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    R. Kießling, T. M. Safley, L. Palmer Wandel, Im Ringen um die Reformation. Kirchen und Prädikanten, Rat und Gemeinden in Augsburg (Wolfgang Wüst)

    Francia-Recensio 2013/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Rolf Kießling, Thomas Max Safley, Lee Palmer Wandel (Hg.), Im Ringen um die Reformation. Kirchen und Prädikanten, Rat und Gemeinden in Augsburg, Epfendorf/Neckar (bibliotheca academica Verlag) 2011, 340 S., 26 Abb., ISBN 978-3-928471-79-4, EUR 39,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Wolfgang Wüst, Erlangen/Augsburg

    Die Reformationsgeschichte zählt seit dem 19. Jahrhundert zu den vorrangigen Themen der Geschichts- und Religionswissenschaft, doch sank ihr Stern als Erklärungsmuster für die entstehende Moderne nicht nur in der deutschsprachigen Forschung im Schatten aufkommender Diskurse um den Stellenwert der Konfessionen und der sie begleitenden europäischen Konfessionalisierung. Interdisziplinär war sie mit dem methodischen Rückgriff auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns und die Identitätspsychologie Erik H. Eriksons gut positioniert. Mit dem Konfessionalisierungsparadigma – als Initialzündung gelten bis heute die Forschungen von Ernst Walter Zeeden, Wolfgang Reinhard und Heinz Schilling – geriet die Vielfältigkeit des religiösen Handelns der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und das Eigenleben bzw. die säkulare Anbindung der Pfarreien am städtischen Geschehen während der letzten Jahrzehnte zunehmend aus dem Blickfeld. All zu sehr richtete sich der Fokus auf das Epochenereignis des Konfessionsausgleichs auf dem Augsburger Reichstag von 1555 (das »Wunder« von Augsburg) und die gefestigten Bekenntnispositionen, wie sie 1530 vorgestellt und publiziert wurden.

    Der vorliegende Band will hier eine Trendwende einleiten. Es ist das Anliegen der drei Herausgeber und ihrer Mitautoren – dabei handelt es sich aber ausschließlich um ihre Schüler und Doktoranden – die Reformation als »ein sehr viel komplexeres Phänomen mit vielfältigen Ausformungen auf vielfältigen Wegen« (S. 7) darzustellen. Insofern kann man den Ansatz auch als eine Rolle rückwärts weg von der Strukturgeschichte hin zu einer neuaufgelegten, positivistisch ausgerichteten Mikro-, Kleriker- und Pfarreigeschichte deuten. Theoretische Erklärungsnot entsteht allerdings dann, wenn man die Gemeinden als Handlungsort reformatorischen Geschehens ernstnimmt, aber auf die Rezeption wichtiger Arbeiten zur entsprechenden Pfarreientwicklung verzichtet. So vermisst man u. a. Arbeiten aus der Feder von Enno Bünz, Nathalie Kruppa, Dixon C. Scott oder Fritz Markmiller. Die Konsultation der von Anton Schindling und Walter Ziegler herausgegebenen Publikationsreihe »Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung« (hier Band 6: Nachträge, Münster 1996) und des von Gerhard Müller, Horst Weigelt und Wolfgang Zorn besorgten Referenzwerks »Handbuch der Geschichte der Evangelischen Kirche in Bayern« (hier Band 1: Von den Anfängen des Christentums bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, München 2002) hätte freilich weitergeholfen.

