G. Bischoff, La guerre des Paysans (Peter Blickle)
Francia-Recensio 2010/4 Frühe Neuzeit – Revolution –
Empire (1500–1815)
Georges Bischoff,
La guerre des Paysans. L’Alsace et la révolution du Bundschuh
1493–1525, Strasbourg (La Nuée bleue) 2010, 488 p., ISBN
978-2-71650-755-4, EUR 25,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Peter Blickle,
Saarbrücken
»La guerre des Paysans en Alsace n’a pas d’équivalent dans l’histoire de l’Europe« (S. 9). Mit diesem Satz eine Geschichte des Bauernkriegs im Elsass zu eröffnen, weckt hohe Erwartungen, selbst wenn man dem Autor ein rhetorisches Pathos zugesteht, um den Leser zu faszinieren.
Das Elsass gilt, seit Wilhelm Zimmermann in den 1840er Jahren den Bauernkrieg von 1525 in der Geschichte verankerte, als Region mit eigenem Gepräge, wie Franken, Thüringen, Tirol oder Oberschwaben. Das verdankt es wesentlich den vorgängigen Bundschuhaufständen. G. Bischoff macht bereits durch den Titel klar, dass für ihn beide Bewegungen eine gemeinsame Mitte haben. Der Stoff wird in drei Kapitel aufgeteilt – ein erstes (»Die Erfindung einer neuen Welt«) beschreibt den Verlauf der von G. Bischoff als »Revolution« bezeichneten Aufstände, ein zweites erörtert die Bedingungen und Voraussetzungen und ein drittes, unter dem Titel »Unterdrückung und Folgen«, vornehmlich die Strafmaßnahmen der Obrigkeiten.
Die Bundschuhaufstände (vor allem jener von 1493) und den Bauernkrieg verbindet eine politische Vision: Es sollte nur mehr die Herrschaft des Kaisers geben, die allerdings auf »demokratisch« organisierten Dorf- und Stadtgemeinden und einer diese überdachenden, den Landständen ähnlichen »Repräsentation« aufruhen sollte. Die »Revolution« ist ein durch und durch »republikanisches« Projekt. Bischöfe und Prälaten, Herzöge und landsässige Ritter, insgesamt die »Herren«, deren Zahl im Elsass in die Hunderte geht, sind in den programmatischen und rhetorischen Aussagen der Aufständischen kein politischer Faktor mehr. Zum revolutionären Manifest des Elsasses werden die »Zwölf Artikel« der oberschwäbischen Bauern, die sich durch ihre Referenz auf das »göttliche Wort« (Bibel) gut mit dem Schlagwort des »göttlichen Rechts« der Bundschuhaufstände verknüpfen lassen, deren im Übrigen aber eher lockere Verankerung in den elsässischen Verhältnissen die Frage aufwirft, wie viel Originalität dem elsässischen Bauernkrieg zugeschrieben werden darf. Was das Elsass 1525 gegenüber anderen Regionen profiliert, ist auch die überraschend schnelle militärische Mobilisierung von rund 100 000 Rebellen auf einer Nord-Süd-Erstreckung von 200 km in nur wenigen Tagen unter dem charismatischen Führer Erasmus Gerber.
Soweit sind die Fakten und Interpretationen nicht unvertraut. Doch steckt in der Arbeit von G. Bischoff auch ein deutlicher Zugewinn. Er besteht in der minutiösen Ausleuchtung des Hintergrunds der Motivationen der Akteure. Ein in der Bauernkriegsforschung bislang kaum behandeltes Thema waren die Beweggründe Herzog Antons von Lothringen, in den Bauernkrieg im Elsass einzugreifen und eine Blutspur von 20 000 getöteten Menschen hinter sich herzuziehen. G. Bischoff rekonstruiert mit geradezu kriminalistischem Scharfsinn, wie die Predigten Wolfgang Schuchs in der lothringischen Exklave Saint-Hippolyte am Fuß der Hochkönigsburg dem Rat des Herzogs, Théodore de Saint-Chamond, als Anlass dienten, die Vorgänge im Elsass im Horizont einer großen abendländischen Ketzerbewegung zu interpretieren und die militärische Intervention des Herzogs in der Familientradition eines Gottfried von Bouillon und »Königs von Jerusalem« als »Kreuzzug« zu stilisieren.
Im Elsass sind viele lokale Amtsträger (Bürgermeister, Heimburgen u. a.) führend am Aufstand beteiligt. G. Bischoff erhellt auf beeindruckende Weise deren Biographien, ihre Verankerung in ihren Dörfern und Städten, den Bruderschaften und Zünften, ihre politischen Aufgaben in ihren Kommunen und in militärischen Aufgeboten. Die Mehrheit der Aufständischen selbst war durch die Selbstverwaltungskompetenzen der Gemeinden politisch und die im Elsass erprobte Verteidigung hinter ummauerten Städten, Dörfern und Kirchen sowie die »Landesdefensionswerke« militärisch geschult. Von den 10 000 Rebellen, die in Schwerwiller dem Lothringer entgegentraten, dürften 2500 mit Hakebüchsen ausgerüstet gewesen sein, wie G. Bischoff errechnet. Insofern war ihnen das herzogliche Heer kaum überlegen. Die Feldordnung Erasmus Gerbers, nach der im Rotationssystem ein Viertel der Aufständischen unter Waffen stand und der Rest der alltäglichen Arbeit nachging, konnte auf ein funktionierendes Verwaltungs- und Gerichtssystem in den Dörfern, Städten und Zünften aufbauen.
