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    M. Völkel, Schloßbesichtigungen in der Frühen Neuzeit (Caroline zum Kolk)

    Francia-Recensio 2010/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Michaela Völkel, Schloßbesichtigung in der Frühen Neuzeit. Ein Beitrag zur Frage nach der Öffentlichkeit höfischer Repräsentation, München (Deutscher Kunstverlag) 2007, 79 S., 18 s/w-Abb., ISBN 978-3-422-06714-1, EUR 14,80.

    rezensiert von /compte rendu rédigé par

    Caroline zum Kolk, Paris

    Forschungen zum Thema höfischer Repräsentation finden einen vielversprechenden Untersuchungsgegenstand in der offiziellen Fürstenpropaganda und der damit einhergehenden Zirkulation von Ideen und Vorbildern. Michaela Völkel hat mit ihrer Dissertation aus dem Jahr 2002, »Das Bild vom Schloss«, zu dieser Thematik bereits einen Beitrag geleistet. In ihrer aktuellen Publikation greift sie eine zentrale Fragestellung ihrer Studie wieder auf: Wie wird das Fürstenschloss wahrgenommen, und was tun Fürsten, um diese Wahrnehmung zu ihren Gunsten zu beeinflussen?

    M. Völkel untersucht die Selbstzeugnisse von bürgerlichen Bildungsreisenden, die in der Frühen Neuzeit Europas herausragende Sakral- und Profanbauten besichtigten. Anhand von vierundzwanzig zumeist deutschsprachigen Reiseberichten und einer Auswahl gedruckter Fremdenführer studiert die Autorin den Verlauf der Schlossbesichtigungen und die sich wandelnde Wahrnehmung der Besichtigungsobjekte. Dazu gehören die Schlösser Frankreichs (Versailles, Tuilerien, Fontainebleau, Louvre), Englands (Whitehall und St. James Palace), Italiens (Palazzo Pitti, Palazzo Vecchio, Vatikan, Adelspaläste in Rom und Genua) sowie Residenzen deutscher Fürsten (München, Dresden) und die Wiener Hofburg.

    Die Autorin beginnt ihre Studie mit der praktischen Organisation der Schlossführungen, die im Verlauf des untersuchten Zeitraumes zunehmend professionalisiert wird. War eine Residenz einem großem Andrang ausgesetzt, wie die Wiener Hofburg oder das Schloss von Versailles, so konnten die Touristen sie auf eigene Faust besichtigen; andernfalls bildeten die huissiers , die gardes suisses oder die Türwächter des Schlosses Gruppen, die sie durch die Räumlichkeiten leiteten. Im 17. Jahrhundert wurde der Reisende meist von huissiers oder Wächtern durch das Schloss geführt und musste dafür ein Trinkgeld zahlen; im 18. Jahrhundert traf er hingegen auf ein besser geschultes Personal und feste Eintrittspreise. Die Besichtigung blieb generell zahlungskräftigen Besuchern vorbehalten, was explizite Zugangsbeschränkungen überflüssig machte. An manchen Orten wurden Fremde Einheimischen gegenüber bevorzugt behandelt, da vor allem Besucher aus dem Ausland durch die Zurschaustellung fürstlicher Pracht beeindruckt werden sollten.

    Die Rundgänge verliefen nicht immer zur Zufriedenheit der Besucher. Klagen betrafen vor allem zu hastig durchgeführte Besichtigungen und das mangelnde Fachwissen der Führer. Auch waren manche Teile der Residenzen unzugänglich, wenn der Fürst und seine Familie vor Ort waren. Saisonbedingte Schließungen und Festlichkeiten wurden in den gedruckten Reiseführern vermerkt und Reiseabläufe wenn möglich nach ihnen ausgerichtet. Für einige Sehenswürdigkeiten waren aus Sicherheitsgründen Sondergenehmigungen erforderlich; dies betraf vor allem militärische Gebäude und Sammlungen. Meist aber waren die Paraderäume und Wohnräume frei zugänglich und wurden mit Neugier und zuweilen auch Dreistigkeit von den Touristen in Beschlag genommen: Waffen gingen von Hand zu Hand, mechanische Automaten wurden in Betrieb gesetzt, Juwelen zur Gewichtsschätzung ergriffen und der neue Rollstuhl von Herzog Anton Ulrich auf seine Funktionstüchtigkeit getestet. Der bürgerliche Besucher genoss hier Freiheiten, die dem adeligen Besucher verwehrt waren.

