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    J. Rüsen, H. Laass, Humanism in Intercultural Perspective (Patrick Labourdette)

    Francia-Recensio 2010/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Jörn Rüsen, Henner Laass (ed.), Humanism in Intercultural Perspective. Experiences and Expectations, Bielefeld (transcript) 2009, 280 S. (Globaler Humanismus), ISBN 978-3-8376-1344-5, EUR 34,80.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Patrick M. Labourdette/Langenargen

    Jörn Rüsen und Henner Laass, die Herausgeber des hier anzuzeigenden Sammelbande, leisten einen entscheidenden Beitrag zur Erforschung von Humanismus und interkultureller Kommunikation. Untersucht werden verschiedene Perspektiven des Humanismus in einer modernen globalisierten Welt. Die Arbeiten zielen vor allem darauf ab, eine neue Form von modernem Humanismus zu entwickeln. Insbesondere die weltweiten Konflikte in Politik, Wirtschaft, Kultur und Religion erforderten eine Neudefinition und Stärkung von globalen, kulturellen und menschlichen Werten. Der Schwerpunkt der Beiträge liegt in der Entwicklung eines neuen Verständnisses von Humanität in einem Zeitalter der Globalisierung.

    Das Spektrum dieses Sammelbandes zum Humanismus diskutiert viele Facetten. Die fünf Teile beschäftigen sich mit den Herausforderungen der Globalisierung, der damit zusammenhängenden kulturellen Vielfalt, religiösen Dimensionen, Interpretationsansätzen und Zukunftsperspektiven für einen modernen Humanismus. Insgesamt neun von neunzehn Aufsätzen dieses Buches nehmen eine Außereuropäische Sichtweise ein. Es werden nur wenige Querbezüge zwischen den einzelnen Beiträgen hergestellt, was in der Natur eines Sammelbandes begründet liegt. Die multikulturelle Perspektive, die diesem Band zugrunde liegt, liefert eine Reihe von Forschungsansätzen, die durch vielseitige Argumente besticht. Die interkulturelle Perspektive auf den Humanismus bietet jede Menge Diskussionsstoff, wie sich bei der Lektüre der einzelnen Beiträge zeigt.

    Der Grundgedanke dieses Sammelbandes ist es, dass alle Menschen Gemeinsamkeiten haben, welche dem Leben Sinn geben. Die beiden Herausgeber betonen diese, indem sie unterschiedlichste Ansichten in einem Band zusammengeführt haben. Wird unter Humanismus das »Menschsein«, die Beziehungen zu anderen und zu sich selbst verstanden, ist beim Lesen festzustellen, dass die Herausforderungen der Globalisierung als Chance zu verstehen sind. Die Globalisierung ermöglicht es, gemeinsame Umgangsformen herauszuarbeiten. Dies gelingt den Autoren dieses Sammelbandes in weiten Teilen.

    Es gibt zwar Unterschiede zwischen den Konzepten – doch ein gemeinsames Ziel: eine Neuformulierung des Humanismus in der globalisierten Welt. Rüsen hebt in der Einleitung hervor, dass ein allgemeines Konzept von Menschlichkeit sich dadurch auszeichnet, dass kulturelle Differenzen als internes Unterscheidungsmerkmal einer gemeinsamen Idee von Menschheit gesehen werden müsse. Diese Idee prägt das gesamte Buch.

    Die indischen Historiker Dipesh Chakrabarty und Romila Thapar beschäftigen sich im ersten Teil des Sammelbandes mit den Herausforderungen der Globalisierung. Chakrabarty stellt Humanismus in den Zusammenhang mit der globalen Welt. Zum einen diskutiert er den Bedeutungsverlust von Rassismus. Andererseits geht er auf subtile Formen von Rassendiskriminierung ein. Er stellt allerdings ein anderes globales Problem in den Mittelpunkt – den Klimawandel. Für den indischen Historiker Chakrabarty wurde das 20. Jahrhundert von der Frage nach der Hautfarbe bestimmt. Während im 21. Jahrhundert Umweltfragen im Mittelpunkt stehen. Er drückt aus, dass wir in einer postkolonialen Welt leben, womit er meint, dass wir von der Dekolonisierungsbewegung ebenso beeinflusst werden wie auch den Migrationsbewegungen, die vom armen Süden in den reichen Norden führen.

