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    K. Weber, Die Formierung des Elsass im Regnum Francorum (Gerhard Lubich)

    Francia-Recensio 2013/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Karl Weber, Die Formierung des Elsass im Regnum Francorum. Adel, Kirche und Königtum am Oberrhein in merowingischer und frühkarolingischer Zeit, Ostfildern (Jan Thorbecke Verlag) 2011, 262 S., 3 Karten u. CD-ROM (Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland, 19), ISBN 978-3-7995-7369-6, EUR 46,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Gerhard Lubich, Bochum

    Im Rahmen der Debatte um die nationale Zugehörigkeit des Elsass im 19. und 20. Jahrhundert werden zwei Legitimationsstrategien deutlich, die sich historischer oder vermeintlich historischer Argumente bedienen und identisch sind mit den unterschiedlichen modernen Nationskonzeptionen beider Länder. So hob etwa die französische Forschung verstärkt ab auf die territoriale Komponente: Das Elsass sei seit fränkischer Zeit Teil des Anspruchsgebiets des fränkischen Königtums gewesen, also Teil eines Staatsgebietes durch den Anspruch der leitenden Institution. In der deutschen Forschung hingegen argumentierte man mit der angeblich germanischen Abstammung der Elsässer, deren dadurch (proto-)deutsches Wesen, »Geist« und Sprache auch ihr Gebiet zu einem Teil der deutschen »Kulturnation« gemacht hätten.

    Der Autor des hier zu besprechenden Werkes, einer Freiburger Dissertation, ist sich dieser schwierigen Tradition durchaus bewusst (vgl. etwa S. 2f.) und entwickelt aus diesem Problembewusstsein einen eigenen kulturgeschichtlichen Ansatz, der beiden Elementen Rechnung zu tragen verspricht; immerhin kann der große Begriff der »Kultur« sowohl das Politische oder territorial Institutionelle umfassen wie auch die kulturell identitätsbildenden Elemente einer Gruppe wie Sprache, Recht oder Religion. Dadurch aber, dass als Untersuchungsziel »nicht der Raum, wie er war«, definiert wird, »sondern der Raum, wie er erinnert wird« (S. 2), also die »gruppengestützte Wahrnehmung« (S. 9) im Zentrum des Interesse steht, findet eine deutliche Schwerpunktsetzung zwischen diesen beiden Polen statt, nämlich hin zu den Personengruppen. Schließlich »erinnern« Institutionen ja nicht aus sich selbst heraus, sondern erst auf Veranlassung von Menschen (Individuen wie Gruppen).

    Dieses so skizzierte Grundgerüst übersetzt der Verfasser in konkrete Untersuchungen, bei denen Chronologie und systematischer Zugriff ineinander greifen und sich gleichsam nahtlos ergänzen. So wird im ersten Kapitel (S. 13–55) der Bogen geschlagen von einer staatlich-territorial verstandenen römischen Raumordnung hin zur Personengruppe der bei Fredegar erwähnten Alesaciones . Diese wiederum sind nicht als ursprünglich ethnische Gruppe zu verstehen, sondern als eine Gruppe von königlichen Funktionären, die mutmaßlich aus verschiedenen Reichsteilen stammten, die sich aus den Ortsnamen im Umkreis des als Zentrum erkennbaren Straßburg ableiten lassen. Der Name des Elsass sei bestehen geblieben, auch nachdem die (offenbar mittlerweile mit einer Identität versehene?) Gruppe nicht mehr funktional dem König zugeordnet war (vgl. insbes. S. 51–55). Der untersuchte Raum wird im Verlauf des Werkes dann – obwohl für etwa ein Jahrhundert kein Beleg vorliegt – als »Elsass« bezeichnet und in seiner Grundanlage als gegeben betrachtet.

