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R. Bizzocchi, Genealogie incredibili (Markus Völkel)

Francia-Recensio 2009/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Roberto Bizzocchi, Genealogie incredibili. Scritti di storia nell’Europa moderna, Bologna (Società editrice il Mulino) 2009, 292 S. (FBK – Studi storici italo-germanici), ISBN 978-88-15-13286-4, EUR 22,50.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Markus Völkel, Rostock

Vor 15 Jahren ist dieser große Essay über die europäische genealogische Literatur der Frühen Neuzeit erstmals erschienen, zu einer Zeit, in der, wie der Autor jüngst zu Protokoll gab, das Thema in Italien noch wenig Interesse erregte 1 . Nunmehr ist das Werk, zusammen mit einer knappen »Postfazione« (S. 259–272) erneut aufgelegt worden und darf, in einem durch die jüngere Forschung stark ausgeweiteten Kontext, auf stärkere Beachtung hoffen.

Bizzocchi teilt seine Studie in drei Abschnitte: I. »Das Problem. Unglaubliche Genealogien«, II. »Tradition und Autorität« sowie III. »Unglaubliche Genealogien, glaubwürdige Genealogien«. Schon auf den ersten Blick wird klar: Der Autor hält nicht viel von einer Orientierung durch festumrissene Kapitelinhalte, sonst hätte er auch nicht Untertitel wie I. 3. »Rom und das barbarische Europa« oder II.2. »Das Studium der Antike« gewählt. Vor allem hätte er sich nicht so ausgiebig der Amphibolie des italienischen Adjektivs »incredibile«, »unglaublich«, mit seiner Tendenz auf »non veridico, autorevole, attendiblie«, d. h. »unglaubwürdig« bedient. »Unglaublich« heißt ja nicht falsch oder unmöglich, gibt mithin eine erhabene Sache bei hohem Schwierigkeitsgrad zu, »unglaubwürdig« drängt dagegen auf kontrollierte Glaubhaftmachung, d.h. Kritik in ihrer Geltung bereits herabgesetzter Dinge. In diesen schwankenden Grenzen zwischen Phantasie und rationaler Kontrolle hält sich die Arbeit, ohne ein anderes Zentrum als das Wuchern des genealogischen Diskurses zu besitzen. Die zehn Kapitel bewegen sich nach Art von Streifzügen durch dessen Felder. Bizzocchi schließt damit an die Formlosigkeit der »prämodernen« genealogischen Arbeit an, die sich dadurch auszeichnet, alles mit allem vermittels allem verbinden zu können. Dieses Verfahren grundiert die Darstellung ironisch, beispielsweise dort, wo der Autor seinem diskursiven »Urvater« begegnet, den er – technisch korrekt – zugleich als Spitzen– wie als Endahnen verwertet und dennoch als seinen Vordenker verleugnet. Der Nürnberger Patrizier Johann Wilhelm Imhoff (1651–1728) gibt diesen »Übervater« als einziger Genealoge mit einer europäischen Vision unter einer Vielzahl nur noch »nationaler« Genealogen. Seine Werke fanden in Italien nachweislich größte Aufmerksamkeit. In den »Genealogie incredibili« stellt sich Bizzocchi unauffällig auf Imhoffs »katholisch-integrative« Position, alles zugleich für erwiesen als auch fragwürdig zu halten und damit eben auch die Epochengrenze für die »Genealogie incredibili« zu markieren.

Teil I. beschäftigt sich mit der Entwicklung der »maximalistischen genealogischen Literatur« allererster Menschen im Italien der Renaissance. Er folgt dann dem Einfluss der Antiquitates von Annius v. Viterbo in Europa, wechselt hinüber zur germanischen bzw. trojanischen Genealogie, um dann genealogischen Argumentationen in der späthumanistischen Historiographie und der europäischen Adelsrepublik (Adelsprobe) nachzuspüren.

