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    E. Hahn, H. Hahn, Die Vertreibung im deutschen Erinnern (Piotr Madajczyk)

    Francia-Recensio 2011/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Eva Hahn, Hans Henning Hahn, Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte, Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2010, 839 S., 29 Abb., ISBN 978-3-506-77044-8, EUR 88,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Piotr Madajczyk, Podkowa Lesna

    Zu dem Zeitpunkt, wo über die Formen des Erinnerns an die Vertreibungen und über die Konzeption eines »sichtbaren Zeichens« in Berlin lebendig diskutiert wird, haben zwei Oldenburger Historiker ein interessantes Buch herausgebracht. Beide sind mit dieser Problematik seit langem vertraut: Eva Hahn wirkte viele Jahre lang wissenschaftlich im Collegium Carolinum, in der Forschungsstelle für böhmische Länder in München. Sie ist aufgrund ihrer Forschungen über das tschechische (später auch sudetendeutsche) Erinnern an die Vertreibung, aber auch aufgrund ihrer kritischen Einstellung zu deutscher Bohemistik bekannt 1 geworden. Hans Henning Hahn seinerseits ist Spezialist für die Geschichte der Beziehungen Deutschlands mit den östlichen Nachbarn und beschäftigt sich vor allem mit historischer Stereotypenforschung und Gedächtniskultur. 2001 verfassten beide gemeinsam in dem von Étienne François und Hagen Schulze herausgegebenen Sammelband über die deutschen Erinnerungsorte einen Beitrag über »Flucht und Vertreibung« 2 . Dies alles wird hier deshalb erwähnt, weil das zu rezensierende Werk auf eben diesen Forschungen sowie dem Engagement in Polemiken und Kontroversen an der Grenze zwischen Wissenschaft und Politik aufbaut.

    Den Gegenstand der Analyse bildet das deutsche Erinnern an die Vertreibung in der Öffentlichkeit, nicht in der Forschung, wobei diese Grenze nicht immer ganz eindeutig ist. Dies wird in der kritischen Betrachtung zu »Steinbachs Historikern« erkennbar, die für sie nicht zum Kreis der Fachwissenschaftler zählen (Heinz Navratil, Alfred de Zayas, Peter Glotz). In ihrem Buch wollen die beiden Verfasser hingegen auf der Grundlage der deutschsprachigen Literatur eine »Rekonstruktion eines über mehr als ein halbes Jahrhundert weitgehend konstant bleibenden Narrativs, das sich nicht überprüfter Aussagen und einiger weniger gefestigter Redewendungen bedient und daher als ein ›Mythos Vertreibung‹ zu bezeichnen ist« (S. 10) versuchen.

    Das Buch ist in vier Kapitel aufgeteilt, die nur teilweise der Chronologie folgen. Der erste Abschnitt ist eine Bestandsaufnahme der aktuellen gängigen Bilder der Vertreibung und der dazugehörigen historischen Erklärungen. Hier ebenso wie in den folgenden Kapiteln legen die Verfasser besonderen Wert darauf, die Vielfalt und die Widersprüchlichkeit der hier in der Öffentlichkeit vorhandenen Informationen und Kenntnisse zu zeigen. Das zweite Kapitel ist für den Historiker vielleicht das interessanteste, weil die Verfasser dort zeigen, was hinsichtlich des Verlaufs des Zweiten Weltkriegs entweder verdrängt oder gerade in Deutschland anders gedeutet wurde und hier vor allem die Geschichte der Umsiedlungen der deutschen Bevölkerung, die nicht mit »Flucht und Vertreibung« begann, sondern eine Vorgeschichte mit der NS-Politik bezüglich der deutschen Minderheiten in Osteuropa hatte.

    Zu den starken Seiten des Buches gehört die Analyse des Bildes der Potsdamer Beschlüsse in der deutschen Öffentlichkeit. Dabei betonen die Verfasser insbesondere die Bedeutung der Tatsache, dass die deutsche Öffentlichkeit durch die NS-Propaganda geprägt wurde und einige dieser Bilder der Propaganda aus der NS-Zeit auch in der Nachkriegszeit noch weitere ihre Wirkung zeigten (z. B. hinsichtlich der Bewertung der Motive der Beschlüsse der Alliierten). Diese Beobachtung der Tendenz zu einer Projizierung eigener Werte und Motive auf die der anderen Länder kehrt im Buch verschiedentlich wieder und wird besonders deutlich am Beispiel von Edvard Beneš (S. 91–98). Das zugrunde liegende Stereotyp bezeichnen die Verfasser, nach Tobias Weger, als »die Fortführung einer bereits durch den Nationalsozialismus gezielt initiierten Dämonisierung« (S. 93).