    Das Fallbeispiel Augsburg ist für die Thesenbildung des Sammelbandes gut gewählt, wenn es darum geht, die »Örtlichkeit des Christentums« (S. 13) wiederherzustellen. Die süddeutsche Reichs-, Bischofs-, Dom- und Handelsstadt zeichnet sich durch eine sehr dichte Überlieferung vor allem für das 16. und 17. Jahrhundert (»Wolfenbüttel des Südens«) aus. Die günstige Archiv- und Bibliothekssituation lockte – solange das dortige Stadtarchiv u. a. mit seinen beiden einschlägigen Pertinenz-Beständen des Evangelischen und Katholischen »Wesensarchivs« noch akzeptable Öffnungszeiten anbot – die internationale Forschung in die bayerisch-schwäbische »Provinz«. Zu diesem Kreis nordamerikanischer Historiker mit fundierter reichsstädtischer Quellenkenntnis zählen in erster Linie die beiden Mitherausgeber Thomas Max Safley, der als Professor für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der University of Pennsylvania in Philadelphia lehrt, und Lee Palmer Wandel von der University of Wisconsin-Madison – beide kann man auch als „Wahlaugsburger“ bezeichnen – sowie unter den weiteren Autorinnen und Autoren Emily Fisher Gray und Michele Zelinsky Hanson.

    Wie war die Ausgangslage vor der Reformation, die im Band ausführlich nur in den Beiträgen des Augsburger Landeshistorikers und Mitherausgebers Rolf Kießling (in Rückgriff auf seine Dissertation »Bürgerliche Gesellschaft und Kirche in Augsburg im Spätmittelalter. Ein Beitrag zur Strukturanalyse der oberdeutschen Reichsstadt« von 1971) angesprochen wird? Domstift und Stadt waren bis zur Reformation stets institutionell und personell stark verwoben – eine Verbindung, die sich auch nach dem Übergang der bischöflichen Vogtei zunächst an das Reich und seit 1276 an die Bürgerschaft fortsetzte. Die Domimmunität und die von der städtischen Jurisdiktion zumindest partiell exemten Areale der bischöflichen Hausklöster sorgten zusammen mit bischöflichen Privilegien im weltlichen Bereich (Münzrecht, Ungeld/Steuerfreiheit, Zollhoheit usw.) für ein kontrolliertes Miteinander zwischen Bürgerschaft und Domkirche. Gottesdienst, Predigeramt, Seelsorge und geistliche Jurisdiktion von Bischof und Domklerus erzwangen regelmäßige Kontakte und Absprache. In der Ecclesia Augustana gab es das zunächst als bischöflich geltende Benediktinerkloster St. Ulrich und Afra – dort erreichte man erst zwischen 1577 und 1614 graduelle Reichsunmittelbarkeit –, das 200 Meter vor der Stadtmauer gelegene Benediktinerinnenkloster St. Nikolaus, das der Rat 1537 schleifen ließ, die Kollegiatstifte St. Gertrud, St. Moritz und St. Peter am Perlach, die Augustiner-Chorherrenstifte St. Georg und Heilig Kreuz und das adlige Damenstift St. Stephan. Als exemt galten die Bettelorden mit den Barfüßern und die Franziskaner-Terziarinnenklöster Zum Stern, St. Martin und St. Klara an der Horbruck, das Karmeliterkloster St. Anna, das Dominikanerkloster St. Magdalena, die Dominikanerinnenklöster St. Katharina und St. Margareth und das Dominikaner-Terziarinnenkloster St. Ursula. Mit diesen Stiften und Klöstern eng verbunden waren die im Band näher untersuchten sechs städtischen Pfarrkirchen. Zu ihnen zählten der Dom (Dietmar Schiersner, Die gescheiterte Reformation: Dom und Stephan , S. 241–269), St. Moritz und St. Anna (Rolf Kießling, Eine "Doppelgemeinde": St. Moritz und St. Anna , S. 105–171), St. Ulrich (Stephanie Armer, Eine Pfarrzeche wird zur Gemeinde: St. Ulrich , S. 173–213), St. Georg (Thomas Max Safley, Zentrum und Peripherie: Die Gemeinden Zu den Barfüßern und bei St. Georg, S. 45–104), Heilig Kreuz (Emily Fisher Gray, Von der Ottmarskapelle zur Gemeindekirche: Heilig Kreuz, S. 215–240) und St. Stephan (Dietmar Schiersner, Die gescheiterte Reformation: Dom und St. Stephan , S. 241-270). Seit dem 14. Jahrhundert war in all diesen Pfarreien ein Teil des kirchlichen Besitzes in Laienhand überführt worden, in die Verantwortung von Zechpflegschaften, die mit dem wachsenden Reichtum einzelner Patrizier und Kaufleute schon vor 1500 bestimmenden Einfluss auf das Kirchenwesen gewinnen konnten. Das Zechvermögen war vornehmlich für Belange der Seelsorge, also für Predigt und Katechese, oder für den Gemeindegottesdienst oder auch zur Ausstattung zecheneigener Altäre mit Wachs, Silbergerät, Paramente, Altarschmuck und ewigem Licht gestiftet worden. Schon vor der Reformation fiel den Zechpflegschaften die Aufgabe zu, Erwartungen und Wünsche der Pfarrgemeinde gegebenenfalls auch gegen die mächtigen Hausherren ihrer Kirchen – das waren die Bischöfe, ihre Domkapitel und die Klosterkonvente – zu behaupten. Es gelang dies zunehmend, da die Augsburger Zechen im städtischen Rechtsbewusstsein an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert als Treuhänder galten, die von kirchlichen und städtischen Instanzen gleichermaßen unabhängig waren.