    Nachdem somit eine grundsätzliche Position geschaffen scheint, widmet sich die Arbeit der eigentlichen »Formierung«; darunter ist wohl eher die »Ausgestaltung« als der »Entstehungsprozess« zu verstehen (der Begriff als solcher bleibt undefiniert). Das zweite Kapitel (S. 57–97) fokussiert nunmehr auf die »merowingische Raumordnung« und behandelt zunächst die Position des Elsass im fränkischen Reich bzw. den einzelnen Teilreichen. Als initiative Kraft erscheint dabei das Königtum. Es zeigt sich, dass im 7. Jahrhundert die letzten eigenständigen merowingischen Herrscher auch über die Ausrichtung der pagi - und dann die Bistumsorganisation auf die Binnenstruktur zugriffen; zugleich sind erste adlige Einflussnahmen nachweisbar, die sich jedoch eher an Klostergründungen festmachen lassen.

    Diese Zugriffe gewinnen schließlich unter den Etichonen deutlich an Kontur, weswegen deren Geschichte im folgenden Kapitel eigenständig behandelt wird (S. 99–155). Die Untersuchung verdichtet sich in diesem Kapitel bis hin zur Analyse einzelner Urkunden; auch die genealogische Aufarbeitung und die Bestimmung von Adelsgruppen, jeweils für sich durchaus diffizile Probleme, werden in diesem Zusammenhang geleistet. Das Königtum verschwindet in dieser Teilepoche aus dem Fokus der Betrachtung, doch endet das abschließende, vergleichsweise kurze Kapitel (S. 157–183) schließlich mit der »Entstehung des ducatus Alsatiae «. In diesem Abschnitt, der vom frühen 8. bis in das 9. Jahrhundert hinein reicht, wird die gesamte Spannbreite der bisher schon angesprochenen Untersuchungsgegenstände in neuen Zusammenhängen dargestellt, wobei die methodische Vielfalt der bisherigen Untersuchungen nochmals deutlich wird. Die Arbeit schreitet von der Analyse einzelner Urkunden über die genealogische Fixierung einzelner Personen zur Bestimmung von Personengruppen, dem Einfluss von Bistümern und Reichsteilungen, um schließlich in die Beschreibung herrscherlicher, gleichsam Staatsterritorium prägender Politik zu münden – die dann letztlich auch dafür verantwortlich war, dass das Elsass im Weiteren immer wieder stark zum schwäbischen Herzogtum hin gravitierte. Die Detailergebnisse, die im Rahmen hauptsächlich dieser Abschnitte erbracht wurden, flossen ein in die Ergänzungen der »Regesta Alsatiae«, die dem Band als ergänzende CD beigegeben sind – eine dankenswerte Serviceleistung für die Forschung, die zugleich die gründliche Quellenarbeit und insbesondere bei der Frage von Lokalisierung auch den landesgeschichtlichen Horizont des Verfassers hervorhebt. Das abschließende Fazit bleibt mit seinen Hauptsatzdoppelungen und unnötig langen Sätzen sprachlich leider deutlich unter dem ansonsten hohen darstellerischen Niveau, das jedoch an einzelnen Stellen durchaus redaktionell hätte verbessert werden können.

    Von der Anlage her erscheint die Arbeit auf den ersten Blick ein durchaus überzeugendes Gesamtkonzept zu verfolgen, und es imponiert insbesondere der Einsatz eines vielfältigen wissenschaftlichen Instrumentariums, das auch vor Fächergrenzen nicht haltmacht, etwa Archäologie, Topo- und Anthroponymie ebenso berücksichtigt wie »klassische« historische Verfahren. Mit den Hypothesen, ohne die keine Arbeit über den behandelten Zeitraum auskommt, geht der Autor durchaus verantwortungsvoll um, und auch die deutliche Fixierung der Perspektive auf Phänomene, die der Freiburger Forschung lieb und teuer sind (Adelsgruppen, memoria , »Formierung«) ist keineswegs ein Negativum.

