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A. Compagnon, Le cas Bernard Faÿ (Peter Schöttler)

Francia-Recensio 2011/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Antoine Compagnon, Le cas Bernard Faÿ. Du Collège de France à l’indignité nationale, Paris (Gallimard) 2009, 208 p., ISBN 978-2-07-012619-4, EUR 21,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Peter Schötller, Berlin/Paris

Der französische Historiker Bernard Faÿ ist heute kaum mehr bekannt. Niemand erwähnt ihn, niemand zitiert ihn. Dabei wurde er 1932 mit nur 39 Jahren ans Collège de France berufen und war später vier Jahre lang Direktor der Bibliothèque nationale in der rue Richelieu, allerdings zu ungünstiger Zeit: 1940–1944. Nach dem Krieg wurde er wegen »Kollaboration mit dem Feind« zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt. Davon saß er einige Jahre ab, dann gelang ihm – mit Unterstützung von Alice Toklas, der Lebensgefährtin von Gertrude Stein – die Flucht in die Schweiz, wo er in Fribourg noch einmal eine Professur bekleidete. Er schrieb weiterhin Bücher – einige wurden auch ins Deutsche übersetzt (über Ludwig XVI., Beaumarchais usw.) – und starb 1978 in den Armen der traditionalistischen Kirche, deren Kopf, Monseigneur Lefebvre, der Trauerfeier beiwohnte.

Eine höchst merkwürdige Biographie also, die Antoine Compagnon, selbst Professor am Collège de France und Amerikanist – wie Faÿ –, erstmals in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit aufrollt. Während Faÿs Initiativen an der Spitze der BN und seine enge Zusammenarbeit mit den NS-Besatzern aufgrund der Forschungen von Martine Poulain schon seit geraumer Zeit bekannt waren (Livres pillés, lectures surveillées. Les bibliothèques françaises sous l’Occupation, Paris 2008), gelingt es Compagnon, einem der besten Kenner der Literatur der Dritten Republik, Faÿ in den intellektuellen und literarischen Netzwerken der Zwischenkriegszeit zu situieren. Dabei macht er erstaunliche Entdeckungen. Und als Fazit ergibt sich einmal mehr, dass biographische Entwicklungen nie im Voraus fixiert sind: Der elitäre Außenseiter Faÿ, der sein Leben lang unter den Folgen einer Poliomyelitis litt, hätte wohl genausogut zu einem Anhänger de Gaulles werden können wie er zu einem Verehrer Pétains und fanatischen Denunzianten wurde.

Compagnon hat seine Studie als Rezension der Doppelbiographie von Janet Malcolm über die amerikanische Avantgarde-Schriftstellerin Gertrude Stein und ihre Gefährtin Alice Toklas begonnen (Zwei Leben: Gertrude und Alice, Frankfurt a. M. 2008). In diesem Buch spielt Faÿ eine wichtige Rolle, denn er war seit 1926 eng mit dem Paar befreundet und darüber hinaus in den Zwischenkriegsjahren der wichtigste intellektuelle Vermittler zwischen Frankreich und Amerika. Als Historiker und Literat, der in Harvard studiert hatte und fließend Englisch schrieb, informierte er die US-Amerikaner über Frankreich und seine großen Autoren und umgekehrt die Franzosen über die Gründerväter der USA (Biographien über Franklin und Washington) und den american way of life . Angefangen bei seiner thèse d’État von 1925 mit dem Titel L’esprit révolutionnaire en France et aux États-Unis à la fin du XVIII e siècle wurden fast alle seine Bücher in Amerika übersetzt. Unermüdlich trat Faÿ auch in der Presse beider Länder für eine Annäherung ein, und dies in einer Zeit heftiger anti-amerikanischer Ressentiments (»Le cancer américain«). Stein und ihr Zirkel frankophiler Amerikaner – bekanntlich gehörte anfangs auch Hemingway dazu – , die sich der politischen, gesellschaftlichen und sexuellen Liberalität der Franzosen erfreuten, wurden für den homosexuellen Faÿ zum wichtigsten, ja zum quasi-familialen Bezugspunkt. Daran hielt er auch unter der deutschen Besatzung fest, obwohl Stein und Toklas Jüdinnen waren. Daraus lässt sich heute die Vermutung ableiten, dass es v. a. Faÿ war, der die beiden Damen, die den Krieg in der Vichy-Zone unbeschadet überstanden, vor Verfolgungen schützte. Nach der Befreiung und nach Steins Tod (1946) hat ihm dies Toklas mit ihrer Fluchthilfe offenbar vergolten. Hinzu kam, dass sowohl Faÿ als auch Stein und Toklas sich schon in den 1930er Jahren dem konservativen und katholischen Lager annäherten. Faÿ schrieb regelmäßig in der rechten Wochenzeitung »Je suis partout«, und Stein bereitete während des Krieges unter Faÿs Anleitung eine amerikanische Ausgabe von Pétains Reden vor (Paroles aux Français. Messages et écrits, 1934–1941), die allerdings nie erschien. 1957 stand Faÿ auch Toklas zur Seite, als sie am Tag der Unbefleckten Empfängnis zum ersten Mal die Kommunion erhielt.

