Réformer l’Église, réformer l’État: une quête de légitimíté (XI–XIVe siècles) (Stefan Burkhardt)
Francia-Recensio 2010/4 Mittelalter – Moyen Âge
(500–1500)
Réformer l’Église,
réformer l’État: une quête de légitimité
(XI
e
–XIV
e
siècles),
Aix-en-Provence (UMR TELEMME) 2007, 142 p. (Rives
nord-méditerranéennes, 28), ISSN 0986-8410, EUR
13,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Stefan Burkhardt,
Heidelberg
Der vorl. Band entsprang einer Studientagung, die am 24. März 2006 in der Maison méditerranéenne des sciences de l’homme stattfand. Er versammelt neben einer Einleitung sechs Beiträge, wobei sich zwei Artikel dem Themenkreis der kirchlichen Reform widmen, während vier weitere Sachbereiche behandeln, die der Thematik der weltlichen Reform nahestehen. Die »pages ›jeunes chercheurs‹« beschließen das Heft.
In seiner Einleitung umreißt Thierry Pécout knapp die Bedeutungsdimensionen des Begriffs »Reform«. Diese sieht er zum einen durch den legitimierenden Rekurs auf eine idealisierte Vergangenheit, zum anderen durch die spezifischen geistigen Bedingungen und Entwicklungsdynamiken der lateinischen Christenheit geprägt. In gewissem Sinn verbinden sich beide Einflüsse – so einer der Gedanken – in der Figur des christlichen Fürsten.
In seinem Beitrag »Le moment grégorien en Provence, bilan historiographique« skizziert dann Thierry Pécout die Forschungsgeschichte der gregorianischen Reform in der Provence. Nach einer eher verfassungsgeschichtlich geprägten Phase habe sich der Fokus der Wissenschaft nun eher auf die Erforschung des Mönchtums konzentriert, aber den methodischen Zugriff geweitet: Dies betreffe nicht nur die archäologische Herangehensweise. Jetzt würden auch die »Wirkverbünde« von Stiftungen und Lokaladel, ihre Strukturen und die dahinterstehenden Vorstellungen weltlicher und religiöser Ordnung betrachtet.
Maria Cristina Varano widmet sich in ihrem Artikel » Institution épiscopale et autorité comtale dans le diocèse de Sisteron: le déplacement du pouvoir à Forcalquier (Alpes-de-Haute-Provence) et l’établissement de la › concathédralité ‹ au XI e siècle « der komplexen Institutionsgeschichte jenes Bischofssitzes, der zwischen Sisteron und Forcalquier gespalten war. Diese eigentümlichen Bedingungen führten zu erstaunlichen Wechselwirkungen der geistlichen und weltlichen Strukturen. Ihre Untersuchung spitzt Varano unter anderem auf die These zu, dass die Reformtätigkeit des Bischofs Géraud Chabrier für diesen Doppelbischofssitz vielleicht keine tiefgreifende Zäsur dargestellt habe wie gemeinhin angenommen; denn die bischöfliche Politik sei zuvor und danach in erheblichem Maße durch weltliche Kräfte – allen voran den künftigen Grafen von Forcalquier – geprägt worden.
Christine Martin Portier behandelt in ihrem Artikel »À la recherche de revenus sûrs: le cas des ventes déguisées en baux emphytéotiques au miroir de l’enquête de Charles II dans la viguerie de Tarascon en 1297–1299« ein eher verwaltungsgeschichtlich positioniertes Thema: die als Erbpacht getarnten Landverkäufe, die das Ziel hatten, die fälligen Gebühren zu sparen. Diese Fälle wurden durch Untersuchungen aufgedeckt, die die Grafen der Provence initiiert hatten. Anhand des vorhandenen Quellenmaterials sind auch einige Aussagen Martin Portiers zu weiteren besitzrechtlichen Implikationen und der Wirksamkeit der gräflichen Verwaltungsordnung möglich.
Stefano Palmieri betrachtet » La chancellerie angevine de Sicile au temps de Charles I er (1266–1285) « . Palmieri verortet die Kanzlei im Zentrum des Verwaltungsnetzwerkes der angevinischen Herrschaftsorganisation. Nach einer kurzen Darstellung ihrer staufischen Wurzeln und möglicher Kontinuitätsträger zur angevinischen Zeit behandelt Palmieri knapp die königlichen Archive und die Verfahren der Kanzlei. In seinem Beitrag weist er die enge Verbindung der Kanzleiorganisation zur Fiskalverwaltung nach, dem »Gedächtnis der Monarchie«.
Valentina Niola analysiert »Les formulaires de la chancellerie angevine, de Charles I er à Jeanne I ère « anhand einer diplomatischen Untersuchung vor dem Hintergrund der Archive im Königreich Sizilien und der Provence. Einer Formulartypologie folgen in ihrem Beitrag Übersichten zu Datierung und Funktionalität der Formulare, zu Zeugen und ergänzenden Quellen.
Laure Verdon sucht in ihrem Artikel »Les notaires, officiers du comte de Provence, XIII e –XIV e siècle« die Rolle der Notare in der angevinischen Verwaltung und bei der Verbreitung der angevinischen Herrschaftsideologie. Das vielfältige Aufgabenspektrum der provenzalischen Notare des 13. Jahrhunderts wird so deutlich.
Auf die eigentlichen Beiträge folgen zwei Artikel der Sektion »Les Pages ›Jeunes chercheurs‹«: Arnaud Bartolomei untersucht in seinem Beitrag »Paiements commerciaux et profits bancaires: les usages de la lettre de change (1780–1820)« die Geschichte der Wechsel und die durch sie ausgelösten Innovationen im Finanz- und Handelssystem.
Eve Giustiniani betrachtet hingegen » Un philosophe en exil: José Ortega y Gasset entre la guerre civile espagnole et la Seconde Guerre mondiale (1936–1945) « . Ihr Hauptziel besteht darin, ein angebliches »politisches Schweigen« Ortegas zu widerlegen. Zunächst den Griff Francos zur Macht gutheißend, kritisierte er in seinen philosophischen Essays diktatorische Regime. Zugleich legte aber seine komplizierte Lage im Exil zwischen Frankisten und Republikanern nahe, die Strategie des Schweigens aufrechtzuerhalten.
Das Heft versammelt so zum Teil recht unterschiedliche Beiträge, sowohl von der Thematik als auch von Ausarbeitungsstand und Umfang her. Vergleichbar sind die beiden Artikel der »kirchlichen Sektion« und die Übersichten von Palmieri und Verdon. Thematisch fällt der Beitrag von Martin Portier etwas aus der Reihe, während an Umfang der Aufsatz von Niola herausragt. Umfasst werden die Texte der »weltlichen Sektion« durch die mediterrane Herrschaft der Anjou, wird das Wirken dieses Herrschergeschlechtes aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.
Die Reform hat viele Gesichter. Manche sind in den einzelnen Beiträgen besser erkennbar, andere bleiben diffus. Aber auch abseits einer wirklich konsequenten Behandlung des Globalthemas »Reform« hält das Bändchen die eine oder andere Anregung für den an einschlägig Interessierten bereit.
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