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S. Rüther, Integration und Konkurrenz (Gisela Naegle)

Francia-Recensio 2010/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Stefanie Rüther (Hg.), Integration und Konkurrenz. Symbolische Kommunikation in der spätmittelalterlichen Stadt, Münster (Rhema – Verlag und Herstellung) 2009, 207 S. (Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme. Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 496, 21), ISBN 978-3-930454-81-5, EUR 32,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Gisela Naegle, Gießen/Paris

Im Vordergrund der von Stefanie Rüther herausgegebenen Aufsatzsammlung steht das Spannungsverhältnis zwischen Integration und Konkurrenz, das anhand von Vorgängen der symbolischen Kommunikation in spätmittelalterlichen Städten aus dem Süden des Alten Reiches im 14. und 15. Jahrhundert vorgestellt wird. Hintergrund der in diesem Band zusammengeführten Studien war ein vom Münsteraner SFB 496 »Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution« angeregter wissenschaftlicher Austausch (S.16).

Abgesehen von der Einleitung der Herausgeberin enthält der Band acht weitere Aufsätze. Am Ende stehen ein Personenregister und ein Abbildungsteil. Die Themen der einzelnen Beiträge beschäftigen sich mit Dauer und Wandel, Identität und Schriftgebrauch in der symbolischen Kommunikation am Beispiel der »öffentlichen Begegnungen im Basler Herrschaftsverband« (Christoph Friedrich Weber); der Wahrnehmung und Bewertung kriegerischer Gewalt in den Süddeutschen Städtekriegen (Stefanie Rüther); Formen und Funktionen spätmittelalterlicher Unterwerfungsrituale im Fall von Tiengen (1499) und der Schweizer Eidgenossenschaft (Theo Broekmann); Gestaltungsmöglichkeiten, Inszenierungselementen und symbolischer Kommunikation in den Trauerfeierlichkeiten der Reichsstadt Frankfurt am Main für Kaiser Friedrich III. (1493) (Christian Jörg); Formen der Vergegenwärtigung und Indienstnahme königlicher Präsenz in der profanen Wandmalerei in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts (Beispiele aus Zürich, dem Ancien Collège de la Croix/Avignon und dem großen Saal des Château de Verdun Dessous in Cruet/Savoyen; Harald Wolter-von dem Knesebeck); der Entgrenzung sakraler Akkumulation, Interessenkonflikten, symbolischer Kommunikation und den »Medien des Heils« (Beispiel Nürnberg, Lucas Burkart); symbolischer Kommunikation als Argument für politische Ressentiments der Reichsstadt Bern im Spätmittelalter (Bastian Walter) und dem »gestürzten Tyrannen« bzw. der Befriedung von Aufständen durch Gestik, Symbolik und Recht am Beispiel des Sturzes des Züricher Bürgermeisters Hans Waldmann (1489) (Michael Jucker).

Die Lektüre der einzelnen Beiträge zeigt, dass der Ansatz der symbolischen Kommunikation für einige Themengebiete sehr interessante und aufschlussreiche Ergebnisse erbringen kann, aber in anderen Fällen – zumindest wenn er als hauptsächliches bzw. ausschließliches Erklärungsmuster herangezogen wird, für sich betrachtet weniger überzeugt und andere Faktoren (wie die politische und soziale Hintergrundkonstellation) demgegenüber eine entscheidendere Rolle spielen konnten. Rituale und symbolische Verhaltensweisen sind hier eher ein, wenn auch wichtiges, »Zubehör«, das dazu dient, diesen Hintergrund und die Intentionen der handelnden Personen den jeweiligen Adressaten »publikumswirksam« zu verdeutlichen und im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar zu machen. Dass Inszenierungselemente und symbolische Kommunikation bei den Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Kaiser Friedrich III. eine zentrale Bedeutung hatten, ist plausibel und überaus überzeugend. Lucas Burkart stellt als Gegenmodell zur von Gerhard Fouquet vorgelegten Deutung des Sturzes und der Hinrichtung des Vordersten Nürnberger Losungers Niklas Muffels (1469) die These auf, diese Ereignisse seien hauptsächlich auf dessen ausgedehnte Reliquiensammlung zurückzuführen gewesen. Der Nürnberger Rat habe dieses Verhalten in einem solchen Ausmaß als Bedrohung empfunden, dass aus seiner Sicht die Beseitigung Muffels erforderlich geworden wäre, da für den Rat die »Privatisierung« und »Entgrenzung sakraler Akkumulation in den Händen des Bürgermeisters« (S. 149, 151) Wohl und Profit nur für diesen selbst versprochen habe. Der Blick auf ähnliche gelagerte Fälle und weitere politische Prozesse in anderen Städten und in Frankreich spricht allerdings gegen die These, im Nürnberger Fall sei die Reliquiensammlung Muffels entscheidend gewesen. Dies wird gerade anhand des Vergleichs mit der differenzierten und sehr lesenswerten Studie von Michael Jucker zum Fall des Züricher Bürgermeisters Hans Waldmann deutlich, die nuanciert das Verhältnis zwischen politischem und sozialem Hintergrund, juristischer Argumentation und dem Ablauf der verschiedenen Konfliktphasen untersucht. Dieser Beitrag zeigt so eindrucksvoll das Ineinandergreifen von »symbolischer Kommunikation« und Ritualen mit politischen und rechtlichen Faktoren. Ein vergleichender Ausblick am Ende verweist zur Vertiefung auf ähnlich gelagerte Parallelfälle. Solche Affären bzw. politischen Prozesse wurden im Hinblick auf mögliche Analogien zu italienischen »Stadttyrannen« bereits in einem Aufsatz von Hartmut Boockmann behandelt. Wenn man diesen Ansatz weiterverfolgt, zeigt der Vergleich mit Italien jedoch einen deutlichen Dimensionsunterschied: Keine der betroffenen Personen und Familien konnte jemals eine mit italienischen »Stadttyrannen« oder mit Fürstengeschlechtern wie den Sforza oder den Medici vergleichbare Macht und Bedeutung erlangen.

