Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

A. Farge, Condamnés au XVIIIe siècle (Falk Bretschneider)

Francia-Recensio 2011/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Arlette Farge, Condamnés au XVIII e siècle, Paris (Éditions Thierry Magnier) 2008, 134 p. (Troisième culture), ISBN 978-2-84420-708-1, EUR 8,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Falk Bretschneider, Paris

Arlette Farge gehört zu den ›Großen‹ der französischen Historiographie – spätestens seit ihrer 1982 gemeinsam mit Michel Foucault vorgelegten Untersuchung zu den »Lettres de cachet«, die noch heute zu den meistzitierten Büchern der internationalen Kriminalitätsgeschichte zählt und Anstoß für zahlreiche Studien über die Nutzung der Justiz durch die ›einfachen‹ Leute war. Drei Themen haben ihre Forschungen ganz besonders bestimmt: die Gerichtsbarkeit des Ancien Régime, die Geschichte des Alltags und die Geschichte der Frauen. Alle drei finden sich auch in diesem kleinen Band wieder, der sich an ein breiteres Publikum richtet und der Frage gewidmet ist, wie im 18. Jahrhundert geurteilt und bestraft wurde. Vor der Französischen Revolution, so die Quintessenz des Buches, und der Affirmation der Gleichheit vor dem Gesetz, funktionierte die Justiz auf der Grundlage von Prinzipien, die uns heute reichlich fremd erscheinen: Rechtsbestimmungen waren weitgehend arbiträr, die Verfahren liefen nach opaken Regeln ab und entscheidender Bezugspunkt jeder Rechtsprechung war der göttlich inspirierte Wille des Monarchen. Hervorstechende Merkmale der Justiz waren exemplarische Strafen und erhebliche Verfolgungsdefizite (mit anderen Worten: Man entkam den Häschern leicht, wer ihnen aber in die Hände fiel, musste mit dem Schlimmsten rechnen). Undurchschaubar, willkürlich und ineffizient – so lautete deshalb die vernichtende Kritik der Aufklärer an den Justizpraktiken ihrer Zeit, und Farge scheint ihnen bereitwillig zu folgen.

Sie tut dies in vier Kapiteln: Zunächst wendet sie sich den Sanktionen zu. Hingewiesen wird auf Geldstrafen und Ermahnungen, vor allem aber auf Peitsche, Pranger und Verweisungsstrafen, auf Brandmarkung und Galeere sowie auf die zahlreichen Arten der Todesstrafe – mithin auf das gesamte frühmoderne Arsenal der Sühne, das am Körper der Verurteilten die »Majestät der Macht, also des Königs« (S. 37) zelebrierte. Deutlich vernehmbar ist hier, aber auch in den folgenden Kapiteln, das Echo von Foucaults Analysen des frühmodernen Strafsystems, die für die französische Kriminalgeschichtsschreibung nach wie vor die wichtigste Referenz darstellen.

Danach lässt Farge eine Welt wiederauferstehen, in der Sicherheit für die meisten ein Fremdwort war, in der Rufe wie »Haltet den Dieb« alltäglich durch Gassen ohne Namen schallten und Tumult, Streit und Rauferei so banal waren wie Armut, Krankheit und der Tod. Anzeigen und Suppliken, Anklagen und Gerichtsverfahren zeigen Untertanen wie Obrigkeiten gleichermaßen bemüht, in dieses bedrohliche Gewimmel Ordnung zu bringen, freilich mit oftmals unterschiedlichen Intentionen. Dass die frühneuzeitliche Justiz mit ihren auf das Geständnis ausgerichteten Frageprozeduren dabei faszinierende Quellen für die Historiker von heute produzierte, erwähnt Farge ausführlich – eine Reminiszenz an ihr wunderbares Buch »Le goût de l’archive« (1997).

Im Anschluss daran geht es um die Beziehungen zwischen Justiz und Untertanen im Alltag: Neben den verwobenen und oft widersprüchlichen Zuständigkeiten spürt Farge hier vor allem der Mittlerfunktion des niederen Justizpersonals ( commissaires und enquêteurs ) nach, das nicht selten in die Rolle eines väterlichen Schlichters schlüpfte und Konflikte glättete, noch bevor sie vor Gericht landeten. Sie schildert aber auch die Versuche, eine ewig vom Elend bedrohte und deshalb allezeit zu Aufruhr und Revolte bereite Bevölkerung zu überwachen, und die spitzfindigen Taktiken, die die Massen dem entgegensetzten (so führten gewöhnlich Frauen und Kinder, denen gegenüber die Justiz milder zu urteilen pflegte, die Protestzüge an und ebneten den mit Mistgabeln und Stöcken bewaffneten Männern in den hinteren Reihen den Weg).

Schließlich streift sie die Welt der Denker und Philosophen, würdigt die Affäre um den Chevalier de La Barre (1763–1766), die Voltaire zu einem Generalangriff auf die Ungerechtigkeiten der Strafjustiz seiner Zeit veranlasste, und Beccarias in alle Sprachen Europas übersetztes Werk »Dei delitti e delle pene« (1764), das mit den Funktionsmechanismen der alten Gerichtsbarkeit radikal aufräumte und die Abschaffung der Todesstrafe forderte (auf die Frankreich jedoch bis 1981 warten musste). Ein Ausblick auf das 19. Jahrhundert und den Siegeszug der Freiheitsstrafe rundet das Bändchen ab.

Insgesamt sind Farges Ausführungen vor allem eines: eine vortreffliche Synthese ihrer eigenen Arbeiten. Mit gewohnt ausdrucksstarker und stilsicherer Feder geschrieben, schöpfen sie im üppigen Fundus eines beeindruckenden Forscherinnenlebens und bieten Leserinnen und Lesern so eine anschauliche, spannende und facettenreiche Einführung in die Geschichte der alten Justiz. Dass manche Erklärungen dabei recht holzschnittartig ausfallen, mag dem Genre geschuldet und deshalb verzeihlich sein. Die Behauptung etwa, Gefängnisstrafen habe es in der Frühen Neuzeit nicht gegeben (S. 25), ist von der Forschung längst widerlegt worden. Gleichzeitig weisen solche Feststellungen aber auch auf eine gravierende Schwäche des Buches hin: Eigentlich geht es – wie in den meisten Büchern Farges – nur um Paris, das restliche Frankreich und erst recht der Rest Europas kommen schlicht nicht vor. Nach vier Jahrzehnten internationaler Forschung zur Geschichte von Kriminalität und Strafjustiz in der Frühen Neuzeit ist das so überraschend wie schade.

2


Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de
PSJ Metadata
Falk Bretschneider
A. Farge, Condamnés au XVIIIe siècle (Falk Bretschneider)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Jüdische Geschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
18. Jh.
4018145-5 4073136-4 4188108-4
1500-1800
Frankreich (4018145-5), Justiz (4073136-4), Verurteilter (4188108-4)
PDF document farge_bretschneider.doc.pdf — PDF document, 98 KB
A. Farge, Condamnés au XVIIIe siècle (Falk Bretschneider)
In: Francia-Recensio 2011/3 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-3/FN/farge_bretschneider
Veröffentlicht am: 23.09.2011 13:35
Zugriff vom: 25.06.2017 08:53
abgelegt unter: