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    L. Febvre, F. Crouzet, Nous sommes des sang-mêlés (Peter Schöttler)

    Francia-Recensio 2013/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Lucien Febvre, François Crouzet, Nous sommes des sang-mêlés. Manuel d’histoire de la civilisation française. Présentation de Denis et Élisabeth Crouzet, Paris (Albin Michel) 2012, 392 p., ISBN 978-2-226-20901-6, EUR 23,00 .

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Peter Schöttler, Paris/Berlin

    Hinter diesem Buch steht, wieder einmal, eine besondere Geschichte. Geschrieben wurde es 1950 im Auftrag der UNESCO. Eine erste Skizze entwarf Lucien Febvre (1878–1956), Professor am Collège de France und Herausgeber der »Annales« , die weitere Ausführung übertrug er einem jungen Historiker namens François Crouzet (1922–2010), der später ein prominenter Wirtschaftshistoriker und Englandspezialist an der Sorbonne wurde 1 . Schließlich machte sich Febvre an die abschließende Redaktion, wobei er mehrere Kapitel hinzufügte. Erscheinen sollte das Buch unter beider Namen, so wie Febvre schon vorher – damals noch ungewöhnlich – mehrere Gemeinschaftsprojekte auf den Weg gebracht hatte: zunächst mit Lucie Varga (über Religionen im 16. Jahrhundert), dann mit Henri-Jean Martin (über die Frühgeschichte des Buchdrucks) und schließlich mit Robert Mandrou (über Mentalitäten im 16. und 17. Jahrhundert). Von diesen Projekten wurde aber keines zu Lebzeiten des Meisters fertig 2 . Dagegen wurde das Buch mit Crouzet zwar termingerecht abgeschlossen, jedoch trotzdem nie veröffentlicht. Das Manuskript ging sogar verloren, bzw. es verschwand zunächst in den Papieren von Mandrou (bis zu dessen Tod 1984) und später auf dem Speicher von Crouzet, wo es nach dem Tod des Historikers 2010 von dessen Sohn Denis, inzwischen selbst Professor an der Universität Paris IV, gefunden wurde.

    Für Spezialisten mag dieser Fund nicht ganz so überraschend sein, weil die Existenz eines solchen Buches aufgrund einer deutschen Teilübersetzung unter dem Titel »Der internationale Ursprung einer Kultur: Grundgedanken zu einer Geschichte Frankreichs« in dem von Georg Eckert herausgegebenen »Internationalen Jahrbuch für Geschichtsunterricht« (2. Jg., 1953, S. 5–31) schon lange bekannt war. Aber das Gesamtmanuskript galt als verschollen. Nun ist seine Lektüre endlich möglich, und man kann sagen, dass sie unsere Kenntnisse sowohl Febvres als auch der »Annales« und der französischen Nachkriegshistoriographie um ein wichtiges, ja in kulturpolitischer Hinsicht sogar entscheidendes neues Kapitel erweitert. Das liegt auch daran, dass die beiden Herausgeber, der Frühneuzeitler Denis Crouzet und die Mediävistin Élisabeth Crouzet-Pavan, dieses zunächst titellose Manuskript unter der schön-provokanten Formulierung Febvres »Nous sommes des sang-mêlés« (»Wir sind Mischlinge«) in einer äußerst sorgfältigen Edition vorlegen und mit einem umfangreichen Nachwort versehen haben, das Kontext und Bedeutung des Buches bestmöglich erhellt.

    Worum geht es? Wie der Untertitel signalisiert, handelt es sich um eine Art »Lehrbuch« oder Einführung in die französische Kulturgeschichte. Adressat ist die Nachkriegsjugend, wir schreiben immerhin das Jahr 1950. Dieser Jugend soll gezeigt und erklärt werden, dass auch die Nationalgeschichte, die in beiden Weltkriegen die Völker gegeneinander aufgebracht hat, eigentlich nur in größeren, internationalen Zusammenhängen verstanden werden kann. Kein Land hat eine Geschichte, die sich ohne die seiner Nachbarn verstehen lässt; kein Volk ist völlig »rein«, wir alle sind in jeder Hinsicht – nicht zuletzt, was die sogenannte »Rasse« angeht – »Mischlinge«. Nach der Gründung der UNESCO als Kulturorganisation der Vereinten Nationen, an der Febvre als französischer Delegierter teilgenommen hatte, war besonders klar, dass eine weltweite Neuorientierung stattfinden musste, um die alten Vorurteile zu überwinden und eine neue Friedensordnung aufzubauen. Hatte die Geschichte bis dahin meist als nationale Legitimationswissenschaft fungiert, sollte sie nun den Frieden propagieren: »L’histoire, c’est la paix«, lautete die Losung, die Febvre damals in zahllosen Vorträgen und Aufsätzen vertrat. Mit diesem Ziel brachte die UNESCO das Projekt einer neuen Weltgeschichte auf den Weg, einer »Histoire scientifique et culturelle de l’humanité« 3 , und gründete zu deren Vorbereitung und Begleitung eine neue, dreisprachige Zeitschrift, die »Cahiers d’histoire mondiale/Journal of World History/Cuadernos de historia mundial«, die ab 1953 erschien. Herausgeber war Febvre, Redaktionssekretär Crouzet. Daneben entstand der Plan zu einer kleinen Buchreihe, die sich speziell an die Jugend wenden und verschiedene Nationalgeschichten exemplarisch als transnationale Geschichten darstellen sollte. Urheber dieser Idee war wiederum Febvre. Also musste er mit gutem Beispiel vorangehen und als erstes einen Band zur transnationalen Geschichte Frankreichs vorlegen, weshalb er eben – angesichts seiner vielen Verpflichtungen und seines vorgerückten Alters – einen jungen Nachwuchshistoriker an dem Projekt beteiligte.