    Die Ergebnisse überzeugen insofern, als die Reformation in den untersuchten Augsburger Predigthäusern und Pfarreien weniger obrigkeitlich gelenkt als von den Kirchengemeinden und ihren gewählten Vertretern (Zechpflegern) initiiert und begleitet wurde. Die Täufer als eine Gemeinde ohne etablierte Kirche (Michele Zelinsky Hanson, Gemeinde ohne Kirche: die

    Täufer, S. 271–291) sind hier völlig zu Recht in die Überlegungen ebenfalls aufgenommen worden. Die Erkenntnisse sind aber insgesamt weniger neu als einleitend von Lee Palmer Wandel dargestellt. Die Inhalte bestätigen ferner die Kommunalismus-These von Peter Blickle, sie wiederholen die Kritik am angestammten Epochendenken zwischen Mittelalter und Neuzeit und vor allem internationalisieren sie städtische Mikrogeschichte dank zahlreicher Beiträge aus der angelsächsischen Forschung, die man trotz der idiomatischen Übersetzung seitens des Mitherausgebers Thomas Max Safley mit Zustimmung des Verlegers Dr. Hans-Joachim Köhler – Kompliment für die gediegene Buchausstattung! – ruhig in Originalsprache hätte publizieren dürfen. Die Rezeption der Reformationsgeschichte würde mit Blick auf die englischsprachige Leserschaft – konkret ganz im Sinne des Reformationsforschers Heiko Augustinus Oberman (1930–2001) 1 – für den nordamerikanischen Kultur- und Kirchenkreis weltweit erhöht. Er lebte und lehrte als ehemaliger Leiter des Instituts für Spätmittelalter und Reformation an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen über Jahrzehnte als »Regents Professor of Medieval, Renaissance, and Reformation History« nachhaltig an der University of Arizona.

    1 Berndt Hamm, Nekrolog Heiko Augustinus Oberman 1930–2001, in: Historische Zeitschrift 273 (2001), S. 830–834.

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    PSJ Metadata
    Wolfgang Wüst
    R. Kießling, T. M. Safley, L. Palmer Wandel, Im Ringen um die Reformation. Kirchen und Prädikanten, Rat und Gemeinden in Augsburg (Wolfgang Wüst)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Bayern
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    16. Jh.
    4003618-2 4048946-2
    1500-1600
    Augsburg Region (4003618-2), Reformation (4048946-2)
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    R. Kießling, T. M. Safley, L. Palmer Wandel, Im Ringen um die Reformation. Kirchen und Prädikanten, Rat und Gemeinden in Augsburg (Wolfgang Wüst)
    In: Francia-Recensio 2013/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-4/FN/kiessling_wuest
    Veröffentlicht am: 12.12.2013 09:20
    Zugriff vom: 19.09.2017 15:26
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