Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

S. Ruby, Mit Macht verbunden (Caroline zum Kolk)

Francia-Recensio 2012/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Sigrid Ruby, Mit Macht verbunden. Bilder der Favoritin im Frankreich der Renaissance, Freiburg i. Br. (Fördergemeinschaft wissenschaftlicher Publikationen von Frauen e. V.) 2010, 501 S., 71 s/w, 8 farb. Abb., ISBN 978-3-939348-18-4, EUR 59,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Caroline zum Kolk, Montreuil

Im französischen Sprachraum gibt es keine Studien, die sich der Geschichte, Funktion und Darstellung der königlichen Mätressen zuwenden. Gern wird dieses Thema anekdotenreich unter dem Thema »La vie amoureuse des rois de France « behandelt; die Gender- und Frauenforschung hat diese Fragestellung noch nicht »verwissenschaftlicht«. Neue Forschungsansätze und -Erkenntnisse sind so vor allem deutschen Forscherinnen zu verdanken: Caroline Hankens Buch »Vom König geküsst. Das Leben der großen Mätressen« (1996) ist als Pioniertat zu werten. Ihm folgte 2000 Andrea Weisbrods Studie zu Madame de Pompadour »Von Macht und Mythos der Pompadour«.

Sigrid Ruby führt die so gewonnenen Erkenntnisse und Forschungsansätze mit ihrer 2010 veröffentlichten Studie »Mit Macht verbunden. Bilder der Favoritin im Frankreich der Renaissance« in den Bereich der Kunstgeschichte ein. Wie werden Mätressen künstlerisch dargestellt, welche Repräsentationsformen und -mittel stehen ihnen zur Selbstdarstellung zur Verfügung? Mit Ausnahme der »Mätressen-Portraits« ist der Repräsentation dieser Frauen bisher wenig Aufmerksamkeit zuteil geworden.

S. Ruby untersucht die Kunst- und Bauwerke, die mit zwei französischen königlichen Mätressen in Verbindung stehen, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelebt haben: Anne von Heilly, Herzogin von Étampes (1508–1580), Geliebte Franz I., und Diane von Poitiers (1500–1566), die langjährige Gefährtin Heinrichs II. Die Autorin weist auf den Statusunterschied der beiden Frauen hin: die Herzogin von Étampes gehörte nicht dem Hochadel an und war wirtschaftlich schlechter gestellt als Diane von Poitiers, die zu den ersten Damen des Landes zählte. Auch war Anne von Heilly verheiratet, Diane hingegen verwitwet. Diese Status- und Standesunterschiede erklären die sehr unterschiedliche Hinterlassenschaft der beiden Frauen, die S. Ruby in Hinblick auf ihr Repräsentationspotential untersucht: für die Herzogin von Étampes vor allem die chambre de la duchesse d’Étampes in Fontainebleau, die mit einem Alexander-Zyklus ausgestattet ist, sowie eine illuminierte Handschrift, »La Coche«, die die Autorin, Margarete von Angoulême, die Schwester des Königs, der Herzogin gewidmet hatte. Beide Objekte waren also nicht von Anne de Heilly selbst in Auftrag gegeben worden. Auch die Bautätigkeit der Herzogin von Étampes ist, wie S. Ruby selbst feststellt, als verhalten zu bezeichnen.

Der Gegensatz zum Mäzenatentum der Diane de Poitiers ist eklatant. Diane ließ das Schloss Anet von Philibert de l’Orme umgestalten und gab Grabdenkmäler für sich (in Anet) und für ihren verstorbenen Mann (in Rouen) in Auftrag. Hinzu kamen tapisseries, Skulpturen und Embleme, mit denen die Herzogin ihr Schloss ausstattete.

