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    S. Perovic, The Calendar in Revolutionary France. Perceptions of Time in Literature, Culture, Politics (Anton Tantner)


    Francia-Recensio 2013/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Sanja Perovic, The Calendar in Revolutionary France. Perceptions of Time in Literature, Culture, Politics, Cambridge (Cambridge University Press) 2012, XIV–276 p., ISBN 978-1-107-02595-0, GBP 55,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Anton Tantner, Wien

    Fast 13 Jahre lang, von Oktober 1793 bis September 1805 war der französische Revolutionskalender in Kraft und symbolisierte den revolutionären Anspruch, mit jahrhundertelanger Despotie und Tyrannei Schluss zu machen; laut dem zu rezensierenden Werk sollte damit eine egalitäre und säkulare Erfahrung von Zeit von der hierarchischen und religiösen Vergangenheit abgetrennt werden (S. 3). Die Revolutionäre waren sich bewusst, dass sie mit Installierung ihrer neuen Ordnung der Zeit eine geradezu prometheische Anstrengung gegen ein christlich geprägtes Kalenderregime unternahmen, das fast zur Natur geworden war. Spätere Versuche, eine Gesellschaft der Freien und Gleichen zu errichten, zollten dieser Anstrengung Tribut. Sowohl die Revolutionen von 1830, 1848 wie die Pariser Kommune von 1871 aktualisierten sie und noch die bolschewistischen Revolutionäre des Oktobers 1917 betrieben eine Kalenderreform, deren dauerhaftes Vermächtnis der Umstieg von julianischer auf gregorianische Zeitrechnung bleiben sollte. Auch im digitalen Zeitalter lässt sich mancher Widerhall dieses Unternehmens finden. Als Beispiel sei das Weblog der Brüder Goncourt genannt – goncourt.net/Blog –, das mit seiner Mischung aus philosophischen Miniaturen, Alltagsbeobachtungen und beeindruckender street photography das neue Medium zu einer eigenständigen Kunstform erhoben hat und dessen Postings beginnend mit »Le XVIII Prairial de l'an CCXIII« konsequent die Zeitstempel des republikanischen Kalenders aufweisen. Es wird sich wohl noch weisen, ob künftige Umbrüche neue Kalendersysteme mit sich bringen werden, an möglichen années zéro fehlte es nicht, seien es 1789, 1792, 1871, 1917 oder ein noch in der Zukunft liegendes Datum.

    Die vorliegende von der Literaturwissenschaftlerin Sanja Perovic verfasste Studie zum Revolutionskalender basiert vorwiegend auf gedruckten Texten, des Weiteren auf (eher spärlichem) unveröffentlichtem historischem Material aus den Archives nationales sowie aus dem im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam befindlichen Nachlass des Schriftstellers Sylvain Maréchal (1750–1803). Letzterer steht im Zentrum von Sanja Perovics Abhandlung; er hatte 1788 einen »Almanach des honnêtes gens« veröffentlicht, der prompt auf Geheiß der Zensur verbrannt wurde, da er als »atheistische Kriegsmaschine« (S. 42) eingestuft wurde: Die Heiligen waren darin durch materialistische Philosophen, Atheisten und »Königsmörder« ersetzt worden, allein ein Tag – der 15. August – war freigelassen; es handelte sich um den Geburtstag des Schriftstellers, der damit reichlich Selbstbewusstsein bewies und darauf vertraute, einmal in einem Atemzug mit Brutus, Spinoza, Newton, Helvétius und Jan Hus genannt zu werden. Vor allem der Umstand, dass Maréchals Almanach mit dem »Jahr Eins der Herrschaft der Vernunft« einsetzte, eine Zehntageswoche aufwies und säkulare Feste beinhaltete, sollte ihn zum Prototypen des Revolutionskalenders machen. Dessen Architekt, der Mathematiker Gilbert Romme, ließ sich von Maréchals Almanach inspirieren; letzterer zeigte sich mit dem 1793 vorgelegten Ergebnis der Kalenderreform allerdings nicht zufrieden, da er an Stelle der ruralen Monatsbezeichnungen solche bevorzugt hätte, die an historische Momente der Revolution erinnerten.