    Und doch bleiben, je länger man sich mit der Arbeit befasst, einige Fragezeichen bestehen. Grundsätzlich ließe sich fragen, inwiefern das selbst formulierte Erkenntnisziel – »Raum« als Gegenstand kollektiver Erinnerung – durch das gewählte Vorgehen überhaupt erreicht werden kann. Schließlich wird die Frage nach den Inhalten, den Medien und einer möglichen Äußerung dieser gemeinsamen Erinnerung eigentlich nicht behandelt, sondern nur die potentiellen Träger von Erinnerung, also Kirche, Adel und Königtum. Da jedoch der Inhalt der Erinnerung fehlt, wird nicht recht deutlich, inwiefern tatsächlich »Raum« durch Erinnerung konstituiert (und nicht nur bevölkert oder herrschaftlich strukturiert) wird. Die gesamte Untersuchung gerät in diesem Licht mehr zu einer Aneinanderreihung einzelner, für sich genommen durchaus legitimer Teilaspekte, die eigentlich eher die Frage nach herrschaftlichen Binnenstrukturen in einem Gebiet behandeln, dessen wahrgenommene Konturen aber weniger deutlich sind als seine herrschaftlich durch Adel, Königtum und Kirche besetzten. Damit steht auch die – gewiss überlieferungsbedingte – Gliederung und Einteilung der Arbeit in Frage, zumal weniger Epochen der Raumerinnerung wechseln als Arbeitsfelder aneinandergereiht werden.

    Die Fixierung auf diese für sich genommen durchaus bedeutenden Teilaspekte führt denn auch dazu, dass manche Überlegungen recht kurz geraten, die für das (dementsprechend vernachlässigte) Generalthema eigentlich von großer Bedeutung sein müssten. Wenn etwa hinsichtlich der Frage nach der Raumkonstitution dem – vom Sprachgebrauch her singulären – Bericht des sogenannten Fredegar kommentarlos eine Aussagekraft hinsichtlich des Berichtszeitraums (Beginn 7. Jahrhundert) und nicht des Abfassungszeitraums (2. Hälfte 7. Jahrhundert) zugesprochen wird, dann erspart dies zwar eine lange Debatte um die gewiss schwierigen Einstufungen dieses Werkes (Anzahl der Verfasser, Redaktionsstufen, Perspektiven etc.), doch sollten nicht genau solche Zusammenhänge als Ausdruck der »Erinnerung« (wessen? zu welchem Zeitpunkt? mit welcher Intention?) von Interesse sein? Und auch, dass, wie und warum die multiethnische, funktional bestimmte Gruppe der Alesaciones überhaupt einen Namen erhielt, im Gegensatz zur ganz ähnlich bestimmbaren, jedoch nur von der Forschung getauften »Reichsaristokratie«, bedürfte wohl einer Diskussion.

    So fällt das abschließende Urteil zwiespältig aus: Das vorliegende Werk behandelt Aspekte direkter oder – etwa über Klöster – indirekter herrschaftlicher Durchdringung eines Gebietes, das im 7. Jahrhundert erstmals mit der Bezeichnung »Elsass« bedacht wird, dieses Etikett aber nachhaltig erst mit der politischen Inanspruchnahme als ducatus in der Karolingerzeit erhalten sollte. So gründlich und deutlich die entsprechenden strukturellen Aspekte dieser Geschichte auch herausgearbeitet werden – ein unbestreitbar großes Verdienst –, so schemenhaft undeutlich bleiben die versprochenen Elemente raumprägender »Erinnerung«.

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    PSJ Metadata
    Gerhard Lubich
    K. Weber, Die Formierung des Elsass im Regnum Francorum (Gerhard Lubich)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte
    6. - 12. Jh.
    4014500-1 4071332-5 4042966-0 4000464-8 4024596-2 4027238-2 4031516-2
    561-768
    Elsass (4014500-1), Fränkisches Reich (4071332-5), Oberrhein (4042966-0), Adel (4000464-8), Herrschaft (4024596-2), Integration (4027238-2), König (4031516-2)
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    K. Weber, Die Formierung des Elsass im Regnum Francorum (Gerhard Lubich)
    In: Francia-Recensio 2013/1 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-1/MA/weber_lubich
    Veröffentlicht am: 12.03.2013 14:35
    Zugriff vom: 17.10.2017 22:15
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