S. Ruby hat die wichtigsten Publikationen zu diesen Objekten ausgewertet und auch zeitgenössische Quellen und Literatur in Betracht gezogen. Sie unternimmt keine grundsätzliche Neubewertung der einzelnen Werke sondern fügt vorliegende Elemente zu einem neuen Bild zusammen. Der Status der Mätresse und die Entwicklung desselben werde anhand der Veränderungen der Repräsentationsinhalte der beiden Frauen deutlich.

Die Identifikation der chambre de la duchesse d’Etampes als Zimmer der königlichen Mätresse ist nicht gesichert. S. Ruby stellt diese Zuweisung jedoch nicht in Frage, zumal auch Anne de Montmorency, der bedeutendste Favorit des Königs und somit »männliche Gegenpart« der Herzogin, ebenfalls einen ihm zugewiesenen Raum im Schloss Fontainebleau besaß. Dieser war auch mit Fresken des Primaticcio ausgestattet, welche seine Qualitäten als Feldherr thematisierten.

Das Dekor der chambre der Herzogin ähnelt dem der Grande Galerie und markiert so den Raum als Repräsentationsraum des Königs, auch wenn das Dekor weniger variationsreich ist. Dies drückt sich auch in den dargestellten Episoden aus dem Leben Alexanders aus, die den makedonischen König mit Frauen in Verbindung bringen: Alexander zähmt Bukephalos, Alexander und Roxane, Alexander und Timokleia, Apelles malt Campaspe, Alexander und Thalestris. Die Darstellungen illustrieren Qualitäten des Königs: seine Großzügigkeit (Apelles, Timokleia), seine Klugheit (Bukephalos) und seinen Mut (Alexander und Roxane). Er wird als ein Mann dargestellt, der weibliche Schönheit zu schätzen weiß (Thalestris).

Keines dieser Gemälde nimmt explizit auf die Herzogin von Étampes Bezug, die auch in keinem Emblem oder anderem Raumdekor zitiert wird. Dargestellt wird somit die ideale Frau und Geliebte und der Monarch, dessen positive Eigenschaften unterstrichen werden. Auch Marguerite d’Angoulême weist ihrem Bruder in »La Coche« eine herausragende Rolle zu. Vier Damen diskutieren hier über ihre Erfahrungen mit der Liebe und stellen die Frage, welche von ihnen am besten liebte und welche am meisten Schmerz erfahren habe. Marguerite übergibt das Manuskript der Herzogin von Étampes damit diese das Urteil fällt: Anne gilt als Expertin, weil sie vom besten Meister in Liebesdingen, dem König, geschult wird.

Unter Franz I. hat die Mätresse somit keine eigenständige Existenz und wird nur in der Literatur explizit und namentlich als Geliebte des Königs erwähnt. Unter Heinrich II. ändert sich das Bild. Diane de Poitiers zieht in den Götterhimmel des französischen Hofes ein: als antike Göttin Diana wird sie in unterschiedlichen Medien personifiziert (Tapisserien, Statuen, Szenenbilder bei Stadtumzügen, den entrées… ). Der König ist nun in Bild und Stein nicht mehr von einer Vielzahl von Frauen umgeben: es ist eine einzige (und somit einzigartige) Frau, die an seiner Seite Platz nimmt.

Diana tritt in den Darstellungen selten als handelnde Person in den Vordergrund – diese Rolle wird Heinrich II. überlassen, was seine königliche Majestät und seine darin enthaltene Handlungs- und Wahlfreiheit unterstreicht. Auch kann sich Diana durch die Verherrlichung ihres Geliebten als Phoebus-Apoll der Rolle der Schwester des Königs annähern, die keusch und treu zu ihrem Bruder steht und gemeinsam mit ihm regiert. Diane wird so dem Frauenideal der höfischen Liebe gerecht, das Keuschheit, Schönheit und Begehrenswürdigkeit zusammenführte.

