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    P. Toubert, M. Zink, Moyen Âge et Renaissance au Collège de France (Heribert Müller)

    Francia-Recensio 2010/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Pierre Toubert, Michel Zink (dir.), avec la collaboration d’Odile Bombarde, Moyen Âge et Renaissance au Collège de France. Leçons inaugurales, Paris (Fayard) 2009, 668 p., ISBN 978-2-213-64384-7, EUR 32,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Heribert Müller, Frankfurt a. M.

    In der recht strikt reglementierten Wissenschafts- und Universitätslandschaft Frankreichs gibt es ein Refugium akademischer Freiheit und Exzellenz, eine Art Super-»Institute for Advanced Study« und dies mit einer bis zu Franz I. und Guillaume Budé in das Jahr 1530 reichenden Tradition: das bereits früh an heutiger Stätte im Pariser Quartier latin ansässige Collège de France. Dessen gegenwärtig etwas über 50 Professoren – am Anfang standen lediglich »lecteurs royaux« für die klassischen Sprachen – obliegt eine einzige Aufgabe, ob es sich nun um Mathematiker, Naturwissenschaftler, Informatiker, Philosophen, Soziologen, Historiker und Philologen, um Astrophysiker, Assyrologen oder Psychologen handelt: das Wissen, wie es entsteht, zu lehren (»enseigner le savoir en train de se faire«). Solche Lehre erfolgt gratis et publice, sie führt weder zu Prüfungen noch zu Abschlüssen; im Idealfall eint Lehrende und Lernende reiner amor scientiae. Entscheidend für eine Berufung sind Gewicht und Originalität der wissenschaftlichen Persönlichkeit; deshalb können bei Emeritierung, Weggang oder Tod freigewordene Lehrstühle auf Initiative der kooptierenden Professorenschaft dem Arbeitsgebiet der gewünschten Kandidaten entsprechend umgewidmet werden.

    Die Liste der Kollegmitglieder nimmt sich wie ein »Who is who« französischer Wissenschaftler der letzten Jahrhunderte bis in unsere Tage aus; man begegnet Namen wie Étienne Baluze, Jean-François Champollion, Henri Bergson, Paul Valéry, Maurice Halbwachs, Raymond Aron, Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Michel Foucault, Pierre Bourdieu, François Jacob und Jacques Monod oder – aus dem Kreis der im anzuzeigenden Band aufgeführten Gelehrten – Jules Michelet, Gaston Paris, Étienne Gilson, Lucien Febvre, Henri Focillon, Fernand Braudel und Georges Duby. Selbst der kritischste und distanzierteste Geist, erst einmal place Marcelin-Berthelot installiert, vermag sich der einnehmenden Kraft solch elite- wie traditionsfundierter Institution nicht zu entziehen, die Bourdieu einmal als »lieu de sacralisation des hérétiques« bezeichnete und an der sich manches Ritual des homo academicus trefflich studieren lässt wie etwa das der ihn zu einer leçon sur la leçon inspirierenden Antrittsvorlesung. In solcher leçon inaugurale, einem nicht selten auch gesellschaftlichen Ereignis, entwickelt der neue Mann – Frauen finden sich erst in jüngerer Zeit unter der Professorenschaft – seine Ideen und Visionen, handelt er von zentralen Problemen und Fragen seines Fachs, aus denen sich wiederum Schwerpunkte seiner künftigen Tätigkeit am Kolleg ergeben. Zudem leistet er eine Hommage auf seine akademischen Lehrer – in früheren Zeiten konnte dies sogar das Hauptthema sein – und hebt unter ihnen besonders jene hervor, die ihrerseits dem Kolleg angehörten.

    Auch die im vorliegenden Band publizierten Antrittsvorlesungen spiegeln wiederholt solche Kontinuitäten; so zieht sich ungeachtet manch sachlicher Differenz beispielsweise im Fall des naheliegenderweise immer wieder erneuerten Lehrstuhls für Sprache und Literatur des französischen Mittelalters über anderthalb Jahrhunderte eine Linie von Paulin und Gaston Paris über Joseph Bédier und Félix Lecoy bis hin zu Michel Zink, dem bekanntesten mediävistischen Romanisten Frankreichs unserer Tage.

    Zink hat zusammen mit dem Mittelalterhistoriker Pierre Toubert die Texte dieses Bandes zusammengestellt und mit ihm sowie dem elsässischen Kunstgeschichtler Roland Recht – alle drei gehören dem Kolleg an – dazu eine Einleitung verfasst, in der ein jeder kurz auf die hier vertretenen Gelehrten seines Fachgebiets, zudem aber auf all jene nicht berücksichtigten Kollegmitglieder eingeht, die in ihren Forschungen zwar auch, indes nicht vorrangig, von Mittelalter und Renaissance handelten. Erstaunlicherweise ist das Fach »Mittelalterliche Geschichte« in aller Form sogar erst seit 1970 vertreten, als Georges Duby einen Lehrstuhl mit der Denomination »Histoire des sociétés médiévales« erhielt. (Zu Touberts Beitrag bleibt nachzutragen, dass die nach ihm noch zu erwartende MGH-Edition der Merowingerdiplome [S. 23] mit der Ausgabe von Theo Kölzer bereits seit 2001 vorliegt.)