Zu den interessantesten Beiträgen des Bandes gehört der Aufsatz von Bastian Walter zur symbolischen Kommunikation von Bern und dem Verhältnis zu Burgund, in dem die Herkunft und der Hintergrund der beteiligten Personen sorgfältig kontextualisiert wird. Angesichts des nach Ansicht des Autors »völlig unerwarteten Satzes«, Landvogt Peter Hagenbach sei »ein guter Mann« (S. 161), könnte hier u. U. auch zu berücksichtigen sein, dass die Berner Gesandten vielleicht befürchten mussten, ihr Schreiben könne der burgundischen Seite in die Hände fallen und dass deshalb entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden (was bei anderen Städten in solchen Situationen durchaus üblich war, z. T. wurde derartige Korrespondenz verschlüsselt).

Der Beitrag von Theo Broekmann beschreibt minutiös die einzelnen Verhandlungsetappen der Übergabe von Tiengen an die Schweizer Eidgenossen (1499) und geht in diesem Zusammenhang auf die Spannungen zwischen Stadtbürgern und Adel bzw. das unterschiedliche Verhalten adeliger und bürgerlicher Hauptleute ein. Derartige Spannungen werden auch von Stefanie Rüther betont, die anhand ihrer Studie zur Wahrnehmung und Bewertung kriegerischer Gewalt in den Süddeutschen Städtekriegen zu dem Ergebnis gelangt, dass den Zeitgenossen dabei nur die traditionellen Kategorien der adeligen Fehdeführung zur Verfügung gestanden hätten (S. 59). Trotz dieser These kommt sie jedoch zu dem Schluss, es sei »wenig sinnvoll, die kriegerischen Auseinandersetzungen des späten Mittelalters vor der Folie eines allgemein geteilten Rechtsverständnisses zu thematisieren« (S. 59). Stattdessen sei es eher um die Anerkennung konkurrierender Werte gegangen.

Bei den Süddeutschen Städtekriegen und ihrer zeitgenössischen Wahrnehmung handelt es sich um ein in der jüngsten Vergangenheit mehrfach behandeltes Thema, das auch Anlass zu einer Reihe weiterführender Überlegungen zur städtischen Mentalität und zur städtischen Historiographie bietet (z. B. Arbeiten von Gabriel Zeilinger, Alexander Schubert, Carla Meyer). Innerhalb der neuesten französischsprachigen Veröffentlichungen sei hier in diesem Zusammenhang auch auf den Sammelband von Christiane Raynaud 1 hingewiesen, der zu diesem Thema eine Reihe interessanter Beiträge zum Vergleich mit anderen europäischen Regionen vorlegt.

Insgesamt gesehen enthält das Buch eine Reihe interessanter, sehr anregender und diskussionswürdiger Beiträge zu einem aktuellen Thema der mittelalterlichen Stadtgeschichte. In diesem Zusammenhang bietet sich für künftige Studien vor allem eine Vertiefung der Untersuchung des Verhältnisses und der »Gewichtsverteilung« der Folgen und der Bedeutung von Ritualen und symbolischen Kommunikationsformen auf der einen Seite und politisch-strukturellen, sozialen und juristischen Gegebenheiten auf der anderen Seite an.

1 Christiane Raynaud (dir.), Villes en guerre XIV e –XV e siècles, Aix-en-Provence 2008, rezensiert in: Francia-Recensio, 2009-3, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500), URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/MA/raynaud_naegle

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PSJ Metadata
Gisela Naegle
S. Rüther, Integration und Konkurrenz (Gisela Naegle)
CC-BY-NC-ND 3.0
Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
Europa
Kultur- und Mentalitätsgeschichte
Mittelalter
4015701-5 4191649-9 4056723-0
1250-1500
Europa (4015701-5), Kommunikatives Handeln (4191649-9), Stadt (4056723-0)
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S. Rüther, Integration und Konkurrenz (Gisela Naegle)
In: Francia-Recensio 2010/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-4/MA/ruether_naegle
Veröffentlicht am: 16.11.2010 11:20
Zugriff vom: 07.05.2018 19:56
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