    Zu den Schwächen des Buches gehört die Marginalisierung der Rolle der Sowjetunion und des Einflusses der sowjetischen Bedrohung als einem von zwei Mahlsteinen auf die Entscheidungen der Mitglieder der deutschen Minderheiten im Osten. Dabei wird von den Verfassern zwar durchaus auch der Mythos von den wunderbaren Leistungen der Wehrmacht bei der »Räumung im Osten« bloßgestellt, doch wird die Räumung regelrecht dämonisiert als einseitiger und brutaler Zwang der deutschen Behörden. Interessant ist der Hinweis, dass die Aufzeichnungen von Paul Peikert 3 sehr breit in Polen und kaum in Deutschland rezipiert wurden (S. 282–291).

    Im dritten Kapitel wird die erste Phase der Gestaltung des Erinnerns an die Vertreibung in Deutschland analysiert. Es wird den Fragen nachgegangen, welche Bilder schon damals entstanden sind und welche Bilder schon ganz früh marginalisiert wurden. Im vierten Kapitel schließlich kehren die Verfasser zur Gegenwart zurück, um zu beweisen, dass das heutige öffentliche Erinnern nicht dem breiten Spektrum der individuellen Erfahrungen entspricht und äußerst immun ist gegen die Arbeiten der Wissenschaftler – selbst die der deutschen Historiker. Die Analyse der Ursachen für eine derartige Gestaltung des Erinnerns ist spannend zu lesen. Störend erscheint bisweilen die Tendenz hier allzu sehr zu moralisieren, wie sie speziell im Unterkapiteltitel »Wie repräsentativ sind wessen Erinnerungen?« zutage tritt (S. 508). Es gehört zu den banalsten Feststellungen, dass das Funktionsgedächtnis nur einen kleinen Teil des Speichergedächtnisses umfasst und sehr selektiv ist; darüber hinaus ist es in den meisten Fällen auch nicht »von jenen unschuldigen Frauen, Kindern und alten Menschen« (vgl. S. 514), sondern von Eliten geprägt.

    Das Buch wird ergänzt von einem Anhang, der zum einen Aufschluss gibt in Bezug auf das heutige Wissen und Unwissen über die Statistik der Massenumsiedlungen und zum anderen einen Einblick gibt in das »Zahlenlabyrinth Vertreibung«.

    Insgesamt gesehen liegt hier ein faszinierendes Buch vor, das mit seinen 900 Seiten für einige Leser bedrückend erscheinen, für andere eine Fundgrube kleinerer und größerer »Abrechnungen« mit historischen Mythen und Legenden sein mag. Die Autoren haben ein Werk vorgelegt, das eine Erklärung der schwierigen deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Diskussionen über die Geschichte der Vertreibung bietet und faszinierende Einblicke erlaubt in das Fortleben veralteter Traditionen in einem modernen, demokratischen Staat.

    1 Eva Hahn, Die deutsche Bohemistik – von außen gesehen, in: Osteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens 4 (1999), S. 387–396.

    2 Eva und Hans Henning Hahn, Flucht und Vertreibung, in: Étienne François, Hagen Schulze (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, München 2001, S. 335–351.

    3 Paul Peikert, Festung Breslau in den Berichten eines Pfarrers. 22. Januar bis 6. Mai 1945, hg. von Karol Jonca, Alfred Konieczny, Breslau 2004. Erste polnische Ausgabe: Paul Peikert, Kroniki dni oblężenia. 22 I.–6 V 1945, Wrocław 1984.

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    PSJ Metadata
    Piotr Madajczyk
    E. Hahn, H. Hahn, Die Vertreibung im deutschen Erinnern (Piotr Madajczyk)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Historische Demographie
    1940 - 1949
    4011882-4 4015272-8 4017598-4 4200793-8 4063299-4
    1940-1950
    Deutschland (4011882-4), Erinnerung (4015272-8), Flucht (4017598-4), Kollektives Gedächtnis (4200793-8), Vertreibung (4063299-4)
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    E. Hahn, H. Hahn, Die Vertreibung im deutschen Erinnern (Piotr Madajczyk)
    In: Francia-Recensio 2011/2 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-2/ZG/hahn_madajczyk
    Veröffentlicht am: 30.06.2011 14:35
    Zugriff vom: 19.09.2017 15:32
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