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    E. Holtz, Regesten Kaiser Friedrichs III. (1440–1493) nach Archiven und Bibliotheken geordnet (Claudia Rotthoff-Kraus)

    Francia-Recensio 2012/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Regesten Kaiser Friedrichs III. (1440–1493) nach Archiven und Bibliotheken geordnet, Heft 26: Die Urkunden und Briefe aus den Archiven und Bibliotheken der Tschechischen Republik, bearb. von Eberhard Holtz, Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2012, 461 S., ISBN 978-3-205-78852-2, EUR 79,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Claudia Rotthoff-Kraus

    Der vorliegende Band reiht sich als bereits 26. Heft in das gewaltige Projekt der Edition der Regesten Kaiser Friedrichs III. ein. Dieses vor über dreißig Jahren durch Heinrich Koller angeregte wissenschaftliche Mammutunternehmen ist bestrebt, nach Möglichkeit alle Urkunden und Briefe Kaiser Friedrichs III. zu erfassen. Aus arbeitstechnischen Gründen orientiert man sich dabei an modernen Organisationsstrukturen, von einzelnen bedeutenden Archiven bis zu Verwaltungseinheiten verschiedener Größe. Der Bearbeiter bereicherte das Projekt bereits um drei Bände, Heft 10 (1996) stellte die Überlieferung des Landes Thüringen, Heft 16 (2002) die des Bundeslandes Sachsen-Anhalt, Heft 21 (2006) die der schlesischen Archive der Republik Polen vor. Der vorliegende Band arbeitet nun zum ersten Mal die für Friedrich III. relevante schriftliche Überlieferung eines ganzen Staates, der heutigen Tschechischen Republik, auf. Die umsichtige Einleitung stellt die komplizierte territorial- und religionspolitische Gemengelage der Region vor und gibt detaillierte Hinweise zur – wegen der Vielfalt der sachlichen Zusammenhänge oftmals nur zu skizzierenden – inhaltlichen Zuordnung des hier der Forschung vielfach erstmals erschlossenen Materials.

    Wichtigste Herrschaft war das Königreich und Kurfürstentum Böhmen. Zur böhmischen Krone rechneten außerdem die Markgrafschaft Mähren, die schlesischen Herzogtümer Troppau und Teschen sowie das Egerland mit der Reichsstadt Eger. Noch ein halbes Jahrhundert zuvor, unter Karl IV., hatten diese Gebiete zu den Kernlandschaften des Reichs gezählt. Inzwischen hatten sie seit etwa 1420 jedoch durch die Hussitenkriege und die folgenden religionspolitischen Dauerkonflikte zwischen den katholischen und den utraquistischen Interessengruppen ihre »reichstragende« Bedeutung verloren.

    Für Friedrich III. war bis 1458 die Sicherung der Ansprüche seines Hauses auf das Königreich Böhmen Haupttriebfeder seines politischen Handelns. Diese Ansprüche – sie umfassten auch das Königreich Ungarn – beruhten auf den Erbrechten, welche Ladislaus (Postumus) als nachgeborener Sohn Kaiser Albrechts II. hatte, dessen Mutter Elisabeth eine Tochter des dem luxemburgischen Haus angehörenden Kaisers Sigismund, König von Böhmen, war. Friedrich III. war nach Albrechts Tod zum Vormund des Ladislaus Postumus bestimmt worden und hatte diesen, bis zu dessen im Jahre 1452/53 von seinen Gegnern erzwungenen vorzeitigen Herausgabe und Einsetzung als König von Böhmen und Ungarn, als Mitglied seiner Familie erziehen lassen. Der frühe Tod des Ladislaus (1458) – als seine Ehefrau hatte man übrigens Magdalena, Tochter König Karls VII. von Frankreich vorgesehen – bereitete dann den habsburgischen Hoffnungen auf die böhmische (und ungarische) Erbfolge für ein Jahrhundert ein Ende. Zahlreiche Regesten des Bandes betreffen die Vormundschaftsregierung Friedrichs III. über Ladislaus.

    Zur Dokumentation der weiteren politischen Entwicklung können hier nur knappe Hinweise gegeben werden: Nachfolger des Ladislaus wurde für Böhmen Georg von Podiebrad, mit dem Friedrich III. 1459 ein förmliches Bündnis schloss (n. 568f.). Dessen wichtigste Frucht sollte für den Kaiser im Jahre 1462 die Hilfe Georgs bei seiner Befreiung aus der Wiener Burg werden, wo ihn die Wiener zusammen mit seiner Familie im Bündnis mit seinem Bruder Albrecht belagert hatten (n. 597f.). Damals wandte sich sogar Kaiserin Eleonore (n. 598) an Georg um Hilfe. Dem Ereignis folgten zahlreiche weitere Verfügungen zugunsten des Böhmenkönigs und seiner Städte. Ein Jahr später versuchte dann Friedrich – vergeblich – in einem Schreiben an Papst Pius II. (n. 602) diesem die Folgen des harten päpstlichen Vorgehens gegen den um einen religionspolitischen Kompromiss zwischen Katholiken und Utraquisten bemühten böhmischen König klar zu machen. Das Bemühen um ein gutes Einvernehmen mit dem böhmischen Königtum wurde einige Jahre nach dem Tod Georgs (1471) mit dessen Nachfolger Wladislaw weitergeführt (n. 670), fand dann aber mit dem Antritt des ungarischen Königs Matthias Corvinus, einem alten Gegner Friedrichs III., als König in Böhmen ein Ende.

    Einige wenige Regesten bezeugen ab Mitte der 70er Jahre die (bereits früher begonnene) Perspektiverweiterung der habsburgischen Politik nach Westen. Dies dokumentiert eine Reihe von Verschreibungen zum Zwecke der Finanzierung des Zuges Maximilians, des Sohnes Friedrichs III., in die burgundischen Niederlande, wo er Herzogin Maria, Erbin Karls des Kühnen, heiraten sollte (n. 682ff.).

    Der Band enthält 820 Regesten, wovon 375 als Deperdita aus anderen Überlieferungen erschlossen sind. Diese ungewöhnlich hohe Zahl beruht auf einem im Mährischen Landesarchiv Brünn aufbewahrten Kopialbuch, das zahlreiche (329) Stücke betreffend das österreichische Aufgebot gegen Ungarn aus den Jahren 1445/46 nachweist. Die Regesten sind mit der dem Gesamtprojekt eigenen Gründlichkeit erarbeitet worden, ergänzt durch Literatur und oftmals auch inhaltliche Erläuterungen. Der Bearbeiter wurde in zahlreichen Archiven und Bibliotheken fündig. Eine Liste weist, aufgeschlüsselt nach Überlieferungsformen, 24 Aufbewahrungsorte nach (vgl. S. 20). Eine gründliche Dokumentation der durchgesehenen Archive und Bestände (vgl. S. 15ff.), die auch Fehlanzeigen nennt, bietet wertvollste Informationen zu einer Archivlandschaft, die noch bis vor wenigen Jahrzehnten, zumindest aus westdeutscher und westeuropäischer Perspektive, weitgehend als nahezu unerreichbare Terra incognita galt. Dies trifft nicht zuletzt auch auf eine Besonderheit der Überlieferung in den tschechischen Archiven (vgl. S. 17f.) zu, nämlich die zahlreichen Bestände aus dem Besitz ehemals landfremder, meist deutscher, aber auch ursprünglich italienischer Adelsfamilien, die im Zuge der durch die Habsburger nach dem Dreißigjährigen Krieg betriebenen Gegenreformation Teile des alten Adels ablösten. Hier wären vor allem die Familienarchive Dietrichstein, Lamberg, Collalto Pirnitz, Roggendorf, die Überlieferung der Herren von Schwarzenberg, der Grafen von Sulz und die Archive der Familien Colloredo-Mansfeld, Piccolomini und Windischgrätz zu nennen. Ganz weit in den Westen des Alten Reichs führt das Archiv der aus der Eifel stammenden Familie Manderscheid-Blankenheim, das im Erbgang nach Böhmen gelangte. Die letzte Vertreterin dieser Familie heiratete 1762 in die böhmische Familie von Sternberg ein und flüchtete ihr Archiv vor den heranrückenden französischen Revolutionstruppen 1794 an ihren neuen Stammsitz. Die Archivbestände dieser teilweise europaweit vernetzten Adelsfamilien dürften noch einige über den böhmischen Raum hinaus bedeutsame Schätze bergen. Es ist nicht zuletzt ein Verdienst des vorliegenden Regestenwerks, darauf aufmerksam gemacht zu haben.

    Erschlossen wird die Arbeit durch ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis und ein, wie einige Stichproben erwiesen, sorgfältig erarbeitetes Register. Aus eigenem zufälligem Wissen sei es dennoch der Rezensentin gestattet, zum Stichwort »Astheim« eine Korrektur anzubringen. Das Register weist hier nicht nur einen Ort dieses Namens, sondern zwei nach. Einer ist korrekt bei Rüsselsheim (Hessen) lokalisiert, das zweite Astheim liegt, wie auch im Regest (n. 771) ersichtlich, am Main, und zwar bei Volkach (östl. Würzburg, Bayern). Dort, in ihren fränkischen Stammlanden, hatten die Schwarzenberger, eine Nebenlinie der Seinsheimer, im Jahre 1409 die Kartause Astheim als Grablege ihrer Familie gestiftet. Mit dieser sowie einer Reihe einträglicher Gerechtsame belehnte Friedrich III. deren Nachfahren im Jahre 1488 im Feld bei Gent als Dank für deren Teilnahme am Kriegszug nach Flandern aus Anlass der Befreiung seines Sohnes Maximilian aus der Gefangenschaft der Stadt Brügge.

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    PSJ Metadata
    Claudia Rotthoff-Kraus
    E. Holtz, Regesten Kaiser Friedrichs III. (1440–1493) nach Archiven und Bibliotheken geordnet (Claudia Rotthoff-Kraus)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Historische Hilfswissenschaften, Politikgeschichte
    15. Jh.
    4015701-5 118535773 4140893-7 4049007-5
    1415-1493
    Europa (4015701-5), Friedrich III., Heiliges Römisches Reich, Kaiser (118535773), Königsurkunde (4140893-7), Regest (4049007-5)
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    E. Holtz, Regesten Kaiser Friedrichs III. (1440–1493) nach Archiven und Bibliotheken geordnet (Claudia Rotthoff-Kraus)
    In: Francia-Recensio 2012/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
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    Veröffentlicht am: 05.12.2012 13:55
    Zugriff vom: 28.03.2017 17:52
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