    Dipesh Chakrabarty fordert, dass sich der Mensch in einer globalisierten Welt mit den Fragen des Humanismus beschäftigen müsse, um kulturelle und historische Differenzen zu überwinden. Romila Thapar spricht von der Bedeutung von mehreren Humanismen als Antwort auf die Krisen in der Welt. Darunter ist zu verstehen, dass humanistische Ideen in den verschiedensten Gesellschaften gefunden werden könnten und erforscht werden sollten. Ein sich aus dieser Erforschung entwickelnder moderner Humanismus müsse es vor allem mit religiösem Fundamentalismus aufnehmen. Beide Autoren üben Kritik am Westen und der Unterdrückung durch die ehemaligen Kolonialherren. In der Globalisierung sieht Thapar die Dominanz von überlegener Technologie und eine Art von Nachwirken des Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. Leider wurden in diesem ersten Teil auf andere globale Perspektiven verzichtet, was als einziger Schwachpunkt zu nennen wäre. Im Gegensatz zu anderen Teilen dieses Sammelbandes wurde hier nur die indische Sichtweise eingefangen. Man würde sich weitere Positionen wünschen.

    Im zweiten Teil beschäftigt sich dieser Sammelband mit der Vielfalt der Kulturen. Hierbei gelingt es vielseitige Positionen einzufangen und einander gegenüberzustellen. Der Philosoph Yunquan Chen bietet einen breiten Überblick über chinesische humanistische Denktraditionen. Diese habe auch heute noch großen Einfluss auf das moderne China. Leider münden diese sehr aufschlussreichen Ideen in einen Lobgesang auf das Kommunistische Regime der Volksrepublik China – derart politische Statements sind mit Vorsicht zu betrachten.

    Weitaus neutraler und objektiver schildert die Soziologin Surendra Munshi ihre Sichtweise auf den Humanismus in der indischen Denktradition. Am Beispiel von Hinduismus und Buddhismus zeigt sie, dass es wichtig ist, verschiedenen Denktraditionen Beachtung zu schenken.

    Der Afrikanist Elísio Macamo und der Religionswissenschaftler Bernard C. Lategan beschäftigen sich in ihren Aufsätzen mit humanistischem Denken in Afrika. Sie arbeiten heraus, dass dieses in engem Zusammenhang mit religiösen und gesellschaftlichen Traditionen steht. Macamo sagt dazu, dass Afrika Tradition sei. Beide Autoren machen ihre Argumente an der afrikanischen Philosophie »Ubuntu« (was soviel bedeutet wie »Menschlichkeit«) fest. Für Macamo ist afrikanischer Humanismus, sofern es diese paradoxe Form überhaupt gibt, eng verknüpft mit einer Vorstellung von Gemeinschaft und von Schicksal und Werten abhängig. Bernard Lategan beschränkt sich eher auf einen Überblick zwischen Globalisierung und Identität als Rohmaterial für die Konstruktion eines neuen Humanismus und bezieht seine Schlüsse schließlich auf eine afrikanische Perspektive.

    Der Historiker Muhammad Arkoun stellt vor allem die »Gewalt« als »systemische Kraft« innerhalb des Globalisierungsprozesses in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Er problematisiert eindrucksvoll, worin die Unterschiede zwischen Christentum auf der einen Seite und andererseits Islam, Judentum und orthodoxem Christentum, bezüglich des Humanismus lägen. Seiner Meinung nach, sei das Christentum stets gezwungen gewissen moderne Elemente zu übernehmen (wie den Humanismus), während sich letztere Religionen nach wie vor gegen moderne Elemente schützen und verteidigen. Er arbeitet heraus, dass vor allem ein »integraler Humanismus« in Form einer Demokratie von Bedeutung ist – dennoch solle die religiöse Seite nicht vernachlässigt werden. Arkoun vermittelt den Eindruck einer entschiedenen Gegnerschaft zu einem »säkularen Humanismus«.

    Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf versucht eine westliche Antwort auf die komplexe Frage des modernen Humanismus zu geben. Er sieht ihn als Reaktion auf etwas, das als kulturelle Krise wahrgenommen wird. Graf schafft hierfür einen Überblick über klassische Interpretationen des Menschen als »Person«. Zudem geht er kurz auf die heutige Debatte des Begriffes »Menschenbilder« ein. Leider gelingt dem Autor keine ausreichende Antwort auf die vorangehenden Ansätze. Die westliche Position kommt in diesem Abschnitt etwas zu kurz.

