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V. Leppin, Das Zeitalter der Reformation (Isabelle Deflers)

Francia-Recensio 2010/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Volker Leppin, Das Zeitalter der Reformation. Eine Welt im Übergang, Stuttgart (Theiss) 2009, 160 S., ISBN 978-3-8062-2108-4, EUR 29,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Isabelle Deflers, Freiburg 1

Volker Leppin, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Jena, setzt sich in diesem großformatigen und reich bebilderten Band mit der Genese der Reformationsbewegung auseinander. Wie in seiner Lutherbiographie 2006 2 distanziert sich Leppin von der traditionellen Sichtweise eines radikalen Bruches zwischen der mittelalterlichen Einheit der päpstlichen Kirche und deren Zerfallen in zahlreiche reformatorische – zuweilen radikale und sektiererische – Bewegungen zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Vielmehr zeigt der Verfasser, genauso wie Wolfgang Reinhard und Harm Klueting, Kontinuitätslinien auf, die von der Suche nach innerkirchlichen Änderungen im Spätmittelalter zu den reformierenden Forderungen in der Zeit des Humanismus und der Renaissance verlaufen 3 . Anstelle des Mythos der spätmittelalterlichen Kircheneinheit betont Leppin gerade die Vielfalt, die es ihm wiederum ermöglicht, Anknüpfungen und Neuansätze der Reformationsbewegung an den alten kirchlichen Strukturen und vorherigen Religiositätsformen in ihrer Genese zu erläutern. Deshalb spricht Leppin von »neuen Wegen« und von einer »Welt im Übergang«, und nicht von »Aufbruch und Krise« 4 , und deshalb beginnt das Buch mit einem Kapitel über »die Glaubenswelten [im Plural, ID] des späten Mittelalters« (S. 7–34). Auch die Renaissance und der Humanismus hätten »neue Wege« eröffnet, die sich, im Gegensatz zu dem von Jakob Burckhardt proklamierten Bruch, eher durch ein allmähliches Herauswachsen neuer Kunstformen aus dem Mittelalter erklären ließen (S. 35ff.). Sowohl auf philologischer als auch auf christlich-religiöser Ebene setzten sich Humanisten, allen voran Erasmus von Rotterdam, mit der Spätscholastik auseinander, um eine neue philosophia christiana zu entwickeln (S. 41). Auf diesen Vorabklärungen aufbauend, leitet Leppin mit Luthers Ausbildung und dem Beginn einer neuen Theologielehre in Wittenberg, die er mit dem Spruch »Augustin statt Aristoteles« zusammenfasst, zur »Wittenberger Bewegung« über (S. 42–44). Er bereichert dabei die übliche Perspektive auf den Thesenanschlag und die unerwartet schnelle Verbreitung von Luthers Thesen durch das neue Medium des Buchdrucks um den Blick auf die Zürcher Reform durch Zwingli (S. 49–52). Mit dem Häresieprozess und der Anklageschrift gegen Luther wurde die anfängliche Reformation zum öffentlichen und medialen Ereignis, das hinreichende Sprengkraft für eine gesamtgesellschaftliche Umorientierung entwickelte. Die »öffentlichen Debatten« blieben nicht nur auf den Kreis der Theologen beschränkt, sondern wurden in Form unzähliger Flugschriften, die auch ein Tagelöhner für einen erträglichen Preis erwerben konnte (S. 62), von einem breiten Publikum verfolgt und fortentwickelt. Dieser Rezeptionserfolg von Luthers Botschaft gründete sich auf dem Interesse einer Leserschaft, die sich auf der Suche nach aktueller Orientierung in Fragen des christlichen Glaubens befand und stark für national gefärbte Argumente sensibilisiert war, die auf die »Freiheit« der Deutschen gegenüber der römischen Kirche hinwiesen, auch was die Verwendung der deutschen Sprache betraf (S. 63ff.). Die publizistische Konzentration allein auf Luthers Persönlichkeit musste sich aber aufgrund seines Aufenthaltes auf der Wartburg umorientieren. Folglich traten ab April 1521 neue, bisher als zweitrangig betrachtete »Gestalten« (Kapitel IV, S. 75–110) in Erscheinung, wie es etwa die Rolle Philipp Melanchthons zeigt. Mit den radikalen Kirchenreformen Andreas Karlstadts und den von ihm provozierten Wittenberger Unruhen, trat die Reformationsbewegung in eine neue Phase ein. Trotz des Nürnberger Reichsregiments vom 20. Januar 1522, das jegliche Neuerungen in Religionssachen verbot, erkannte der Wittenberger Rat die Möglichkeit, durch eine am 24. Januar 1522 erlassene Ordnung die Kontrolle über Zucht, Ordnung, Liturgie und Kirchenraum zu übernehmen. Erneut blickt Leppin hier nach Zürich, um zugleich die Geburt der Täuferbewegung und die Besonderheit jenes Reformationstypus zu erläutern (S. 84–91). Zum besonderen Erfolg der Reformation in den Städten und vor allem bei einem relativ gut ausgebildeten Publikum, gesellte sich wegen der sozial-politischen Komponente rasch deren Popularität bei den Bauern, die 1525 zur Eskalation im durch Thomas Müntzer geführten Bauernkrieg mündete. Auch die radikale Orientierung eines Hans Hut und das aus dem chiliastischen Glauben entstandene Täuferreich von Münster 1535 sind hier erwähnt. Im Zuge der territorialen Reformation in Sachsen und Hessen wurde aber die Einheit der Bewegung immer rissiger: Eine erste Spaltung vollzog sich in der Abendmahlsfrage (S. 109f.). Im Schlusskapitel zu »Wandlungen im Reich und in Europa« führt Leppin den Endpunkt der ursprünglichen Einheit in der Reformationsbewegung vor. Die späteren Bemühungen um die normative Festigung der evangelischen Lehre führten nämlich zu unüberbrückbaren Differenzen zwischen den verschiedenen Bekenntnissen (1530: Confessio Augustana und Confessio Tetrapolitana ). Weit entfernt von Wittenberg sorgte Johannes Calvin in Genf für die Verbreitung der Reformation, dessen Lehren auch in Frankreich, Schottland und den Niederlanden sowie in Heidelberg rezipiert wurden. War die Darstellung bis hierher auf den deutschsprachigen Raum fokussiert, wird sie nun durch einen kurzen Hinweis auf andere Reformationstypen ergänzt, wie den englischen, oder den »Randbewegungen«, wie jene der Täufer und Spiritualisten. Die kurze Phase des Dialoges in Form von Religionsgesprächen endete mit dem Schmalkaldischen Bund und dem gleichnamigen Krieg, der als Folge der berühmten Schlacht von Mühlberg am 24. April 1547 den Sieg der kaiserlichen Truppen sowie die Gefangenschaft der beiden Hauptführer der Reformation, des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen und des Landgrafen Philipp von Hessen, brachte. Leppin schließt mit einem Ausblick auf »die Zeit der Konfessionen« (S. 144–147). Die Klärung von theologischen Grundprinzipien innerhalb der protestantischen Lager führte zur deutlichen Definition und damit zur klaren Trennung zwischen Luthertum und Calvinismus. Aber auch die päpstliche Kirche sah sich gezwungen, im Konzil von Trient (1545–1563) ihre Lehre neu zu formulieren und ihre innere Struktur neu zu gestalten. Infolge der Konfessionalisierung, so Leppins Schlusssatz, sei aus einer spätmittelalterlichen Kirche voller Polaritäten das multikonfessionelle Europa der Frühen Neuzeit geworden (S. 147).