    Für die Texte der leçons inaugurales selbst konnte man – ohne dass dies eigens gesagt wird – auf deren seit 1949 vom Kolleg und seit 2003 vom Verlag Fayard besorgte Publikation zurückgreifen, während man bei Vorlesungen aus früherer Zeit teilweise auf Auszüge oder – wie im Fall von Michelet – auf zusammenfassende Berichte angewiesen war. Blieben die Vorlesungen aber unauffindbar, so behalf man sich in einigen Fällen mit »Hommage-Passagen« aus Texten von Nachfolgern, in anderen musste schlicht Fehlanzeige vermeldet werden. Solch unterschiedliche Überlieferungslage hätte m. E. eine systematische Auflistung der entsprechenden Angaben in einem Anhang nahegelegt, wobei man obendrein die Druckorte von zusätzlich auch andernorts veröffentlichten Vorlesungen aus den Jahren nach 1949 hätte angeben können (z. B. Braudel, in: Écrits sur l’histoire bzw. in deren deutscher Ausgabe: Schriften zur Geschichte I, Stuttgart 1992, 24-45; Duby: sep., Paris 1971).

    Höchst unterschiedlich in Umfang und Qualität fallen auch die Einleitungen zu den jeweiligen leçons inaugurales aus: Als vorzüglich haben diejenigen von Ursula Bähler zu Leben, Werk und wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung von Paulin und Gaston Paris zu gelten, was ebenso auf ihre Kommentierung von deren Vorlesungstexten zutrifft. Geistvoll und anregend nimmt sich die Einführung von Denis Crouzet zu Lucien Febvre und Fernand Braudel aus, doch lässt sie Basisinformation für weniger Kundige vermissen; manch andere notice kommt dagegen gar arg kurz und bisweilen auch oberflächlich daher. Dass Vorlesungen lebender Mitglieder Aufnahme fanden, macht durchaus Sinn, weil diese Beiträge von noch unmittelbarer Relevanz in der Sache sein können. Doch berührt es schon etwas merkwürdig, wenn – zugegeben aus dem praktischen Grund einer »Sammeleinführung« aller Byzantinisten – Gilbert Dagron sich gleich selbst charakterisiert, oder wenn Michel Zink und Roland Recht von Fachkollegen eigens gewürdigt werden: Hätte man es hier nicht, wie bei Jean Delumeau, Harald Weinrich oder Pierre Toubert, schlicht bei einigen biobibliographischen Angaben belassen sollen?

    Die Texte selbst können sich in ihrer Gesamtheit selbstverständlich nicht zu einer Geschichte der jeweiligen Fächer in Frankreich oder gar zur Geschichte des Kollegs fügen. (Wenige Hinweise wie etwa auf die Revokationen von Jules Michelet und Edgar Quinet 1852 aus politischen Gründen [S. 56] oder die Einwirkungen des Vichy-Régimes [S. 279] erwecken natürlich Interesse.) Im Zentrum steht eben das Profil der gelehrten Einzelpersönlichkeit und bisweilen auch deren Entwicklung, hielten doch manche Professoren bei sich bietenden Anlässen mehrfach Antrittsvorlesungen. Im Fall von Gaston Paris waren es ihrer gleich neun; drei davon wurden hier abgedruckt, darunter jene von Dezember 1870, die ihn unter dem Eindruck des deutsch-französischen Krieges als Wissenschaftler zeigt, der sein Tun als nationale Mission verstand, sich zugleich aber als Mitglied einer république des lettres sah, zu der auch ein Goethe und Schiller gehörten. Immer wieder fällt bei den Großen des 19. Jahrhunderts auf, wie sehr sie in Rezeption und Auseinandersetzung Maß an deutschsprachiger Gelehrsamkeit nahmen; mehrfach begegnen Namen wie Ranke, Lachmann oder Burckhardt – jemand wie der Mittellateiner Edmond Faral, der in seinem amour propre national sich und seine Texte von einer essence française erfüllt sah, zählte doch wohl eher zu einer Minderheit.

