ist, so unscharf umrissen und mitunter etwas volatil ist es: Emotionen, Affekte, Sinne, Empfindungen und Wahrnehmungen werden angeschnitten, der Autor bleibt aber oft auf der Ebene des ethischen Diskurses und der Normierung. Nicholas Terpstra untersucht anhand des Verhaltens der Mitglieder von Bruderschaften im Kirchenraum, wie sich die Anforderungen und die Praxis italienischer Laienspiritualität im Zeitalter der Reform veränderten. Simone Laqua-O’Donnell diskutiert in ihrem Beitrag die Verbindung der katholischen Religionspraxis zur Kategorie der »Gemeinschaft« bzw. der »Gemeinde«. Erneut kommt hier die lokale Bedingtheit der Zugehörigkeiten und des Umgangs mit konfessionellen Unterschieden zum Vorschein.

    Teil drei fasst die Geschichte der Ideen und der kulturellen Praktiken zusammen. Michael Edwards beginnt mit einem Überblick zur Geistesgeschichte der Katholiken. Nick Wilding befasst sich mit der Wissenschaftskultur der Gegenreformation. Dabei stellt er heraus, dass sich die Forschung zu lange auf das Verbotene und nicht auf die »normalen« katholischen Wissenschaftspraktiken konzentriert habe. Ebenso im Aufschwung befindet sich die Historiographie zur posttridentinischen Liturgie- und Frömmigkeitsmusik, die Noel O’Regan darstellt. Dort wie auch im Beitrag von Paul Shore zum gegenreformatorischen Drama wird die Bedeutung der geografischen und sozialen Heterogenität herausgestellt. Andrea Lepage zeigt die neuesten Forschungstendenzen zur gegenreformatorischen Kunst in Italien und Spanien sowie den spanischen Kolonien Südamerikas. Sie macht die vielen Kontinuitäten und wechselseitigen Bezüge der Barockkunst auf beiden Seiten des Atlantiks stark. Silvia Evangelisti gibt Einblicke in die materiale Kultur, ebenfalls ein methodisch und inhaltlich runderneuertes Forschungsfeld, und unterstreicht die Bedeutung der Gegenständlichkeit für die Konstruktion von Räumen sowie von Ritualen und Emotionen.

    Im vierten und letzten Teil geht es nochmal explizit um religiösen Wandel, den John A. Arnold mit einer mittelalterlichen Perspektivierung der katholischen Reformen beginnt. Dabei arbeitet er heraus, dass die Altgläubigen des 16. Jahrhunderts auf eine lange Tradition u. a. der Anti-Ketzer-Literatur zurückgreifen konnten. Natürlich darf auch ein Kapitel zur Globalgeschichte nicht fehlen. Karen Melvin untersucht die Natur der katholischen Reform in den Südamerika-Missionen, die enger in Interaktion und Austausch mit parallelen europäischen Entwicklungen standen als lange angenommen worden ist. Im letzten Beitrag dokumentiert Mary Laven die Langzeitfolgen der katholischen Reform und Konfessionsbildung.

    In dem Band wird deutlich, dass in der Frühen Neuzeit wohl weniger von »dem« Katholizismus, als vielmehr von stark fragmentierten Katholizismen zu sprechen ist. Ob man dem Ganzen dann mit der Bezeichnung »Gegenreformation« gerecht wird, ist aber fraglich. Der Begriff ist zu sehr mit einer bestimmten und überholten Sicht auf die katholische Religionsgeschichte verbunden. Wenn man also nach neuen Kategorien sucht, bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder man greift zu sehr allgemeinen und umfassenden Begriffen, wie dies John O’Malley mit »early modern catholicism« angeregt hat 1 . Oder aber man entwickelt regional und zeitlich genauer abgestimmte Partikularbezeichnungen. Zuzustimmen ist auch der bereits andernorts geäußerten Kritik an den fast ausschließlich englischsprachigen Bibliographien 2 . Nun ist das Buch in englischer Sprache verfasst, die meisten Autoren kommen aus diesem Sprachraum und somit ist ein anglophoner Schwerpunkt verständlich. Doch wenn Katholizismus ein derart globales und zugleich regional vielfältiges Phänomen war, hätte sich das sprachlich in den Bibliographien niederschlagen müssen, zumal Mehrsprachigkeit von Wissenschaft im globalen Zeitalter ein großes Plus sein könnte.

    1 O’Malley, John W.: Trent and all That. Renaming Catholicism in the Early Modern Era, Cambridge 2002.

    2 Vgl. die Rezension von Wolfgang Reinhard unter: H-Soz-u-Kult, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-042 .

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    PSJ Metadata
    Marc Mudrak
    A. Bamji, G. H. Janssen, M. Laven (ed.), The Ashgate Research Companion to the Counter-Reformation (M. Mudrak)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000003430
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa, Weltgeschichte
    Geschichte allgemein, Kirchen- und Religionsgeschichte
    16. Jh., 17. Jh.
    4001670-5 4003217-6 4015701-5 4019710-4
    1500-1700
    Amerika (4001670-5), Asien (4003217-6), Europa (4015701-5), Gegenreformation (4019710-4)
    PDF document bamji_mudrak.doc.pdf — PDF document, 92 KB
    A. Bamji, G. H. Janssen, M. Laven (ed.), The Ashgate Research Companion to the Counter-Reformation (M. Mudrak)
    In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/bamji_mudrak
    Veröffentlicht am: 25.06.2014 16:55
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:43
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