Faÿ war aber nicht nur, wie Compagnon schreibt, »le meilleur ami français de Gertrude Stein«, er war auch ein fleißiger Gelehrter, der davon träumte, eines Tages Minister zu werden. Nachdem er sich zunächst als Literat in der Nachfolge von Proust und Gide verstanden hatte und eine Zeit lang in dadaistischen Kreisen verkehrte, absolvierte er zielgerichtet die akademischen Pflichtübungen, um sich schon nach kurzer Lehrerfahrung um den neuen Amerika-Lehrstuhl am Collège de France zu bewerben. Wie Compagnon herausfand, hatte Faÿ zuvor selbst dem Premierminister Tardieu diese Stellenschaffung eingeflüstert. Derlei Interventionen an höchster Stelle wurden bei ihm dann zur gewohnten Praxis. Als im Juli 1940 das französische Parlament dem greisen Marschall die pleins pouvoirs verlieh, eilte er sofort nach Vichy, um sich bei Pétain in Erinnerung zu bringen. Nach Paris zurückgekehrt, war er Direktor der BN und Nachfolger von Julien Cain, der später verhaftet und nach Buchenwald deportiert wurde.

In seiner neuen Funktion beschränkte sich Faÿ in der rue Richelieu aber keineswegs auf eine Verteidigung der Bücherwelt, wie er nach dem Krieg behauptete. Vielmehr etablierte sich dort unter seiner Leitung eine Art Forschungszentrum zur Geschichte der Freimaurerei, das in enger Zusammenarbeit mit französischer Polizei und deutschem Sicherheitsdienst Material und Namenslisten für die Jagd auf mutmaßliche Freimaurer lieferte. Hatte Pétain nicht gesagt: »Un juif n’est pas responsable de ses origines; un franc-maçon l’est toujours de son choix«? Faÿ machte dies zu seinem Leitspruch und wurde einige Jahre lang zum Großmeister der Anti-Freimaurer-Propaganda. Er gab dazu Bücher und Zeitschriften heraus, ließ Ausstellungen organisieren und veranlasste die Herstellung eines Spielfilms (Forces occultes , 1943).

Compagnon hat ein Buch vorgelegt, das spannend und amüsant zu lesen ist, weil es immer neue Verbindungen aufdeckt, die aus Faÿ eine Spinne werden lassen, die unermüdlich Netze knüpft, auch wenn diese häufig zerrissen werden. So erscheint Faÿ im Rückblick nicht nur als Rand- oder Hintergrundfigur, sondern vielmehr als Typus: Geprägt von der antipositivistischen Atmosphäre der 1920er Jahre, verzaubert von Proust und Bergson, entdeckt ein ehrgeiziger, nicht untalentierter junger Mann die amerikanische Moderne, freilich in ihrer elitärsten, großkapitalistischen Variante. Frankreich dagegen erscheint ihm dekadent. Überall ziehen Sozialisten, Freimaurer und Juden ihre Fäden. Allein eine starke Regierung nach italienischem oder deutschem Vorbild könnte das Blatt wenden. Dass dies ein Pakt mit dem Teufel war, war dem ewigen Außenseiter (hinkend, snobistisch, schwul) noch Jahrzehnte nach dem Krieg nicht einsichtig.

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PSJ Metadata
Peter Schöttler
A. Compagnon, Le cas Bernard Faÿ (Peter Schöttler)
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
Frankreich und Monaco
Politikgeschichte
20. Jh.
4018145-5 140189513 4002333-3 4031748-1
1940-1945
Frankreich (4018145-5), Fay͏̈, Bernard (140189513), Antisemitismus (4002333-3), Kollaboration (4031748-1)
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A. Compagnon, Le cas Bernard Faÿ (Peter Schöttler)
In: Francia-Recensio 2011/3 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-3/ZG/compagnon_schoettler
Veröffentlicht am: 23.09.2011 16:15
Zugriff vom: 23.07.2017 06:41
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