S. Ruby geht auch der Frage nach, inwieweit die königliche Mätresse Einfluss auf diese Darstellungen hatte. War es Diane oder der König, der den Bau und die Symbolik von Anet bestimmten? Welchen Anteil hatte der Architekt, welchen der Künstler? S. Ruby schreibt grundsätzlich Diane de Poitiers die Hauptrolle in der Bauleitung zu. Wie auch bei anderen Bauaufträgen und Schöpfungen kann diese Frage aufgrund der schlechten Quellenlage nicht wirklich überzeugend beantwortet werden. Sicher sollte man aber achtsam mit den oft zu hastigen Zuweisungen Anets als »königliches Schloss« umgehen. Anet ist auch ein Witwensitz und thematisiert somit den familiären Hintergrund Diane de Poitiers. Zudem weist S. Ruby auf Bauprojekte männlicher Favoriten hin (Montmorency, Guise, Saint-André): auch hier findet die Königsnähe der Auftragsgeber ihren architektonischen Ausdruck, ohne das deswegen ihre Regieführung bei der Bauleitung in Frage gestellt wird.

Im Unterschied zur Ikonographie der männlichen Favoriten findet man in Anet eine enge Verquickung der Symbole Dianes mit denen Heinrichs II. die oft eine Symbiose eingehen. Es handelt sich dabei um einen Ausdruck von Innigkeit, der in den Bauten der männlichen Favoriten nicht zu finden ist.

Das einsam gelegene Grabmal der Diane de Poitiers weist auf die Fragilität ihrer Stellung als Mätresse hin: Es liegt fern vom Grab ihres Mannes, aber auch von dem ihres königlichen Geliebten. Isoliert ist es auch vom Hof, den Diane nach dem Tod Heinrich II. verlassen musste. Ihre Memoria kann so nur in der Abgeschiedenheit des Schlosses Anet überdauern. Die Herzogin verzichtete in diesem Bereich auf eine bildliche Anbindung an Vorgängerinnen und verweigerte sich damit einer Traditionsbildung: Das Gedenken an königliche Mätressen wird nicht orchestriert. So wird das Feld anderen überlassen: Die »Mätressen- oder Schönheitengalerien«, die im 17. Jahrhundert auftauchen, führen zu einer klischeehaften Darstellung der Mätressen, die ihrer Funktion und Bedeutung nicht gerecht wird. Hier zeichnet sich für S. Ruby ein Unterschied zu männlichen Favoriten ab, die sich gern in die Reihe der hommes illustres einreihen und dort verewigt werden.

Mit diesem Ausblick beendet Sigrid Ruby ihre spannende und gut dokumentierte Untersuchung, die zu weiterführenden Fragen Anlass bietet. Wie steht es um die Selbstdarstellung männlicher Favoriten von Königinnen? Wie setzen diese ihre Beziehung zur Königin »in Szene«? Richelieu und Mazarin wären da sicher spannende Untersuchungsgegenstände, und auch im 16. Jahrhundert gibt es hier Materie. »Mit Macht verbunden« ist somit eine anregende und empfehlenswerte Lektüre, die unsere Kenntnisse über die Stellung von Frauen am Hof erweitert und wichtige Hinweise auf die Funktionsweise der Hofgesellschaft bietet.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

PSJ Metadata
Caroline zum Kolk
S. Ruby, Mit Macht verbunden (Caroline zum Kolk)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Kultur- und Mentalitätsgeschichte
16. Jh.
4018145-5 129961108 118671782 4391190-0 4074442-5
1500-1600
Frankreich (4018145-5), Anne de Pisseleu (129961108), Diane de Poitiers (118671782), Mätresse (4391190-0), Mäzenatentum (4074442-5)
PDF document ruby_zum-kolk.doc.pdf — PDF document, 106 KB
S. Ruby, Mit Macht verbunden (Caroline zum Kolk)
In: Francia-Recensio 2012/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-1/FN/ruby_zum-kolk
Veröffentlicht am: 18.04.2012 15:25
Zugriff vom: 19.09.2017 15:39
abgelegt unter: