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    G. Stedman, Cultural Exchange in Seventeenth-Century France and England (Marc Mudrak)


    Francia-Recensio 2013/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Gesa Stedman, Cultural Exchange in Seventeenth-Century France and England, Farnham (Ashgate Publishing Limited) 2013, XII–293 p., 22 ill., ISBN 978-0-7546-6938-8, GBP 70,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Marc Mudrak, Paris

    Was dem 20. Jahrhundert die Amerikanisierung, das waren manchen Engländern des 17. Jahrhunderts die »French things«. Und wie heute, so polarisierte auch damals die vermeintliche Veränderung der eigenen Identität und der angebliche Verlust der Heimat durch äußere Einflüsse. Mit diesem Prozess hat sich Gesa Stedman, Professorin für britische Literatur und Kultur am Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin, in ihrer neuen Monographie »Cultural Exchange in Seventeenth-Century France and England« befasst. Vor dem Hintergrund des frnzösisch-britischen Kampfes um die politische Hegemonie will die Autorin wissen, »how English culture assimilated or reacted to French culture and what consequences this may have had« (S. 22). Neu ist dabei weniger die Problematik des kulturellen Einflusses Frankreichs im »Grand Siècle«. Neu an Stedmans Buch ist der Zugriff auf das Thema des Kulturtransfers. Die Autorin versucht einerseits, die präzisen materialen Praktiken und räumlichen Funktionsweisen des Transfers darzustellen. Andererseits verbindet sie damit einen repräsentationsgeschichtlichen Ansatz in Bezug auf Bilder und schriftliche Diskurse über den französischen Einfluss, wobei sie gezielt literaturwissenschaftliche Methoden der Textanalyse verwendet.

    In der vor allem auf die sozialen Eliten, den Adel und den englischen Hof begrenzten Studie geht Stedman von drei Phasen des kulturellen Austausches aus. Demnach folge einem ersten, noch begrenzten und vereinzelten kulturellen Kontakt ein breiter und intensiver Austausch bis hin zur Akkulturation. Dabei könne es schließlich zu Kollision, Ablehnung und Auseinandersetzungen kommen.

    Nach der Einleitung folgt im zweiten Teil eine eng auf die Biographie von Henriette Marie, der französischen Gattin des englischen Königs Karl I., zugeschnittene Fallstudie. Diese entspricht der ersten Phase des Kulturtransfers in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Nach ihrer Hochzeit 1625 wurde die französische Prinzessin zu einer »cultural ambassador« (S. 23) am englischen Hof. Dabei wird deutlich, dass Henriette besonders über ihre katholische Konfession wahrgenommen wurde. In den Widmungsbriefen an die Königin wird diese als politisch aktive Frau von Karl I. oder als katholisches Modell repräsentiert. Schließlich analysiert Stedman die Kleidung Henriettes, wofür sie u. a. Porträts heranzieht. An der Königin wird ein für das frühe 17. Jahrhundert typischer Wandel der Modenormen vom strengen spanischen, hin zum ungezwungeneren französischen Stil sichtbar. Hier wird der Körper zum Symbol für den kulturellen Kontakt. Ähnliches lässt sich auch über die neuen Theaterformen sagen, die Henriette am englischen Hof einführte.

    Der wirkliche Austausch bis hin zur Akkulturation und deren Ablehnung in der zweiten Jahrhunderthälfte wird ab dem dritten Kapitel untersucht. Die Quellengrundlagen (verschiedene Text- und Bildgattungen) und Untersuchungsgegenstände sind dabei noch breiter gefächert als im ersten Teil. Stedman beginnt mit einem Blick auf den König der Restauration, Karl II., und dessen Beziehung zu und Rezeption von französischer Kultur. Aus seiner Jugendzeit in Frankreich während der Revolution habe der König entsprechende Einflüsse angenommen, die sich in der Wahrnehmung englischer Zeitgenossen u.a. in seiner Tendenz zum Katholizismus, seinen Mußeaktivitäten und seinen französischen Mätressen niederschlugen. In der Folge bespricht die Autorin die Gegenstände, Räume und Praktiken, anhand derer allgemein Kulturtransfers abliefen und repräsentiert wurden. Sie nennt u.a. Parks und Gärten, Musik und Tanz, das Theater, Essen und Trinken, Konsum und Handel sowie Büchermärkte.