    Höhepunkt einer Besichtigung stellte eine mögliche Begegnung mit dem Fürsten und seiner Familie dar. Dazu musste man den Tagesablauf des Hofes und die darin vorgesehenen öffentlichen Auftritte der Fürstenfamilie kennen und abpassen. An diesem Punkt kann die Trennlinie zwischen dem bürgerlichen und dem adeligen Reisenden gezogen werden: Nur letzterer konnte mit einem persönlichen Empfang durch die Fürstenfamilie und einer zumindest zeitweiligen Aufnahme in die Hofgesellschaft rechnen. Dem ungeladenen bürgerlichen Tourist blieb dies verwehrt.

    Die Erwartungen der Besucher (möglichst viel zu sehen zu bekommen) unterschieden sich von denen der Schlossbesitzer, die bemüht waren, den Besucherstrom zu kanalisieren und mit einem Standardprogramm zufriedenzustellen. Beide Seiten zogen jedoch Vorteile aus der Öffnung des Schlosses: Die Besucher konnten ihre Neugier auf die ihnen wenig bekannte Welt des Hochadels befriedigen, der Fürst gewann durch die Zurschaustellung seiner Pracht an Reputation. Die Haltung der Kulturtouristen änderte sich jedoch zu Ungunsten der Fürsten. Bewertete man zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Pracht eines Schlosses hauptsächlich nach der Güte seines Mobiliars (Möbel, Teppiche, Geschirr …), so zogen ab Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmend Gemälde und Skulpturen die Aufmerksamkeit auf sich: »der Kunstdiskurs wurde Teil der bürgerlichen Identität«(S. 55). Das Schloss wurde hierbei von seinen Besitzern und seiner Machtsymbolik zunehmend abgekoppelt und als ein eigenständiges Kunstwerk wahrgenommen. Die zuvor bewundernde Haltung gegenüber den Fürsten wandelte sich: »Vor Statuen und Gemälden dachte der Betrachter nicht mehr über den guten Geschmack des guten Regenten nach, sondern war darum bemüht, den eigenen Geschmack zu schulen«. Am Ende der Entwicklung stand die Auslagerung der Skulpturen- und Gemäldesammlungen in Museen, ein Prozess, der auch dem wachsenden Bedürfnis nach Privatheit der fürstlichen Besitzer Rechnung trug.

    Michaela Völkels Untersuchung besticht durch ihre vielfältige und aufschlussreiche Thematik, die zu weiterführenden Forschungen zum Thema »Kulturtourismus und höfische Repräsentationsstrategien« einlädt. Es ist sicherlich bedauernswert, dass die sehr knapp gehaltene Studie wenig auf den gesellschaftlichen, nationalen und politischen Kontext eingeht, der den Blick der Besucher prägte. Auch könnte die Nutzung des Kulturtourismus durch die Fürstenhäuser näher untersucht werden: Ab wann wird dieser bewusst instrumentalisiert und wie veränderte er die Funktionsweise der Schlösser im Alltag? Nicht zuletzt öffnet sich hier auch ein spannendes Forschungsfeld zur Frage des Verhältnisses von Bürgertum und Adel. Es ist Michaelas Völkels Verdienst, all diese Fragestellungen mit ihrer kurzen und angenehm zu lesenden Studie aufgezeigt zu haben.

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    PSJ Metadata
    Caroline zum Kolk
    M. Völkel, Schloßbesichtigungen in der Frühen Neuzeit (Caroline zum Kolk)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Kultur- und Mentalitätsgeschichte
    Neuzeit bis 1900
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    (u"(u'',)",)
    1500-1800
    Europa (4015701-5), Besucherführung (4231341-7), Bewertung (4006340-9), Reisender (4177613-6), Schloss (4052753-0), Sehenswürdigkeit (4125656-6)
    PDF document voelkel_kolk.doc.pdf — PDF document, 96 KB
    M. Völkel, Schloßbesichtigungen in der Frühen Neuzeit (Caroline zum Kolk)
    In: Francia-Recensio 2010/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-1/FN/voelkel_kolk
    Veröffentlicht am: 08.04.2010 17:20
    Zugriff vom: 17.10.2017 22:34
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