    Es kann nun nicht Sinn und Zweck dieser Besprechung sein, alle 33 mit und ohne Antrittsvorlesung in diesen Band aufgenommenen Gelehrte resümierend präsentieren bzw. deren Texte wissenschaftsgeschichtlich verorten zu wollen, wofür mir im übrigen in gleich drei Bereichen – dem kunsthistorischen, philologischen und literaturgeschichtlichen – ohnehin die Kompetenz abgeht. Die Geschichte selbst ist mit relativ wenigen, aber großen Namen vertreten: Michelet, Febvre, Renaudet, Braudel, Duby, Delumeau und Toubert. Ohne nun gleich das Dictum Bourdieus zu bemühen, handelt es sich bei einigen von ihnen um zu ihrer Zeit durchaus umstrittene Quer- und Vordenker, die wie Febvre oder Braudel indes heute als Klassiker – doch keineswegs als unkritisch verehrte Säulenheilige – zu gelten haben, wobei der Anspruch in der Sache zudem mit hohem literarischen Niveau einhergehen kann, was sich etwa an Dubys »Sociétés médiévales« erweist (Dazu jetzt auch Patrick Boucheron, La lettre et la voix: aperçus sur le destin littéraire des cours de Georges Duby au Collège de France …, in: MA 115, 2009, 487-528). Hier hat der Rezensent zu schweigen, will er sich nicht durch nachträgliches Mäkeln an diesem oder jenem Punkt seit Jahrzehnten bekannter Texte als Kritikaster lächerlich machen; hier kann er nur eine immer noch und immer wieder anregende Lektüre empfehlen.

    Auf solchem Niveau bewegt sich auch der deutsche Romanist und Linguist Harald Weinrich, der 1989 als erster den Ruf auf den damals neu eingerichteten europäischen Lehrstuhl des Kollegs erhielt, an dem er anschließend von 1992 bis 1998 eine Titularprofessur »Langues et littératures romanes« innehatte. Seine Ausführungen zu Erinnerung und Gedächtnis, zu individueller und kollektiver memoria haben gerade angesichts der vor einigen Jahren in der deutschen Geschichtswissenschaft durch Johannes Fried ausgelösten Diskussion des Themas nichts von ihrer Aktualität verloren (S. 547–559). Erinnerungswürdig erscheint aber auch, dass an solchem Ort ein kooptierter Deutscher des Jahrgangs 1927 sprechen konnte und er dies in Dankbarkeit gegenüber einem anwesenden Lyoner Kardinal Albert Decourtray tat, »parce que c’est lui qui, très jeune soldat et gardien de prisonniers de guerre, inscrivit dans la mémoire d’un Allemand de dix-sept ans l’amour de la France, terre généreuse et nation d’Europe« (S. 547). Ältere frankreichverbundene Leserinnen und Leser werden das Gewicht solcher Worte Weinrichs voll ermessen können.

    Dieser Name steht im übrigen für eine merkliche Europäisierung und Internationalisierung des Kollegs in den beiden letzten Jahrzehnten; zur »chaire européenne« kam eine »chaire internationale«, beide Lehrstühle hatten bekannte Persönlichkeiten wie Umberto Eco, Bronislaw Geremek oder Claudio Magris und deutscherseits Wolf Lepenies, Hans Belting oder Theodor Berchem inne. Bei aller Freude über solche Öffnung und Ausweitung, die sich überdies auch in neuen Lehrstuhldenominationen mit Bezügen etwa auf Umwelt, Energie, Klimaforschung und Wissen im Kampf gegen die Armut spiegeln, wäre im übrigen ein Rekurs auf klassische Traditionen nicht minder begrüßenswert: Ob es nach langen Jahren germanistischer Abstinenz gelingen mag, dieses Fach wieder kollegwürdig zu besetzen?

    Nach Mittelalter und Renaissance am Collège de France läge im Rahmen von laut Einleitung ohnehin intendierten »volumes thématiques« (S. 7) ein Anschlussband für die neuere und neueste Zeit nahe. (Dass da manche Abgrenzung zum und selbst im vorliegenden Band problematisch ist, dessen sind sich Toubert und Zink vollauf bewusst.) Darin dürfte sich dann auch jene zunehmende Europäisierung und Internationalisierung der beiden letzten Dezennien niederschlagen, für die hier lediglich die Antrittsvorlesung des kanadischen Literaturwissenschaftlers Brian Stock steht (S. 605–616). Doch sollte man auf solch künftige Publikation ein wenig mehr Sorgfalt verwenden; d. h. neben Textnachweisen müssten die Herausgeber im Interesse einer gewissen Ausgewogenheit verbindliche Richtlinien für das Abfassen der Einleitungen wie das Kommentieren der frühen Vorlesungen vorgeben – die Sache oder vielmehr in diesem Fall: die zu erwartende Folge und Fülle renommierter Namen lohnte es allemal.

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    PSJ Metadata
    Heribert Müller
    P. Toubert, M. Zink, Moyen Âge et Renaissance au Collège de France (Heribert Müller)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Frankreich und Monaco
    Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte
    19. Jh., 20. Jh.
    36341-8 4167889-8 4138610-3 4038217-5 4129108-6
    1800-2008
    Collège de France (36341-8), Literaturwissenschaftler (4167889-8), Mediävist (4138610-3), Mediävistik (4038217-5), Mittelalter (4129108-6)
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    P. Toubert, M. Zink, Moyen Âge et Renaissance au Collège de France (Heribert Müller)
    In: Francia-Recensio 2010/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
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    Veröffentlicht am: 16.11.2010 11:20
    Zugriff vom: 07.05.2018 20:07
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