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    J. Andrews, M.-C. Canova-Green, M.-F. Wagner, Writing Royal Entries in Early Modern Europe (K. Vocelka)

    Francia-Recensio 2014/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Jean Andrews, Marie-Claude Canova-Green, Marie-France Wagner, Writing Royal Entries in Early Modern Europe, Turnhout (Brepols) 2012, XVIII–420 p., 4 col., 27 b/w ill. (Early European Research, 3), ISBN 978-2-503-53602-6, EUR 115,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Karl Vocelka, Wien


    Der Einzug in die Stadt durch den jeweiligen Herrschers, besonders d er kaiserliche adventus imperatoris , geht in der Tradition bis in die Antike zurück. Gerade seit der Renaissance am Beginn der Frühen Neuzeit wird dieses Ereignis – ebenfalls mit einem Rückgriff auf die Antike – als Triumphzug verstanden und prachtvoll durchgeführt. Neben der allerdings sehr eingeschränkten direkten persönlichen Teilnahme an solchen Festen werden die Botschaften solcher Einzüge auch beschrieben und abgebildet und damit einer weiteren »Öffentlichkeit« zugänglich gemacht. Diese Beschreibungen, die dann in kleinen Broschüren in der Art von »Newen Zeytungen« gedruckt und verbreitet werden, dienen einerseits als Erinnerung für diejenigen, die dabei waren, aber auch als propagandistisches Medium, das den Ruhm desjenigen, der diesen Einzug gemacht hat bzw. auch der Stadt als Schauplatz, vermehren sollen.

    Der vorliegende Band widmet sich dieser Quellengattung allerdings unter weitgehender Auslassung der bildlichen Quellen, also dem Thema der schriftlichen Quellen zu den Einzügen im frühneuzeitlichen Europa.

    Das Vorwort von Marie-Claude Canova-Green beschreibt, welcher Art diese Quellen sein können, offiziell oder mehr privat, eulogisch oder satirisch, als Grundlage für spätere ähnliche Feste aufgehoben, aber auch Inspiration für Dichter, Schriftsteller und Schreiber von »Zeitungen«, also einer Vorform des Journalisten. Reich illustrierte, kostbare Manuskripte, Broschüren und gelehrte Bände mit griechischen und lateinischen Gedichten, all das ist Teil dieser »Gattung«, die mit festlichen Einzügen zusammenhängt. Vor allem die politische und symbolische Wichtigkeit solcher Anlässe erforderte eine offizielle Publikation, die das ephemere Geschehen zu einem dauerhaften Gedächtnis machen konnte.

    Das Buch, dessen Beiträge in englischer und französischer Sprache geschrieben sind, teilt sich in vier thematische Schwerpunkte. Zunächst analysiert Hélène Visentin den Gebrauch und die Funktion verschiedener Typen von Publikationen an Hand der Drucke aus der Zeit Heinrichs II. von Frankreich. Marie-France Wagner beschäftigt sich mit einem Text zum Einzug Heinrichs IV. von Frankreich in Moulins 1595, der kurioserweise noch vor dem Ereignis entstanden ist. John Nassichuk nimmt einen Bericht eines Einzuges des Jahres 1583, in dem sich deutlich ein Wandel von der Schilderung des Ereignisses zu einer ikonografischen Beschreibung mit der Wiedergabe der lateinischen Inschriften vollzogen hat, als Grundlage. Inès Aliverti untersucht die Texte zur Reise von Margareta von Österreich (1584–1611) durch Oberitalien 1598–1599 und versucht darin eine Vorform des »royal progress« also eine Art Huldigungsreise als Genre zu sehen. Zuletzt untersucht David Sánchez Cano die Frage, warum in Madrid im Siglo de Oro so wenig Festbeschreibungen gedruckt wurden.

    Im zweiten Teil beschäftigen sich einige Beiträge mit der propagandistischen Funktion der Aufzeichnungen, die sowohl für die Städte als auch für den Herrscher geltend gemacht werden kann. Alexander Samson nimmt Philipps II. und Maria von Englands Einzug in London 1554 als Beispiel, Caterina Pagnini und Sara Mamone den Einzug Erzherzog Leopolds V. in Florenz 1618. Richard Cooper untersucht den Einsatz von antiken Dekorationen in Frankreich im 16. Jahrhundert und verfolgt ihre weite, auch internationale Verbreitung und ihre propagandistische Funktion. Jean Andrew befasst sich mit den Entwürfen von Sigüenza y Góngora für einen Triumphbogen in Mexiko 1680, in denen er auch die Ikonografie der indigenen Bevölkerung aufnimmt. Die sicherlich größte Propagandawirkung der ausgewählten Beispiele hat sicherlich der von Sara Smart untersuchte Einzug des Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg in Berlin nach der Königskrönung 1701 entfaltet. Elizabeth Goldring schließlich stellt den Einzug des Herzogs von Anjou 1582 in Antwerpen und die Beziehungen dieses Ereignisses zum Hof Elisabeths I. in England in den Mittelpunkt ihres Interesses.

    Die dritte Sektion befasst sich mit der Authentizität der Texte als historische Quelle. Margaret M. McGowan und Claire Latraverse untersuchen sehr allgemein die Frage, wieweit stilistischer Prunk und Beobachtung der Realität miteinander konkurrieren. Daniel Vaillancourt untersucht die kleinen Pannen während der Reise Marias von Medici durch Südfrankreich 1600 und wie sich diese in den nicht-offiziellen Quellen spiegeln.

    Der letzte Teil des Bandes widmet sich der Aufnahme der Texte zu herrscherlichen Einzügen in der Literatur der Zeit. Claudine Balavoine untersucht den Einfluss der Texte und Embleme der Einzüge auf La Perrières Theatre des bons engins, Marie-Claude Canova-Green und Nobuko Akiyama die Wirkung solcher Texte auf die von Frauen geschriebene Literatur in Frankreich. Ähnliche Fragestellungen finden sich auch in den Beiträgen von J. Ronnie Mulryne über den Hof der Stuarts und Louise Frappiers Aufsatz zu den Schriften des Protestanten Agrippa d’Aubigné. Den Abschluss bildet ein Essay zu den parodistischen Verwendungen des Themas »Einzug« in der Karnevalsliteratur und anderen Satiren.

    Alles in allem ein sehr vielfältiger Band, der reiches Material zum Thema liefert, ohne allerdings eine große Synthese zu versuchen. Aber die vielen Fallstudien und die weiteren Verweise auf Literatur können eine Grundlage einer solchen Zusammenfassung bilden, deren Entstehen in der weiteren Forschung sehr wünschenswert scheint.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Karl Vocelka
    J. Andrews, M.-C. Canova-Green, M.-F. Wagner, Writing Royal Entries in Early Modern Europe (K. Vocelka)
    urn:nbn:de:bvb:12-per-0000003410
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    16. Jh., 17. Jh.
    4015701-5 4301833-6 4024600-0
    1500-1700
    Europa (4015701-5), Einzug (4301833-6), Herrscher (4024600-0)
    PDF document andrews_vocelka.doc.pdf — PDF document, 97 KB
    J. Andrews, M.-C. Canova-Green, M.-F. Wagner, Writing Royal Entries in Early Modern Europe (K. Vocelka)
    In: Francia-Recensio 2014/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-2/FN/andrews_vocelka
    Veröffentlicht am: 25.06.2014 16:55
    Zugriff vom: 20.11.2017 18:29
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