Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    M. Schort: Politik und Propaganda. Der Siebenjährige Krieg in den zeitgenössischen Flugschriften (Jörg Ulbert)

    Francia-Recensio 2008/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Manfred Schort, Politik und Propaganda. Der Siebenjährige Krieg in den zeitgenössischen Flugschriften, Frankfurt a.M., Berlin, Bern u.a. (Peter Lang) 2006, 549 S. (Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 1023), ISBN 3-631-54300-X, CHF 125,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Jörg Ulbert, Lorient

    Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763), dem nach dem Spanischen Erbfolgekrieg zweiten weltweit geführter Krieg der Geschichte, stritten einerseits England und Frankreich um ihre kolonialen Interessen in Amerika und deren Verbündete Preußen und Österreich andererseits bereits zum dritten Mal um den Besitz des wirtschaftsstarken Herzogtums Schlesien. Begleitet wurden die militärischen Auseinandersetzungen von einer bis dahin nie gesehenen Propagandaoffensive, denn weder der Dreißigjährige Krieg noch die beiden Schlesischen Kriege hatten eine vergleichbare Fülle an politischen Schriften hervorgebracht (S. 463). Mit eben jenem Aspekt des Konflikts beschäftigt sich die 2003/2004 an der Universität Stuttgart angenommene Dissertation Martin Schorts. Dabei beschränkt er sich ausschließlich auf den europäischen, d.h. deutschen Schauplatz des Kriegs. Als Quellenbasis dienen ihm in erster Linie preußische und österreichische, aber auch einige sächsische, französische und holländische Flugschriften.

    Der Hauptteil der Arbeit ist in sieben Kapitel unterteilt. Im ersten untersucht Schort die Leitlinien der Kriegslegitimationen der beiden Kontrahenten (S. 41–128), beschreibt dann im zweiten anhand der politischen Ereignisse Entstehung und Verbreitung der wichtigsten Flugschriften (S. 129–168) und behandelt im dritten die verschiedenen Friedensprojekte des Siebenjährigen Krieges und die damit einhergehenden propagandistischen Offensiven (S. 171–201). Dann folgen zwei Kapitel, die sich zum einen mit der Kontrolle des Informationsflusses durch die Kriegsgegner (S. 203–298) und zum anderen mit den Motivationen der Autoren der Schriften (S. 299–378) beschäftigen. Die letzten beiden Kapitel setzen sich mit der propagandistischen Verwendung völkerrechtlicher Motive (S. 379–410) und der Rolle der Kriegsberichterstattung (S. 411–461) auseinander. Dem allem ist eine Einleitung vorangestellt, in der Schort u.a. die Frage nach dem Publikum der untersuchten Schriften klärt (S. 29–40).

    Die Studie ist quellennah angelegt und verzichtet – wofür dem Autor ausdrücklich zu danken ist – auf unnötiges Theoretisieren. Akribisch hat sich Schort durch die Masse dieser oft trockenen Schriften gearbeitet. Er hat deren Entstehungsgeschichte, Preisgestaltung, Auflagen und Vertriebswege recherchiert, hat Argumentationen nachgezeichnet, miteinander abgeglichen und sie auf ihre Stichhaltigkeit hin geprüft.

    Die Arbeit ist als Verlängerung jener von Silvia Mazura 1 zur propagandistischen Auseinandersetzung Preußens und Österreichs während der ersten zwei Schlesischen Kriege zu verstehen. Doch anders als Mazura, und hier liegt die große Stärke der Studie, bemüht sich Schort, die Flugschriften auf ihre Wirkung hin zu untersuchen. Dieser Punkt ist gerade deshalb besonders wichtig, als solche Druckerzeugnisse mittlerweile im In- wie im Ausland auf eine breite politisch interessierte Öffentlichkeit trafen (S. 29) und somit nicht mehr nur dem kleinen Kreis der Machteliten vorbehalten blieben (S. 40). Demzufolge kam der Kriegsberichterstattung ein immer größere Rolle zu, sollte damit doch die Stimmung innerhalb des eigenen Lagers gehoben, jene im gegnerischen hingegen gedrückt werden (S. 113, 364). Dabei schreckte man auch nicht vor der gezielten Streuung von Gerüchten (S. 461) oder der Verbreitung von Verschwörungstheorien zurück (S. 342). Eigene Niederlagen wurden systematisch heruntergespielt und Siege dementsprechend aufgebauscht (S. 411f., 416–460). All das zeigt wie wenig sich die Propagandamechanismen bis in die Gegenwart geändert haben (S. 460, 475).