    Der dritte Teil dieses Sammelbandes beschäftigt sich mit religiösen Dimensionen. Es werden die Zusammenhänge zwischen Religion, Humanismus, Ideologie und Utopie herausgearbeitet. Hierbei stellt der Religionswissenschaftler Volkhard Krech heraus, dass sowohl Humanismus als auch eine utopisch-religiöse Weltsicht eng verwandt sind. Der Sozial-Anthropologe Jonathan Weber fordert, dass in einen modernen Humanismus religiöse Realitäten mit einzubeziehen und zu akzeptieren sind. Er zielt darauf ab, jüdische Sichtweisen des interkulturellen Dialogs herauszuarbeiten. Außerdem schlägt er eine methodische Vorgehensweise vor, die nötig sei, wenn das Judentum eine Stimme in einem spezifischen humanistischen Dialog erhalten solle. Dadurch kann gezeigt werden, welchen wichtigen Beitrag auch heutzutage Religion für die Entwicklung eines modernen Humanismus geben kann. Dennoch gelte es in einem »Zeitalter des Terrorismus« die Religionen zu überwachen, indem man Verhandlungen über den Glauben, die Vernunft und die Idee des Humanismus führe, meint der Theologe Georg Essen. Religiöse Konflikte sind seiner Auffassung nach die große Herausforderung für moderne Gesellschaften. Es bedürfe eines »cultural turn«, um kulturelle Differenzen zu überwinden. Er sieht ein wachsendes Bedürfnis nach interkultureller Kommunikation. Der ägyptische Philosoph Hassan Hanafi bewertet die westliche Kultur und westlich geprägten Humanismus äußerst kritisch. Er fordert, dass der Islam und seine Auffassung von Humanismus verstärkt in die Forschung zum Humanismus eingehen sollte. Ihm zufolge sei das Ende des Eurozentrismus gekommen. Stattdessen stehe man vor dem Beginn eines neuen Asienzentrismus.

    Vielfältigen Interpretationsspielraum bietet der vierte Teil dies Bandes. Die thematischen Schwerpunkte liegen im Feminismus als wesentlichem Teil der Geschichte des Humanismus (Gianna Pomata), der Zusammenhang zwischen Literatur und Humanismus (Eckhard Reckwitz), und die Beziehung von Humanismus und dem Sozialen (Bo Stråth). Darin zeigt sich die enorme Bandbreite der Interpretationen, die in der Beschäftigung mit einer modernen Form von Humanismus stecken kann.

    Als Zusammenfassung im fünften Teil werden drei Zukunftsperspektiven vorgestellt. Jürgen Straub (Sozialtheoretiker) gibt einen Einblick in die Interkulturelle Kompetenz in humanistischer Perspektive. Die kulturelle Vielfalt stellt seiner Ansicht nach eine besondere Herausforderung dar, die allerdings dadurch überwunden werden könne, indem man lernt wie man dem »Anderen« begegnet ohne ihn schon von Beginn an als Feind zu sehen.

    Die chinesische Literaturwissenschaftlerin Longxi Jhang beklagt die Vorgehensweise westlicher Nationen. Ihrer Ansicht nach seien diese westlich geprägten Vorstellungen von Humanismus in alle Teile der Welt verbreitet worden und hätten dadurch andere humanistische Traditionen »enthumanisiert«. Jhangs kritischer Einwand ist zwar berechtigt, wenn sie sagt, dass ein Vorrang von menschlichen Interessen nicht gegen Gott gerichtet sein müsse. Doch in ihrer Kritik an westlichen Ansätzen zum Humanismus geht sie zu unreflektiert vor und lässt ein ordentliches Maß an diplomatischem Geschick vermissen. Dieses wäre für die Entstehung eines modernen und globalen Humanismus dringend vonnöten.

    Deutlich überlegter sind die abschließenden Bemerkungen von Henner Laass. Er fasst zusammen, dass die Idee eines neuen Humanismus um ein Konzept von historischem Bewusstsein konstruiert werden muss. Er formuliert treffend drei Schlagworte, die er Hannah Arendt entlehnt: Die Macht zu verzeihen, der Willen zum Teilen und der Wille zum Neubeginn. Besser lassen sich die Zutaten für einen neuen Humanismus nicht ausdrücken.

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    PSJ Metadata
    Patrick Labourdette
    J. Rüsen, H. Laass, Humanism in Intercultural Perspective (Patrick Labourdette)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Europa
    Kultur- und Mentalitätsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    20. Jh.
    4015701-5 4557997-0 4026140-2 4165986-7
    Europa (4015701-5), Globalisierung (4557997-0), Humanismus (4026140-2), Kulturphilosophie (4165986-7)
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    J. Rüsen, H. Laass, Humanism in Intercultural Perspective (Patrick Labourdette)
    In: Francia-Recensio 2010/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-4/ZG/ruesen_labourdette
    Veröffentlicht am: 16.11.2010 10:50
    Zugriff vom: 21.11.2017 11:03
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