Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

C. Péneau: Erikskrönika (Liliane Irlenbusch-Reynard)

Francia-Recensio 2008/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Erikskrönika, Chronique d’Erik, première chronique rimée suédoise (première moitié du XIV e siècle). Introduction, traduction et commentaires de Corinne Péneau, Paris (Publications de la Sorbonne) 2005, 258 S. (Textes et documents d’histoire médiévale, 5), ISBN 2-85944-524-2, EUR 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Liliane Irlenbusch-Reynard, Stavanger

Die Erikskrönika , in der Zeit zwischen 1320 und 1335 von einem Unbekannten verfaßt, ist ein literarisches Monument: ein ästhetischer Text und zugleich ein wertvolles Dokument, das fast ein Jh. der Geschichte Schwedens, nämlich in etwa die Jahre von 1230 bis 1320, behandelt. Die französische Übersetzung dieser Reimchronik, die C. Péneau nun vorgelegt hat, ist – soviel vorweg – von bemerkenswerter Qualität. Sie ist darüber hinaus höchst willkommen, nicht nur da das Werk bislang erst ein einziges Mal vollständig übersetzt wurde, und zwar ins Russische, wie Péneau im Vorwort selbst anmerkt (S. 95f.), sondern weil die außerordentlich ausdrucksstarke mittelalterliche Literatur Skandinaviens in Frankreich noch zu wenig Beachtung findet. Diese Übersetzung gewinnt zusätzlich durch einen soliden Fußnotenapparat und eine Einführung, die sich nicht begnügt mit einer Vorstellung des Werkes selbst, seines Nachwirkens und seiner Erforschung sowie einer Skizzierung der politischen wie der Sozial- und Kulturgeschichte Schwedens im 13. und 14. Jh. Darüber hinaus bietet Péneau noch einen eigenen, lesenswerten Interpretationsversuch an. Gleichwohl scheinen einige wenige kritische Anmerkungen gerechtfertigt. Die erste betrifft die Frage nach dem literarischen Modell der Erikskrönika . Ausgehend von der Feststellung, daß mehrere Reimchroniken schon im 12. Jh. in Frankreich und Deutschland entstanden, betont Péneau ausdrücklich – und ausschließlich – den Einfluß der »Braunschweiger Reimchronik« und der »Livländischen Reimchronik« (S. 13f.), was mir nicht ganz zutreffend scheint, denn trotz unbestreitbarer Beeinflussung durch andere Reimchroniken kann dies nicht exklusiv diesen zweien zugesprochen werden, wie schon Sven-Bertil Jansson dazu feststellte 1 . Meine weiteren Bemerkungen betreffen die Übersetzung. Im Hinblick auf die Preisung der in der Chronik herausgestellten Personen fällt auf, wie sehr diese Beschreibungen zugleich den Einfluß ritterlicher und höfischer Literatur erkennen lassen und, als Beitrag zur nordischen Kultur, eine Originalität, welche die Übersetzung deutlicher hätte hervortreten lassen können. Zwei spezielle und vom Autor bewußt gesetzte Wörter fielen der Rezensentin dabei besonders auf: dug(h)ande und stolt . Péneau hat diese, je nach Kontext, auf verschiedene Weise wiedergegeben. Für ersteres hat sie die Adjektive »adroit«, »honnête«, »habile«, »courageux«, »prud’homme«, »sage«, »homme de valeur« und »expérimenté« gewählt ( Verse 234, 773, 1018, 3028, 3066, 3069, 3097, 3432 und 4450). Wenngleich genaugenommen keine dieser Übersetzungen als fehlerhaft gelten kann, verwischt eine derartige und zudem gelegentlich in der Wahl verfehlt erscheinende Interpretationsvielfalt eines an sich eindeutigen Adjektivs dem französischen Leser gegenüber unnötig das »nordische« Ideal des Mannes, nämlich als »capable«, »apte« und »compétent«, was der eigentlichen Bedeutung von dug(h)ande entspräche. Im zweiten Fall werden allein Männer, und vor allem Krieger, die als stolt bezeichnet wurden, von Péneau »fiers« genannt; bedauerlich ist, daß sobald der Autor dieses Attribut einer Frau zuspricht, es von Péneau durch ein eher nichtssagendes »noble« ersetzt wird (insbesondere Verse 420, 619 und 638).

Abschließend möchte ich auf einige meiner Meinung nach weniger geglückte Übersetzungspassagen hinweisen. Zum Beispiel Vers 1907–1909: Han sagde thz era swa myn fall / Thz iak giter her ey lenger biit / jak wil ok see huat hema er tiit. Péneau gibt dies folgendermaßen wieder: »Il dit: ›C’est moi qui ai décidé / de ne pas rester plus longtemps ici: / je veux voir ce qui se passe chez moi. [...]‹« Meines Erachtens betont Erik hier König Håkon gegenüber nicht, daß er persönlich zu gehen entschieden hat, sondern vielmehr, daß er es den Umständen und seinen Verpflichtungen schuldet. Insofern schlage ich als Übersetzung vor 2 : » Il dit: ›C’est bien là ce qui m’incombe, / je ne peux rester plus longtemps ici / et veux voir ce qui se passe chez moi. [...]‹«

Ungeachtet dieser wenigen Einwände stellt C. Péneaus Übersetzung der Erikskrönika jedoch eine hocherfreuliche Leistung dar.

1 »Det går visserligen inte att tänka sig Erikskrönikan tillkommen utan kännedom om andra rimkrönikor, men ingenting binder den vid just dessa två verk«, Sven-Bertil Jansson , Medeltidens rimkrönikor. Studier i funktion, stoff, form, Uppsala 1971, S. 214.

2 Verse 1907–1909. S.-B. Jansson deutet in seiner neuschwedischen Erläuterung thz era swa myn fall mit »jag har det så beställt« aus (Erikskrönikan, redigering, innledning och kommentar av Sven-Bertil Jansson , Stockholm 2003, S. 91). Originalzitate aus: Erikskrönikan, enligt Cod. Holm. D2 jämte avvikande läsarter ur andra handskrifter utgiven av Rolf Pipping , Stockholm 1963 (ebenfalls mitbenutzt von C. Péneau). Die übrigen diskutablen Verse sind 2545f., 2683, 3627f., 4106 und 4137.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

PSJ Metadata
Liliane Irlenbusch-Reynard
C. Péneau: Erikskrönika (Liliane Irlenbusch-Reynard)
CC-BY-NC-ND 3.0
Hohes Mittelalter (1050-1350)
Skandinavien, Nordeuropa
Geschlechtergeschichte
6. - 12. Jh.
4077258-5 4055209-3 4033114-3 4031516-2 4129108-6 4076219-1 4187989-2
1100-1500
Schweden (4077258-5), Skandinavien (4055209-3), Krieg (4033114-3), König (4031516-2), Mittelalter (4129108-6), Politische Elite (4076219-1), Versepik (4187989-2)
PDF document 32_Peneau_Irlenbusch.doc.pdf — PDF document, 106 KB
C. Péneau: Erikskrönika (Liliane Irlenbusch-Reynard)
In: Francia-Recensio 2008/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2008-1/MA/Peneau_Irlenbusch
Veröffentlicht am: 26.10.2008 23:40
Zugriff vom: 17.10.2017 22:14
abgelegt unter: