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    V. Robert, La presse en France et en Allemagne (Ursula E. Koch)

    Francia-Recensio 2013/1 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Valérie Robert, La presse en France et en Allemagne. Une comparaison des systèmes, Paris (Presses Sorbonne Nouvelle) 2011, 184 p. (Les fondamentaux de la Sorbonne nouvelle), ISBN 978-2-87854-564-7, EUR 13,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ursula E. Koch, München/Paris


    Universitäre Studien, in denen französische und deutsche Medien (hier die Presse) mit dem Ziel eines Vergleichs dargestellt und hinterfragt werden, sind in beiden Ländern auch 50 Jahre nach dem Elysée-Vertrag bedauerlicherweise selten. Umso mehr ist die vorliegende Veröffentlichung von Valérie Robert zu begrüßen, die seit einem Jahrzehnt an der Sorbonne nouvelle im Rahmen der Germanistik ( civilisation ) den Schwerpunkt deutsch-französische bzw. europäische Journalistik ( bachelor ; master professionnel ) betreut. In zehn, jeweils untergliederten Kapiteln mit 48, von der Autorin erstellten und erläuterten Abbildungen (vorwiegend aus den Jahren 2009 und 2010) werden die Strukturen beider Medienlandschaften in Bezug auf Unterschiede, Ähnlichkeiten und eventuelle wechselseitige Einflüsse untersucht.

    Zum Einstieg (S. 9–16) vermitteln statistische Angaben einen Überblick über die Art und Dauer der Nutzung der klassischen (TV, Radio, Tages- und Zeitschriftenpresse) und »neuen« Medien (Internet) im europäischen bzw. deutsch-französischen Vergleich. Während in Frankreich (europaweit Platz 4, weltweit Platz 21) 81 zahlungspflichtige (14 »nationale«, d. h. Pariser, und 67 regional verbreitete) sowie 13 gratis verteilte Nachrichtenblätter täglich erscheinen, zählt man in Deutschland, dem europaweit zeitungsreichsten Land (weltweit: Platz 8), 10 »überregionale«, 333 regionale sowie 8 »Kaufzeitungen«, von denen allerdings nur 134 eine Vollredaktion besitzen. Auch widmet sich der deutsche über mehr Freizeit verfügende Leser 10 Minuten länger als ein Franzose/eine Französin der Zeitungslektüre.

    In dem sehr umfangreichen Kapitel 2 (S. 17–36) wird der im zentralistischen Frankreich und in der Bundesrepublik Deutschland gültige juristische Rahmen (Presse-, Zivil- und Strafrecht) erörtert, wobei aus historischer Sicht zu ergänzen wäre, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland nicht erst im Grundgesetz von 1949, sondern ein erstes Mal in der (nicht in Kraft gesetzten) Reichsverfassung von 1849 und dann in der Weimarer Verfassung von 1919 (§ 118) verankert worden war. Im Gegensatz zu Frankreich besitzen in Deutschland Presseunternehmen kein eigentliches Statut.

    Diesseits wie jenseits des Rheins befindet sich die Presse in privater Hand und ist den Marktgesetzen unterworfen. In beiden Ländern existieren daher zwecks Aufrechterhaltung der Vielfalt Antikonzentrationsgesetze. Unterschiedliche Auffassungen betreffen vor allem die Rolle des Staates. Der vom Bundesverfassungsgericht dekretierten »Staatsfreiheit« der Medien (im Gegensatz zum Dritten Reich und zur DDR), was eine Reduzierung der MWS nicht ausschloss, stehen in Frankreich substantielle, nach dem Gießkannenprinzip oder individuell vergebene Staatshilfen gegenüber. Dass neuerdings auch in deutschen Zeitungsverlegerkreisen der Ruf nach staatlicher Unterstützung lauter wird, findet ebenfalls Erwähnung. Dass ein Staatsoberhaupt (Präsident Nicolas Sarkozy) sogenannte »Generalstände der Presse« einberuft, an denen nur die Verlegerverbände teilnehmen, wäre in Deutschland allerdings unvorstellbar.

    Speziell mit den Ausgaben und Einnahmen der Presse beschäftigt sich Kapitel 3 (S. 3–45), wobei nicht nur eine unterschiedliche Gewichtung (insbesondere kommerzieller oder Image-Anzeigen) ins Auge fällt, sondern auch zwei französische Besonderheiten: die in Paris faktisch die Löhne diktierende Druckgewerkschaft »Livre CGT« und das allein von seinen Verkaufserlösen (ungefähre Auflage 500 000 Exemplare) lebende zugleich satirische und investigative Wochenblatt »Le Canard enchaîné« .

    In Kapitel 4 (S. 47–58) treten – bezogen auf den Vertrieb der Tagespresse – historisch bedingte Unterschiede deutlich hervor. Während die ersten Zeitungskioske auf den Pariser Boulevards in den 1840er Jahren auftauchten, setzte sich der deutsche Straßenverkauf erst im 20. Jahrhundert endgültig durch. Heute existieren sieben regionale »Kaufzeitungen« und, als überregionale »Boulevardzeitung«, der in einem besonderen Abschnitt behandelte Auflagenmillionär »Bild«, ein Zeitungstyp, der sich in Frankreich nicht durchsetzen konnte. Sieht man von den in beiden Ländern überwiegend per Abonnement (in Frankreich meist Postvertrieb, in Deutschland Austräger) vertriebenen Regionalzeitungen ab, so geben die Abbildungen bezüglich der »nationalen« oder »überregionalen« Titel interessante Aufschlüsse über das durchaus verschiedene Verhältnis Abonnement/Straßenverkauf.

    Sehr instruktiv sind auch die Kapitel 5–7 (S. 59–115), die sich auf die Pressekonzentration insgesamt sowie, im Einzelnen, auf die Tageszeitungen und Zeitschriften beziehen. Als ein Hauptgegensatz sind hier die an Pariser Presseunternehmen beteiligten branchenfremden oder ausländischen Investoren zu nennen, während in Deutschland derartige, an Gewinnmaximierung interessierte »Heuschrecken« abgewehrt wurden oder kein Interesse zeigten. Im Bereich der in beiden Ländern dynamischen, ganz unterschiedliche Typen umfassenden Zeitschriftenpresse sticht die vergleichsweise rege Tätigkeit deutscher Medienunternehmen in Frankreich (allen voran Prisma Presse) hervor.

    In Frankreich wie in Deutschland bemühen sich die Verlage, die 2008 und in den Jahren danach durch die Wirtschafts- und Finanzkrise einerseits und die zunehmende Konkurrenz digitaler Medien andererseits ausgelöste größte Zeitungskrise der Nachkriegszeit in den Griff zu bekommen: Preiserhöhungen, »Relaunch«, Kooperation bzw. Zusammenlegung von Redaktionen oder Druckereien (Synergieeffekt), Personaleinsparungen (Entlassungen; Vorruhestand; »freie« statt »fester« Mitarbeiter), Tarifflucht, elektronische Nachrichtenportale und kostenpflichtige E-Papers für PC und mobile Medien sowie, verstärkt, Nebenprodukte aller Art.

    Der »Soziologie des Journalismus« ist das letzte Kapitel (S. 141–158) zugeordnet: französische nationale Pressekarte bzw. Presseausweis eines Bundeslandes, Zeugnisverweigerungsrecht, Informationsprivileg (Deutschland), berufliche Ethik und berufliches, kulturell oder rein praktisch bedingtes Selbstverständnis. Was die Möglichkeiten beruflicher Ausbildung anbelangt, so haben sich diese in beiden Ländern seit den 1970er Jahren vervielfacht. Es bleibe jedoch nicht unerwähnt, dass, wie in Frankreich, so auch in Deutschland, erste Ansätze bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts festzustellen sind. Das 1949 in München nach dem Vorbild der Graduate School of Journalism der Colombia University in New York City entstandene Werner-Friedmann-Institut war der Vorläufer der 1959 gegründeten renommierten Deutschen Journalistenschule München.

    Die mit Zahlen gespickte, nuancenreiche Untersuchung von Valérie Robert enthält ein Abkürzungs- und Abbildungsverzeichnis, ein sehr nützliches deutsch-französisches Presselexikon und eine Bibliographie (Journalismusforscher wie Rémy Rieffel, Michel Mathien, Klaus-Dieter Altmeppen oder Klaus Arnold fehlen jedoch), wobei verwendete Zeitungs- und Zeitschriftenartikel in den Fußnoten Erwähnung finden. Es richtet sich an Lehrpersonal, Studierende und Presseleute sowie an ein allgemein an diesem Thema interessiertes Publikum in Frankreich und Deutschland. Allerdings sollten in Anbetracht der oft nur »in den Raum gestellten« Personen, Unternehmen und Titel (ein Register sowie Abbildungen von Titelseiten wären hilfreich) gewisse Vorkenntnisse vorhanden sein. Seit dem Erscheinen des Buches haben mehrere darin aufgeführte Zeitungen (z. B. »France Soir«, »Financial Times Deutschland«) ihr Erscheinen eingestellt oder Insolvenz angemeldet (»Frankfurter Rundschau«). Eine zu gegebener Zeit aktualisierte Neuauflage sei daher von der Rezensentin ausdrücklich empfohlen.

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    Ursula E. Koch
    V. Robert, La presse en France et en Allemagne (Ursula E. Koch)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    (u"(u'',)",)
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    V. Robert, La presse en France et en Allemagne (Ursula E. Koch)
    In: Francia-Recensio 2013/1 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-1/ZG/robert_koch
    Veröffentlicht am: 19.03.2013 10:20
    Zugriff vom: 25.03.2017 02:59
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