    Kapitel vier zielt genauer auf die Repräsentationen der Kulturtransfers ab. Sowohl Prosa- als auch Lyriktexte und Bilder finden hier Verwendung. Stedman wählt als Einstieg zwei Texte von Samuel Butler und John Dryden. An diesen will sie das Spannungsfeld in den Darstellungen zwischen völliger Akkulturation und totaler Ablehnung verdeutlichen. Daraus entwickelt sie eine Reihe von Kategorien, die sich allerdings in der Folge nicht stringent im Aufbau der Arbeit niederschlagen und die arg durcheinander gewürfelt erscheinen. Hier hätte die Autorin den mit ihrem interdisziplinären Anspruch verbundenen zusätzlichen Erklärungsaufwand ernster nehmen müssen. Die Kategorien, die sie für die folgende Einordnung der Handlungen und Arrangements in den Texten heranzieht, sind Imitation und Ablehnung, buried plots , materiale Praktiken sowie handelnde Personen und deren Charakterisierung. Danach fährt die Autorin fort mit einem weiteren Fallbeispiel von Dryden und weiteren Arten der literarischen Handlungskonstruktion. Darauf folgt bald ein eigenes Unterkapitel mit (erneut) Mode als Gegenstand des Kulturaustausches. Eine stärkere thematische, anstatt der halbchronologischen, halb-kategorialen Gliederung hätte mehr Übersichtlichkeit gewährleistet und den Nachvollzug der Argumentation der Autorin erleichtet. U.a. anhand von Modetafeln macht Stedman den »französischen« Wandel des Modestils deutlich. Daran schließt sie den Diskurs über Mode an, der wiederum den kulturellen Wandel dokumentiert, repräsentiert und reflektiert. Die Kleidungskritik wandelte sich dabei von religiösen hin zu mehr säkularen Argumenten. Die allgemeineren Ausdrucksformen der zeitgenössischen Ablehnung der Akkulturation zeigt die Autorin dann anhand einer großen Fülle von Texten, wobei der Interessenhorizont die Mode immer wieder überschreitet. Für manche Zeitgenossen standen demnach weniger die Franzosen, sondern eher sich anpassende Engländer im Fokus der Kritik. In dieser Perspektive wird Kulturaustausch zu etwas, das die Ordnung, das gute Alte und das Eigene in England stört. Im Anschluss geht Stedman der Repräsentation französischer und englischer Teilnehmer des Transfers nach. Sie stellt fest: » The French characters are defined not only by their actions and their textual function as representatives of disorder which requires containment, their speech patterns are also crucial « (S. 232). So wurde auch die Veränderung der englischen Sprache heftig angegriffen und zu einem Erkennungszeichen für Akkulturation.

    Den teilweise unübersichtlichen Aufbau beiseitegelassen haben wir es mit einem interessanten Buch zu tun. Die Autorin verwendet eine große Bandbreite an Quellentypen und betrachtet detailgenau ein weites Feld an Praktiken und Gegenständen. Überhaupt macht sich der verstärkte Blick auf die Materialität und die konkreten Handlungsmomente im analytischen Zugriff produktiv bemerkbar. Es wird deutlich, dass in den Diskursen über die tatsächlich immer deutlichere französische Akkulturation fast nur Kritik und heftige Gegenwehr ihren Ausdruck finden. So wird aus Stedmans Buch nicht nur eine Studie über faktischen Transfer, sondern besonders auch über dessen Ablehnung. Ängste vor Veränderung des Eigenen und »Überfremdung« sind nicht das zweifelhafte Privileg des 21. Jahrhunderts.

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    PSJ Metadata
    Marc Mudrak
    G. Stedman, Cultural Exchange in Seventeenth-Century France and England (Marc Mudrak)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco, Großbritannien
    Kultur- und Mentalitätsgeschichte
    17. Jh.
    4018145-5 4022153-2 4165964-8
    1600-1700
    Frankreich (4018145-5), Großbritannien (4022153-2), Kulturaustausch (4165964-8)
    PDF document stedman_mudrak.doc.pdf — PDF document, 97 KB
    G. Stedman, Cultural Exchange in Seventeenth-Century France and England (Marc Mudrak)
    In: Francia-Recensio 2013/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-4/FN/stedman_mudrak
    Veröffentlicht am: 10.12.2013 13:10
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:43