    »Wir alle sind Mischlinge«: Das ist die zentrale Botschaft des Buches. Es wendet sich an einen »jungen Franzosen«, einen Mittelschüler oder Studenten (bekanntlich war das Gender-Bewusstsein damals noch kaum entwickelt, auch wenn Febvre alles andere als ein »Macho« war: Siehe sein geplantes Buch mit Lucie Varga). Das systematische Duzen des jungen Lesers mag heute etwas merkwürdig klingen, aber es gehörte offenbar zur Vertrauensbildung. »Mon ami, tu es Français« heißt es im ersten Satz. »Tu participes aux destins d’une nation qui a joué dans l’histoire du monde occidental un rôle de premier plan. Tu es l’héritier et le bénéficiaire d’une des plus riches, d’une des plus belles civilisations « … Starkes nationales Pathos also und auch viel Eigenlob. Doch dann kommt die Aufforderung, einmal gründlich nachzudenken: » Étudie, et tu verras que, dans cette magnifique création, rien, sinon l’acte même de créer, rien, sinon l’art même de construire, et le style de l’ensemble, rien n‘est à toi seul, Français; rien n’est à toi en propre, à toi exclusivement. Tous les matériaux qui leur ont servi à bâtir, à construire leur civilisation, la civilisation française, tes aïeux les ont pris de toutes parts, de toutes mains, partout où ils les trouvaient, où ils les pouvaient prendre « (S. 19–20). Ja, noch nicht einmal die großen Ereignisse der französischen Binnengeschichte seien ohne äußere Einflüsse denkbar: » Tu verras que pas un seul d’entre eux, si marqués qu’il paraissent au coin du génie français, n’a pu se produire sans avoir été, du dehors, préparé, provoqué parfois, orienté en tous cas et facilité par l’effort commun d’autres pays, d’autres peuples, d’autres nations « (S. 21).

    So geht es dann weiter: Allein die besondere Mischung habe Frankreichs Größe ausgemacht. » Bienheureux, le groupe, bienheureuse la nation qui n’est pas pure ‹ (S. 45). Angesichts der Verheerungen des Nationalsozialismus schreiben Febvre und Crouzet also in geradezu Brecht’scher Art: Glücklich das Land, das keinen Reinheitsfimmel kennt. »Les Français ne sont pas une race pure? Tant mieux pour eux« (S. 47). Sehr didaktisch, dem Adressatenkreis entsprechend, gehen die Autoren sowohl diachron wie synchron die ganze Geschichte Frankreichs durch und stellen jeweils heraus, worin die »fremden Einflüsse« bestanden oder vielmehr, wo es Wechselwirkungen, Kulturtransfers und Übertragungen gab. Schon zu römischen Zeiten hatte sich das Land geöffnet, war durchzogen von Einflüssen. Das Christentum als Religion war palästinensischen Ursprungs und wurde später zur internationalen Religion. Durch die germanischen Völkerwanderungen wurde Frankreich erneut regelrecht umgekrempelt. Gewiss, die französische Monarchie war zentralistischer als die deutsche, aber auch Frankreich war im Mittelalter nie rein französisch. Erst ganz allmählich bildeten sich die späteren Grenzen heraus: Machtgrenzen, Zollgrenzen, Sprachgrenzen, Religionsgrenzen (Katharer, Protestanten etc.). Jahrhundertelang gab es engste, wenn auch komplizierte Beziehungen zu England, später zu Italien oder zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (denken wir nur an den Buchdruck oder die Geschichte des französischen Protestantismus). Spanien und Holland waren ebenfalls Nachbarn, die in Frankreich wahrgenommen und teilweise imitiert wurden: Vom (spanischen) Hofzeremoniell bis zur (holländischen) Wirtschaftspolitik. Sogar die große Revolution von 1789, auf die jeder Franzose (oder fast) stolz ist, war kein rein französischen Ereignis, sondern hatte auch in London und Philadelphia gewisse Ursprünge: »Il serait inintelligent […] de penser que la France a pu faire, et a fait, sa révolution en vase clos et sans précédents« (S. 179). Mit der industriellen Revolution und dem Aufkommen der modernen Universitäten im 19. Jahrhundert wird diese Prägung sogar noch stärker, denn »les hommes sont comme les abeilles: ils font leur miel de toutes les fleurs. Une civilisation digne de ce nom ne peut naitre que de contacts, d’influences réciproques « (S. 210).

