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G. Zeilinger, Lebensformen im Krieg (Martin Clauss)

Francia-Recensio 2010/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Gabriel Zeilinger, Lebensformen im Krieg. Eine Alltags- und Erfahrungsgeschichte des süddeutschen Städtekriegs 1449/50, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2007, 285 S. (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beiheft, 196), ISBN 978-515-09049-0, EUR 48,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Martin Clauss, Regensburg

Gabriel Zeilingers Studie bewegt sich an der Schnittstelle zweier Forschungsfelder: der Kriegs- und der Alltags- bzw. Erfahrungsgeschichte. Die Erfahrungen im Kriegsalltag stellen ein Desiderat und Problemfeld der modernen Kriegsmediävistik dar, die Alltagsgeschichte ringt immer wieder um einen Zugang zur individuellen oder kollektiven Erfahrung mittelalterlicher Menschen. Für beide Forschungsfelder stellt diese Arbeit einen Gewinn dar, weil sie sehr systematisch, methodisch ausgewogen und gut lesbar einen ertragreichen Quellenfundus analysiert. Es sind vor allem archivalische Quellen aus Nürnberg und anderen süddeutschen Städten, die das Rückgrat dieser Studie bilden. In geringerem Umfang liegen Archivalien der markgräflichen Kriegspartei vor. Diese Quellen werden hinsichtlich des Kriegsalltags und der Kriegserfahrungen einzelner sozialer Gruppen im süddeutschen Städtekrieg 1449/50 befragt. Im Zentrum steht dabei die Stadt Nürnberg.

In seiner Einleitung (S. 13–24) weist der Verfasser darauf hin, dass aller Erforschung individueller Kriegserfahrungen oder gar -verarbeitungen im Spätmittelalter durch die Quellen enge Grenzen gesetzt sind. Diesem Umstand begegnet er konsequent dadurch, dass »die in den Quellen fassbaren Personen als Vertreter ihrer sozialen Gruppen in den Vordergrund gerückt werden« (S. 24). Um vom besser belegten Individuum auf die spärlich dokumentierte Gruppe rückzuschließen, präsentiert die Studie immer wieder kurze Biographien; diese lassen freilich in der Regel mehr Einblick in die administrativ militärischen Aspekte des Krieges zu als in deren jeweilige Verarbeitung durch die betroffenen: »Bei den bereits vorgetragenen organisatorisch-militärischen Aspekten des niederadligen Alltags im Krieg bleiben Informationen zu individuellen Kriegserfahrungen doch karg« (S. 160).

Diese Beobachtung schmälert den Ertrag der Arbeit nicht, sie ist den Quellen geschuldet. Nach einem kurzen Abriss (S. 25–36) zu Gründen und Verlauf des sogenannten zweiten Städtekriegs, der wesentlich zwischen Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg aus dem Hause Hohenzollern und der Reichsstadt Nürnberg geführt wurde, befassen sich zwei umfangreiche Abschnitte mit dem Alltag des Krieges (S. 37–150) sowie den sozialen Gruppen und ihrer Kriegserfahrung (S. 151–200). Im Anhang werden wichtige Quellen dankenswerter Weise in einer Edition präsentiert. Ein Orts- und Personenregister beschließt den Band.

Unter der Überschrift »Alltag des Krieges« werden klassisch militärhistorische Aspekte neben sozial- und kommunikationshistorischen Fragen behandelt. Ausrüstung, Kriegsorganisation und Strategie werden für beide Kriegsparteien ebenso aufgeschlüsselt wie die Verluste, die Kommunikationswege im Krieg und dessen Auswirkungen auf städtischen Handel und Finanzen. Durch die intensive Auswertung zum Teil außergewöhnlicher Quellen gelangt der Verfasser dabei immer wieder zu interessanten Einsichten und Details. So stellt er etwa überzeugend die besondere strategische Bedeutung zweier funktionaler Örtlichkeiten dar: Kirchhöfe und Mühlen (S. 110–112) und betont, dass man das »Schadentrachten« nicht nur im Kontext der wirtschaftlichen Auswirkungen, sondern auch in herrscherlichen Dimensionen verstehen muss: »Herrschaftlich normierte Räume wurden im Städtekrieg bewusst umkämpft, besetzt und oft genug zerstört« (S. 202). Sehr fruchtbar erweist sich in diesem Kontext eine auf die räumliche Dimension bezogene Analyse von Krieg und Gewalt. Der Verfasser verliert dabei nie die Opfer der Gewalt aus dem Auge und hebt sich damit erfreulich von einer Kriegsforschung ab, die auf Technik und Strategie allein fixiert ist.

Im zweiten Teil des Buches stehen »Soziale Gruppen und ihre Kriegserfahrung« im Vordergrund. Hier geht Gabriel Zeilinger ganz klassisch nach »sozio-ökonomisch stratifizierenden Großgruppen-Einteilungen« (S. 151) vor und widmet sich nacheinander dem landsässigen Adel, dem Stadtadel, Kaufleuten und Handwerkern, ›kleinen‹ Leuten, Bauern, Klerikern und okkasionellen Gruppen. Oftmals stehen einzelne Vertreter der jeweiligen Gruppe im Zentrum, so etwa der Markgraf Albrecht für die Fürsten oder Erhard Schürstab für die Nürnberger Elite. Auch in diesem Abschnitt wird das Bemühen des Verfassers deutlich, den Krieg in seiner Gänze zu erfassen und neben den Kriegsprofis und Entscheidungsträgern auch die Bauern und Randgruppen in den Blick zu nehmen. So betont er etwa, wie wehrhaft und gerüstet auch die Bauern gewesen sind (S. 185) und dass sich in der Stadt Nürnberg durch den Krieg deutlich mehr Menschen aufhielten, die unter normalen Bedingungen nicht zur Stadtbevölkerung zu zählen waren (S. 182). Die Einblicke, die der Leser hier gewinnt, sind durchweg interessant; freilich wird die Nacherzählung der Quellen und Biographien mitunter zu einem etwas anekdotenhaften Aneinanderreihen von Einzelheiten. Die erschließende Analyse erfolgt dann in einem knappen, aber sehr präzise formulierten Schluss (S. 201–206), in dem Gabriel Zeilinger alle Beschränkungen des Befundes durch die Quellen ebenso klar benennt wie Ergebnisse. Sehr deutlich wird, dass der Krieg besonderen Druck auf die Gesellschaft und ihre Herrschaftsstrukturen ausübte, die Lebensformen der Menschen »aber nicht grundsätzlich erschütterte« (S. 203).

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PSJ Metadata
Martin Clauss
G. Zeilinger, Lebensformen im Krieg (Martin Clauss)
CC-BY-NC-ND 3.0
Spätes Mittelalter (1350-1500)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Militär- und Kriegsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
15. Jh.
4042742-0 4001307-8 4182783-1
1449-1450
Nürnberg (4042742-0), Alltag (4001307-8), Städtekrieg 1449-1450 (4182783-1)
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G. Zeilinger, Lebensformen im Krieg (Martin Clauss)
In: Francia-Recensio 2010/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-4/MA/zeilinger_clauss
Veröffentlicht am: 16.11.2010 11:10
Zugriff vom: 07.05.2018 20:13
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