Es ist nicht immer zwingend, was G. Bischoff an Erklärungen anbietet. Den Ausbruch des Aufstands in der Osterzeit aus der österlichen Theologie (und Liturgie) abzuleiten – hierin folgt er methodisch Bob Scribner und Lee Palmer Wandel – wäre überzeugender, wenn nicht gleichzeitig die gedruckten »Zwölf Artikel« im Elsass nachweisbar wären 1 . Indessen ist die Vertiefung der Gründe für den Aufstand und die Schärfung seiner Ziele mittels neuer anthropologisch-kulturgeschichtlicher und herkömmlicher verfassungs- und sozialgeschichtlicher Methoden eine Bereicherung der Bauernkriegsforschung, wie sie bislang nur ausnahmsweise für einzelne Orte vorliegt 2 . Das Elsass darf durch die Arbeit von G. Bischoff als die Bauernkriegsregion gelten, die als einzige auf das historiographische Niveau des 21. Jahrhunderts gehoben ist. Dazu bedurfte es vor allem landesgeschichtlicher Kenntnisse, die sich Bischoff seit seiner Pionierarbeit über die elsässischen Landstände (1982) durch seine Forschungen zum Elsass des 15. und 16. Jahrhunderts angeeignet hat. G. Bischoffs »Revolution im Elsass« könnte mit der zeitgleich erschienenen Edition des »Oberrheinischen Revolutionärs« 3 der Bauernkriegsforschung, die seit nunmehr fast vier Jahrzehnten ruht, neue Impulse geben.
Was resultiert aus dem Bauernkrieg im Elsass? G. Bischoffs Beschreibung der Folgen hält sich lange bei den Zahlen der Getöteten, Hingerichteten und der Strafsummen auf. Er beschreibt die Entprivilegierung einiger Dörfer und die demütigende Bestrafung der Bauern in Saint-Hippolyte durch Lothringen, geht jedoch weniger auf die fortdauernden Spannungen ein, die es auch im Elsass gegeben hat 4 . Er spricht – hier der älteren Interpretation für den Bauernkrieg insgesamt folgend – von der Schwächung der mediaten Gewalten (Klöster, Ritter) und dem Sieg der Landesfürsten (Habsburg). Dennoch gewinnt er in einer unerwarteten interpretatorischen und durchaus plausiblen Wendung dem elsässischen Bauernkrieg einen zukunftsweisenden Aspekt ab – in der Vorstellung eines und nur eines Herrschers, des Kaisers, verbirgt sich der Anspruch auf »Volkssouveränität«.
Georges Bischoff will mehr bieten, als eine wissenschaftliche Darstellung des elsässischen Bauernkriegs. Es geht um die Identität des Elsasses, und folglich soll und wird das Buch viele Leser erreichen, schon wegen seiner narrativen Art der Darstellung. Möglicherweise sind deswegen die Anmerkungen äußerst knapp gehalten und fast ausnahmslos auf elsässische Literatur beschränkt, was es erschwert, den Reichtum dieser Arbeit für weitere Forschungen nutzbar zu machen. Hingegen ist das Buch mit Bildern reich ausgestattet. G. Bischoff koppelt den Bauernkrieg im Elsass vom »deutschen« Bauernkrieg weitgehend ab. Das Referenzsystem für die Einordnung liefern die französische Widerstandsforschung und die europäische Geschichte. Mit dem Nationalismus werden auch regionale Stereotypen aus dem Elsass hinauskomplimentiert – der »oberrheinische Humanismus« und »die Dekapolis«. Das Elsass G. Bischoffs von 1525 wird anschlussfähig an die Moderne. »C’est une rupture, comme le sera la Révolution française« (S. 455).
1 Franziska Conrad, Reformation in der bäuerlichen Gesellschaft. Zur Rezeption reformatorischer Theologie im Elsass, Stuttgart1984.
2 Paul Burgard, Tagebuch einer Revolte. Ein städtischer Aufstand während des Bauernkrieges 1525, Frankfurt 1998.
3 Klaus H. Lauterbach (Hg.), Der Oberrheinische Revolutionär (Monumenta Germaniae Historica. Staatsschriften des Spätmittelalters, 4), München 2009.
4 Saarbrücker Arbeitsgruppe, Huldigungseid und Herrschaftsstruktur im Hattgau (Elsaß), in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 6 (1980), S. 117–155.
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