    In der Tat lässt sich diese Perspektive auch umdrehen: Frankreich prägte, ja dominierte phasenweise die europäische Kultur, etwa durch Architektur (Gotik!) oder Literatur und Sprache. Außerdem war Frankreich, das wollten Febvre und Crouzet natürlich stark betonen, das Land der Menschenrechte und der Verfassung von 1791, das als erstes der Welt den Frieden erklärt hatte: »La nation française renonce à entreprendre aucune guerre dans le but de faire des conquêtes et n’emploiera jamais la force contre la liberté d’aucun peuple« (S. 264). Dieses Versprechen war zwar leider nicht zu halten – und Febvre pflegte Napoleon immer nur »Bonaparte« zu nennen!–, doch nach den Eroberungskriegen der Nazis war ein solcher programmatischer Verzicht auf militärische Gewalt und Unterdrückung natürlich von großer Aktualität.

    Dass Lucien Febvre kein Anhänger traditioneller Nationalgeschichten war, sondern dass er wie sein großes Vorbild Henri Pirenne und wie sein Freund Marc Bloch für eine grenzübergreifende Geschichte plädierte, wusste man natürlich schon lange: Siehe sein Buch über den Rhein von 1931 oder seine posthum publizierten Vorlesungen über Europa. Doch das jetzt veröffentlichte Manuskript geht viel weiter. Hier haben wir, auf dem Hintergrund des alliierten Sieges über den Faschismus ein Exempel, ein Experiment, ja man möchte sagen: ein erstes Monument jener Verflechtungsgeschichte, die erst viel später und neuerdings unter dem Stichwort »histoire croisée « von vielen Historikerinnen und Historikern herbeigewünscht und seit einigen Jahren auch praktiziert wird. Eine einzigartige »französische Geschichte für junge Leute« – vergleichbar mit der berühmten Weltgeschichte für junge Leser von Ernst Gombrich – der übrigens auch seine Leser duzte –, die künftig zur Pflichtlektüre aller weltoffenen Jugendlichen und Erwachsenen werden sollte.

    1 Siehe jetzt auch François Crouzets Memoiren, die fast zeitgleich erschienen sind: François Crouzet, De Mémoire d’historien. Chroniques d’un XX e siècle disparu, hg. von Denis Crouzet, Paris 2012. Der Autor berichtet darin u. a. über seine Beziehungen zu Febvre und über das gemeinsame Buchprojekt (S. 155ff.).

    2 Lucie Varga starb bekanntlich schon 1941. Das Buch mit Martin erschien 1958 unter den Autorennamen Lucien Febvre, Henri-Jean Martin, L’Apparition du livre, neu hg. v. Fréderic Barbier, Paris 1999. Dagegen wurde das mit Mandrou geplante Buch 1961 von diesem allein publiziert: Introduction à la France moderne 1500–1640. Essai de psychologie historique, neu hg. v. Monique Cottret, Philippe Joutard u. Jean Lecuir, Paris 1998.

    3 Diese Weltkulturgeschichte ist später tatsächlich erschienen, erst auf Englisch, dann auf Französisch (9 Bde., 1963–1976). Allerdings in einer gegenüber dem ursprünglichen, aufklärerisch-universalistischen Konzept sehr stark veränderten Form, nachdem der Kalte Krieg und die christlichen Lobbygruppen Einfluss genommen hatten.

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    PSJ Metadata
    Peter Schöttler
    L. Febvre, F. Crouzet, Nous sommes des sang-mêlés (Peter Schöttler)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Europa, Frankreich und Monaco
    Sozial- und Kulturgeschichte
    19. Jh., 20. Jh., Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4018145-5 4020588-5 4125698-0
    1500-2000
    Europa (4015701-5), Frankreich (4018145-5), Gesellschaft (4020588-5), Kultur (4125698-0)
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    L. Febvre, F. Crouzet, Nous sommes des sang-mêlés (Peter Schöttler)
    In: Francia-Recensio 2013/3 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
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    Veröffentlicht am: 13.09.2013 11:00
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:42
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