Obwohl das Werk ab und an Parallelen zwischen den deutschen und weiteren europäischen Reformationsbewegungen zieht, zeichnet sich die traditionelle Darstellung mit dem starken Fokus auf Luthers Wirkung ab. Andererseits bietet Leppins klare Erläuterung der recht komplizierten Verquickung von theologischen, sozialen und reichspolitischen Aspekten während der Frühphase der Reformationsgeschichte einen gelungenen Überblick für ein breites Publikum. Fußnotenapparat, Bibliographie und Namensregister ermöglichen dem interessierten Leser zugleich, sich leicht mit dem Thema weiter zu beschäftigen. Mit seinen zahlreichen Bildern, Karten und Fotos, welche die Ausführungen reich illustrieren, entspricht der Band allen Erwartungen eines populärwissenschaftlichen Werks im positiven Sinne des Wortes: Er fasst komplexe Sachverhalte in einer angenehmen und verständlichen Sprache zusammen, ohne dabei den hohen wissenschaftlichen Anspruch des Verfassers preis zu geben.

1 Für die sorgfältige Korrektur bedanke ich mich sehr herzlich bei meinem Kollegen Klaus Oschema.

2 Volker Leppin, Martin Luther, Darmstadt 2006.

3 Harm Klueting, Das Konfessionelle Zeitalter. Europa zwischen Mittelalter und Moderne: Kirchengeschichte und allgemeine Geschichte, Darmstadt 2007; Wolfgang Reinhard, Probleme deutscher Geschichte, 1495–1806. Reichsreform und Reformation, 1495–1555, Stuttgart 2001.

4 Heinz Schilling, Aufbruch und Krise. Deutschland 1517–1648, Berlin 1988.

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PSJ Metadata
Isabelle Deflers
V. Leppin, Das Zeitalter der Reformation (Isabelle Deflers)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Europa
Kirchen- und Religionsgeschichte
4015701-5 4020517-4 4048946-2
Europa (4015701-5), Geschichte (4020517-4), Reformation (4048946-2)
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V. Leppin, Das Zeitalter der Reformation (Isabelle Deflers)
In: Francia-Recensio 2010/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-4/FN/leppin_deflers
Veröffentlicht am: 19.11.2010 14:40
Zugriff vom: 30.05.2017 05:31
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