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M. Klimke, The Other Alliance (Gabriele Metzler)

Francia-Recensio 2011/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Martin Klimke, The Other Alliance. Student Protest in West Germany and the United States in the Global Sixties, Princeton (Princeton University Press) 2010, 346 S., ISBN 978-0-691-13127-6, USD 39,50.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Gabriele Metzler, Berlin

1968 war ein globales Phänomen. Protestbewegungen bestimmten in Berkeley wie in Paris, in Mexico City wie in Prag das Bild. Schon seit längerer Zeit verweist die zeithistorische Forschung darauf, dass diese Bewegungen nicht nur zeitlich parallel aktiv, sondern vielfach miteinander verflochten waren. Dies gilt auch und gerade für die studentischen Bewegungen in den USA und der Bundesrepublik, deren vielfältige Akteure und Austauschformen nun Martin Klimke in einer grundlegenden Studie herausarbeitet.

Zunächst waren es einzelne Akteure, die die Basis für das transatlantische Netzwerk legten: Michael Vester etwa, der das akademische Jahr 1961/1962 am Bowdoin College in Brunswick, Maine, verbrachte und dort in Berührung mit den Diskussionen des SDS kam. Diesseits wie jenseits des Atlantiks markierten die frühen sechziger Jahre die Formationsphase der Neuen Linken, die sich von den etablierten sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Parteien abzugrenzen und linke Positionen jenseits des klassischen Marxismus zu formulieren suchte. 1960 hatten solche Diskussionen in den aus der Student League for Industrial Democracy hervorgegangenen Students for a Democratic Society ein Forum gefunden, das in den folgenden Jahren zum organisatorischen und ideengebenden Zentrum der US-amerikanischen Campus-Proteste wurde. Vester brachte in die Debatten, gerade auch über das »Port Huron Statement«, eines der Schlüsseldokumente der Neuen Linken, seine spezifisch deutsche bzw. europäische Perspektive ein, wie er umgekehrt US-amerikanische Positionen in seinen Beiträgen zur »neuen kritik « , der Zeitschrift des deutschen SDS, in die Positionssuche der Neuen Linken in der Bunderepublik einspeiste.

Aus solchen frühen, vereinzelten Kontakten entwickelte sich im Laufe der Jahre ein dicht gewebtes transatlantisches Netzwerk. Gefördert von der Entwicklung moderner Kommunikationsmittel, fanden die beiden SDS gemeinsame Themen und nahmen wechselseitig die Stränge theoretischer Diskurse auf. So verwob sich in den Denkhorizonten der Neuen Linken etwa die US-amerikanische Civil Rights -Thematik mit den bundesdeutschen Auseinandersetzungen um die NS-Vergangenheit. Im eskalierenden Vietnamkrieg schließlich fanden die Protestbewegungen vollends einen gemeinsamen Fokus, in dem sich die Erfahrungen und Deutungen der Dekolonisation mit umfassenderen geopolitischen Positionsbestimmungen verbinden ließen. Die Frontstellungen des Kalten Krieges hatten für diese Generation, deren frühes politisches Bewusstsein von Détente und dem »Ende der Ideologien« bestimmt worden war, an Plausibilität, ja Legitimation verloren, und so stellten sie konsequent auch die innere Ordnung ihrer Staaten in Frage, die durch den Außendruck des Kalten Krieges in den fünfziger Jahren geprägt worden war. Nun erschienen die Bürgerrechtsfrage in den USA und die Befreiungsbewegungen in Asien und Afrika in ein und dem selben Licht, weshalb die Unterstützung von Black Power aus Sicht der weißen Studentenbewegungen gleiche Bedeutung gewann wie der weltweite Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus. In der Bundesrepublik stärker noch als in den USA amalgamierte diese Weltsicht mit der Überzeugung von der Notwendigkeit des gewaltsamen Kampfes in den Metropolen, was schließlich kleinere Gruppen wie die RAF tatsächlich zur Waffe greifen ließ.

Aus Sicht der Regierungen in Bonn und Washington stellte die Allianz der Protestbewegungen eine ganz besondere Herausforderung dar. Die amerikanische Regierung sah gar die Zukunft des westlichen Bündnisses gefährdet, sollte die linke Protestbewegung in der Bundesrepublik sich durchsetzen oder auch nur Einfluss auf die regierende SPD gewinnen. Intensiv beobachtete man daher von Washington aus das Geschehen in der Bundesrepublik (wie auch in den anderen westlichen Ländern). Klimke zeichnet präzise nach, wie sich die Deutungen des Protests auf offizieller Seite allmählich wandelten: Hatte zunächst noch das kognitive Szenario des Kalten Krieges die Sichtweisen bestimmt, wonach die Protestbewegungen kommunistisch inspiriert und von Moskau gesteuert seien, so setzte sich im Laufe der Zeit in Washington die Auffassung durch, es mit einem neuartigen Phänomen zu tun zu haben, in dem vielfältige technologische, generationelle und normative Wandlungsprozesse zusammenflossen. Die nach dem Zweiten Weltkrieg forcierten Bemühungen seitens der amerikanischen Regierung, die westeuropäische bzw. westdeutsche Jugend etwa durch Austauschprogramme oder durch die Aktivitäten der Amerika-Häuser für sich zu gewinnen, liefen nun zusehends in Leere.

Zwar blieb dieser »anderen Allianz« der Protestbewegungen, so Klimke, in ihrem Kampf für eine neue Weltordnung der Erfolg versagt. Doch zeitigte sie längerfristig durchaus Wirkungen, die Klimke etwa in den entstehenden Nicht-Regierungsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder Human Rights Watch ausmacht. Vor allem aber verweist er auf die Pluralisierung des Amerika-Bildes in der Bundesrepublik als Folge der »anderen Allianz«; und diese nuanciertere und stärker diversifizierte Perspektive hat am Ende eine flexiblere und pragmatischere Politik der Bundesrepublik gegenüber dem Partner in Washington ermöglicht, wie sich nach »9/11« und im folgenden »Krieg gegen den Terror« zeigte.

Martin Klimke hat eine Pionierstudie vorgelegt, die konsequent dem Paradigma einer transnationalen Geschichte verpflichtet ist und weitere Forschungen anregen dürfte. Wer der westdeutschen 1968er-Bewegung weiterhin Anti-Amerikanismus vorwirft, hat von der Komplexität der transatlantischen Beziehungen, wie sie in dieser Arbeit beispielhaft verdeutlicht wird, nichts verstanden.

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PSJ Metadata
Gabriele Metzler
M. Klimke, The Other Alliance (Gabriele Metzler)
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein, USA
Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte, Politikgeschichte
1960 - 1969
4011889-7 4078704-7 4145787-0 4120503-0 4115367-4 4229763-1 4055762-5 2022118-6 4058171-8 1019522-1 7595654-8
1960-1980
Deutschland Bundesrepublik (4011889-7), USA (4078704-7), Black power (4145787-0), Internationale Kooperation (4120503-0), Neue Linke (4115367-4), Politischer Protest (4229763-1), Soziales Netzwerk (4055762-5), Sozialistischer Deutscher Studentenbund (2022118-6), Studentenbewegung (4058171-8), Students for a Democratic Society (1019522-1), Transnationale Politik (7595654-8)
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M. Klimke, The Other Alliance (Gabriele Metzler)
In: Francia-Recensio 2011/2 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-2/ZG/klimke_metzler
Veröffentlicht am: 30.06.2011 14:50
Zugriff vom: 17.10.2017 22:23
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