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    F. Vion-Delphin (dir.), La Réforme dans l’espace germanique au XVIe siècle (Isabelle Deflers)

    Francia-Recensio 2009/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    La Réforme dans l’espace germanique au XVI e siècle. Images, représentations, diffusion, Montbéliard (Société d’émulation de Montbéliard) 2005, 333 S. (Montbéliard. Colloque 8 et 9 octobre 2004), ISBN 2-9511006-2-9, EUR 45,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Isabelle Deflers, Heidelberg 1

    Im Rahmen einer großen Veranstaltungsreihe zur Reformationsgeschichte widmete die Société d’émulation de Montbéliard am 8. und 9. Oktober 2005 eine interdisziplinäre Tagung dem Themenbereich der »Bilder, Repräsentationen und Ausbreitung der reformatorischen Ideen im 16. Jahrhundert innerhalb des deutschsprachigen Raums«. Das Pays de Montbéliard (oder Mömpelgard) war von 1397 bis 1793 deutsches Fürstentum und seit dem 16. Jahrhundert eine württembergische lutherische Exklave im Gebiet des katholischen französischen Königtums. Das Territorium wurde daher von deutschen und französischen, protestantischen und katholischen Einflüssen erfasst, die das kulturelle, soziale und wirtschaftliche Leben der Stadt bis heute prägen.

    Vorrangiges Ziel der Tagung war es, die Rolle von Bild und Wort für die Verbreitung der neuen Lehre zu verdeutlichen. Weiterhin galt es, die vielfältigen Auffassungen des Gegenstands »Bild« sowie die Selbständigkeit dieses Mediums neben der sola scriptura herauszuarbeiten. Jener Problematik widmen sich im nun publizierten Tagungsband 19 Beiträge, die in fünf Themenbereiche gegliedert sind, deren letzter 2 nur einen einzigen Beitrag enthält 3 .

    Eine Gruppe einleitender Beiträge widmet sich dem Anfang der Reformation im ausgewählten geografischen Raum, gefolgt von sieben Texten, welche die zentrale Fragestellung der Tagung im Detail entwickeln. Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht dabei die Frage nach dem Verhältnis vom Text und Bild im Vermittlungs- und Entwicklungsprozess der neuen reformatorischen Lehre. Einen gewichtige Teilaspekt bildet dabei das Problem der Legitimität der Verwendung von Bildern – eine Konfliktfrage, über die Anhänger des alten und des neuen Glaubens, aber auch der verschiedenen protestantischen Zweige untereinander stritten.

    In seinem Beitrag zu »Luther und den Bildern« untersucht Marc Lienhard (Kirchenhistoriker an der Universität Straßburg) die Bedeutung, die Luther den schönen Künsten im Allgemeinen, insbesondere aber der bildlichen Kunst für die Verkündigung des Evangeliums und der Verbreitung der neuen Bibellehre beimaß. Diesem Thema wurde bis heute erstaunlicherweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl Luthers »desakralisiertes« Bildverständnis, so Lienhard, zu einer neuen, moderneren, auf Pädagogik und Didaktik basierenden Betrachtungsweise beigetragen habe. Frank Muller (Historiker an der Universität Nancy) erklärt anhand ausgewählter Beispiele, weshalb sich die meisten Künstler während der ersten Jahre der Reformation der neuen Lehre angeschlossen haben. Nicole de Laharpe (Germanistin an der Universität der Franche-Comté) setzt sich mit der theologischen Begründung auseinander, die der radikale Karlstadt in seinem Traktat »Von Abtuhung der Bilder« entwickelt hat, den er am 22. Januar 1522 veröffentlichte. Während Luther auf der Wartburg war (Mai 1521–März 1522), verlangte der radikale Reformator nämlich die Abschaffung der Bilder und ihre Verbrennung, so wie es in Wittenberg und andernorts zum Teil auch durchgeführt wurde. Karlstadts Schrift wurde von den Wittenbergern zwar widerlegt, fand aber in den reformatorischen Kreisen um Zwingli in Zürich Beifall. Freya Strecker (Privatdozentin an der Universität Tübingen) widerlegt im ihrem Beitrag die gängige Meinung, der zufolge die Reformation einen wesentlichen Einfluss auf die spätere Kunstentwicklung ausgeübt habe, ebenso wie die Reformatoren auf die Kirchenkunstwerke. Sie relativiert diese – ihrer Meinung nach – überzogene Deutung, indem sie zeigt, dass ein solcher Einfluss bestenfalls mittelbar durch die veränderten Motive der Stifter, die Kirchenordnungen und Liturgien festzustellen sei. Besonders hervorzuheben ist in dieser Sektion des Bandes der sehr originelle Beitrag von Claire Gantet zu den »Traumbilder[n] der Reformation und deren Darstellung: das Traumbild Friedrichs des Weisen und der Traum Nebukadnezars«. Beide allegorischen Holzschnitte stellen die lutherische Reformation polemisch und programmatisch als recta fides dar, also als neue Orthodoxie. Während das Traumbild des Kurfürsten von Sachsen Luthers Thesenanschlag als Gründungsmythos stilisiert, betont das zweite Werk (auch bekannt als Anatomia statuae Danieli ) vor allem die territoriale Ausbreitung der Konfessionalisierung: Hier wird nämlich Sachsen als lutherischer Territorialstaat in der Erblinie der großen Reiche gestellt, die in Daniels Deutung des Traums von Nebukadnezar (Dan 2, 31–35) erwähnt sind. Sachsen folgt also auf Babylon, Persien, Griechenland, Rom und das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Durch eine minutiöse Analyse der Bildsprache zeigt C. Gantet die unterschiedlichen Auffassungen von den »Seelenkräften« auf, die in den zwei Bildern in Erscheinung treten und es erlauben, eine Wende in den Darstellungsmodi um 1580 festzustellen. Darüber hinaus führt die Autorin überzeugend vor, wie sich in der Erneuerung der ikonografischen Codes das Aufkommen eines neuen Verständnisses von der Seele erkennen lässt, das die Übernahme des Ramismus widerspiegelt. Im folgenden Beitrag beschäftigt sich Olivier Christin mit dem sehr frühen Wortgefecht, das zwei Anhänger des alten und des neuen Glaubens im Dialog »Unterschied zwischen einem Mönchen und einem Christen« (Ende 1520er–Beginn 1530er Jahre) austragen, der von Erhard Schoen illustriert wurde. Das Beispiel macht deutlich, wie die lutherische Botschaft in vielfältigen Medienformen erfolgreich verbreitet wurde, so dass die Rezeption und Ausbreitung ihrer Ideen in breiten Bevölkerungsschichten (und über die übliche soziale Trennlinie zwischen Elite- und Volkskultur hinweg) gesichert werden konnte. Im letzten, reich illustrierten Beitrag zu dieser Sektion setzen sich Reinhard Bodenmann und William Kemp mit dem deutschen Ursprung des französischen Flugblattes »Jesu Christi und des Papstes Taten« (1533) auseinander, das aus vorcalvinistischen Kreisen stammt. Die Autoren analysieren Bildsprache und Begrifflichkeit sowie Auswahl und Wiedergabemodus der Motive, die vom Verfasser und vom Drucker dieses Flugblattes ausgewählt wurden. Exemplarisch führen sie die besondere Bedeutung vor, die das Bild für die deutschen Reformatoren besaß, im Gegensatz zur kleineren Rolle, die es in calvinistischen Milieus spielte.

    In zwei weiteren Sektionen setzen sich die Beiträge zunächst mit der »katholischen Riposte« auseinander (Paul Delsalle, Michel Vernus), bevor der Fokus schließlich auf Jacques Foillet (1586–1619) gerichtet wird, den bedeutenden Buchdrucker aus Montbéliard. In diesem Rahmen ist auch der Katalog einer Ausstellung zu finden, die seinen Werken gewidmet wurde 4 . Als Drucker der Akten des Gesprächs zwischen Lutheranern und Calvinisten, das 1586 von Graf Friedrich von Württemberg in Montbéliard einberufen wurde, stand Foillet im Mittelpunkt des Streits zwischen den beiden protestantischen Zweigen. Darüber hinaus sah er sich ständig von der katholischen Liga des Herzogs von Guise bedroht. Mit seiner Werkstatt trug Foillet, der ca. 60 religiöse Werke vor allem lutherischer Provenienz druckte, wesentlich zur Ausbreitung der neuen Lehre in seiner Region bei. Seiner Rolle als »Schlüsselperson« und seiner wichtigen Funktion als Verbreiter lutherischen Gedankengutes sind insgesamt fünf Beiträge des vorliegenden Bandes gewidmet, die zwar höchst interessante Einsichten präsentieren, deren Zusammenhang mit der im Vorwort formulierten Problematik aber nicht immer leicht zu erkennen ist.

    Der vorliegende Band hinterlässt also durchaus einen zwiespältigen Eindruck. Nicht nur ist der Zusammenhang eines Teils der Beiträge mit der leitenden Fragestellung zuweilen nicht zu erkennen. Bedauerlich ist zudem, dass die Herausgeber es versäumt haben, den Band durch ein Register und eine allgemeine Bibliografie praktisch zu erschließen. Trotz solcher Schwächen ist im Überblick aber festzuhalten, dass die Lektüre aufgrund der vielfältigen thematischen Zugriffe, der zahlreichen und gut ausgewählten Bildbeispiele und der größtenteils innovativen Beiträge anregend und weiterführend erscheint.

    1 Für die sorgfältige Korrektur und die stets hilfreichen Kommentare bedanke ich mich ganz herzlich bei meinem Kollegen Dr. Klaus Oschema .

    2 Image et religion. Un itinéraire spirituel en Allemagne moyenne [Bild und Religion: ein spiritueller Werdegang in Mitteldeutschland], ab S. 324. Hier und im Folgenden werden die französischen Titel von der Rezensentin in das Deutsche übersetzt.

    3 Pierre Lovy, Luthéranisme, décoration d’église et images: quelques exemples pris en Allemagne moyenne [Luthertum, Kirchenkunst und Bilder. Einige Beispiele aus Mitteldeutschland], S. 327–333.

    4 Beitrag von André Bouvard und Annie Balmas-Rousselot, S. 281–290.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Isabelle Deflers
    F. Vion-Delphin (dir.), La Réforme dans l’espace germanique au XVIe siècle (Isabelle Deflers)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
    Geschichte des Journalismus (Zeitungen etc. und Personen), der Medien und der Kommunikation, Kirchen- und Religionsgeschichte, Kultur- und Mentalitätsgeschichte
    16. Jh.
    4011882-4 4074960-5 4008598-3 4114333-4 4048946-2
    1517-1620
    Deutschland (4011882-4), Montbéliard (4074960-5), Buchdruck (4008598-3), Kunst (4114333-4), Reformation (4048946-2)
    PDF document Vion-Delphin_Deflers.doc.pdf — PDF document, 107 KB
    F. Vion-Delphin (dir.), La Réforme dans l’espace germanique au XVIe siècle (Isabelle Deflers)
    In: Francia-Recensio 2009/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2009-2/FN/Vion-Delphin_Deflers
    Veröffentlicht am: 11.09.2009 11:10
    Zugriff vom: 30.05.2017 05:31
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