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    F. Clavert, Hjalmar Schacht, financier et diplomate (1930-1950) (Christoph Kopper)

    Francia-Recensio 2010/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Frédéric Clavert, Hjalmar Schacht, financier et diplomate (1930–1950), Bruxelles, Bern Berlin et al. (Peter Lang) 2009, 473 p. (Enjeux internationaux, 6), ISBN 978-90-5201-542-2, EUR 47,50.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Christopher Kopper; Bielefeld

    Frédéric Claverts Biographie des Reichsbankpräsidenten (1923–1930 und 1933–1939) und Reichswirtschaftsministers (1934–1937) Hjalmar Schacht entstand als Dissertation an der Université de Strasbourg, ist aber keine Biographie im klassischen Sinn. Ihr Schwerpunkt liegt in Schachts widersprüchlichem Handeln während der nationalsozialistischen Herrschaft, während seine politische und berufliche Sozialisation und ein großer Teil seiner ersten Amtszeit als Reichsbankpräsident nur kurz behandelt werden. Claverts Darstellung beginnt mit Schachts Bruch mit der Reichsregierung über die Annahme des Young-Plans und seiner Abwendung von der Weimarer Demokratie und endet mit dem Abschluss seines Entnazifizierungsverfahrens. Obwohl Schachts Abkehr vom politischen Liberalismus und seine Hinwendung zu einem autoritären und technokratischen Politikmodell bereits vor 1930 beginnt, ist diese zeitliche Fokussierung seiner Vita nicht nur forschungspragmatisch legitim.

    Claverts biographische Studie beeindruckt durch ihren Materialreichtum, der neben einem großen Teil seiner autobiographischen Zeugnisse, der Publikationen, Reden und Redeentwürfen Schachts, vor allem in den umfangreichen Sachakten der Reichskanzlei, der Reichsbank und des Reichswirtschaftsministeriums besteht. Auf dieser breiten Quellengrundlage zeichnet Clavert Schachts Annäherung an Hitler, sein Handeln als Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsminister, das Scheitern seines gemäßigten aufrüstungspolitischen Kurses, seine Entlassung durch Hitler und sein widersprüchliches Verhältnis gegenüber dem konservativen Widerstand um Ulrich von Hassell und Carl Goerdeler minutiös nach.

    Die narrative Präzision und die Quellennähe sind nicht nur für die Stärken, sondern auch für die Schwächen dieser Biographie verantwortlich. So gleicht die Darstellung in weiten Abschnitten einer ausführlichen und streng chronologischen Paraphrase seiner Quellen, während das analytische Gerüst seiner Argumentation im Hintergrund steht. Leider gelingt es Clavert nur teilweise, aus seinem umfangreichen Quellenfundus neue Hypothesen über Schachts Motive und sein widersprüchliches Handeln zu entwickeln und anhand des Quellenmaterials zu verifizieren. Trotz der Fülle interessanter Details zeigt Clavert nicht deutlich genug, zu welchen neuen Erkenntnissen er im Vergleich mit den bisherigen Schacht-Biographien gekommen ist. Ein expliziter Vergleich mit den Ergebnissen der 2006 erschienen Schacht-Biographie des Rezensenten und der 2001 publizierten Biographie von Wilmots fehlt leider. Clavert spricht die zentralen Widersprüche in Schachts Denken und Handeln, wie seine abrupte Abkehr von einer orthodoxen Notenbankpolitik zu einer scheinbar kontrollierbaren Inflationierung, sein Verhältnis zu den Nürnberger Rassegesetzen und zum außenhandelspolitischen Dirigismus des »Neuen Plans« im Detail an, ohne sie wirklich zu erklären.

    Gelegentlich stört die allzu große positivistische Quellengläubigkeit gegenüber Schachts Rechtfertigungsschriften, einigen zweifelhaften Zeitzeugen wie Hans Bernd Gisevius und den bestellten positiven Leumundszeugnissen von Mitarbeitern und Freunden (»Persilscheine«), die Schacht nach 1945 in seinem langen Entnazifizierungsverfahren für seine Verteidigung verwendete. Die Hinweise auf die methodischen Probleme bei der Auswertung von Schachts eigenen Rechtfertigungsschriften und seinen autobiographischen Selbstzeugnissen (»Abrechnung mit Hitler«, »76 Jahre meines Lebens«) bleiben sporadisch.

    Clavert ist der erste Schacht-Biograph, der die gewaltige Dokumentenmenge des Entnazifizierungsverfahrens vollständig auswertete und die Argumente der Anklage und der Verteidigung ausführlich referierte. Doch die Widersprüchlichkeit des über weite Strecken farcehaften Entnazifizierungsverfahrens bleibt ungeklärt. Hinweise auf die wachsende öffentliche Delegitimierung der Entnazifizierungsverfahren und die ausgeprägte »Schlussstrich-Mentalität« der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft wären hier hilfreich gewesen.

    Fazit: Claverts Biographie bereichert das Detailwissen über Schachts Handeln im »Dritten Reich« und setzt bei der Quellenerschließung Maßstäbe, aber bleibt zu oft in einer allzu engen Narration der Quellen gefangen.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Christoph Kopper
    F. Clavert, Hjalmar Schacht, financier et diplomate (1930-1950) (Christoph Kopper)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Wirtschaftsgeschichte
    1930 - 1939, 1940 - 1949
    118606026
    1930-1950
    Schacht, Hjalmar (118606026)
    PDF document clavert_kopper.doc.pdf — PDF document, 81 KB
    F. Clavert, Hjalmar Schacht, financier et diplomate (1930-1950) (Christoph Kopper)
    In: Francia-Recensio 2010/3 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-3/ZG/clavert_kopper
    Veröffentlicht am: 29.07.2010 18:25
    Zugriff vom: 21.11.2017 11:01
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