Teil II. sucht nach den Wurzeln der »genealogischen Schreibweise« im heidnischen Griechenland und Rom, um von dort zur Genealogie Christi und der terrena nobilitas fortzuschreiten. Es folgt eine Diskussion der Rekonstruktion des römischen Familiensystems in der Renaissance zusammen mit der zeitgleichen Neugestaltung der biblischen Genealogie. Hier taten sich verstörende Fragen auf: Warum mussten die Evangelisten Christi Genealogie mit der Josephs vermischen, der doch gar nicht sein leiblicher Vater war? Weiter geht es mit dem Fortleben der mittelalterlichen – erstmals gedruckten – Universalhistorien, die von der Genealogie Christi zusammengehalten wurden, nicht ohne aber von den genealogiae gentium durchsäuert zu werden: Weit und breit regierte das »Haus Davids«. An die großen, starken linajes der Bibel, Roms (Livius) und Trojas (Homer, Vergil) schließen im Mittelalter viele weitere Häuser an, die unmittelbar zu Füßen dieser »genealogischen Altäre« liegen wollen, oder doch nicht zu weit davon weg. So schließt sich der Kreis zu dem komplex aufgebauten genealogischen Feld, auf das die Renaissanceautoren des I. Teils stoßen.

Im dritten Teil bewegt sich Bizzocchi langsam in die Zone einer »kritischen Genealogie«, ohne dort wirklich anzukommen zu wollen. Im Gegenteil, hier geht es weitgehend um die Rücksichten, die die Genealogen der Frühen Neuzeit wider besseres Wissen nehmen mussten. Eine theologisch und soziologisch heiklere Geschichtsschreibung als die genealogische hat es weder vorher noch nachher gegeben. Die letzten »Säulen des Herkules«, die Destruktion der livianischen Urgeschichte und die konsequente Historisierung der Bibel, durchschreitet Bizzocchi somit nicht mehr. Das knappe, die Bibliographie ergänzende Nachwort gibt aber wesentliche Hinweise, wie die moderne Forschung diesen Weg inzwischen weitergegangen ist: Soziologie des Adels, systematische gegenreformatorische Hagiographie, Konstruktion von Gruppenidentitäten – invented history – und der Umbau sowie die Neuaneignung von Quellen der Autorität vermittels der Neudefinition von »antiquitas« 2 .

Die »Unglaublichen Genealogien« sind kein systematischer Überblick über das genealogische Feld, keine Adelshistorie, keine Entwicklungsgeschichte der genealogischen Theorien und Praktiken und auch keine tiefsinnige Reflexion über die »genealogischen Prinzipien« einer Philosophie der Geschichte. Ebenso wenig hält sich das Buch an die subversiven Tendenzen einer Genealogie à la Foucault. Gegendiskurse, wie die Abwehr der zwingenden linaje in den spanischen Erlassen zur »Reinheit des Blutes« als pagan durch liberale Jesuiten, treten nicht auf. Im Gegenteil, die »unglaublichen Genealogien« erweisen als die erstaunlich stabile Konstruktion bereits bekannter Machteliten, und das vor allem durch ihren präzisen und unveränderlichen modus operandi : er erscheint gänzlich vom Mythos abgeleitet. Wenn diesem Buch also etwas fehlen sollte, dann nur ein Exkurs zur Umständlichkeit und zur Metaphorik des Mythos. Wer es gelesen hat, sollte also gleich mit Blumenbergs mythologischen Schriften fortfahren. 2010 ist das Werk auch in französischer Übersetzung erschienen: »Généalogies fabuleuses. Inventer et faire croire dans l’Europe moderne« 3 . Eine Übertragung ins Deutsche scheint also dringend geboten.

1 Vgl. Intervista a Roberto Bizzocchi. www.giornaledistoria.net 08.11.2009.

2 Vgl. William von Leyden, Antiquity and Authority. A Paradox in the Renaissance Theory of History, in: Journal of the History of Ideas 19 (1958), S. 473–492.

3 Roberto Bizzocchi, Généalogies fabuleuses. Inventer et faire croire dans l’Europe moderne, traduit de l'italien par Lucie De Los Santos et Laura Fournier-Finocchiaro, postface traduite par Alain Tarrieu, préface Christiane Klapisch-Zuber, Paris 2010 (Italica).

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PSJ Metadata
Markus Völkel
R. Bizzocchi, Genealogie incredibili (Markus Völkel)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Europa
Historische Hilfswissenschaften, Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften
4192723-0 4020097-8 4020531-9
Fiktion (4192723-0), Genealogie (4020097-8), Geschichtsschreibung (4020531-9)
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R. Bizzocchi, Genealogie incredibili (Markus Völkel)
In: Francia-Recensio 2010/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-4/FN/bizzocchi_voelkel
Veröffentlicht am: 16.11.2010 12:10
Zugriff vom: 07.05.2018 21:08
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