    Zwei wesentliche Ziele der preußischen Propaganda waren die Stützung der Präventivkriegsthese (S. 60) und die Abwendung der von Österreich angestrebten Reichsacht. Während es Friedrich letztlich nicht schaffte, seine Notwehrthese glaubhaft zu machen (S. 127), gelang es ihm doch, das Achtverfahren im Sande verlaufen zu lassen (S. 470f.) – auch dank einer geschickt geführten Propaganda, die mittels religiöser Argumente den Reichstags zu spalten wusste (S. 100).

    So war die preußische Propaganda der österreichischen weit überlegen. Und das obwohl – folgt man Schort – Preußens Argumentationen fast durchgehend unhaltbar waren (S. 52, 62–65, 385–388), die österreichische Seite also in allen wichtigen Fragen das Recht auf ihrer Seite hatte und damit eigentlich über die bessere Ausgangsposition verfügte. Preußen betrieb mehr Aufwand und steuerte seine Propaganda effizienter. Nicht nur, dass der König eine ganz herausragende Rolle bei deren Abfassung und der Steuerung spielte (S. 14, 27, 134, 299, 460), es gelang Friedrich auch, namhafte Publizisten – etwa den Nationalökonomen Johann Heinrich Gottlob Justi (S. 336–345) und den Staatsrechtler Johann Jacob Moser (S. 346–350) – für seine Sache einzuspannen. Vielleicht aus tiefster Überzeugung im Recht zu sein, war Österreich hingegen nicht dazu bereit, genügend finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, um bessere und einflussreichere Publizisten auf seine Seite zu ziehen (S. 334–335).

    Besondere Erwähnung verdient die stets stilsichere Formulierung der Arbeit. Denn zu keinem Zeitpunkt verfällt Schort in den bedauernswerten und zumeist völlig überflüssigen sozialwissenschaftlichen Jargon, der das Lesen anderenorts mitunter zu einem mühseligen Unterfangen macht.

    Zwar hätte wohl auch diese Dissertation – wie so viele andere – zumindest in ihrer Druckfassung gestrafft werden können, doch bleibt das Buch mit knapp unter 500 Seiten Text gerade noch im Bereich des Zumutbaren.

    Zu bemängeln ist, abgesehen vom fehlenden Register (das in den Zeiten der elektronischen Textverarbeitung eigentlich hätte Pflicht sein müssen), vor allem der unübersichtliche Aufbau der Arbeit. Zwar will der Autor sein Buch in drei große Teile untergliedert wissen (S.  19), einen, der sich mit den Propagandainhalten beschäftigt (Kapitel I bis III), einen zweiten, der die Methoden untersucht (Kap. IV und V), und einen dritten, der die öffentlichen Debatten erläutert (Kap. VI und VII). Doch ist die Abgrenzung dieser Inhalte oft schwammig, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass sich innerhalb der Kapitel chronologische, geographische und thematische Ordnungsmuster überschneiden. Dem Leser wird es damit bei der Erkennung eines klaren Argumentationsstrangs zuweilen recht schwer gemacht. Auch wenn sich dadurch in ihrer Länge unausgewogene Kapitel ergeben hätten, wäre hier wohl ein weniger komplizierter Aufbau angebracht gewesen, in dem nacheinander etwa Leserschaft und Auflagen, Autoren, Inhalte, Zielsetzungen und Wirkung abgehandelt worden wären.

    Doch fällt dieser Mangel in Anbetracht der Vielzahl neuer Einblicke und der großen wissenschaftlichen Qualität der Arbeit letztlich nicht weiter ins Gewicht. Eine Neubearbeitung des Themas wird so schnell wohl nicht von Nöten sein.

    1 Silvia Mazura, Die preußische und österreichische Kriegspropaganda im Ersten und Zweiten Schlesischen Krieg, (Historische Forschungen 58), Berlin 1996.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Jörg Ulbert
    M. Schort: Politik und Propaganda. Der Siebenjährige Krieg in den zeitgenössischen Flugschriften (Jörg Ulbert)
    urheberrechtlich geschützt
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Österreich und Liechtenstein
    Geschichte des Journalismus (Zeitungen etc. und Personen), der Medien und der Kommunikation, Militär- und Kriegsgeschichte
    18. Jh.
    4015701-5 4154770-6 4054839-9
    Europa (4015701-5), Flugschrift (4154770-6), Siebenjähriger Krieg (4054839-9)
    PDF document 23_Schort_Ulbert.doc.pdf — PDF document, 90 KB
    M. Schort: Politik und Propaganda. Der Siebenjährige Krieg in den zeitgenössischen Flugschriften (Jörg Ulbert)
    In: Francia-Recensio 2008/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2008-1/FN/Schort_Ulbert
    Veröffentlicht am: 26.10.2008 23:40
    Zugriff vom: 25.06.2017 09:08
    abgelegt unter: