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    U. Rasche, Quellen zur frühneuzeitlichen Universitätsgeschichte (Donatus E. Düsterhaus)

    Francia-Recensio 2012/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Ulrich Rasche (Hg.), Quellen zur frühneuzeitlichen Universitätsgeschichte. Typen, Bestände, Forschungsperspektiven, Wiesbaden (Harrassowitz) 2011, 527 S., 86 Abb. (Wolfenbütteler Forschungen, 128), ISBN 978-3-4470-6604-4, EUR 98,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Donatus Edward Düsterhaus, Straßburg

    Nach Erscheinen des obigen Bandes kann das Thema Quellen zur Universitätsgeschichte in der frühen Neuzeit nicht mehr als »tabula rasa« bezeichnet werden. Dem Herausgeber und den insgesamt 16 Mitautoren ist es gelungen, in 16 Kapiteln, verteilt auf 4 Abschnitte, einen kompetenten Überblick über die wichtigsten Quellen und Hilfsmittel dieses Abschnitts deutscher Universitätsgeschichte zu geben.

    Die 16 Aufsätze von insgesamt 17 Autoren sind das Ergebnis einer Tagung, die im Oktober 2007 in der Herzog August Bibliothek (HAB) in Wolfenbüttel abgehalten wurde. Sie vereinigen in sich »Wissenschaftsgeschichte mit sozial- und institutionellen Fragestellungen«, wie Helwig Schmidt-Glintzer, der Direktor der HAB, in seinem Vorwort schreibt (S.11).

    Unter dem Titel „Die frühneuzeitliche Universitätsgeschichte und ihre Quellen“ erläutert der Herausgeber Ulrich Rasche Idee und Konzeption des Bandes, indem er auf Quellen als Gegenstand der Forschung allgemein und ihre spezifische Relevanz für die Grundlagenforschung zur neuzeitlichen Universitätsgeschichte eingeht. Im Vordergrund stehen hierbei insbesondere die mittel- und ostdeutschen Universitäten und ihre reichhaltige Überlieferung. Alle Aufsätze in diesem Band folgen übrigens dem gleichen Ordnungsschema und enden jeweils mit einem ausführlichen Quellen- und Literaturverzeichnis.

    In seinem Beitrag »Archive« (S. 29–53) weist Dieter Speck auf den historischen und aktuellen Charakter der Universitätsarchive hin, die zuerst der Aufbewahrung von »Privilegien«, d. h. der Urkundenverwaltung und der Kleinodien und Geldbestände dienten. Die sich daraus entwickelnden Archive sind heute entweder reine Universitätsarchive oder Teile von Staats-, Stadtarchiven oder Bibliotheken, was gute Geschichtskenntnisse erfordert, um sich darin zurechtzufinden. Wenn es um die Reste der Archivalien geschlossener Universitäten geht – und davon gibt es zahlreiche – wird in diesem und in weiteren Artikeln fast immer die Universität Duisburg erwähnt, niemals jedoch beispielsweise die ebenfalls 1818 geschlossene Universität Paderborn (1614–1818), die danach in veränderter Form als Theologische Akademie weiterbestand. Die Archivalien dieser Universität, die sich heute in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek befinden, hätten mehrere Aufsätze in diesem Band gut ergänzen können und sei es nur durch den einen oder anderen Verweis.

    Das Thema »Bibliotheken«, verfasst von Manfred Komorowski (S. 55–83), enthält Hinweise auf Dissertations- und Habilitationsschriften, akademische Reden, Leichenpredigten und Hochschulprogramme als Typen von Hochschulschriften des 17. und 18. Jahrhunderts. Aus kleinen Leihbibliotheken ohne systematischen Aufbau entstanden allmählich Bibliotheken wie die in Göttingen mit 150 000 Bänden um 1800 oder in Königsberg mit 100 000 Bänden. Im Jahre 1800 besaß allein Duisburg 6000 Bände, wozu man in jedem Falle auch noch die Privatbibliotheken der Professoren rechnen muss. Elektronische Erschließungshilfen erlauben heute einen leichteren Zugang zu älteren Dissertationen, Hochschulschriften der akademischen Gymnasien und allen Arten von Kleinschriften sowie historischen Buchbeständen. 11 Seiten eindrucksvoller Facsimile-Wiedergaben von Titelblättern universitärer Druckwerke schließen diesen Beitrag ab.

    »Universitätssammlungen und Museen« von Cornelia Weber (S.83–118) betont die mangelnde Berücksichtigung dieser Einrichtungen im Rahmen der Universitätsgeschichte. Sie entstanden hauptsächlich im 19. Jahrhundert und sind in erster Linie von wissenschaftlichem und kulturellem Wert: Anatomische und andere Sammlungen, naturwissenschaftliche, botanische und mineralogische Sammlungen, Sternwarten, Sammlungen physikalischer Geräte, gefolgt von Münz- und Kunstsammlungen. Das Datenbanksystem »Universitätsmuseen und -sammlungen in Deutschland« gibt heute einen guten Überblick über den nationalen Bestand und fungiert ebenfalls als Informationsportal für weiterführende Angebote im Internet.

    Im 2. Teil des Bandes: »Institutionelle Praktiken und deren Überlieferungskonzepte« befasst sich Ulrich Rasche mit »Norm und Institution« (S.121–170). Papst und Kaiser führen anfangs als Patrone die Oberaufsicht über Universitäten und garantieren die Universalgültigkeit der Grade. Haupt-, General- und Fakultätsstatuten sowie Disziplinargesetze sind gut überliefert, besonders Letztere. Manche dieser Statuten wurden erst im 19. Jahrhundert ersetzt. Visitationen, Mandate und Rezesse der Landesherrn dienten als Normsetzungen und sorgten für das herrschaftliche Durchdringen der Universität. Die anfängliche Normierung des Lehrprogramms verschwindet allmählich und die Praxis gewinnt die Herrschaft über die Norm.

    Dirk Alvermann behandelt in seinem Beitrag »Finanz-, Kassen- und Vermögensverwaltung« (S. 171–207) ökonomische Bedingungen, die nur selten in Universitätsgeschichten berücksichtigt werden. Sie waren immer von großer Relevanz. und entsprechend sind die Archive zum Kassen- und Finanzwesen sehr umfangreich. Es war immer der Rektor als Teil der akademischen Selbstverwaltung, der die Aufsicht über die Kasse führte. Der Landesherr hatte das Recht zur Rechnungsprüfung, der Rektor die Pflicht zur Rechenschaft. Im 18. Jahrhundert kommt es dann zur Einführung von Etats und zur Trennung von Vermögensverwaltung und akademischer Selbstverwaltung. Die vorhandenen Rechnungsbücher sind oft aussagekräftiger als andere Archivalien.

    Stefan Brüdermann geht es um die »Akademische Gerichtsbarkeit« (S. 209–224). Schwerpunkte sind für ihn Göttingen und Helmstedt. Neben der eigenen Gerichtsbarkeit kennt die spätmittelalterliche Universität noch das landesherrliche Aufsichtsrecht, das die Kriminalgerichtsbarkeit einschließt. Bei der Universität Göttingen bezogen sich 35% der Akten auf Schuldklagen, 20% auf Konflikte unter Studenten, 10% auf Streitigkeiten mit Stadtbewohnern und 8% auf Ruhestörung. Die Gerichtsakten sind eine echte Quelle für die Studentengeschichte, wenn es z. B. um Waffentragen, Duellverhalten, Sexualverhalten etc. geht. Sie ergeben ein farbiges Bild der damaligen Universitätsgesellschaft allgemein.

    Das »Berufungswesen« (S. 225–239), mit dem sich Daniela Siebe beschäftigt, war von drei Parteien beherrscht: Dem Kandidaten, der Universität und der Landesherrschaft, bis es sich allmählich zu einer reinen Selbstverwaltung entwickelte. Konfessionelle und politische Einstellungen, familiäre Netzwerke, finanzielle Abhängigkeiten und akademischer Bedarf waren konstitutive Elemente bei Berufungen.

    Matthias Asche und Susanne Häcker untersuchen das Thema »Matrikeln«, das Verzeichnis aller Personen, die zu einer Universität gehörten (S. 244–267). Sie weisen auf den Wert von Matrikelbüchern insbesondere für die Sozialgeschichte hin.

    Jens Brüning analysiert Vorlesungsverzeichnisse als Quellen für die Universitätsgeschichte, deren Entstehung auf das 16. Jahrhundert zurückgeht und die lange Zeit in lateinischer Sprache erschienen (S. 269–292).

    Hanspeter Marti geht es um »Dissertationen« (S. 293–312) als wichtigste gedruckte Quellen. Sie sind unentbehrliche Dokumente, auch als Übungs- und Experimentierfelder in Form von akademischen Kleinschriften.

    Mit der »Gelehrtenkorrespondenz«, einem »riesigen Briefkorpus« beschäftigt sich Detlef Döring (S. 315–340), der auf gedruckte Kataloge und handschriftliche Verzeichnisse als Mittel der Recherche hinweist. Die Korrespondenz ist sehr umfassend, ihr Inhalt reicht von Privatnachrichten bis zu Reiseberichten.

    Dank zahlreicher Abbildungen und Übersichten ist das Kapitel »Deutschsprachige Gelehrte Journale und Zeitungen« von Thomas Hebel recht umfangreich (S. 341–398). Es behandelt u.a. die Entstehung und Entwicklung der »Gelehrten Blätter« sowie die Fülle von Neugründungen in Mittel- und Norddeutschland. Digitalisierungen erleichtern heute die Erschließung des umfangreichen Korpus, der noch der Auswertung harrt.

    Marian Füssel fasst unter dem Begriff »Selbstzeugnisse« (S. 399–419) Tagebücher, Memoiren, Autobiographien, Briefe, Chroniken, Reiseberichte etc. zusammen, die zahlreich vorhanden sind, besonders in Form von Studentenbriefen an die Eltern, während Werner Wilhelm Schnabel »Stammbücher« untersucht (S. 421–452), besonders sogenannte »Freundschaftsbücher«, die bis heute in Form von Poesiealben bei Grundschülerinnen beliebt sind.

    In Heinrich Bosses Aufsatz »Studentenliteratur« ( S. 453–484) wird auf die Schilderung des Studentenlebens in Gelegenheitspoesie, Liedern und Berichten über Auseinandersetzungen mit Vertretern der Obrigkeit hingewiesen, wobei das Thema »Liebe« nicht fehlen darf. Bei »Quellen und Literatur« hätte man gerne auch einen Hinweis auf das erstmals 1690 im Verlag Matthias Wagner erschienene Buch von Eberhard Werner Happel: »Der akademische Roman«, das noch 1913 eine Neuauflage von R. Schacht im Verlag Wilhelm Borngräber in Berlin erlebte, gefunden.

    Die »Akademische[n] Bilderwelten« sind das Thema von Barbara Krug-Richter (S. 485–514). Die Verfasserin weist auf die zahlreichen Darstellungen studentischer Alltagskultur hin, dazu auf Gelehrtenportraits, Universitätsgebäude, botanische Gärten, den notorischen Bummelstudenten und die Geselligkeitskultur sowie auf die Heterogenität des Bildmaterials der frühneuzeitlichen Universität.

    Am Schluss des Buches findet sich ein Verzeichnis der Abbildungen, die zu den einzelnen Kapiteln gehören (S. 515–522), und ein Autorenverzeichnis (S. 523–527). Ein Personenverzeichnis und ein Ortsverzeichnis mit der Angabe aller in der Frühen Neuzeit bestehender deutscher Universitäten wäre wünschenswert. Der Band als solcher hat Vorbildcharakter und ist unverzichtbar für alle, die sich mit der Universitätsgeschichte in der Frühen Neuzeit beschäftigen möchten. Er zeigt den Weg auf zu reichhaltigen Beständen, die noch unerforscht sind, noch der Digitalisierung und der überzeugenden Darstellung harren.

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    PSJ Metadata
    Donatus E. Düsterhaus
    U. Rasche, Quellen zur frühneuzeitlichen Universitätsgeschichte (Donatus E. Düsterhaus)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte, Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften
    Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4020517-4 4135952-5 4061778-6
    1450-1800
    Europa (4015701-5), Geschichte (4020517-4), Quelle (4135952-5), Universität (4061778-6)
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    U. Rasche, Quellen zur frühneuzeitlichen Universitätsgeschichte (Donatus E. Düsterhaus)
    In: Francia-Recensio 2012/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-4/FN/rasche_duesterhaus
    Veröffentlicht am: 05.12.2012 14:15
    Zugriff vom: 20.11.2017 18:26
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