    Zu Perovics Hauptthesen zählt, dass der neue Kalender nicht nur gegen die Kirche, sondern auch gegen die im Zuge der revolutionären Ereignisse immer wieder drohende Unordnung der Verhältnisse gerichtet war. Der Kalender sollte als Mittel der sozialen Befriedung nach den Septembermassakern dienen und wurde auch gegen allzu materialistische und atheistische Positionen der radikalen Aufklärung ins Feld geführt. Die einstweilige Beibehaltung des Revolutionskalenders auch nach der Machtergreifung Napoleons – noch dessen Kaiserkrönung wurden nach republikanischem Modus datiert – erklärt die Autorin mit dem Umstand, dass Napoleon daran gelegen war, die Kontinuität mit der Revolution zu betonen und seine Herrschaft als Vollendung und Apotheose der republikanischen Epoche zu propagieren.

    Insgesamt ist Sanja Perovics Buch als nur wenig zufriedenstellend einzuschätzen, da es zwischen historischer und theoretischer Abhandlung steckenbleibt: Wer an geschichtswissenschaftlichen Fragestellungen interessiert ist, an Fragen der Implementierung und der Akzeptanz des Kalenders sowie der um ihn geführten Debatten, wird die Studien von Michael Meinzer (1992) 1 und Matthew Shaw (2011) 2 bevorzugen, wer an theoretischen Fragestellungen nach Phänomenen des Bruchs und der Diskontinuität sowie der Entstehung einer neuen Konzeption von Geschichte aus der Erfahrung der Revolution heraus interessiert ist, wird einen großen Mangel konstatieren müssen: Die Texte Foucaults, für die doch Schwellen, Einschnitte, Transformationen und die Historizität von Ordnungssystemen so bedeutsam sind, werden von der Autorin nicht einmal zitiert, obwohl es tatsächlich eine Herausforderung und ein Desiderat wäre, derlei Analysen mit dem von ihr eingesehenen Material in Beziehung zu setzen. Somit bleibt das Buch hauptsächlich eine literaturwissenschaftliche Studie zum Werk Sylvain Maréchals, dessen Theaterstücke und weitere Schriften von der Autorin ausgiebig behandelt werden. Maréchal, der Typ eines militanten Atheisten und Revolutionärs, der durchaus bürgerliche, patriarchale und familienzentrierte Werte vertrat, an der Verschwörung der »Gleichen« des Gracchus Babeuf teilnahm und dies überlebte, verdient allerdings Beachtung; auf ihn aufmerksam gemacht zu haben, ist wohl die hauptsächliche Leistung von Sanja Perovics Abhandlung.

    1 Michael Meinzer, Der französische Revolutionskalender (1792–1805). Planung, Durchführung und Scheitern einer politischen Zeitrechnung, München 1992 ( Ancien Régime, Aufklärung und Revolution, 20 ).

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    PSJ Metadata
    Anton Tantner
    S. Perovic, The Calendar in Revolutionary France. Perceptions of Time in Literature, Culture, Politics (Anton Tantner)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Sozial- und Kulturgeschichte
    19. Jh.
    4018145-5 4018183-2 4029290-3 4067473-3
    1800-1900
    Frankreich (4018145-5), Französische Revolution (4018183-2), Kalender (4029290-3), Zeitwahrnehmung (4067473-3)
    PDF document perovic_tantner.doc.pdf — PDF document, 98 KB
    S. Perovic, The Calendar in Revolutionary France. Perceptions of Time in Literature, Culture, Politics (Anton Tantner)
    In: Francia-Recensio 2013/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-4/FN/perovic_tantner
    Veröffentlicht am: 12.12.2013 09:00
    Zugriff vom: 17.10.2017 22:33
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